Vom rechten Glauben

Frances FitzGerald beschreibt den Aufstieg der „Christlichen Rechten“ in den USA

Religion, Frömmigkeit und religiöse Kultur bilden eines der Felder, auf dem sich die USA deutlich von Europa unterscheiden und auf dem sich die beiden Weltteile vor allem seit 1945 auseinanderentwickelt haben. Während sich insbesondere das westliche Europa etwa seit den 1970er-Jahren rasant entchristlicht und entkirchlicht hat, sind die Vereinigten Staaten im gleichen Zeitraum ein immer religiöseres Land geworden. Kirchen und Religionsgemeinschaften erfreuen sich dort ungebrochenen Zulaufs, und die religiöse Kultur ist so divers wie lebendig. Mit der Christian right betrat Ende der 1970er-Jahre ein neuer politischer Akteur die Bühne, der den Neokonservatismus im Zeitalter Ronald Reagans maßgeblich geprägt hat. Das Aufkommen der "Christlichen Rechten" führte zu einer grundlegenden Verschiebung im politisch-kulturellen Koordinatensystem der USA: Es ist ihr seither in erstaunlichem Maße gelungen, die Themen der öffentlichen Debatte zu bestimmen und sie christlich-moralisch aufzuladen. Deshalb ist seit den 1990er-Jahren über Fragen von Ehe und Familie, außerehelichem Sex und Abtreibung, Homosexualität und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften zu regelrechten Kulturkämpfen gekommen, die die sozialmoralische Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft rasant beschleunigt und dramatisch vertieft haben.

Fragt man sich als Historiker, weshalb sich die USA, deren Kirchen- und Religionsgeschichte doch weitgehend von europäischen Religionsgemeinschaften geprägt wurde, vor allem im 20. Jahrhundert in eine andere Richtung entwickelt haben als Europa, so stößt man schnell auf die Tradition und Kultur des protestantischen Evangelikalismus. Dessen Geschichte hat Frances FitzGerald in ihrer monumentalen und elegant geschriebenen, so kenntnis- wie faktenreichen Gesamtdarstellung von den kolonialen Anfängen bis zur Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA auf 740 Seiten aufgearbeitet.

In FitzGeralds Werk wird der Evangelikalismus weniger als eine bestimmte theologische Doktrin greifbar denn als ein bestimmter Stil protestantischer Frömmigkeit, der mit den Glaubensüberzeugungen verschiedener evangelischer Religionsgemeinschaften vereinbar ist. Das wohl zentrale Element dieses Stils ist eine sehr emotionale, mitunter ekstatische Form der Religiosität, die in einer persönlich gefühlten Gotteserfahrung ankert. Das Herz, nicht der Kopf, ist für Evangelikale das Medium religiöser Wahrheit; es geht ihnen um den gefühlten, nicht um den intellektuell erschlossenen Gott.

Bekanntlich wurzelt die Weltsicht der Evangelikalen in der calvinistischen Prädestinationslehre, die freilich im Zuge der großen Erweckungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts evangelikal überformt und damit in ihrer Anschlussfähigkeit für viele religiöse Gruppen erweitert wurde. Demnach sind der Lauf der Welt wie auch das Leben des Einzelnen auf Erden und seine mögliche Erlösung im Jenseits von einem allmächtigen Gott vorherbestimmt, dessen Größe und Herrlichkeit sich dem menschlichen Verstand entziehen. Alles, was der Einzelne demnach tun kann, ist, ein frommes, gottgefälliges Leben im Einklang mit den Lehren der Bibel zu führen und zu hoffen, dass Gottes Gnade ihn im Jenseits erlöst; wissen kann er es nicht, und schon gar nicht kann er es durch gute Taten im Hier und Jetzt befördern.

Ein weiterer Ankerpunkt evangelikaler Weltsicht, auch das ist allgemein bekannt, ist der Gedanke der Erbsünde, die Überzeugung von der grundsätzlichen Sündhaftigkeit aller Menschen. Vor diesem Hintergrund ist es ein Anliegen evangelikaler Christen, den Einzelnen zur Einsicht in seine eigene Sündhaftigkeit zu bewegen. Der einzige Ausweg aus dem Leben in Sünde ist die persönliche Hinwendung zu Gott in einem vor aller Augen sichtbar demonstrierten Akt der Konversion, der Wiedergeburt als bekennender Christ, der sein Leben auf die Grundlage der Zehn Gebote und anderer Lehren der Bibel zu stellen bereit ist.

