Vermessung der Schattenökonomie

Sammelrezension zu "Andere Märkte. Zur Architektur der informellen Ökonomie" von Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer sowie "The Architecture of Illegal Markets. Towards an Economic Sociology of Illegality in the Economy", herausgegeben von Jens Beckert und Matías Dewey

Der jährliche Umsatz im Handel mit Produktfälschungen, Copyright-Piraterie, Finanzbetrug und illegalen Drogen wird auf Milliardenhöhe geschätzt. Dennoch ist die Schattenökonomie ein Thema, das bislang sozialwissenschaftlich unterbelichtet blieb. Im Zuge ihrer Untersuchung der Architektur von Wirtschaft und Märkten haben Soziologie und Ökonomie zwar ein breites Spektrum an ökonomischen Praktiken erfasst, allerdings liegt der bisherigen Literatur weitgehend die Annahme zugrunde, der institutionelle Rahmen und die Austauschbeziehungen dieser Praktiken seien gesetzestreu; wer dieser Annahme nicht folgt, sieht darin allenfalls von der Regel abweichende Problemstellungen, also Ausnahmefälle. Angesichts der wegweisenden Tradition der Chicago School – angefangen bei Robert E. Park über die Outsiders bei Howard S. Becker bis hin zu Sudhir Venkateshs Underground Economy – mag diese Leerstelle überraschen. Insofern ist es nur zu begrüßen, dass mittlerweile einige Publikationen erschienen sind, die sich zum Ziel gesetzt haben, das unwegsame Gelände einer Ökonomie im Schatten zu vermessen.

Wie breit das Spektrum der theoretischen Ansätze ist, sollen im Folgenden zwei Bände exemplarisch demonstrieren: das von Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer gemeinsam verfasste Buch Andere Märkte. Zur Architektur der informellen Ökonomie sowie der Sammelband The Architecture of Illegal Markets. Towards an Economic Sociology of Illegality in the Economy, herausgegeben von Jens Beckert und Matías Dewey. Auch wenn wir noch auf eine Reihe an Schnittstellen zwischen beiden Büchern sowohl im Hinblick auf die aufgeworfenen Fragen nach den Ursachen und Effekten von Schattenökonomie als auch auf die identifizierten Praktiken zurückkommen werden, überwiegen zunächst die Differenzen. Denn die beiden Bände kommen mit deutlich unterschiedlichen Schwerpunkten in ihrem Theorie-Empirie-Verhältnis daher. Zugleich herrscht auch Uneinigkeit über die Frage, mit welchem begrifflichen Instrumentarium diese Leerstellen auf der Karte globaler Wertschöpfung angemessen zu beschreiben sind und welche Empirien damit jeweils in den Blick geraten sollten.

Während Beckert und Dewey direkt von „illegalen Märkten“ ausgehen, setzen Mörtenböck und Mooshammer im Anschluss an eine Begriffsschöpfung des Anthropologen Keith Hart auf das Konzept der „informellen Ökonomie“. Mit den Kenntnissen ihrer beiden Professionen im Gepäck – Peter Mörtenböck ist Kulturwissenschaftler, Helge Mooshammer Architekt – spannt das in Wien und London lehrende Autorenteam damit von den urbanen Zentren Bangkoks, über Casablanca bis nach Shanghai ein eindrucksvolles Netz informeller Routen und Marktplätze, das einmal um den Globus reicht und sich zwischen regulativen Schlupflöchern und illegalem Schmuggel nicht ganz dem binären Code von legal-illegal fügen will. Gründete Harts Unterfangen Anfang der 1970er-Jahre noch „im Unbehagen über die Ignoranz der vorherrschenden Wirtschaftsdiskurse gegenüber einem wesentlichen Teil der weltweiten ökonomischen Vorgänge“ (S. 8), konstatieren Mörtenböck und Mooshammer gut vier Jahrzehnte später ein zunehmendes Interesse an Informalität – jedoch mit beschränktem Informationswert. Anstatt die Bedingungen und Effekte informeller Praktiken zu beschreiben, weisen die bisherigen Untersuchungen einen normativen Bias auf, der eher die „gegensätzlichen Interessen“ (S. 9) an diesem gewaltigen Markt offenlegt als seine Strukturen: Informelle Ökonomien werden entweder als negative Projektionsfläche eines Mangels an regulären Beschäftigungsangeboten dämonisiert oder als positiver Katalysator alternativer Ökonomien verklärt.

