Über alles, was der Ball ist

Drei Neuerscheinungen widmen sich dem Spiel mit dem runden Leder

Passend und pünktlich zum Auftakt der FIFA-Fußball-WM in Russland, also Wladimir Putins WM – die, abgesehen von der ‚autoritären Demokratie‘ russischer Prägung auch das Thema Doping im Fußball prominent besetzt –, sind drei neue Bücher zum Thema Fußball erschienen. Sie beschäftigen sich mit der Frage, welche kulturellen, sozialen und politischen Einflüsse des professionellen Fußballspiels sich auf verschiedenen gesellschaftspolitischen Ebenen nachvollziehen lassen, wobei sie nicht immer unterschiedlich argumentieren, sich ihrem Gegenstand aber auf unterschiedliche Art und Weise nähern. Sie alle beleuchten den Fußball on and off the field durchaus kritisch, richten das Augenmerk also auch auf die Machenschaften der Verbände und Verbandsoberen. Deshalb präsentieren die drei Bücher einen Ausschnitt aus der glokalen Welt des Fußballs,[1] die sie anhand einer Vielzahl von Beispielen erläutern, die vornehmlich aus dem professionellen Bereich des Spiels stammen.

Während Das wunde Leder von Stefan Gmünder und Klaus Zeyring eine ebenso deutliche wie pointierte Anklageschrift gegen die vermeintlich das Spiel zerstörende Kommerzialisierung und Korruption präsentiert, die zu entsprechend negativen Urteilen führt, bietet Jürgen Kaube ein differenziertes, nahezu philosophisch anmutendes Lob des Fußballs. Er versucht, nicht nur gesellschaftspolitische Implikationen des Spiels zu beleuchten, sondern diesen Sport („relativ unkontrolliertes Spiel mit Füßen“) auch in all seinen Facetten und Entwicklungen („Sinn der Regeln“) zu würdigen. Das dritte Buch von Timm Beichelt trägt den Titel Ersatzspielfelder. Zum Verhältnis von Fußball und Macht, womit es sich insofern von den anderen beiden Veröffentlichungen abhebt, als der Autor in seiner interdisziplinären Herangehensweise von klar formulierten Fragen ausgeht, um einen Thesenapparat zu entfalten, der seine gesamte Analyse strukturiert. Beichelt thematisiert den Fußball unter einer Perspektive, die an den ambivalenten Wirkungen der Moderne auf das Subjekt interessiert ist.

Kommen wir zu den Kernaussagen der drei Bücher! Das wunde Leder bietet großes Empörungspotenzial. Relativ plakativ wird eine gute alte Welt des Fußballs (repräsentiert durch Uns Uwe Seeler) der neuen, turbokapitalistischen und hochkommerzialisierten Welt gegenübergestellt. „Die Welt des Uwe Seeler gibt es nicht mehr“ (S. 13), konstatiert gleich das Einführungskapitel, eine Feststellung, die freilich auch als eine doch etwas einseitige Idealisierung des Provinziellen interpretiert werden könnte: Schließlich gibt es keinen einzigen modernen Sport ohne Kommerzialisierungsprozesse und die erste Profiliga wurde bereits im Jahr 1888 in England eingeführt. Spieler, die ihre gesamte Fußballerkarriere ausschließlich in einem Verein verbringen, finden sich selbst in der Kreisliga nur wenige. In eine ähnliche Kerbe, mit leicht variierender Stoßrichtung, schlägt ein Zitat des englischen Schriftstellers Nick Hornby, das die Autoren zur Unterstützung ihrer Kritik am Fußballkommerz heranziehen. Demnach war ein Tor gegen seinen Klub Arsenal London „ein Kopfball von einem hünenhaften Serben, ein Holländer glich für Arsenal aus, und ein von einem russischen Club ausgeliehener Nigerianer erzielte dann den Siegestreffer nach einem lachhaftem Defensivmissverständnis zwischen einem Franzosen und einem Polen. Wer waren diese Leute? Wieso spielten sie in Wembley bei einem nationalen Pokalfinale und wieso hatte ich 90 Pfund fürs Zuschauen bezahlt?“ (S. 11) So nachvollziehbar diese Polemik aus dem Munde eines lokalen Anhängers klingen mag, geäußert in einem fußballkritischen Buch eines Journalisten und eines Literaturkritikers (und emeritierten Professors) wirkt sie doch etwas überflüssig. Man fragt sich, wie der Fußball von heute denn eigentlich anders aussehen sollte. Und dazu ist von dem Autorenduo leider nicht viel zu hören, was einer der wesentlichen Kritikpunkte an ihrer Arbeit ist.

