Wahrer und falscher Konservatismus

Rezension zu „Nationale Hoffnung und konservative Enttäuschung. Zum Wandel des konservativen Nationenverständnisses nach der deutschen Vereinigung“ von Florian Finkbeiner

Was bedeutet es, konservativ zu sein? Mit dieser Frage hadert auch Florian Finkbeiner in seiner in der Schriftenreihe des Göttinger Instituts für Demokratieforschung erschienenen Dissertation zum „Wandel des konservativen Nationenverständnis nach der deutschen Vereinigung“. Was konservative Politik ausmacht, ist bekanntlich eine Frage, die nicht zuletzt von Konservativen selbst unterschiedlich beantwortet wird. Während Sozialisten auf die soziale Gerechtigkeit verweisen können und Liberale auf den Vorrang individueller Freiheit, lässt sich ein entsprechender inhaltlicher Kern des Konservatismus nicht so leicht ausmachen. Zweifellos gibt es Grundfiguren, die konservatives Denken auszeichnen. Zu ihnen zählen etwa die Anerkennung menschlicher Unvollkommenheit und die Annahme, dass der Mensch einen Bedarf an Transzendenz hat, aber auch eine grundsätzliche Wertschätzung des common sense und die Auffassung, dass das Individuum stets in geschichtliche Erfahrung eingebettet ist (S. 46). Diese Denkfiguren werden aber unterschiedlich akzentuiert. Und was daraus politisch folgt, hängt von der Ausgangslage und den Umständen ab.

Diesem Wandel konservativer Positionen im Zusammenspiel mit den spezifischen politischen und sozialstrukturellen Umbrüchen in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik gilt Finkbeiners Interesse. Die Hauptthese des Buches wird im Titel „Nationale Hoffnung und konservative Enttäuschung“ vorweggenommen: In den späten 80er- und frühen 90er-Jahren erhoffte man sich im von „68“ traumatisierten konservativen Lager neue Impulse, die ein verstärkter Bezug auf die Nation liefern sollte. Doch als der nationale Neuaufbruch nach 1990 politisch relativ wirkungslos verpuffte, reagierte man darauf mit einer trotzigen Radikalisierung, die die eigene Marginalisierung nur noch verstärkte.

Das konservative Lager fasst Finkbeiner dabei nicht parteipolitisch, sondern als intellektuelles Milieu, in dem ein „komplexes Deutungssystem“ geteilt wird (S. 18). Denn das Verhältnis zu den Parteien selbst war eine der Streitfragen in diesem Milieu. Zwar gab es zunächst eine Affinität zur CDU, die schlug aber zunehmend in Enttäuschung und Distanz um. Umgekehrt firmierte in der CDU – anders als etwa bei den britischen Tories – das Label „konservativ“ nie als Selbstverständnis der gesamten Partei. Insofern ist plausibel, dass der deutsche Konservatismus im Sinne einer intellectual history vor allem über ausgewählte publizistische Vertreter erschlossen wird. Betrachtet werden insbesondere die in der breiten Öffentlichkeit eher unbekannte, für die konservative Selbstverständigung aber wichtige Zeitschrift Criticón und die Schriften einiger ihrer Autoren.

Ausgangspunkt der Analyse ist die These, dass die „Nation“ dem Konservatismus ursprünglich fremd ist. Zu dessen Grundmotiven gehört sie in der Tat nicht. Finkbeiner veranschaulicht das schön mit Theodor Fontanes literarischer Figur Dubslav von Stechlin, der seinem Diener untersagt, an die preußische Flagge noch den roten Streifen der Reichsfahne anzubringen: Weil „das alte hält gerade noch“, aber „wenn du was Rotes drannähst, dann reißt es gewiß“ (S. 9). Die Weimarer Zeit passt nicht so ganz zur These, für die Bundesrepublik aber trägt sie durchaus. Anders als dem nationalistischen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher lag etwa Adenauer der katholische Charles de Gaulle politisch näher als die protestantischen Landsmänner in Ostdeutschland. Vor diesem Hintergrund erscheine, so die Pointe, die heute geläufige Assoziation von Konservatismus und Nation als erklärungsbedürftige „mesalliance“ (S. 309).

