Über Vergewaltigung sprechen – aber wie?

Rezension zu "What We Talk About When We Talk About Rape" von Sohaila Abdulali

What We Talk About When We Talk About Rape ist auf vielen Ebenen ein mutiges Buch, das sich sträubt, zusammengefasst oder rezensiert zu werden. Sohaila Abdulalis Werk besteht aus insgesamt 29 kurzen, essayistischen Kapiteln, in denen persönliche Geschichten, kritische Gesellschaftsanalyse, beißende Ironie und der Wunsch nach einer besseren Welt Hand in Hand gehen. Es handelt sich also um keine wissenschaftliche Untersuchung reinen Wassers, genauso wenig wird hier jedoch ,nur' von persönlichen Erlebnissen berichtet. Entsprechend schwierig gestaltet sich die Frage nach den Bewertungskriterien für ein solches Buch.

Bereits der Klappentext thematisiert Abdulalis eigene Erfahrung mit Vergewaltigung sowie ihre Arbeit in einem Bostoner rape crisis center und ihren Versuch, das Phänomen Vergewaltigung zu verstehen – als Feministin, Intellektuelle und Schriftstellerin. Abdulali setze sich, so heißt es auf dem Buchumschlag weiter, mit den widerspenstigen Fragen auseinander, die sich mit Blick auf das Phänomen Vergewaltigung stellen, insbesondere mit derjenigen danach, wie wir kommende Generationen erziehen wollen. Denn das ausdrückliche Ziel des Buches ist es, Vergewaltigungen komplett aus der Welt zu schaffen – oder auf dem Weg dorthin zumindest herauszufinden, wie die notwendige Solidarität mit den Betroffenen zu gestalten ist, welche Worte die richtigen sind und so weiter.

Die Autorin erzählt eingangs ihre eigene Geschichte und erörtert davon ausgehend ihre Motivation für das vorliegende Buch sowie den sozialen Standpunkt, von dem aus sie es geschrieben hat. Daran schließen ontologische und erkenntnistheoretische Fragen an (Was ist Vergewaltigung? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen zwischen Vergewaltigung in der Ehe, jener als Kriegswaffe, Gruppenvergewaltigung, etc.?), ohne dass Abdulali die Verknüpfung von persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlicher Analyse aus dem Blick verliert. Denn, so ihr Argument, alle persönlichen Erfahrungen seien stets eingebettet in verschiedene Auswüchse desselben Systems – egal ob wir es Patriarchat, Sexismus oder Frauenhass nennen.

Daraufhin geht Abdulali dazu über, spezifische Aspekte des Phänomens Vergewaltigung zu thematisieren. In den Mittelpunkt stellt sie hier das Problem der Zustimmung, und zwar jenseits der schlichten Frage nach einem ausgesprochenen Ja oder Nein. Die tiefergehende Problematik nämlich sei der Respekt gegenüber Personen, vor allem gegenüber Frauen. Vergewaltigungen seien weder auf Sex noch auf Gewalt reduzierbar, sondern immer eine Verbindung aus beidem. Wie also, so fragt die Autorin, lassen sich Sex und Vergewaltigung voneinander trennen? Wie lassen sich unsere Erfahrungen verstehen und artikulieren? Es geht Abdulali an dieser Stelle auch um die problematischen Konsequenzen, die sich ergeben, wenn wir unsere Erfahrungen gewichten. Ebenso fragt sie nach den Ursachen dafür, dass jede Person anders mit Gewalterfahrungen umgeht. Immer wieder kehrt sie auf die subjektive Ebene zurück: Was bedeutet es, vergewaltigt worden zu sein? Wie lange und in welchem Ausmaß begleiten Schmerz, Trauma und psychologische wie emotionale Konsequenzen das Leben von Betroffenen? Gleichzeitig verwahrt sich Abdulali dagegen, die Erfahrung am eigenen Leib als ein Urteil zu verstehen, dass die Betroffenen dazu verdammt, nie wieder glücklich sein zu können.