Überzeugend fällt demgegenüber die Darlegung derjenigen Aspekte aus, die zeigen, was im Bereich des professionellen Fußballs falsch läuft, angefangen bei den undemokratischen Strukturen, der ungerechten Verteilung der Fernsehgelder, der unglaublichen, von der Staatengemeinschaft tolerierten Machenschaften der Verbände (vor allem der FIFA), der Ignoranz gegenüber Menschenrechten und Doping und so weiter und so fort. Die Verfasser benennen deutlich, wer vom und im korrupten System des global organisierten Profifußballs profitiert. Die Konsequenz formuliert ein „Manifest wider die Sportdiktatur“ (S. 127) am Ende der Streitschrift, das jedoch enttäuscht. Außer der eher fragwürdigen, etwas naiven Idealisierung eines früheren Sports, bei dem es ausschließlich um „Hingabe und Leidenschaft, um Gemeinschaft und Identität“ gegangen sein soll, wird zum Boykott der Weltmeisterschaft in Russland aufgerufen, eine Maßnahme, die wohl nicht konsensfähig ist und eher polarisiert.

Lob des Fußballs von Jürgen Kaube argumentiert entschieden differenzierter, etwa wenn der für das Feuilleton der FAZ zuständige Herausgeber konstatiert: „Die Kommerzialisierung hat ihn [den Fußball, K. N.] besser gemacht, als er jemals war. Wer dagegen ist, handelt widersprüchlich, wenn er ein Bundesligastadion betritt.“ (S. 83) Damit richtet sich Kaube gegen die relativ vereinfachende Kommerzialisierungskritik von Fangruppierungen, die seiner Meinung nach als aggressive Nostalgie-Gewerkschaften auftreten. Richtigerweise hält Kaube fest, dass Fußballfans aus den 1960er- und 1970er-Jahren den heute vornehmlich von Ultras veranstalteten so genannten Choreos oder dem unconditional support (der vom Spielverlauf abgelösten Unterstützung der Mannschaft durch einstudierte Gesänge) eher verständnislos gegenübergestanden hätten. Da der professionelle Fußball den Fans nie gehört hat, kann er ihnen logischerweise weder genommen noch zurückgegeben werden, so das schlüssige Urteil des Verfassers. Dessen Buch folgt keiner klaren und linearen Argumentation, verzichtet somit auch auf ein Inhaltsverzeichnis. Keine Leserin wird in diesem Lob des Fußballs fündig, die sich im Detail darüber informieren möchte, wie die FIFA innere Reformen ankündigt und für sich reklamiert, am Ideal der Menschenrechte orientiert zu sein, in Wirklichkeit jedoch am Ausbau eigener Machtpositionen interessiert ist und tote Arbeiter auf Baustellen in Südafrika, Brasilien, Russland und Katar billigend in Kauf nimmt (siehe hierzu Das wunde Leder). Wer sich hingegen mit Grundfragen des Fußballspiels beschäftigen möchte, also damit, warum der Fußball unter den Sportarten einen besonderen Status einnimmt, welche Bedeutung die Abseitsregel für das Spiel und wie sich die Fußballtaktik entwickelt hat oder sich für die Taxierung von Ikonen wie Maradona, Pelé, George Best, Cruyff oder Zidane begeistern möchte, der findet bei Kaube eine eloquente, mit anschaulichen Beispielen untermauerte und hellsichtige Analyse des Spiels und seiner gesellschaftlichen Bedeutung. So etwa die treffende Charakterisierung des Fußballs als Instanz sozialen Lernens, „weil er einer Welt entspricht und sie als Spiel wiedergibt, in der es keine eindeutigen Gesichtspunkte für Rationalität gibt“ (S. 104). Auch wenn das Leistungsprinzip im Fußball zentral gestellt ist, liefert es dennoch keine verlässlichen Kriterien dafür, was ein erfolgreiches Fußballspiel ausmacht. Der Versuch, den Fußball über Wissenssysteme zu entschlüsseln (Taktik, Matchplan, Packing, Videoanalyse usw.) hat zwar Hochkonjunktur. Dennoch, so Kaube nüchtern, wird auf den eben gar nicht vorhersehbaren Ausgang des Spiels gewettet. Fußball ist also kein Spiegel der Gesellschaft, „denn sonst ließe er sich durch sie und sie sich durch ihn erklären. Er ist ihr wahlverwandt, und uns scheint: unter allen Sportarten am meisten“ (S.106).