Der Evangelikalismus und die evangelikalen Christen – so die zentrale These von FitzGeralds Buch – sind ein religiös-kultureller Faktor, der die Politik, Kultur und Moralität der amerikanischen Gesellschaft seit ihren kolonialen Anfängen auf umfassende, aber auch höchst widersprüchliche Weise geprägt hat. Folgerichtig grenzt sich Evangelicals von anderen Darstellungen, die den Evangelikalismus als ein immer wieder bloß momenthaft aufscheinendes, exotisches oder ephemeres Phänomen behandeln, deutlich ab, um ihn stattdessen als einen der zentralen kulturprägenden Faktoren der amerikanischen Geschichte zu identifizieren. Dabei konzentriert sich das Buch auf weiße evangelikale Protestanten. Die Kirchen und Glaubensgemeinschaften anderer ethnischer Gruppen wie beispielsweise der Afroamerikaner und der Latinos, unter denen durchaus ebenfalls evangelikale Gruppierungen zu finden sind, werden ausgeblendet. Die weißen evangelikalen Christen machen gegenwärtig rund 25 Prozent der amerikanischen Wählerschaft aus, und sie haben 2016 zu über 80 Prozent für Trump gestimmt.

FitzGerald breitet die Geschichte des Evangelikalismus und der evangelikalen Christen in den USA in 17 Kapiteln aus, wobei der Schwerpunkt deutlich auf den Entwicklungen nach 1945 liegt, denen allein zwölf Kapitel gewidmet sind. Hinzu kommen ein kurzes Glossar, ein umfassender Anmerkungsapparat, eine auf die wichtigsten Werke der Forschungsliteratur konzentrierte Bibliografie sowie ein Index.

FitzGerald lässt ihre Darstellung zu Recht mit der Kolonialzeit einsetzen, in der das "Erste Große Erwachen" der 1730/40er-Jahre die Grundlagen für die evangelikale Transformation der protestantischen Kultur in Nordamerika legte, bevor dann das "Zweite Große Erwachen" in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Evangelikalismus zur dominanten Form protestantischer Christlichkeit aufsteigen ließ, die die amerikanische Kultur nicht zuletzt deshalb so nachhaltig beeinflusst hat, weil evangelikale Christen fortan die Schulen, Universitäten und anderen kulturellen Einrichtungen des Landes weitgehend kontrollierten.

Im Anschluss berichtet FitzGerald von den evangelikalen Strömungen im Norden und Süden der USA vor dem Bürgerkrieg, die in der Frage der Sklaverei oft entgegengesetzte Positionen vertraten, und erläutert dann die theologisch-weltanschaulichen Kontroversen zwischen liberalen und konservativen Evangelikalen im Zeichen des Durchbruchs der industriellen Moderne im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Vor diesem Hintergrund wendet sie sich schließlich dem erbitterten Kampf innerhalb des evangelikalen Lagers zu, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausbrach, als die konservativen Evangelikalen eine Allianz mit der neuen Strömung des christlichen Fundamentalismus eingingen. Diese Kontroverse kulminierte im Jahr 1925 in dem berühmten Gerichtsverfahren gegen den Lehrer John T. Scopes, der entgegen des staatlichen Verbots die Darwin‘schen Evolutionstheorie in seinen Unterricht einbezogen hatte. Der Prozess entwickelte sich zu einer öffentlich ausgetragenen Kontroverse über die Geltung der fundamentalistischen Bibelauslegung, in der die liberale Seite den Sieg davontrug und vorübergehend eine gewisse Meinungshoheit errang.

Allerdings war die Marginalisierung der Fundamentalisten nur von kurzer Dauer. Der christliche Fundamentalismus evangelikaler Prägung erlebte nach 1945 ein kaum für möglich gehaltenes Comeback und wurde in den 1970er-Jahren zur treibenden Kraft hinter dem Aufstieg der "Christlichen Rechten", wie FitzGerald detailliert, quellennah und sehr luzide darlegt. Es wird deutlich, wie sich die "Christliche Rechte" als Gegenbewegung zu den Emanzipations- und Liberalisierungsbestrebungen der 1960er-Jahre formierte, wie sie sich unter dem Einfluss Jerry Falwells und seiner "Moral Majority" bis zum Ende der 1970er-Jahre zunehmend politisierte und zu einer wichtigen Kernwählergruppe der Republikanischen Partei entwickelte, was dann 1980 entscheidend dazu beitrug, dass Ronald Reagan zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Reagans Einzug ins Weiße Haus steht für einen konservativen Phasen- und Paradigmenwechsel in der amerikanischen Politik, der bis heute anhält.