Vor diesem Hintergrund treten die beiden Autoren an, die „mehrfachen Ansprüche an Informalität“ (S. 10), deren Entstehungsbedingungen ebenso wie etwaige Alternativen zu rekonstruieren. In der theoretischen Spur Michel Foucaults legen Mörtenböck und Mooshammer das Machtinstrument einer „Politik der Informalität“ (ebd.) nach archäologischer Manier Schicht um Schicht frei. Mit dieser Forschungsperspektive laufen die Parameter der Informalität weniger auf einen Katalog unveränderlicher Variablen hinaus; vielmehr werden sie zur Definitionssache, die in den weltweiten „Auseinandersetzungen um wirtschaftliche Vorherrschaft“ (ebd.) Rechte, Ressourcen und Gelegenheiten zuteilen. Der Begriff „informell“ bezeichnet dem Autorenduo zufolge nicht einfach jenseits staatlicher Einflussmacht anzusiedelnde Aktivitäten, sondern insbesondere solche, die sich in Form von Schattenmärkten und Straßenhändlern den international existierenden Handelsübereinkommen „kapitalistischer Marktkreisläufe“ (S. 29) und deren vereinbarten Investitionschancen entziehen.

Ausgangspunkt ihrer Argumentation ist der seit 2010 jährlich vom Büro des US-Handelsbeauftragten erstellte und veröffentlichte Special-301-Bericht. Berichte dieser Art haben in der weltweiten Außenhandelspolitik viel Gewicht: Als eine Art „Frühwarnsystem“ (S. 58) enthält er jedes Jahr eine Liste der „notorious markets“ (S. 21), die eine „wirtschaftsdiplomatische Vermessung der Verfehlungen“ (S. 24) in den globalen Handelsbeziehungen darstellt. Hunderte von Interessenvertretungen verschiedener Wirtschaftssparten, NGOs und Einzelpersonen zeichnen weltweit Fälle von Urheberrechts- oder Markenschutzverletzungen auf, stellen die dafür berüchtigten Marktplätze sowie deren staatliche Ordnungsmacht „an den Pranger“ (S. 21) und formulieren einen Empfehlungskatalog zur Sanktion und rechtlichen Integration dieser notorious markets in den regulären Handelsmarkt. Entlang der Struktur und Funktionsweise des Berichts belegen Mörtenböck und Mooshammer, dass eine derartige Erschließung und Aufteilung von Märkten anhand von Urheberrechten in den zunehmend wissensbasierten Ökonomien besonders folgenreich ist: Sie wird zum wichtigen politischen „Steuerungsinstrument“ (S. 31), das die weltweit gültigen Richtlinien des Wirtschaftens definiert und im Fall von Übertritten disziplinierende Eingriffe in die Informalität legitimiert.

Mit der Politik der Informalität wollen die Autoren eine doppelte Transformation in der gegenwärtigen Wirtschaftsorganisation ins Blickfeld rücken: Der steile Anstieg von Hochschulbildung und der Wettbewerb um Hochtechnologiebranchen haben nicht nur Nationen wie China 2012 international an die Spitze der Patentanmeldungen gesetzt. Gerade mit dem Intervenieren in informelle (Armuts-)Ökonomien seien die ehemaligen Ränder der Weltkarte wie Bangladesch in den vergangenen Dekaden im Kampf um finanzielle Rentabilität zu den „aktuellen Fronten des Spätkapitalismus“ (S. 24) geworden.

