Tocqueville über moderne Freiheit und ihr Gegenteil

Zwei Neuerscheinungen zum ersten Theoretiker der Demokratie

Das Werk von Alexis de Tocqueville findet nach wie vor eine erstaunliche, ja sogar wachsende Resonanz in der sozialwissenschaftlichen Literatur und weit darüber hinaus. In China ist seit einigen Jahren Tocquevilles Spätwerk Das Ancien Régime und die Revolution (1856) eine Pflichtlektüre für die Kader der Kommunistischen Partei.[1] Im Westen gilt sein zweibändiges Hauptwerk Über die Demokratie in Amerika (1835/1840) bis heute als eine maßgebliche Analyse der liberalen Demokratie. Tocquevilles berühmte Schrift bietet einen reichen Schatz an Thesen und Überlegungen zu vier großen Themenkomplexen: erstens den Bedingungen der (revolutionären) Herbeiführung der Demokratie, zweitens den soziokulturellen Voraussetzungen der Demokratie als Staatsform, drittens der charakteristischen Funktionsweise der Demokratie als einer historisch kontingenten Lebensform und politischen Ordnung sowie viertens schließlich der Selbstgefährdung der Demokratie durch Zynismus, selbstzufriedene Saturiertheit oder die Entfesselung des „Volkes“ im Namen der Mehrheit. Die jüngst von Skadi Krause und Andreas Hess vorgelegten Publikationen gehen mehr oder weniger selektiv und ausführlich auf diese Themen ein. Beide Bücher analysieren das Werk Tocquevilles im Kontext seiner Entstehungszeit, beide betonen seine Aktualität. Krause sieht Tocqueville als führenden Theoretiker der „modernen Freiheit“, Hess spricht in seiner kleinen Studie vom „aristokratischen Liberalismus“ Tocquevilles und betont zugleich die „Grenzen“ dieser Position.

Die Originalität von Hess‘ Buch besteht vor allem darin zu zeigen, dass die Freundschaft Tocquevilles mit Gustave de Beaumont nicht einfach ein biografisches Detail war, sondern das intellektuelle Schaffen beider überhaupt erst ermöglichte. Hess spricht treffend von einer „Two-Man Research Machine“. Ausgehend von dieser Prämisse werden die beiden unterschiedlich veranlagten und gestimmten Autoren parallel gelesen und so auf ihren gemeinsamen soziologischen Erkundungsreisen nach Amerika, England, Irland und Algerien gleichsam begleitet. Hess wählt dafür einen in erster Linie wissenssoziologischen Zugang. Die beiden französischen Aristokraten schreiben aus der Perspektive einer politisch geschlagenen Klasse. Gerade diese Position erleichtert es ihnen jedoch, die amerikanische Demokratie wohlwollend und erwartungsfroh, aber auch vergleichsweise interesselos wie ein Schauspiel zu betrachten, an dessen Skript sie nicht mitgewirkt haben. Besonders Tocquevilles Größe liegt darin, dass er die Illusionen der Demokraten nicht teilt, ohne darum dem Kulturpessimismus und der Melancholie der europäischen Amerikafeinde zu verfallen. Vielmehr gelingt es ihm, so Hess, den Anti-Utilitarismus seines aristokratischen Weltbildes in einen auch heute noch attraktiven Begriff einer Freiheit zu übersetzen, die es verdient, um ihrer selbst willen verteidigt zu werden.

Wenden wir uns nun Skadi Krauses deutlich umfangreicherer Studie zu, die aus einem DFG-Forschungsprojekt zu Tocqueville an der Universität Halle-Wittenberg hervorgegangen ist. Die Autorin unternimmt es zu zeigen, dass Tocqueville einen neuen Begriff der Demokratie und damit eine neue Politische Wissenschaft entwickelt hat, die umfassender ist als die heutige gleichnamige Fachdisziplin. Innovativ seien darüber hinaus noch einige weitere Aspekte seines Werks: der starke „Erfahrungs- und Handlungsbezug“ (S. 24) seiner Reflexion; der komparatistische Ansatz, der „Amerika“ weder als unvergleichlich und exzeptionell betrachtet noch auf eine bloße Fortsetzung Europas reduziert; schließlich der transnationale Adressatenbezug besonders seines Amerika-Buchs, das nicht nur das französische, sondern auch das amerikanische Publikum ansprechen sollte.