Die Erklärung läuft dann darauf hinaus, dass der alte, primär durch Religion und Glaube gestützte Konservatismus unter dem Druck gesellschaftlicher Liberalisierung und Säkularisierung immer weniger attraktiv wurde und so nicht mehr mehrheitsfähig war. Eine Antwort auf die politische Herausforderung durch „68“ (als Chiffre für das Ende der politischen Hegemonie von rechts wie für verschiedene soziale Modernisierungsphänomene) ließ sich so nicht mehr entwickeln. In dieser Situation bot sich die Nation als Ersatz an, in die alle möglichen Sehnsüchte projiziert werden konnten. Als integrierendes Kollektiv sollte sie der Individualisierung entgegenwirken, als Schicksalsgemeinschaft den nach Sinn suchenden Menschen wieder in der Geschichte verankern und als Souverän eine über dem Streit stehende Quelle echter Autorität und Staatlichkeit bilden. All das hatte Finkbeiner zufolge aber einen klar instrumentellen Charakter. Nation beschrieb weder, wie noch im liberalen Nationalismus von 1848, ein egalitäres Ideal, noch einen pragmatischen „ordinary day-to-day“-Handlungsrahmen, wie es etwa in national orientierten Ethiken oder im britischen Konservatismus seit Burke[1] der Fall war, sondern wurde als notwendige „Basis“ (S. 353) für alle möglichen Hoffnungen vorausgesetzt. Der Bezug auf die Nation sollte das eigene Lager politisch voranbringen, beruhte aber nicht auf substanziellen Argumenten: „Das Wesen und der Wert einer ‚Nation‘ werden nicht theoretisch (...) diskutiert, sondern ihre Wirkung wird postuliert“ (S. 180). Das Resultat war eine konzeptionell unausgegorene, „flexibel-taktierend[e]“ (S. 342) Synthese aus den beiden Idealtypen der staatsbürgerlichen Willensnation einerseits und der unpolitischen Kulturnation andererseits. Nation sei Schicksal, zu dem man sich aber willentlich bekennen müsse. Oder umgekehrt: Wille, aber kein freier.

Die allgemeine These der Nation als Ersatzreligion ist an sich nicht neu.[2] Interessant ist aber, dass sie hier eine plausible Erklärung für die Radikalisierung des konservativen Lagers liefert, auch wenn diese im Buch mehr angedeutet als expliziert wird. Das Argument scheint ungefähr das folgende zu sein: Obgleich Nation bisweilen analog zur religiösen Gottesvorstellung als Absolutes, Unhinterfragbares aufgefasst wird, ist sie das in Wirklichkeit natürlich nie. Die Nation muss sich als vorgestellte Gemeinschaft in der Pluralität der Welt bewähren und ist damit der innerweltlichen Kontingenz ausgeliefert. Letztere ist nicht zuletzt Folge des Umstands, dass man sich eine Nation nicht alleine vorstellt, so dass sie unausweichlich einer „Vieldeutigkeit“ (S. 355) und damit Deutungskämpfen unterliegt. Im speziellen deutschen Falle lässt sich zudem konstatieren, dass eine deutsche Nation, die nicht im höchsten Maße umstritten war, eine historische Ausnahme darstellte. Das aber hieß, dass die Nation gerade nicht garantieren konnte, was die Konservativen sich von ihr ersehnten – verbindliche Integration, tiefen Sinn, höchste Autorität. Statt diese Ansprüche auf ein realistisches Maß zurückzuschrauben, verbiss man sich aber erst recht in ihnen.