Die Stärke des Buches liegt insbesondere im zweiten Teil, der das Herzstück der Untersuchung darstellt: die empirischen Fallstudien. Sie zeigen, dass die Feinmechanik informeller Ökonomien viel anpassungsfähiger ist, als es das Steuerungsinstrument einer Politik der Informalität zunächst vermuten ließe. Auf ihrem detailreichen transkontinentalen Streifzug über zehn Marktplätze an verschiedenen Orten der Welt kann das Autorenduo nicht nur eindrucksvoll darlegen, wie die Politik der Informalität selbst immer wieder traditionelle Unterteilungen in Zentrum und Peripherie unterläuft. Entlang ihrer geopolitischen Landkarte informeller Marktplätze belegen Mörtenböck und Mooshammer auch, dass ein Verständnis von Informalität als „Scheitern des institutionellen Auftrags“ (S. 41) zu kurz greift: Denn während die Differenzierung zwischen Zentrum und Peripherie obsolet wird bei einer Handelsmacht, die sich zunehmend „von traditionellen Industriestaaten zu transnationalen Konzernen“ (S. 48) entwickelt, verliert sich das institutionelle Scheitern oft in einer Symbiose, die staatliche Vorgaben und informelle Praktiken aneinander bindet.

Die Reise beginnt in Bangkoks „roten Zonen“ (S. 86), den von den thailändischen Behörden in beliebten innerstädtischen Gebieten festgelegten Bereichen, die aufgrund internationaler Vorwürfe von Produktpiraterie und -fälschung regelmäßig Razzien und strengen Kontrollen unterzogen werden – so weit die Theorie. Die alltägliche Kontrollpraxis offenbart allerdings eine alternative Vorgehensweise: Wer in Bangkok dazu gezwungen ist, seinen Unterhalt mit Straßenhandel zu bestreiten, kann es sich in der Regel nicht leisten, die im Falle einer Razzia anfallende Geldstrafe zu bezahlen. Viele der Erwischten ziehen daher Gefängnisstrafen einer Geldzahlung vor. Die so entstehenden hohen Zahlen von inhaftierten nicht lizensierten Händlern würden aber den städtischen Haushalt schwer belasten. Daher ist es mittlerweile zur etablierten Praxis der Polizei geworden, ein Auge zuzudrücken und illegalen Straßenhandel zu tolerieren.

Das chinesische Yiwu gilt als Ursprung des internationalen Markts von Warenfälschungen im Untergrund Shanghais. Hier hat der Trend zur logistischen Aufsplittung und Auslagerung der Produktion von westlicher Markenbekleidung eine Kombination aus industriellem Knowhow und gut ausgestatteten Produktionsstätten hervorgebracht, die die Fälschung von Designerware revolutioniert hat: Die Herstellung von Imitaten ist nicht länger allein die Domäne geheimer Fabriken. Stattdessen wird die nicht autorisierte Überschussproduktion von Designerstücken in „Nachtdurchläufen“ (S. 104) mit denselben Maschinen durchgeführt wie die offiziellen Aufträge. Die dafür notwendigen Aufwendungen verschwinden in den Lieferzahlen vielstufiger Halbfertigungen und im wiederkehrenden Hin- und Hersenden von Waren.

Von Shanghai führt der Weg weiter zu einem der weltweit wichtigsten Containerterminals: Dubais Jebel Ali. Dank seiner strategisch günstigen Lage zwischen Asien, Europa und Afrika sowie der Möglichkeit zur ungehinderten Ein- und Ausfuhr von Gütern hat sich der Hafen zu einer „beliebten Durchgangsstation“ (S. 110) in der globalen Zirkulation von Waren jeglicher Art entwickelt. Breite Freihandelszonen ermöglichen den Unternehmen hier nicht nur kürzere Umschlagzeiten, einige Firmen nutzen seine unbürokratische Zollabfertigung und das dadurch erleichterte Verschicken der Güter zwischen verschiedenen Sonderzonen der umliegenden Region auch, um die Herkunft einzelner Waren weißzuwaschen und gefälschte Produkte umzuettiketieren.

Von Dubai geht die Reise in mehreren Etappen weiter über Marokkos Nummer 1-Gelegenheit für den Erwerb der neuesten Elektrogeräte – den Schwarzmarkt Derb Ghallef Valley – und die weltweiten Supergrößen unter den Flohmärkten in Kalifornien, um schlussendlich wieder in Bangkok zu landen.

