Und die Moral von der Geschicht’?

Rezension zu "Kapitalismus, Märkte und Moral" von Ute Frevert

Es war wohl nur eine Frage der Zeit: Nachdem der Begriff „Kapitalismus“ schon seit der Bankenkrise 2008 ff. ein wissenschaftliches Comeback erlebt, lässt sich seit ein paar Jahren auch ein Zuwachs an Publikationen verzeichnen, die sich daran versuchen, dem Kapitalismus die Moral zurückzugeben. Oder sie plädieren für eine historische Bestimmung des Verhältnisses von Kapitalismus, Markt und Moral, welches immer wieder neu ausgehandelt wurde. So hat der Historiker Tim Rogan in seinem 2017 erschienenen Buch The Moral Economists an die vermeintlich vergessene wertbasierte Kapitalismuskritik von Denkern des 20. Jahrhunderts wie R. H. Tawney, Karl Polanyi und vor allem E. P. Thompson erinnert.[1] Die Beiträge eines im vergangenen Jahr von seinen deutschen Kollegen Stefan Berger und Alexandra Przyrembel herausgegebenen Bandes hingegen argumentieren, der Kapitalismus sei – historisch betrachtet – immer von moralischen Auseinandersetzungen, Urteilen, Regelwerken begleitet und dynamisiert, aber auch überformt und verändert worden.[2] Die Spannung zwischen dem normativen und dem analytischen Pol, die hier sichtbar wird, hatte auch schon den berühmten Aufsatz „The Moral Economy of the English Crowd in the Eighteenth Century“ durchzogen, in dem Thompson Anfang der 1970er-Jahre den schillernden Quellenbegriff „moral economy“ operationalisierte.[3] Damit konnte der britische Historiker das eigene politische Projekt eines undogmatischen Sozialismus unterfüttern. Geschickt führte er den Mainstream-Ökonomen seiner Zeit vor Augen, wie historisch ihre Vorstellung war, die Wirtschaft sei ein gleichsam autonomes, eigengesetzlich operierendes System, dessen Mechanismen unabhängig von menschlichen Wertzuschreibungen funktionierten, weshalb es vor politischer Einflussnahme zu schützen sei.

Ein ähnliches Anliegen hat sicherlich auch die Berliner Historikerin Ute Frevert, immerhin leitet sie die Max Planck Research School for Moral Economies of Modern Societies.[4] Auf dem Cover ihres Essays Kapitalismus, Märkte und Moral sind denn auch die Thompson’schen Fragen abgedruckt: „Gibt es einen moralischen Kapitalismus?“ und „Steckt [die Moral] im Kapitalismus, oder wird sie ihm von außen verordnet?“ Freverts Buch vermag unter anderem deshalb nicht zu überzeugen, weil es bis zuletzt den ernsthaften Versuch verweigert, darauf zumindest eine vorsichtige Antwort zu geben. Man muss der Fairness halber hinzufügen: Der locker formulierte und assoziationsreiche Essay richtet sich nicht an Fachwissenschaftler, sondern an das vielbeschworene interessierte Publikum. Bei den 150 Seiten in großzügigem Satzspiegel handelt es sich offenbar um die Langfassung eines Vortrags, den die Autorin im Literaturhaus Graz gehalten hat. Aber wer, wie Frevert, mit dem Anspruch auftritt, die „Vielfalt von Akteuren, Themen, Ideen, Argumenten und Praktiken in der moralischen Kommunikation über ‚den Kapitalismus‘ historisch zu identifizieren und zu ordnen“ – und sei es noch so „skizzenhaft“ (S. 18) –, der muss Systematisierungs- und Begriffsarbeit leisten. Stattdessen zeigt die Autorin anhand einer Vielzahl von anschaulichen, aber argumentativ nur lose verknüpften Beispielen aus Geschichte und Gegenwart, dass sich moderne Gesellschaften grundsätzlich durch ein komplexes Verhältnis von ökonomischem Handeln und wertbasierter Kommunikation auszeichnen.

Zumindest Letzterer widmet Frevert im ersten von sechs Kapiteln – die teils chronologisch aufeinander folgen, teils thematisch sortiert sind – einige theoretische Vorüberlegungen. Dabei betont sie die zentrale Bedeutung einer zumeist durch binäre Oppositionen geprägten und hochgradig emotionalisierten Moralkommunikation für die Normbildung und Integration moderner Gesellschaften. Insofern sei auch die kritische Kommunikation über den Kapitalismus selbst ein „Ferment [seiner] Transformation“, sie stelle gar eine „Antriebskraft und Korrekturquelle“ für ihn dar, eine Kraft, die selbst „jenseits des Eigeninteresses diverser Marktteilnehmer situiert“ (S. 17 f.) werde. Das leuchtet ein. Aber müsste die daran anschließende Frage nicht lauten, wie das konkret geschieht? Um das zu untersuchen, müsste man das jeweils „herrschende Wirtschaftssystem“ (S. 45) selbst beleuchten.