Was Timm Beichelts Buch Ersatzspielfelder. Zum Verhältnis von Macht und Fußball von den bisher besprochenen Monografien unterscheidet, ist seine Herangehensweise. Ausgehend von offenkundig widersprüchlichen Befunden zum Status des Fußballs, also etwa der These, er trage zur sozialen Integration bei, während gleichzeitig auch die These im Raum steht, er beschleunige Konflikte auf ganz eigene Weise, will Beichelt „die widersprüchlichen Phänomene der zeitgenössischen Fußballpolitik in einen Zusammenhang zu setzen“ (S.18). Er sucht darzulegen, dass das Spiel in der Lage sei, konträre Lebensweisen und Positionen miteinander zu versöhnen. So können der moderne Fußball und seine Praktiken dabei helfen, Ansprüche an den modernen Menschen (Arbeitsbereitschaft, Mobilität, Individualität) abzufedern, indem Lebensentwürfe und Selbstverwirklichungschancen, die in einzelnen Profis verkörpert werden (etwa den sich auch als Brillendesigner einen Namen machenden Jérôme Boateng), als Projektionsflächen angeboten werden. Gleichzeitig stellt der Fußball seit jeher und ganz unbestreitbar auch weiterhin Anschlüsse an gemeinschaftliche Lebenspraktiken und Solidaritäten (‚Die Mannschaft‘; der Arbeiterverein Borussia Dortmund usw.) bereit.

Im Zentrum eines Buches, das nach dem Verhältnis des Fußballs zur Macht fragt, stehen – wie Beichelt sie nennt – politische Subjekte und ihre Einbindung in den kulturellen Kontext des Fußballs. Der Text beschäftigt sich mit den Möglichkeiten von Politikern, das Geschehen im und um den Fußball über diskursive Praktiken und den Einsatz von Argumenten symbolisch zu beeinflussen. Dabei ist die Ökonomisierung und Selbstdisziplinierung als Möglichkeitsraum des Fußballs ebenso einzubeziehen wie die zunehmend schwindende gesellschaftliche Verankerung des professionellen Fußballs. Anhand der französischen Nationalmannschaft diskutiert Beichelt etwa die Frage von (ethnischer) Zugehörigkeit und deren Interpretation im öffentlichen sowie im Kontext internationaler Fußballpolitik (FIFA, autokratische Akteure, russischer Fußball). Sein Buch zeigt, wie die Interpretation von Ikonen und Symbolen genutzt werden kann, um gewisse Möglichkeitsräume zu besetzen, die sich etwa mit Blick auf die bundesdeutsche Identitätsentwicklung durch die Bundesliga auftun oder die Champions League betreffen, soweit dort europäische Zugehörigkeiten (mit-)verhandelt werden. An der Ausbildung solcher Bedeutungsräume wirken alle am Fußballdiskurs beteiligten Personen mit, übrigens auch und gerade diejenigen, die akademisch zum Fußball arbeiten. Interessant ist in diesem Kontext gerade, was umstritten ist. So stehen gegenwärtig sowohl vermeintlich integrative Leistungen (gemeinsam Spielen, Schauen, Ausprägung einer gemeinsamen Identität) des Spiels als auch seine Pathologien (Ausübung von Macht durch die Fußballeliten, Unterwanderung demokratischer Werte, einseitiges Leistungsethos) im Zentrum von Kontroversen.

Der von Beichelt gewählte Ansatz eignet sich ganz ohne Frage für die Analyse der politischen Absicherung von Macht durch den Fußball. Sichtbar werden dessen symbolische und diskursive Dimensionen, zumal in ihrer Verbindung mit den emotionalen Komponenten des Spiels, die sonst eher unthematisiert bleiben. Auch wenn der Eindruck nicht verfliegt, die herangezogenen Beispiele zu kennen und vieles schon gehört zu haben, ist das Verdienst der Studie, die politisch-symbolische Bedeutung des professionellen Fußballs neu justiert zu haben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die rezensierten Bücher im Wesentlichen auf den professionellen und durch die Massenmedien geprägten Fußball konzentrieren, der sowohl mit seinen sozialintegrativen Potenzialen als auch in der Vielzahl seiner Pathologien zu einem politisch bedeutsamen Faktor geworden ist. Freilich enthüllt gerade die Lektüre der Texte ein wesentliches Desiderat der Fußballforschung: Unbeleuchtet bleibt das weite Feld des nicht-professionellen Spiels, obwohl die sozialen, kulturellen und politischen Auswirkungen dieses Sports doch insbesondere hier deutlich werden. Wer die gesellschaftliche Bedeutung symbolischer Diskurse und Praktiken des Fußballs konkreter fassen will, sollte sich nicht zuletzt auf den unterklassigen Fußball einlassen.[2]   

Fußnoten

[1] Richard Giulianotti / Roland Robertson, Globalization and Football, London 2009.

[2] Kristian Naglo, Krisen, Events und Post-Fans. Was die Soziologie über den Fußball sagt, in: Die politische Meinung. Zeitschrift für Politik, Gesellschaft, Religion und Kultur, 63 (2018), 549, S. 37–41.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.