Am Ende des Streifzugs hat die Leserin nicht nur einen Einblick in die transnationale Reichweite und Vielfalt informeller Handelsketten gewonnen, sondern auch eine Vorstellung von deren Anpassungsfähigkeit und Resilienzbereitschaft in der Matrix weltweiter Handelsbeziehungen. Zwischen den Leerstellen in der Infrastruktur, ungenutzten Flächen im Stadtgebiet und den Schlupflöchern in der öffentlichen Verwaltung bilden informelle Märkte Ausnahmeräume, die sich eben nicht einfach einer „Gleichsetzung von Informalität mit Illegalität“ (S. 31) fügen. Als improvisierte Gelegenheiten des Handels greifen formelle und informelle Arrangements häufig so komplementär ineinander, dass sie gesellschaftliche Machtverhältnisse sowohl unterwandern als auch dabei helfen können, sie aufrechtzuerhalten. In welche der beiden Richtungen informelle Praktiken neigen, hängt nach Mörtenböck und Mooshammer maßgeblich von den vorhandenen Gelegenheitsstrukturen ab: Von technologischen Veränderungen, über Kriegsereignisse und politische Systemwechsel bis hin zu urbaner Transformation – die präsentierten Einflussfaktoren, die den informellen Handel in seinem Entstehen, seiner Gestalt und seinen Veränderungen formen, sind vielfältig.

Auch wenn die beiden Autoren auf ihrer Suche nach den Ursachen und Effekten informeller Ökonomien Anschlussmöglichkeiten für den zweiten hier besprochenen Band von Beckert und Dewey bereit halten, geben sich Letztere mit dem offerierten begrifflichen Angebot nicht zufrieden: Den beiden Kölner Soziologen ist das Konzept „informeller Ökonomien“ zu ungenau, da es sowohl für nicht regulierte Handelssphären als auch für formal illegale, aber dennoch übliche Praktiken verwendet wird. Stattdessen konzentriert sich das Herausgeberduo Beckert/Dewey auf die Architektur illegaler Märkte als Forschungsgegenstand und grenzt das Phänomen formal auf solche Tauschbeziehungen ein, die das Gesetz tatsächlich verletzen.

Ihre Darstellung verspricht schon deshalb interessant zu sein, weil sie aus einem Forschungsverbund am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung stammt, der sich in einem internationalen Zusammenschluss von knapp 20 Sozialwissenschaftlerinnen und Kriminologen fünf Jahre lang dem Phänomen illegaler Märkte gewidmet hat.

Ausgehend von Fligsteins Architecture of Markets[1] bestellen Beckert und Dewey in ihrem systematisch gut ausgearbeiteten Eingangsbeitrag zunächst das Feld, auf dem sich die kommenden Beiträge verorten. Konsequent einer marktsoziologischen Perspektive verschrieben, teilen sie zum einen alle Beteiligten illegaler Wirtschaftspraktiken in Verkäufer und Käuferinnen ein, die unter den Bedingungen des Wettbewerbs Produkte gegen Geld austauschen. Den Kern ihrer Überlegungen bildet zum anderen eine Typologie illegaler Märkte, die sich in markanter Präzision gegen die bislang eher legalistische Tradition wirtschaftssoziologischer Analysen stellt.

Trotz der Bandbreite ihrer Themen geht die Mehrzahl wirtschaftssoziologischer Forschungsarbeiten von der Annahme aus, wirtschaftliche Austauschbeziehungen seien naturgemäß gesetzeskonform. Illegale Praktiken ebenso wie deren Bedingungen und Effekte bleiben folglich entweder weitgehend unbeachtet oder sie werden im Eifer wissenschaftlicher Klassifizierung dem Feld organisierter Kriminalität zugeordnet. Dem setzen Beckert und Dewey die These entgegen, dass „extra-legal arenas of exchange and illegal practices“ (S. 2) in den Ökonomien der Gegenwart einen wichtigen Stellenwert einnehmen. Illegalität in Märkten sei nicht einfach ein parasitäres Phänomen an den Rändern der Ökonomie, sie sei vielmehr integraler Bestandteil der kapitalistischen Akkumulation: Unter den Bedingungen einer „hypercompetitiveness“ (S. 25) und selbstgesetzten Profitabilitätsmargen in Unternehmen gehöre sie zu den konstitutiven Elementen der kapitalistischen Ökonomie. Sie falle in die Arena des regulären Tauschs von Gütern und Dienstleistungen gegen Geld, schließlich seien kaum alle einzelnen Elemente einer Transaktion illegal, sondern meist nur ein Teil davon. Beckert und Dewey liefern eine Typologie von fünf unterschiedlichen Formen der Illegalität: Bei Typ 1, dem bislang die meiste Forschungsaufmerksamkeit gewidmet wurde, ist das Gut beziehungsweise der Service an sich (Drogen, Kinderprostitution) bereits verboten. Typ 2 bezieht sich dagegen auf gestohlene Waren (etwa Autos oder Antiquitäten), bei denen das Produkt zwar legal, aber die Verkäuferin illegal in dessen Besitz gekommen ist. Unter Typ 3 fassen die Autoren derweil Produktfälschungen, bei denen nicht zwingend der Besitz verboten ist (Kunstfälschungen), allerdings aber der Handel mit ihnen. In Typ 4 werden dagegen jene Fälle des Handels zusammengefasst, in denen das Gut selbst zwar legal, jedoch unabhängig von Diebstahl oder Fälschung als gehandeltes Produkt gar nicht zugelassen ist (Organhandel). Bei Typ 5 hingegen sind sowohl Produktion, Austausch und Konsum des betreffenden Produkts prinzipiell legal, beim Vertrieb jedoch werden legale Richtlinien übertreten (Zigarettenschmuggel, Diamantenexport).