Nachdem die deutsche Vereinigung fast über Nacht realisiert und Deutschland so vermeintlich „in die Geschichte zurückgerufen“ wurde, wie ein Criticón-Autor meinte, war die Euphorie zunächst groß. Doch bald zeigte sich, dass politisch im Großen und Ganzen alles beim Alten blieb. Die 68er dominierten immer noch die Redaktionen, die Westbindung an die ungeliebten Amerikaner bestand trotz des Wegfalls des früheren Gegners im Osten fort und Helmut Kohl führte das vereinigte Deutschland schnurstracks weiter in das vereinigte Europa. Im konservativen Lager reagierte man darauf mit einem „tautologischen Zirkelschluss“ (S. 387): Wenn die Nation die Lösung sei, das Problem aber fortbestehe, dann könne das ja wohl nur heißen, dass die „Wiederherstellung unserer Nation“ eben noch nicht wirklich geglückt sei (S. 341). Die Herausforderungen seien wohl noch nicht scharf genug formuliert, der Ernst der Lage noch nicht hinreichend klar. Neben der Verwirklichung der territorialen Einheit müsse man sich beispielsweise noch mit der deutschen Geschichte (S. 252), sprich dem Nationalsozialismus, und der deutschen „Mittellage“ (S. 197), also der Notwendigkeit einer deutschen „Großraumpolitik“, versöhnen. So begab man sich in eine fatale Spirale aus utopischen Hoffnungen, deren Scheitern durch immer radikalere Forderungen kompensiert wurde. Der Graben zu moderateren, pragmatischen Strömungen des Konservatismus wurde – nicht nur politisch, sondern auch intellektuell – zunehmend unüberwindbar.

Wenig überraschend, weil naheliegend, ist die Auswahl der einzelnen Stationen, entlang derer Finkbeiner diese Evolution schildert, darunter der Historikerstreit, die Debatte über die Berliner Republik, der „anschwellende Bocksgesang“ oder auch die Frage einer neuen internationalen Ordnung nach 1990. Der letzte Punkt ist in meinen Augen einer der interessanteren. Wie Finkbeiner eindrücklich herausstellt, kam hier der während des Kalten Krieges unter der Oberfläche gehaltene deutsche Antiamerikanismus plötzlich wieder hoch, was „entscheidenden Anteil an dieser Radikalisierung“ hatte (S. 305). Denn es war nicht zuletzt die Verwestlichung, die die Konservativen nach 1945 mit der Moderne und der Demokratie versöhnt hatte.

Wenn auch die Fülle des Materials den unbedarften Leser zwischenzeitlich schon mal den Überblick verlieren lässt – etwa wenn akribisch die feinen Unterschiede zwischen den individuellen Protagonisten oder die korrekte Zuordnung zu diversen Unterströmungen diskutiert werden – kann Finkbeiners Analyse als Beitrag zur bundesdeutschen Zeitgeschichte durchaus überzeugen. Politikwissenschaftlich ist es etwas schade, dass die Arbeit so stark auf Deutschland zentriert ist. Natürlich ist es immer leicht, im Nachhinein Desiderate zu formulieren. Aber die Frage, ob in anderen Ländern vergleichbare Entwicklungen stattfinden, drängt sich in der Sache doch auf. Was lässt sich verallgemeinern, was ist spezifisch deutsch? Finkbeiner scheint eher einen deutschen Sonderweg zu sehen. Aber zweifellos haben Konservative auch anderswo mit Säkularisierung und Liberalisierung zu kämpfen. Gelingt es ihnen dort besser, sich anzupassen? Warum? Hierzu finden sich nur knappe Andeutungen. So sei in Frankreich das Verhältnis zur Nation unkomplizierter (S. 355). Dass in Frankreich „nationale Identität kein Thema“ (S. 414) sei, dürfte allerdings spätestens seitdem Sarkozy 2009 eine öffentliche Debatte über die identité nationale lancierte, so auch nicht mehr stimmen. Aber selbst wenn: Heißt das, dass die Nation für konservative Politik in Frankreich tatsächlich jene Rolle zu spielen vermag, für die sie sich in Deutschland als untauglich erwies? Oder weichen französische Konservative auf andere Themen aus? Und ist nicht das komplizierte Verhältnis zur Revolution als dem negativen Gründungsmythos des französischen Konservatismus dafür verantwortlich, dass seit der dritten Republik die meisten Denker und Politiker in Frankreich diese Selbstbezeichnung ganz ablehnten, auch wenn sie sich selbst „rechts“ verorten?[3]                   