Abschließend widmet sich die Autorin unserem Umgang mit den Tätern. Solle man, so fragt sie, vergeben oder Rache üben? Sie räumt beiden Möglichkeiten Platz ein. Schließlich aber, so ihre klare Botschaft, sollte es uns darum gehen, zukünftige Generationen derart zu formen, dass Vergewaltigungen nicht mehr passieren – nicht in dem Glauben, dass es tatsächlich wirkungsvolle Verteidigungsstrategien für Mädchen gäbe, sondern im Hinblick auf die Entscheidung, die jeder Vergewaltigung vorausgeht, kurz: Wir müssen Jungen beibringen, sich nicht für Vergewaltigung zu entscheiden.

Abdulalis Buch ist, wie schon eingangs formuliert, mutig, und zwar nicht nur weil es die tiefsten Abgründe unserer Gesellschaft schonungslos offenlegt oder die Autorin von ihren eigenen Erfahrungen und denen vieler anderer berichtet. Denn in der Tat eröffnet der Text darüber hinaus eine globale Perspektive auf das Problem Vergewaltigung, die viele Bücher und Untersuchungen bisher vermissen lassen. Er versammelt eine große Menge an Erfahrungen nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern und Trans*Personen aus der ganzen Welt – etwas, das auch im Rahmen von #MeToo bisher zu wenig Beachtung gefunden hat. Insbesondere jedoch meistert der Text den schwierigen Spagat zwischen autobiografischer Narration und gesellschaftlicher Analyse, zwischen Wut und Hoffnung, zwischen Ohnmacht und dem Wissen, dass wir etwas verändern können. What We Talk About When We Talk About Rape thematisiert beides: Sowohl, was Vergewaltigung für jede einzelne Person mit derlei Erfahrungen bedeutet, wie auch, was im gesellschaftlichen Diskurs über Vergewaltigung schiefläuft und wie dieser sich zu ändern hat. Denn, so Abdulalis schlichte wie überzeugende Beobachtung: Nur wenn uns die richtigen Worte zur Verfügung stehen, können wir darüber sprechen, was uns passiert ist.

Abdulalis Buch rüttelt nicht nur wach, es lädt ebenso dazu ein, sich tiefergehend mit den darin gestellten wichtigen Fragen zu beschäftigen. Nur an einem Punkt wäre eine weiterführende Auseinandersetzung der Autorin wichtig und wünschenswert gewesen: Obwohl sie mehrfach die Frage aufwirft, wie wir zukünftige Generationen erziehen sollen, damit sie einander mit Respekt begegnen und die richtigen Worte zur Beschreibung eigener Erfahrungen haben, entwickelt die Autorin diese Frage und insbesondere eine mögliche Antwort darauf nirgends im Detail. Vielleicht weil sie selbst noch keine Antwort hat, vielleicht auch weil es keine allgemeingültige gibt außer der Feststellung, dass Respekt (gegenüber anderen Personen und insbesondere gegenüber Frauen) ein essenzieller Bestandteil sein muss.

Als Wissenschaftlerin habe ich an vielen Stellen die tiefergehende Analyse vermisst; etwa im Rahmen der Untersuchung von falschen Überzeugungen hinsichtlich Vergewaltigung, bei der Definition dessen, was Vergewaltigung beschreibt und beschreiben sollte,[1] auch bei den epistemischen Fragen, die sich stellen, wenn wir unsere eigenen Erfahrungen weder verstehen noch artikulieren können[2] oder wenn wir von Betroffenen und Opfern – beziehungsweise, wie Abdulali sie nennt, Überlebenden – sprechen.[3] Aber diese Untersuchungen sind nicht das, was das Buch für sich beansprucht oder was überhaupt Teil eines Buches sein sollte, das in zugänglicher Art und Weise die genannten Fragen aufwirft und persönliche Erlebnisse dazu nutzt, bestehende Verhältnisse zu kritisieren. Es ist vielmehr etwas, das im Anschluss an dieses Buch passieren kann, meiner Ansicht nach sogar muss.

Fußnoten

[1] Zu beiden Fragen siehe etwa Hilkje Hänel, What Is Rape? Conceptual Analysis and Social Theory, Bielefeld 2018.

[2] Miranda Fricker, Epistemic Injustice: Power & the Ethics of Knowing, Oxford 2007.

[3] Linda Martín Alcoff, Rape and Resistance, Cambridge 2018.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Andreas Häckermann und Stephanie Kappacher.