An dieser Typologie arbeiten sich die Autor*innen in den kommenden Texten ab. Mit fortschreitender Lektüre offenbart sich dabei, dass die Beiträge des Sammelbandes die Abgrenzung der illegal von den informal markets nicht vollends durchhalten können. Typ 3 und 5 lassen bereits zu Beginn des Bandes erste Verbindungslinien zu den von Mörtenböck und Mooshammer anvisierten Phänomenen erkennen. Auch im weiteren Verlauf legen die einzelnen Beiträge mit einer imponierenden Fülle an Beispielen illegaler Märkte wiederkehrend eine Reihe von Schnittstellen in den Ökonomien und der sie ordnenden Rahmenbedingungen offen. Zwar verliert sich in ihnen die eingangs angenommene konzeptionelle Distinktheit (S. 3) zwischen Informalität und Illegalität nur an einigen Stellen gänzlich, dennoch wird in der Mehrheit der Texte die Tauglichkeit eines binären Codes von legal-illegal fraglich und stattdessen an Begriffen wie „quasi-illegal“[2] das Verhältnis von illegal zu informell und illegitim ausgelotet.

Renate Mayntz macht für derlei Überlegungen den Anfang: Mit dem Begriff einer „legitimate illegality“ (S. 40) stellt sie in ihrem kompakten konzeptionellen Auftakt das soziologische Mikroskop überzeugend auf das Kernproblem einer Analyse illegaler Praktiken scharf. Es besteht vor allem in der performativen Spannung, die gesetzliche Regelungen dann erzeugen, wenn bei ihrer Befolgung formale Legalität und soziale Legitimität auseinanderfallen. Um tatsächlich regelkonformes Verhalten zu bewirken, müssen formal legale Regelungen, als legitim erachtet werden. Und selbst dann lassen sie in ihrer Interpretationsoffenheit häufig Raum für legale Grauzonen des Handelns. Anhand von regulatorischen Schlupflöchern und nicht sanktioniertem Regelbruch werden mit Mayntz die Überlappungen zu einer informellen Ökonomie identifizierbar. Die nachfolgenden Beiträge, die von Organhandel bis Financial Crime eine breite Themenpalette behandeln, geben einen gut sortierten Einblick in drei Bedingungen, auf die eine solche legitime Illegalität angewiesen ist: (1) Geheimhaltung, (2) Selektivität bei der staatlichen Durchsetzung von Regeln und (3) dynamische Definitionen.