Wie Tocqueville diese Neuerungen im Detail umgesetzt hat, zeigt Krause in den drei großen Abschnitten ihres Buchs zur „Entstehung“ seiner neuen Politischen Wissenschaft, zur „Beschreibung individueller und kollektiver Freiheitsräume“ durch diese Wissenschaft sowie zur Analyse konkreter „Gefährdungen von Gleichheit und Freiheit“. Der erste Abschnitt schildert den bisher wenig untersuchten Einfluss der Beschäftigung mit „Amerika“ innerhalb des französischen Liberalismus im 19. Jahrhundert. Krause verdeutlicht, wie sich allmählich eine Abkehr vom Vorbild Englands vollzieht und stattdessen das amerikanische Experiment die öffentliche Aufmerksamkeit bannt. Die „Gleichheit“, verstanden als der gesellschaftliche Bedeutungsverlust angeborener oder ererbter Privilegien, wird zunehmend als unumkehrbares Schicksal der modernen Welt gedeutet, wobei die „Vorbildfunktion der Vereinigten Staaten“ (61) tief umstritten bleibt. Das in Europa beliebte Genre der Reiseliteratur wird zugunsten einer stärker methodisch kontrollierten Erkundung anderer Gesellschaften kritisiert.

Eine erste Frucht der Amerikareise, die Tocqueville und sein bis heute verkannter Begleiter Gustave de Beaumont in den Jahren 1831 und 1832 unternehmen, ist ihre auch in Deutschland und England viel beachtete Studie über das Gefängniswesen in den USA und die Erfindung des Zellengefängnisses, das Tocqueville auch für Europa favorisiert. Auffällig ist, dass Michel Foucault, der viel zitierte Genealoge des modernen Gefängnisses als einer Besserungsanstalt, bei Krause nur noch als Epigone jener älteren Debatten erscheint und in einer Fußnote verschwindet (vgl. S. 144).

Im zweiten Abschnitt rekonstruiert Krause die Beiträge Tocquevilles zu einem modernen Verständnis der Volkssouveränität, zur Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit, zum religiösen Pluralismus, zum Föderalismus sowie dem Gerichtswesen in der Demokratie. In sorgfältigen Textanalysen entfaltet sie die neue Definition der Demokratie, die Tocqueville anbietet. Demokratie ist demnach nicht mehr die Herrschaft des Volkes, sondern, erstens, eine soziale und politische Form der Limitierung und Minimierung von Herrschaft sowie, zweitens, eine Form der limitierten Herrschaft nicht eines präexistenten Volkes, sondern einer Bürgerschaft, die sich in wechselnden politischen Handlungs- und Erfahrungsräumen überhaupt erst herausbildet (vgl. S. 212). Anders als bei Rousseau oder den Ideologen der Französischen Revolution erscheint das „Volk“ hier also eher als Resultat öffentlicher Handlungen denn als Quelle von Herrschaft. Individuelle Freiheitsrechte sind ebenso wichtig wie „kollektive Freiheitsräume“ (S. 290), in denen die gemeinsame Ausübung von Freiheitsrechten erfahrbar wird. Tocqueville interessiert sich für die Kultivierung der Fähigkeit von Menschen, untereinander kooperative Verbindungen einzugehen sowie überhaupt Personen, Ideen und Dinge auf neue Weise zu verknüpfen. Dies geschieht in bürgerschaftlichen Vereinigungen, aber auch durch die modernen Künste, die zu dem beitragen, was Tocqueville den „Geschmack“ an der Freiheit genannt hat.[2] Schön arbeitet Krause außerdem Tocquevilles Kritik am französischen Zentralismus sowie an der Ineinssetzung von Demokratie und Laizismus heraus. Am Beispiel der USA weise er nach, „dass eine demokratische Gesellschaft auch eine religiöse Gesellschaft sein könne“ (S. 416).[3]

Krause und Hess unterscheiden sich hauptsächlich in ihrer Deutung von Tocquevilles Demokratieverständnis. Das umstrittene Label des aristokratischen Liberalismus, das Hess verwendet, bezeichnet eine Bereitschaft zur Verteidigung der individuellen Freiheit bei gleichzeitiger Sorge um diese Freiheit angesichts des heraufziehenden Zeitalters der demokratischen Gleichheit.[4] Hess deutet an einer Stelle an, dass er selbst nicht ganz glücklich ist mit dem Label, da Tocqueville und mehr noch Beaumont leidenschaftlich für die Rechte „der Ausgeschlossenen“ (S. 14) eingetreten seien. Krause zieht aus solchen Beobachtungen die richtige Konsequenz, indem sie betont, dass für Tocqueville die Vorstellung eines Gegensatzes von Freiheit und Gleichheit gar keinen Sinn ergibt. Denn Freiheit, sofern sie allen zuteilwerden soll, impliziert Gleichheit im Sinne von Gleichbehandlung. Das Gegenteil der modernen Freiheit ist folglich nicht Gleichheit, sondern zum einen die systematische Ungleichbehandlung von Menschen trotz berechtigter Ansprüche auf Gleichbehandlung, zum anderen die „Tyrannei der Mehrheit“ verstanden als stummer, kulturell untermauerter Zwang zur Konformität.[5]

