Transithandel, helvetisch

Rezension zu "Transithandel. Geld- und Warenströme im globalen Kapitalismus" von Lea Haller

Zwischen einem Fünftel und einem Viertel des gesamten weltweiten Rohstoffhandels, so der Eingangsbefund des interessanten Buches, "wird heute über die Schweiz abgewickelt" (S. 7). Dabei handelt es sich um Transithandel, das heißt, in der Schweiz ansässige Unternehmen erwerben in einem Drittland Rohöl oder Kaffee und verkaufen ihre Ware in einem anderen Drittland, ohne dass diese je in die Schweiz eingeführt worden wäre. Re-Exporte, von denen wie bei Rohöl oder Zucker häufig Impulse für weiterverarbeitende Industrien – hier konkret also Raffinerien – ausgehen, sind nicht enthalten. Und doch ist der Transithandel als solcher bedeutend genug. Schon der kleinste der fünf großen Schweizer Rohölhändler benötigt "Kreditlinien von über 50 Milliarden Dollar, an denen sich zahlreiche internationale Banken beteiligen" (S. 24). Diesen Transithandel, der in der Schweiz schon im 19. Jahrhundert weit gewichtiger war als Import und Export zusammen, behandelt Lea Hallers wichtige Studie in zehn gut geschriebenen Kapiteln. Zu Recht nimmt sie ihn als Beweis dafür, dass Geld- und Warenströme nicht notwendig parallel verlaufen, und identifiziert einen wichtigen Faktor bei der Ausbildung einer Weltwirtschaft im späten 19. Jahrhundert. Die Schweizerische Perspektive erweist sich als durchgängig erhellend, wenngleich die Autorin vielleicht noch deutlicher hätte machen können, wo sie auf wichtige Vorarbeiten wie etwa die Christof Dejungs zurückgreifen konnte.[1] Wie dieser benutzt sie nicht zuletzt Firmenarchive und wie dieser konzentriert sie sich auf die Zeit von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.

Nützlich ist im zweiten und dritten Kapitel das Ausgreifen in die frühneuzeitliche Vorgeschichte, denn der Typ des auf jedwede Produktspezialisierung verzichtenden Marchand-Banquiers gehört unbedingt in die Genealogie der schon vom atlantischen Sklavenhandel profitierenden Schweizer Kaufmannschaft. Haller beschreibt sehr anschaulich die Zentralität familiärer Verbindungen für den Transithandel, der naheliegenderweise sehr viel häufiger an Import- als an Exportgeschäfte anknüpfte. Familienunternehmen blieben die meisten der hier tätigen Firmen auch dann noch, als der Kapitalbedarf eine Aktienfinanzierung hätte attraktiv erscheinen lassen können. Aber die Zentralität der Kontrolle über Informationen und Netzwerke stand einem Schritt in Richtung Anonymität und Bürokratisierung im Wege. Erworben wurde das so wichtige Wissen in der Regel vor Ort. Und dazu zählte das Erlernen von Sprachen ebenso wie die Kontaktpflege zu örtlichen Kaufleuten und Finanziers wie den meist parsischen "Shroffs" in Indien. Zu den von der Verfasserin näher betrachteten Firmen gehört nicht zuletzt die Basler Handlungs-Missions-Gesellschaft, die sozial demselben Milieu entstammte wie die verschiedenen Familienunternehmen, zugleich aber Anlass bietet, die Mischung aus religiösen und kolonialistischen Überzeugungen zu untersuchen, die das Handeln der Schweizerischen Kaufleute in Afrika oder Asien leiteten. Ihnen kommt kaum weniger Bedeutung zu als den im vierten Kapitel vorgestellten "Techniken der Globalisierung". Hier werden die Mechanismen zur Absicherung von Handelsgeschäften bis hin zu Schiedsgerichten analysiert und die Revolutionierung älterer Geschäftsmodelle wie der Termingeschäfte durch die beschleunigte Nachrichtenübermittlung beschrieben, ohne die der Arbeitsalltag der Transithändler unverständlich bleiben würde. "Der Börsenticker", so heißt es bündig, "war das erste Echtzeit-Massenmedium." (S. 135)