In Bezug auf Geheimhaltung lassen sich in den vielseitigen Marktwelten vor allem zwei Strategien identifizieren: entweder gilt das Prinzip der absoluten Verschwiegenheit oder der Einsatz einer eingeweihten Mittelsperson. Während Philippe Steiner für den transnationalen Markt des Organhandels die Notwendigkeit einer „second-order-secrecy“ (S. 57) einführt, in der das Wissen um die Praxis der Geheimhaltung selbst geheim bleibt, übernimmt bei Ronen Palan die Steueroase die Funktion eines „veil of secrecy“ (S. 114). Für die Real-Toni Sopranos der Zukunft wirkt eine Kombination aus Derivaten, Aufspaltung von Einkommensressourcen, Verteilung von Eigentum auf mehrere kleine Unternehmen und verschiedene nationale Jurisdiktionen sowie vollständiger Immunität als funktionstüchtiger Katalysator für die Geldwäsche, mit dem ihrem „going legit“ (S. 118) nichts im Wege steht. Während bei Organhandel und Steuerhinterziehung umfassende Verschwiegenheit herrscht, funktionieren die übrigen Beispielfälle über respektable Mittelspersonen. Im „grey market“ der Antiquitäten bei Simon Mackenzie und Donna Yates ist das zunächst der etablierte Kunsthändler, der der Käuferin einen Bund des Schweigens offeriert. Auf den Sammlermärkten der privaten Kollektionen machen sich in der Regel weder der Kunsthändler, der als Vertrauter der engen Zirkel des regulären Kunstmarktes nach einer Interessentin sucht, noch der Käufer falsche Vorstellungen von den „illicit origins“ (S. 77) der gehandelten Artefakte. Falsche Dokumente ihres Reisewegs, gesicherte Anonymität für Käufer und Händlerin selbst in öffentlichen Auktionen, der allgemeine Verzicht auf die Überprüfung der Legalität und die generelle Praxis, nicht zu viele Fragen zu stellen, gelten als für den Kauf ausreichende Bedingungen. Ist im Kunstmarkt die Reputation der Händlerin, die gleichermaßen für Geheimhaltung und Produktqualität bürgt, entscheidend für das Geschäft, ist es im Onlinemarkt des Datendiebstahls die Figur des Administrators. Unter den Bedingungen von Anonymität und der „substantial information asymmetry“ (S. 94) installiert sie als unbeteiligte Dritte Vertrauen, indem sie sich auf den Plattformen des Datenhandels als Mittelsperson einschaltet, Verkäuferinnen bewertet und Käufe überwacht. Auf dem Markt des financial engineering bei Robert Tillman erzeugen derweil innerhalb des Kollegiums verabredete high-speed trades die nötige Geschwindigkeit, um die „pump and dump schemes“ (S. 292) der gegenwärtigen Finanzdienstleister zu verdecken.

Dass Geheimhaltung aber oft nicht ausreicht, um die Übergänge von illegalen zu legalen Transaktionen zu gewährleisten, darauf gehen die Beiträge von Matías Dewey, Kirsten W. Endres und Boris Samuel ein. Von argentinischen Kleidungsfälschern auf dem 18 Hektar großen Markt La Salada in Buenos Aires, über vietnamesische Grenzmärkte bis hin zum Lebensmittelmarkt in Mauretanien beobachten sie, dass diese Übergänge selten ohne die informelle Unterstützung staatlicher Instanzen auskommen. Wird in La Salada der bezahlte Schutz der Händlerinnen durch Polizei und politische Institutionen über ein zentrales System von „fee zones“ (S. 128) an den Verkaufsständen der Kleidungsausstatter organisiert, fließt das zu zahlende Bestechungsgeld in den vietnamesischen Grenzmärkten unter der Bezeichnung „making law“ (S. 147) direkt bei Landesübertritt in die Kasse der Grenzzölle. In Mauretanien sind derweil mit den sogenannten „boutiques solidarité“ (S. 279) eine Reihe von „state-sponsored illegal transactions“ (ebd.) entstanden, die den landesweiten Handel mit subventionierten Grundnahrungsmitteln in Form von Schmuggel und Klientelismus anheizen. Die Beiträge zeigen eindrucksvoll: Dieses Zusammenspiel von illegalem Handel und legaler Gewährleistung kann in allen Fällen weniger auf einen passiven Ausdruck staatlichen Versagens reduziert, sondern muss vielmehr als Ausdruck eines aktiven „selective enforcement“ (S. 125) von Regeln verstanden werden. Durch die finanziellen Einnahmen für den Staat und den organisierten Schutz für die Verkäuferinnen entsteht auf diese Weise eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten – auch wenn die Verteilung der Gewinnsummen oftmals ungleich ausfällt.