Auch mit Blick auf den philosophischen Gehalt des Konservatismus lässt die starke Deutschlandbezogenheit den Leser leicht unbefriedigt zurück. Den untersuchten Protagonisten wird durchaus zu Recht fehlende Originalität und ein generell niedriges intellektuelles Niveau attestiert (S. 394). Mit Kurt Lenk meint Finkbeiner dann jedoch, dass der „Konservatismus überhaupt keine eigenständige theoretische Konsistenz als Ideenwelt beanspruchen könne“ (S. 434). Es muss aber – man möge es mir in Aachen nachsehen – ja nicht alles stimmen, was Lenk schreibt. Soweit es Deutschland betrifft, wird man dem Eindruck intellektueller Dürftigkeit zwar nicht widersprechen wollen. Aber muss das so sein? Anderswo scheint es durchaus neuere Diskussionen über konservatives Denken zu geben, die mehr theoretischen Gehalt besitzen.[4] Finkbeiner leugnet das nicht, rezipiert es aber auch nicht, was auch deswegen schade ist, weil es ihm selbst durchaus ein Anliegen zu sein scheint, so etwas wie einen kritischen Kerngehalt des Konservatismus zu retten. In diesem Sinne zitiert er Horkheimer, der 1970 meinte, der „wahre Konservative“ sei „dem wahren Revolutionär verwandter als dem Faschisten, so wie der wahre Revolutionär heute dem wahren Konservativen verwandter ist als dem sogenannten Kommunisten“ (S. 10).

Aber muss der Konservatismus ausgerechnet von den alternden Frankfurtern aus intellektueller Seenot geborgen werden? Am Ende des Buches taucht das Horkheimer-Zitat erneut auf, begleitet von dem Urteil, dass es sich bei den untersuchten Protagonisten letztlich um „Etikettenschwindler“ handele. Genuin konservative „Tugenden“ wie Demut, Augenmaß und Skepsis gegenüber unbedingten Ansprüchen gingen ihnen gänzlich ab (S. 451). Dieses provokative Urteil impliziert allerdings, dass Konservatismus weniger auf ein konkretes Programm abzielt als auf eine bestimmte Haltung zur Welt und die Voraussetzungen ihrer Herausbildung. Das wäre nochmal eine andere Perspektive als jene Horkheimers, dessen Lob des Konservativen wie mir scheint von der geteilten Ablehnung spezifischer Fehlentwicklungen in der ‚verwalteten Welt‘ herrührte. Finkbeiners implizites Ideal ähnelt auf den ersten Blick hingegen eher dem, was der grüne baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann unlängst als „neue Idee des Konservativen“ in den politischen Ring geworfen hat – eine Idee, die „nicht mehr die ‚festen‘ Gewissheiten der alten Weltbilder“ gewähre, aber „auch nicht im Beliebigen“ versinke, sondern eine Art weltbezogene Urteilskraft über das zu Bewahrende und das zu Gestaltende in den Mittelpunkt stellt.[5] Derartige Entwürfe theoretisch näher auszubuchstabieren, war sicher nicht Finkbeiners Projekt. Aber seine Studie zeigt, warum es notwendig wäre, wenn der Konservatismus eine Zukunft haben soll.

Fußnoten

[1] So schreibt der unlängst verstorbene Vordenker der englischen Konservativen Roger Scruton: „nationalism, as an ideology, is dangerous […]. It occupies the space vacated by religion, and in doing so excites the true believer both to worship the national idea and to seek in it for what it cannot provide […]. But this is not the idea of the nation as this features in the ordinary day-to-day life of the European people. For ordinary people […] the ‚nation‘ means simply the historical identity and continuing allegiance that unites them in the body politic“. Roger Scruton, How to be a conservative. London 2019, S. 32.                 

[2] Friedrich Wilhelm Graf, ‘Die Nation - von Gott “erfunden”? Kritische Randnotizen zum Theologiebedarf der historischen Nationalismusforschung’, in: Gerd Krumeich / Hartmut Lehmann (Hg.), ‘Gott Mit Uns’. Nation, Religion und Gewalt im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Göttingen 2000, S. 295–317.

[3] So Frédéric Rouvillois / Christophe Boutin, Le retour du conservatisme correspond à une aspiration profonde des Français, https://www.lefigaro.fr/vox/politique/2017/12/01/31001-20171201ARTFIG00267-le-retour-du-conservastisme-correspond-a-une-aspiration-profonde-des-francais.php (28.10.2020)

[4] Markus Rutsche, Den Konservatismus politisch denken, in: Zeitschrift für Politische Theorie 6 (2015), 1, S. 118–124.

[5] Winfried Kretschmann, Worauf wir uns verlassen wolle. Für eine neue Idee des Konservativen. Frankfurt 2018, S. 147.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.