Der dritte Abschnitt ist aus meiner Sicht der innovativste und überraschendste. Zugleich deutet sich hier eine weitere Kontroverse mit Hess an. Von Krause lernen wir, dass Tocqueville die Demokratie als einen gesellschaftlichen Zustand wachsender Gleichheit versteht, das heißt als einen Prozess der wechselseitigen Angleichung der Sitten und der Ausbreitung egalitärer Umgangsformen. Zugleich registriert er, wie die Demokratie mit verschiedenen Erscheinungsformen ihres Gegenteils verbunden ist: mit Sklaverei und Rassismus in den USA und mit kolonialer Fremdherrschaft im Falle der Imperien Frankreich und Großbritannien. Tocquevilles einigermaßen spektakuläre These lautet, dass diese Phänomene nicht nur der mangelnden Durchsetzung der Demokratie geschuldet sind, sondern in gewissem Sinne selbst als ein Produkt der Demokratie gelten müssen, weil nämlich die Demokratie die Tendenz hat, die tyrannischen Überlegenheitsgefühle der „Mehrheit“ anzustacheln. Diese These setzt die zentrale Unterscheidung zwischen der Demokratie als einem gesellschaftlichen Zustand und der Demokratie als Staatsordnung voraus – eine Unterscheidung, die Tocqueville von zeitgenössischen Autoren wie seinem Lehrer François Guizot übernimmt (vgl. S. 23, 62, 122 f.).

In den USA macht Tocqueville die irritierende Beobachtung, dass die wachsende Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei und die ersten Erfolge der Abolitionisten wie das endgültige Verbot der Sklaverei in New York im Jahre 1827 nicht etwa mit einem Verschwinden des Rassismus, sondern im Gegenteil mit einem „wachsenden Rassismus“ (S. 431) in der weißen Gesellschaft Amerikas einhergehen. Weniger staatlicher Rassismus korrespondiert mit einer Zunahme des gesellschaftlichen Rassismus. Genaugenommen ist dies weniger das große Thema Tocquevilles als vielmehr das seines Begleiters Beaumont, worauf Krause beiläufig (S. 431) und Hess ausführlich (S. 35 ff.) hinweist. Tocqueville ist allerdings derjenige, der über die scharfe Verurteilung der Sklaverei hinausgeht und grundsätzlich versucht, „soziale Ungleichheit als mehrdimensional zu beschreiben“, wie Krause (S. 434) schreibt.

Den Schluss des Buches von Krause bildet ein faszinierendes Kapitel über die zweiwöchige Exkursion, die Tocqueville und Beaumont während ihrer Amerikareise in die damalige britische Kolonie Lower Canada unternommen haben, aus der später die heutige Provinz Quebec hervorgegangen ist. Anhand des Quellenmaterials beschreibt Krause die beiden französischen Adeligen geradezu als Multikulturalisten avant la lettre, die sich entschieden für die Rechte indigener Völker und kultureller Minderheiten eingesetzt haben. Tocquevilles Formel von der Tyrannei der Mehrheit – eine Umdeutung von Guizots „Despotismus der Zahl“ (S. 63) – nimmt auf diese Weise eine neue Bedeutung an. Krauses Analyse wird vortrefflich ergänzt durch die Anmerkungen von Hess (S. 66–75) zu den Forschungsreisen der beiden Franzosen nach England und Irland, die besonders Beaumont zu einem scharfen Kritiker der kolonialen Haltung Englands gegenüber Irland haben werden lassen.[6]