Mit der performativen Rolle rechtlicher Definitionen kehrt der letzte Themenblock schließlich zum Ausgangspunkt zurück, nämlich zum Kernproblem der „legitimate illegality“. Obwohl sie begrifflich teils mit „contested illegality“ (S. 177) argumentieren, treffen sich die Beiträge hier dennoch mit der Mayntz’schen Problembeschreibung. Durch die Wandlungsfähigkeit von rechtlichen Definitionen wird die Spannung zwischen Legalität und Illegalität einerseits zu einem vornehmlich semantischen Problem, das sich im transnationalen Handel verschärft. Andererseits wird die handlungspraktische Wirkung dieser Definitionen innerhalb einer Jurisdiktion maßgeblich dadurch bestimmt, ob sie als legitim erfahren werden oder nicht. Wie gewichtig solche Legitimationsüberzeugungen für die Durchsetzung rechtlicher Regelungen sein können, vermögen die Beiträge zu den Märkten des medizinischen Marihuanavertriebs und Diamantenhandels zu belegen. Während die Leserin im Aufsatz Cyrus Diouns im informell organisierten „Buyers‘ Club“ (S. 167) einen Markt für Cannabis beobachtet, der einen Prozess der Legalisierung medizinischen Marihuanakonsums einleitet, weist die legitimierende Kraft beim Rhino Horn (Annette Hübschle) in die entgegengesetzte Richtung: Obwohl der Handel mit Nashornhörnern seit den 1970er-Jahren durch das regulatorische Rahmenwerk zum Schutz gefährdeter Arten (CITES, S. 185) weitgehend illegalisiert wurde, werden die Vorgaben aber als illegitimes Erbe der Apartheid abgelehnt und in einer breiten Praxis des informellen Handels unterwandert. Eines haben die Analysen dennoch gemeinsam, nämlich den Einfluss exogener Stressfaktoren, die sich auch bei Mörtenböck und Mooshammer finden. Ist es im Diamantenmarkt von Sierra Leone (Nina Engwicht) die politische Destabilisierung durch Arbeitslosigkeit, die den illegalen Abbau der Edelsteine landesweit als lästige, aber ehrliche Arbeit für die verarmte Landbevölkerung und Migranten legitimiert, ist es im illegalen Alkoholmarkt Russlands (Vadim Radaev) das Zusammenspiel von Finanzkrise und Einkommenseinbußen seit 2008, die den Kauf von unlizenziertem Alkohol und Steuerhinterziehung begünstigt haben.

Legt man die beiden Bücher nebeneinander, lässt sich eine äußerst lesenswerte Lektüre bilanzieren. Jedoch offeriert der Blick in das Laboratorium soziologischer Begriffsarbeit auch eine Arbeit mit offenem Ausgang. Während der Binärcode von legal/illegal droht, das Phänomen allzu sehr zu begrenzen, mangelt es der einheitlichen Verwendung des Informalitätsbegriffs für Steuerhinterziehung, ebenso wie für nicht regulierte Aktivitäten von Beschäftigten im Niedriglohnsektor und im illegalen Handel umgekehrt an definitorischer Trennschärfe. In der Zusammenschau präsentieren beide Bücher daher am Ende weniger das vollständige Bild einer Schattenökonomie der Gegenwart, sondern eher ein Forschungsfeld der Zukunft, das soziologisch noch am Anfang steht. Mit der Selektivität staatlicher Sanktionierung auf der einen und transnationalen Konzernen auf der anderen Seite liefern die Publikationen interessante Hinweise darauf, dass ein solches Forschungsvorhaben weder mit den Reinheitsgeboten eines black versus white markets auskommt noch einem methodologischen Nationalismus verhaftet sein darf. Bezüglich der legitimate illegality und den formalen Schlupflöchern muss die Analyse jedoch feinkörniger ausfallen als die bloße Unterscheidung zwischen formal/legal und informell/illegal, will sie die fließenden Übergänge, Varianzen und Gestaltwechsel ökonomischer Realitäten erfassen.

Fußnoten

[1] Neil Fligstein, The Architecture of Markets. An Economic Sociology of Twenty-First-Century Capitalist Societies, Princeton, NJ 2001.

[2] Siehe der Beitrag von Letizia Paoli und Victoria A. Greenfield, S. 246.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher und Wibke Liebhart.