Frevert jedoch widmet einen Großteil ihres Buches stattdessen den sozialpolitischen Praktiken der Existenzsicherung für die Verlierer des Kapitalismus, die diesen, so das eher implizite Argument der Autorin, letztlich transformierten. Daneben versucht sie zu belegen, dass sich das, was in Gesellschaften je als veräußerlich galt, in der Geschichte immer wieder verändert hat. Vor allem Kapitel zwei und drei bieten eine plastische (Ideen-)Geschichte von Sozialpolitik und Sozialfürsorge in Großbritannien und Deutschland. In der Skandalisierung der Armut äußerte sich die Kritik am Kapitalismus besonders früh und besonders nachhaltig; das dürfte wenige Leser überraschen. Ebenso bekanntermaßen wurde über das Wirtschaften schon zu Adam Smith’ Zeiten moralisch kommuniziert, dieser Modus findet sich auch in den Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels, all ihrer Wissenschaftlichkeitsemphase zum Trotz. Umso überzeugender führt Frevert dann vor, wie sehr die historische Aufarbeitung der barmherzigen Almosengabe seit der frühen Neuzeit und die Analyse der Debatten über selbstverschuldete Armut von einer Moralisierungsperspektive profitieren können, ebenso wie die Betrachtung des Konzepts der „Hilfe zur Selbsthilfe“ oder die Untersuchung der Genossenschaftsbewegung und ihrer Solidaritätsdiskurse. Sie zeigt auch, dass die moralisch gefärbten Debatten um die konkrete Ausgestaltung gesellschaftlicher Verteilungsgerechtigkeit erst mit dem Versicherungsprinzip und der Verrechtlichung von Sozialpolitik (als zentralem Element moderner Staatlichkeit) begannen. Das demonstriert Frevert anhand von Aushandlungen um Besteuerungsformen, Steuermoral und Spendenwesen, denen sie sich in einem weiteren Durchlauf durch die vergangenen 200 Jahre widmet.

Nimmt der Leser aus diesem Abschnitt noch den Eindruck von ständigen steuermoralischen Pendelschwüngen mit, legt zumindest der Beginn des vierten Kapitels zur „Vermarktlichung“ nahe, es gehe nun um die zunehmende Dominanz transaktionaler, marktförmiger menschlicher Interaktionen – hier führt Frevert Karl Polanyis Entbettungsbegriff ein.[5] Dann allerdings argumentiert sie im Gegenteil, dass Märkte immer – und weiterhin – „unter moralischem Vorbehalt“ standen und stehen. Welche „Ware und Dienstleistung […] als marktfähig erachtet“ werde, sei also immer wieder neu ausgehandelt worden (S. 95). Frevert illustriert das anhand der gesellschaftlichen Verständigungsprozesse über Prostitution als Sittlichkeitsvergehen oder als Sexarbeit, anhand des Vergleichs historischer Heiratsmärkte mit modernen Partnerbösen, aber auch anhand von Jagdverboten oder der Diskussion darüber, ob Samen- und Organspenden veräußert werden dürfen. So erweisen sich auch Phänomene wie golden visa[6] keineswegs als Ausdruck eines neuartigen, weil allumfassenden Kommodifizierungsvorgangs. Das Freikaufen von der Wehrdienstpflicht etwa zeuge als uralte Praxis von einem ähnlich spannungsvollen Verhältnis zwischen bürgerlichen Rechten beziehungsweise Pflichten und Marktprozessen. Trotzdem beschließt Frevert den Abschnitt mit dem überraschenden Befund, der Kapitalismus – mit seiner Tendenz „möglichst alle Güter, Dienstleistungen und Beziehung wettbewerblich auf Märkten zu handeln, zu bewerten und mit differenzierten Preisen zu belegen“ – habe „inzwischen beinahe sämtliche Lebensbereich erfasst“ (S. 104).

