Was die Leute bewegt

Heiko Beyer und Annette Schnabel präsentieren eine lesenswerte Einführung in die Theorie sozialer Bewegungen

Warum gehen Menschen auf die Straße? Wie stabilisieren sich soziale Bewegungen? Woran kann man ihren (Miss-)Erfolg festmachen? Auf diese und andere zentrale Fragen der Bewegungsforschung haben zahlreiche Autorinnen und Autoren in den letzten knapp 150 Jahren sehr unterschiedliche Antworten gegeben. Diese Antworten zusammenzufassen und für die gegenwärtige, an systematischen Fragen orientierte Forschung nutzbar zu machen, ist das Ziel der hier zu besprechenden Einführung von Heiko Beyer und Annette Schnabel. Dabei verfolgen die Autor_innen zwei Absichten: Zum einen wollen sie einen Überblick über die Theorien sozialer Bewegungen seit dem frühen 19. Jahrhundert geben; zum anderen haben sie die Absicht, einen „theoretischen Werkzeugkasten“ (S. 12) bereitzustellen, der auch zur Beschreibung aktueller Entwicklungen geeignet ist.

Zu diesem Zweck schreitet das Buch auf knapp 200 Seiten die entscheidenden theoretischen Versuche zur Erklärung sozialer Bewegungen mehr oder weniger chronologisch ab: Nach einem Kapitel zur „Geburt der Bewegungsforschung aus dem Geist des Marxismus“ (S. 22), in dem Marx, Lenin, Lukács und Gramsci behandelt werden (Kapitel 2), folgt ein Überblick über die Erklärungen der Massenpsychologie, der Theorien des Collective Behavior und des Social Strain-Ansatzes (Kapitel 3), bevor die drei im Wesentlichen bis heute prägenden Theoriezusammenhänge in je eigenen Kapiteln dargestellt werden: Die Ressourcenmobilisierungstheorie (Kapitel 4); von den politischen Rahmenbedingungen ausgehende Erklärungsversuche wie der Political Opportunity Structures-Ansatz und das Political Process-Modell (Kapitel 5); sowie diejenigen Theorien, die im Rahmen des cultural turn der Sozial- und Humanwissenschaften ihren Niederschlag in der Bewegungsforschung gefunden haben, wie die Theorie Neuer sozialer Bewegungen, Theorien kollektiver Identität oder der Framing-Ansatz (Kapitel 6). Abgeschlossen wird der Band schließlich mit einer Darstellung jüngerer theoretischer Entwicklungen und aktueller Tendenzen der Bewegungsforschung (Kapitel 7).

Mit diesem Programm ist gewährleistet, dass Studierende und andere Interessierte, die sich mit einer Einführung in das umfangreiche Themenfeld einarbeiten wollen, mit den zentralen Konzepten, Begriffen und Namen vertraut gemacht werden. Auch können Lesende so einzelne, sie besonders interessierende Ansätze gezielt in den Blick nehmen. Dass der beschränkte Umfang des Buches jeglichen Anspruch auf systematische Vollständigkeit von vornherein verhindert, liegt auf der Hand. Doch die entscheidenden Beiträge der einzelnen Ansätze, die gegenseitigen Abgrenzungen und Auseinandersetzungen wie auch die jeweiligen Schwächen der behandelten Ansätze werden gut herausgearbeitet und verständlich dargestellt. Allerdings ist der Band – trotz seines Einführungscharakters – keine leichte Lektüre. Denn da sich die Entwicklung der Theorien sozialer Bewegungen nur im Zusammenhang der allgemeinen sozialwissenschaftlichen Theorieentwicklung seit dem 19. Jahrhundert adäquat verstehen lässt, sind die zu berücksichtigenden Kontextbedingungen enorm. Dem tragen die Autor_innen durch Erläuterungen und Querverweise angemessen Rechnung, wobei die wachsende Informationsfülle gelegentlich auf den Lesefluss durchschlägt.

Der Auseinandersetzung mit den verschiedenen theoretischen Ansätzen vorangestellt ist ein Unterkapitel zur Definition sozialer Bewegungen, das durchaus etwas länger hätte ausfallen dürfen. Die meist ohne erläuternde Kommentierung oder Bewertung erfolgende Aneinanderreihung verschiedener wichtiger Definitionsvorschläge (Zald/Ash, Tarrow, McAdam) erscheint in der Kürze doch etwas beliebig. Zudem wird nicht recht deutlich, wie Beyer und Schnabel auf ihre eigene – in den Augen des Rezensenten durchaus überzeugende – Definition[1] sozialer Bewegungen kommen und wie sie deren Kriterien im Einzelnen verstanden wissen wollen. Dieses Manko ist im Rahmen des Buches zwar insofern durchaus zu verkraften, als sich die Autor_innen im weiteren Verlauf nicht weniger vornehmen als die theoretische Beschreibung sozialer Bewegungen aus zwei Jahrhunderten, in denen sowohl die als soziale Bewegung klassifizierten Phänomene als auch die den Theorien zugrundeliegenden Definitionen variierten. Gleichwohl wäre eine Schärfung des Bewusstseins der Lesenden für diesen Wandel des Gegenstandes im Zeitverlauf schon bei der Definition desselben wünschenswert gewesen, gerade weil es das erklärte Anliegen der Autor_innen ist, auch gegenwartsbezogene Anregungen zur systematischen Erforschung der sozialen Bewegungen des 21. Jahrhunderts zu geben.