The Great Illusion ist dann der Titel eines zeitgenössisch ungemein erfolgreichen Buches aus dem Jahre 1910, den Lea Haller als Kapitelüberschrift übernimmt. Sein Verfasser richtet darin den Blick auf die Prosperität von und die hohen Investitionen in kleinen Ländern wie den Niederlanden, Belgien oder der Schweiz, die ihm zu belegen scheinen, dass zwischen wirtschaftlicher Stärke und militärisch-politischer Macht keine Kongruenz zu bestehen brauche. Der Gedanke ist unserer Autorin ungemein sympathisch, doch zeigt schon bald der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, dass wirtschaftliche Auslandsinvestitionen von den auch ökonomischen Auseinandersetzungen der kriegführenden Länder wie von der immer stärkeren staatlichen Lenkung des wirtschaftlichen Lebens innerhalb der einzelnen Länder nicht unberührt bleiben. Das wird aus der Perspektive der betroffenen Firmen und mit Blick auf die von ihnen erprobten Krisenstrategien wie der Gründung von Tochterunternehmen "vor Ort" deutlich gemacht, ohne dass die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hineinreichende grundlegende Veränderung der Rahmenbedingungen für den Transithandel explizit angesprochen würde. So rückt die Schweizer (Wirtschafts-)Politik fast unmerklich ins Zentrum der Darstellung. Ihr Hauptziel ist in der Zwischenkriegszeit die "wirtschaftliche Neutralität", ihr Haupterfolg im Mai 1938 die Befreiung des Vollmitglieds des in Genf ansässigen Völkerbunds von sämtlichen Sanktionspflichten. Verteidigt werden sollten so vor allem Waffenexportgeschäfte, die eben nicht dem Transithandel zuzurechnen waren, sondern im Interesse der Erhaltung einheimischer Arbeitsplätze gerechtfertigt wurden. Ohnehin hatte der Transithandel in diesen Jahrzehnten mit extremen Schwierigkeiten zu kämpfen, da als Folge der Leistungsbilanzdifferenzen zwischen den verschiedenen Industrienationen auch die Goldreserven extrem ungleich verteilt waren, was zu einer ausgeprägten Zahlungsschwäche von Ländern wie Deutschland und England führte. Handel wurde deshalb in immer höherem Maße an zumeist bilaterale Verrechnungsabkommen gebunden, was den Transithandel vor nahezu unlösbare Probleme stellte. Denn nach dem staatlich dirigierten Verteilschema für die Verrechnung von Lieferungen zwischen der Schweiz und dem Deutschen Reich zum Beispiel kam der Transithandel erst an fünfter Stelle und ging praktisch leer aus, obwohl Waren nach Deutschland geliefert worden waren. Politisch aber genoss – wenig überraschend – der Export eindeutigen Vorzug, sicherte er doch inländische Arbeitskräfte.

Erst in dieser nahezu aussichtslosen Situation kam es 1934 zur Gründung des Verbands Schweizerischer Transit- und Welthandelsfirmen. Und damit rückt ein thematischer Strang, den Lea Haller schon zuvor wiederholt verfolgt hat, in den Mittelpunkt der Untersuchung, nämlich die Sichtbarmachung des Transithandels. Hatten die Transithändler lange nur zu gern im Verborgenen agiert, gaben sie nun eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag, die nahezu erstmals den ökonomischen Stellenwert dieser Branche und ihren Beitrag zur Leistungsbilanz fundiert herausstellte. Das ist ein faszinierender wissensgeschichtlicher Akzent der Arbeit, auch wenn die unmittelbaren wirtschaftspolitischen Konsequenzen der Untersuchung wie der sie sekundierenden Öffentlichkeitsarbeit überschaubar waren. Und auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das Comeback des Transithandels in der Schweiz von Schwierigkeiten begleitet, stand das Land doch nicht ohne Grund im Rufe eines Hehlers von Raubgold für das nationalsozialistische Deutschland. Zudem stand die verbreitete Devisenbewirtschaftung einer Rückkehr zu den Glanzzeiten um 1900 im Wege. Stattdessen versuchten die Schweizer Kaufleute nun häufig Dreiecksgeschäfte zu organisieren, in denen sie für ihre Lieferungen aus einem Drittland also Waren aus dem Empfängerland entgegennahmen, die sie hofften, in einem Hartwährungsland absetzen zu können.