Leider wird dieser Prozess im fünften Kapitel zu „Moralisierungsdiskursen“ nicht genauer beschrieben. Stattdessen trägt Frevert erneut Indizien dafür zusammen, dass ökonomische Praktiken im engeren Sinne (Kreditvergabe, Schuldenmachen, Konkurse und Börsenhandel) bereits seit Jahrhunderten von wertbasierter Kommunikation begleitet, durchdrungen und überformt wurden – etwa der lautstarken Empörung über Wucher, Spekulation oder fehlende Spardisziplin.

Wer nun spätestens im letzten Abschnitt („Transformationen“) ein Fazit erwartet, das die vielen Beispiele der vorangegangenen Kapitel in eine generelle oder allgemeingültige Aussage zum Zusammenwirken von Moralisierung und Kapitalismus ummünzt, der wird (erneut) enttäuscht. Ausgehend von der wichtigen Beobachtung, dass sich seit den 1970er-Jahren zwar die „Moralkonflikte“ häuften (S. 128), der Kapitalismus als System jedoch kaum noch grundsätzlich zur Disposition gestellt wurde, nennt Frevert einige Zusammenhänge, die auf ein wechselseitiges Konstitutionsverhältnis oder auf eine zumindest parallele Transformation hinweisen: So sei die gesellschaftliche Saturierung und Pazifizierung durch die soziale Marktwirtschaft letztlich produktivitätsförderlich; ebenso wie eine gewisse soziale Grundsicherung eine Bedingung für die Entfaltung der „produktiven Unruhe“ des Kapitalismus – also seine Innovationsfähigkeit – darstelle; weiterhin biete eine von Wertdebatten beförderte Staatlichkeit die für das unternehmerische Handeln nötige Rechtssicherheit. Aber anstatt das zu einer These zu verdichten, geht der Essay am Ende zur Diskussion moralkommunikativer Praxen der Gegenwart über und mausert sich spätestens an dieser Stelle zur politischen Intervention. Frevert zeigt sich dabei eher skeptisch gegenüber Hoffnungen, die sich momentan mit Begriffen wie „Commons“ und „Caring“ verknüpfen, und auch das „Nudging, die systematische Anregung prosozialen Verhaltens, erscheint ihr nur als eine weitere Spielart der Vermarktlichung. Moralisch grundierte Praktiken, die sich als Boykotte oder als dezidiert gewissenhafter Konsum durchaus in die Konsumgesellschaft integrieren lassen, sind der Autorin zufolge nur bei zusätzlichen staatlichen Regulierungen zielführend. Angesichts der zuvor beschriebenen Prozesse der Transnationalisierung scheint auch das nicht unbedingt aussichtsreich.

Freverts Essay verhält sich neutral: Er lässt sich zu keiner eindeutigen Aussage dahingehend hinreißen, ob der Kapitalismus einmal moralischer war als heute. Implizit neigt die Argumentation dann aber doch zu Polanyis These einer Entbettung von Wirtschaft und Gesellschaft, wie die vielen Hinweise auf das Eindringen eines Marktvokabulars in immer mehr Gesellschaftsbereiche suggerieren. Mehr noch entsteht dieser Eindruck durch den wiederholten Rekurs auf die Beobachtung, die Luc Boltanski und Ève Chiapello vor nunmehr zwei Jahrzehnten gemacht haben: Die Kapitalismuskritik sei nicht nur nie verstummt, sondern habe den neuen Geist des Kapitalismus überhaupt erst aus der Flasche gelockt.[7] Leider fragt die Autorin aber nicht systematisch, wie sich der Kapitalismus denn mit seiner Kritik arrangiert habe. So bleibt er weitgehend eine Black Box und auch das Potenzial eines so spannenden Begriffs wie „moralisches Kapital“ (S. 30) wird nicht ausgelotet. Frevert ist sich zwar bewusst, dass nicht überall dort, wo es Märkte gibt, auch zwangsläufig der Kapitalismus herrscht. Aber die Unschärfe, auf die schon die Aufzählung im Titel ihres Essays hindeutet, bleibt auch nach dessen Lektüre bestehen. Andere Autoren haben vor einem ähnlichen Problem gestanden: Werner Plumpe etwa beschließt seine 2019 erschienene Geschichte der andauernden Revolution mit einem elaborierten, quasi-evolutionären Modell, das erklären soll, wie der Kapitalismus die Kritik an ihm absorbiert – eine Fähigkeit, die Frevert in ihren Verweisen auf Boltanski und Chiapello zwar aufruft, ansonsten aber weitgehend ausblendet.[8]