Allerdings blieb das Verhältnis der "Christlichen Rechten" zur Republikanischen Partei immer problematisch, weil sich die evangelikalen Hoffnungen auf eine umfassende christliche Erneuerung von Politik und Gesellschaft der Vereinigten Staaten auch in Zeiten republikanischer Mehrheiten nicht erfüllten. In den 1990er-Jahren führten dann weder die evangelikalen "Kulturkriege" gegen liberale Lebensentwürfe noch der militante Kreuzzug gegen die Person und Politik von Präsident Bill Clinton zum erhofften Triumph christlich-fundamentalistischer Positionen. Unter George W. Bush fand die "Christliche Rechte" zwar wieder mehr Gehör und gewann politischen Einfluss zurück, doch überschnitt sich dieses Wiedererstarken mit einem tiefgreifenden Generationenwechsel: Viele der Führungsfiguren der 1980/90er-Jahre starben oder zogen sich altersbedingt aus der Öffentlichkeit zurück. Während der Präsidentschaft Barack Obamas kam es schließlich zu einer grundlegenden Transformation der "Christlichen Rechten", die, wie FitzGerald im letzten Kapitel eindrücklich zeigt, aus einer Allianz mit der neu auf die politische Bühne getretenen konservativ-populistischen Tea-Party-Bewegung resultierte.

Die chronologisch angeordneten Kapitel des Buches sind analog aufgebaut: Die Darstellung beginnt jeweils mit einer Skizze des allgemeinen historischen Kontexts, bevor sie sich den Entwicklungen innerhalb des evangelikalen Lagers zuwendet. Theologische und politische Grundpositionen werden beleuchtet, Kontroversen umrissen und ihre Protagonisten vorgestellt, wichtige Aspekte mit prägnanten Quellenzitaten versehen. Evangelicals präsentiert seinen Gegenstand durchweg konkret, inhaltlich präzise und reich an historischem Detail, ohne dabei je Gefahr zu laufen, sich im faktologischen Klein-Klein zu verlieren. Es gelingt der Autorin souverän, ihre Darstellung immer wieder auf argumentative Grundlinien und Thesen zurückzuführen.

FitzGeralds in stupender Gelehrsamkeit präsentierte Geschichte des Evangelikalismus in den USA arbeitet mehrere Aspekte klar heraus, die nicht nur für sich genommen historisch relevant sind, sondern zugleich einen wesentlichen Beitrag zur Einordnung der Gegenwart leisten. Die Evangelikalen werden erstens als eine sehr heterogene, in sich vielfältig differenzierte Gruppe erkennbar. Eine zentrale Frage, an der sich immer wieder die Geister schieden, ist die, ob sich Christen überhaupt in die Händel dieser Welt einmischen oder ihr Sinnen und Trachten nicht vielmehr doch ganz auf die nächste Welt richten sollten, um Gott gewissermaßen nicht ins Handwerk zu pfuschen. In diesem Zusammenhang erscheint insbesondere die Politisierung der Evangelikalen in den 1970er-Jahren alles andere als selbstverständlich, sondern im Gegenteil sowohl theologisch als auch historisch erklärungsbedürftig.

Damit hängt eine zweite wichtige Einsicht unmittelbar zusammen: Der Evangelikalismus ist nicht per se konservativ, sondern hat immer auch eine liberale Spielart gehabt, die sich mit durchaus populistischem Impetus gegen etablierte Kirchenhierarchien und Eliten wenden und darüber hinaus zu einem Antriebsmotor sozialer Reform werden konnte. Die Beispiele, die FitzGerald ausbreitet, sind vielfältig. So engagierten sich evangelikale Christen in den Reformbewegungen des frühen 19. Jahrhunderts – etwa für eine Erneuerung des Gefängniswesens, die Verbesserung des Schulwesens oder die Temperenz –, stellten sie wichtige Akteure der Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei oder auch im Reformprojekt des "Social Gospel", der sich Ende des 19. Jahrhunderts den Kampf gegen die sozialen Ungerechtigkeiten und Missstände in der nunmehr voll entwickelten industriellen Gesellschaft auf die Fahnen schrieb.

Drittens schließlich macht FitzGeralds Werk eindrücklich klar, dass die Verbindung von christlichem Fundamentalismus und Evangelikalismus keineswegs selbstverständlich oder unumstritten ist. Sie ist vielmehr das Ergebnis einer historischen Entwicklung, die nur einen Teil des evangelikalen Spektrums erfasste und einen tiefen Riss zwischen Fundamentalisten und Liberalen innerhalb des evangelikalen Lagers entstehen ließ. Bis heute gilt, dass längst nicht alle evangelikalen Christen in den USA zugleich auch einer fundamentalistischen Bibelauslegung und Weltsicht zuneigen sind oder der "Christlichen Rechten" angehören – eine Tatsache, die noch an Evidenz gewinnt, wenn man die nichtweißen Evangelikalen in die Betrachtung einbezieht, was FitzGerald freilich nur ganz am Rande tut.

Natürlich waren viele Entwicklungen, Zusammenhänge und Einzelheiten, die Evangelicals für die einzelnen historischen Epochen ausbreitet, schon bekannt. Allerdings ist dieses Wissen bislang noch kaum je in einem solch weiten historischen Bogen zusammengespannt und reflektiert und nuanciert dargestellt worden wie hier. Der Wert des Buches liegt mithin in seiner beeindruckenden Syntheseleistung, die es zweifelsohne zu einem Standardwerk machen wird.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stefan Mörchen.