Für Westeuropa brachte die Gründung der Europäischen Zahlungsunion 1950 hier wesentliche Erleichterungen, und allmählich stärkte auch die Ansiedlung ausländischer Handelsunternehmen den Transithandel in der Schweiz. Lea Haller gelingt es vorzüglich, das konkrete Agieren von amerikanischen Unternehmen wie Cargill plastisch darzustellen, das mit in Panama registrierten Tochterunternehmen Steuervermeidung betrieb und mit der unabhängigen Tochter Tradax Genf die für den Kalten Krieg typischen Beschränkungen der Rohstofflieferungen nach Russland umging. Langfristig wichtiger war indessen ein anderer Wandlungsprozess: "Seit den siebziger Jahren werden Profite im globalen Handel nicht mehr in erster Linie mit Margen und mit einer Wette auf die zukünftige Preisentwicklung gemacht, sondern mit Kapitalanalgen, Währungsspekulationen und Finanzierungsinstrumenten, also mit dem Zugang zu maßgeschneiderten Krediten." (S. 336 f.) Es ist vielleicht kein Zufall, dass hier der Beleg ein Interview mit einem Mitglied einer noch heute im Transithandel aktiven Kaufmannsfamilie ist und der Geltungsbereich einer solchen Insider-Einschätzung unbestimmt bleiben muss. Die Autorin führt zwar konkrete Beispiele für die Ausgestaltung und Anpassung von Kreditformen an, ohne dass damit der Stellenwert des Transithandels im "Finanzkapitalismus" schon umfassend bestimmt wäre. Eine solche Kritik wiegt angesichts der vielfältigen Einsichten, die der Band erlaubt, nicht schwer. Und die Verfasserin zieht selbst in zwei resümierenden Kapiteln Bilanz. Deren erstes nimmt noch einmal das Thema der weitgehenden und langanhaltenden Unsichtbarkeit des Transithandels auf und ergänzt die vorhergegangenen Betrachtungen um wichtige Beobachtungen wie das Interesse der Schweiz an einer Selbststilisierung als Industrieland. Das zehnte und letzte Kapitel fasst dann stärker die Ergebnisse zur Geschichte des Schweizer Transithandels zusammen und charakterisiert deren Träger in Absetzung vom Schumpeter‘schen Unternehmertypus folgendermaßen: "Der kaufmännische Unternehmer war eine Mischung aus risikofreudigem Hasardeur und tugendhaftem Bürger, ein Freund des Abenteuers wie des nüchternen Kalküls." (S. 380) Dass dieses Bild exakt der 1909 von Werner Sombart entwickelten "Zweiseelentheorie" des kapitalistischen Unternehmers entspricht, ist der Autorin wohl nicht bewusst. Für das eindrucksvolle Gesamtbild, das sie in ihrem wichtigen Buch von der Bedeutung des Transithandels für die Schweizerische Wirtschaft einerseits, für die Weltwirtschaft insbesondere während der Globalisierungsschübe des späten 19. Jahrhunderts und während der letzten Jahrzehnte andererseits zeichnet, ist es auch ohne Gewicht.[2]

Fußnoten

[1] Vgl. insbesondere Christof Dejung, Die Fäden des globalen Marktes. Eine Sozial- und Kulturgeschichte des Welthandels am Beispiel der Handelsfirma Gebrüder Volkart 1851–1999, Köln 2013.

[2] Vgl. Werner Sombart, Der kapitalistische Unternehmer, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik XXIX (1909), S. 689–758.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.