Auch die Gegenprobe bleibt aus: Der Staatsozialismus taucht in ihrem Essay nur ein einziges Mal auf, nämlich als ökologisches Problem. Die Alternative einer gelenkten Wirtschaft spielte Freverts Lesart zufolge keine nennenswerte Rolle bei der Entstehung des sozialstaatlich unterfütterten Kapitalismus des 20. Jahrhunderts. Damit bleibt in ihrem Essay einiges historisch ungenau, ebenso wie manche neueren historiografischen Debatten nicht abgebildet werden. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Auch wenn Margaret Thatcher die Existenz einer „society“ verleugnete, so gab es für sie sehr wohl die Einheit der „families“ – das taucht ihre vielzitierte Aussage moralkommunikativ in ein völlig anderes Licht.[9] Außerdem sind es bei Frevert immer wieder die Verhaltensökonomen, die den homo oeconomicus als Fiktion entlarven. Aber dass gerade sie gegenwärtig historisch intensiv erforscht werden, bleibt unerwähnt.[10] Die schlechte Auflösung, aufgrund derer viele der 26 Illustrationen kaum zu entziffern sind (zum Beispiel auf S. 64), dürfte indes eher auf das Verlagskonto gehen.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Im Kontext der wachsenden Aufmerksamkeit gegenüber dem Verhältnis von Moral und Ökonomie, zu dem auch das neu entflammte Interesse an Gaben und Tauschvorgängen zu zählen wäre, ist es wichtig und richtig, dass sich HistorikerInnen öffentlich äußern. Dabei mag mancher tagesaktuelle Bezugspunkt – Frevert steigt mit Greta Thunbergs Klimaaktivismus und Bernie Sanders’ Einfluss auf die politische Debatte in den USA ein – wichtiger sein als wissenschaftliche Systematisierungs- und Definitionsbemühungen. Aber wenn als Ergebnis solcher Interventionen schlussendlich nur die Erinnerung an ein Sammelsurium von Einzelthemen bleibt, die prinzipiell mit Debatten über Kommodifizierung und Verteilungsgerechtigkeit in der Marktwirtschaft zu tun haben, dann erfüllt das gerade nicht den Zweck der Verlagsreihe, in der der Essay erschienen ist: „Unruhe Bewahren“. Das dürfte als Aufruf zu verstehen sein, den Status quo permanent auf sein Veränderungspotenzial zu befragen. Aber solange nicht klar wird, auf welche Weise der Kapitalismus Moral als Antriebskraft nutzt, kann er auch nicht kontinuierlich in einem positiven Sinne modifiziert werden.

Fußnoten

[1] Tim Rogan, The Moral Economists. R. H. Tawney, Karl Polanyi, E. P. Thompson, and the Critique of Capitalism, Princeton, NJ 2017.

[2] Stefan Berger / Alexandra Przyrembel (Hg.), Moralizing Capitalism. Agents, Discourses and Practices of Capitalism and Anti-Capitalism in the Modern Age, Cham 2019.

[3] Edward Palmer Thompson, „The Moral Economy of the English Crowd in the Eighteenth Century“, in: Past & Present 50 (1971), 1, S. 76–136.

[4] https://www.mpib-berlin.mpg.de/forschung/forschungsbereiche/geschichte-der-gefuehle/imprs-moral-economies. Siehe aus diesem Forschungszusammenhang auch den von Frevert herausgegebenen Sammelband zu Moral Economies, (= Sonderband 28 von Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft), Göttingen 2019., 26.

[5] Polanyi sieht als Ausgangspunkt der von ihm beobachteten Great Transformation die folgenreiche Abschaffung gesetzlicher Regulierungen, wodurch das Wirtschafts- vom Sozialsystem abgekoppelt worden sei. Ders., The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Frankfurt am Main 1978.

[6] In Ländern wie Portugal oder Malta haben Privatpersonen die Möglichkeit, bei Investitionen in Höhe eines bestimmten Betrags die jeweilige Staatsbürgerschaft zu erwerben und sich damit in das Land einzukaufen.

[7] Luc Boltanski / Ève Chiapello, Le nouvel esprit du capitalisme, Paris 1999.

[8] Werner Plumpe, Das kalte Herz. Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution, Berlin 2019.

[9] „They are casting their problems at society. And, you know, there's no such thing as society. There are individual men and women and there are families.“ Margaret Thatcher, „No Such Thing as Society“, in: Woman’s Own, 23.9.1987.

[10] Siehe etwa die Forschungen von Rüdiger Graf am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam zu: Verhaltensbeobachtung und Verhaltensregulierung. Steuerungsversuche des Menschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.