Der deutsch-irische Soziologe Hess konstruiert einen Widerspruch zwischen dieser englandkritischen Haltung und einer zögerlich prokolonialen Position gegenüber Algerien, das nach 1830 zunehmend die Herrschaftsfantasien der französischen Eliten beflügelte. Die teilweise unveröffentlichten Schriften Tocquevilles zu Algerien „make for uncomfortable reading“, schreibt Hess (S. 79) freimütig. Ohne das Kolonialprojekt grundsätzlich in Frage zu stellen, plädiert Tocqueville für die „richtige Mischung“ von externer Kontrolle und Selbstverwaltung der Araber. Dazu gehört für ihn auch ein gewisser Respekt vor den muslimischen Sitten und Traditionen. Eine Reise ins besetzte und teilweise von Franzosen besiedelte Algerien sorgt allerdings bei Tocqueville und Beaumont für Entsetzen, weil sie entdecken müssen, dass der Kolonialismus auch in diesem Fall so tyrannisch und hässlich aussieht, wie er eben ist. Auch wenn Hess die Analogien zwischen England/Irland und Frankreich/Algerien überzieht (vgl. S. 83), ist ihm zuzustimmen, dass sich Tocquevilles Verteidigung von Freiheit und Gleichheit nicht verträgt mit jeglicher Verteidigung von kolonialer Fremdherrschaft. In diesem Punkt ist Hess klarer als Krause. Tocqueville mag sich, um einen späteren Ausdruck zu verwenden, einen gewaltfreien, „gebenden Kolonialismus“[7] erträumt haben, aber er war gewiss kein Pionier des Anti- oder Postkolonialismus.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass die beiden Neuerscheinungen auf beeindruckende Weise das umfangreiche Werk Tocquevilles und Beaumonts sowie den entsprechenden internationalen Stand der Forschung vergegenwärtigen. Die große Leistung von Andreas Hess besteht darin, endlich auch die Persönlichkeit und die Schriften Beaumonts beleuchtet zu haben. Ohne Beaumont wäre Tocqueville ein Autor gewesen wie Marx ohne Engels oder Adorno ohne Horkheimer. Skadi Krause zeigt in ihrem großartigen Buch Tocqueville als den ersten großen Demokratietheoretiker, der über bloße Deskription, Spekulation und Typologie hinaus Pfade und Mechanismen des langfristigen politischen Wandels untersucht hat. Ihr Buch ist ein Meilenstein der Tocqueville-Forschung. Eine kleine Schwäche mag man allenfalls darin sehen, dass Krause in ihrer Schlussbetrachtung die Aktualität Tocquevilles unterstreicht, ohne zu erwähnen, wie merkwürdig heute, in einer Zeit der politisch gewollten Verschärfung von Ungleichheit und Hierarchie, seine Bestimmung der Demokratie als einer Gesellschaft der Gleichen klingt. Und wie wenig er geahnt hat, dass ausgerechnet die Vereinigten Staaten eines Tages ihre demokratische Vorbildfunktion verlieren und nur noch als eine „flawed democracy“ gelten sollten.[8]

Fußnoten

[1] Vgl. Krishan Kumar, “Tocqueville in China”, in: The Times Literary Supplement, 1.11.2013, S. 14 f.

[2] Vgl. Sheldon S. Wolin, Tocqueville between Two Worlds. The Making of a Political and Theoretical Life, Princeton, NJ 2001, S. 559.

[3] Dieser Punkt wurde später u. a. von Judith Shklar aufgegriffen. Vgl. Judith Shklar, “The Liberalism of Fear”, in: dies., Political Thought and Political Thinkers, hrsg. von Stanley Hoffmann, Chicago, IL 1998, S. 3–20, hier S. 7.

[4] Zum Begriff des aristokratischen Liberalismus vgl. Alan S. Kahan, Aristocratic Liberalism. The Social and Political Thought of Jacob Burckhardt, John Stuart Mill, and Alexis de Tocqueville, Oxford 1992. Diese Zuschreibung ist in der Literatur nicht unumstritten; vgl. beispielsweise Seymour Drescher, „Who Needs Anciennete? Tocqueville on Aristocracy and Modernity”, in: History of Political Thought 24 (2003), 4, S. 624–646.

[5] Zum „kulturellen Unterbau“ der These von der Mehrheitstyrannei vgl. Juliane Rebentisch / Felix Trautmann, „Zerrbilder der Gleichheit. Demokratie und Massenkultur nach Tocqueville“, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 14 (2017), 1, S. 99–117.

[6] Vgl. auch die Einleitung von Tom Garvin und Andreas Hess in: Gustave de Beaumont, Ireland. Social, Political, and Religious, übers. von William Cooke Taylor, Cambridge, MA 2006 [1839].

[7] Vgl. Volker M. Heins, Die kommende Internation. Marcel Mauss als politischer Philosoph, in: Soziopolis, 7. Dezember 2017.

[8] Zu dieser Kategorie und zum Abstieg der USA aus der Liga der “full democracies” vgl. The Economist Intelligence Unit, Democracy Index 2016. Revenge of the “deplorables”, London 2017.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stefan Mörchen.