Aus der Anlage des Buches resultiert die Notwendigkeit einer historischen Kontextualisierung der Entstehung der vorgestellten Theorien, die die Autor_innen dankenswerterweise zumeist mitliefern. Dabei zeigt sich auch hier, dass der (häufig implizite) Anspruch soziologischer Theorien auf allgemeine Gültigkeit rückblickend häufig schon nach wenigen Jahrzehnten relativiert werden muss. Und dass so manche Theorie, die für sich in Anspruch nimmt, ihre Vorgänger widerlegt zu haben, in erster Linie auf veränderte empirische Rahmenbedingungen reagiert, die neue soziale Phänomene hervorbringen und dementsprechend nach anderen Erklärungen verlangen. Trotz der zumeist vorgenommenen wissenschaftshistorischen und (allerdings weniger konsequent umgesetzten) bewegungshistorischen Einordnungen hätte die Zeitgebundenheit des hier vorgestellten sozialwissenschaftlichen Wissens insgesamt noch stärker herausgestellt werden können. An dieser Stelle könnte die Soziologie von einer Debatte profitieren, wie sie gegenwärtig in der Zeigeschichte um die Verwendung zeitgenössischer sozialwissenschaftlicher Theorien geführt wird und in der danach gefragt wird, inwiefern sozialwissenschaftliche Theorien dazu beitragen, sowohl den Blick ihrer eigenen als auch der nachfolgenden Zeit auf bestimmte Gegenstände zu formen respektive zu verändern.[2]

So arbeiten die beiden Autor_innen beispielsweise heraus, dass der cultural turn sich in der Bewegungsforschung just zu dem Zeitpunkt durchsetzte, als neue kulturelle Ausdrucksformen, Rituale und Identitätspolitiken in den sozialen Bewegungen an Bedeutung gewannen. Das betreffende Beispiel ebenso wie seine Thematisierung durch Beyer und Schnabel sind dabei geeignet, die Fluidität des Gegenstandes der Bewegungsforschung und seiner Grenzen zu verdeutlichen. So wird die Relevanz kollektiver Identitäten von den beiden ausgerechnet an einem Beispiel festgemacht, das vor dem cultural turn vermutlich kaum als soziale Bewegung klassifiziert worden wäre und streng genommen auch ihrer eigenen Definition eigentlich nicht genügt: Gemeint ist die im Punk-Milieu beheimatete Straight-Edge-Bewegung, die mit dem von ihr propagierten Lebensstil – kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen – eher auf die Herausbildung einer kollektiven Identität zielt, als auf die Beeinflussung „mit institutionalisierter Entscheidungsgewalt ausgestattete[r] individuelle[r] oder kollektive[r] Akteur*innen“. (S. 16)

Doch schmälern diese grundsätzlichen Anmerkungen nicht das Verdienst des Buches, das darin besteht, auf verhältnismäßig wenig Raum vergleichsweise viel zu leisten: Mit beeindruckendem Kenntnisreichtum arbeiten sich Beyer und Schnabel durch die vorgestellten Theorien und greifen insbesondere bei komplexen Zusammenhängen (wie beispielsweise dem ‚Free-Rider-Problem‘ in der Ressourcenmobilisierungstheorie) zur Erläuterung immer wieder auf anschauliche Beispiele zurück. Die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entstehungszusammenhänge der vorgestellten Theorien werden von ihnen ebenso deutlich herausgearbeitet wie die jeweiligen Potenziale und Grenzen (beziehungsweise die Vor- und Nachteile) der nicht selten in Konkurrenz zueinander entstandenen Ansätze. Ausgesprochen instruktiv sind auch die aus der forschungspraktischen Anwendung der Theorien herangezogenen Fallbeispiele. Auch wenn sich das Forschungsdesign und die Ergebnisse der referierten Studien auf dem engen Raum nicht immer angemessen darstellen lassen, so machen Beyer und Schnabel doch deutlich, dass es zwischen dem theoretischen Entwurf und seiner tatsächlichen Anwendung im Laufe der Zeit zu mitunter erheblichen Abwandlungen kommen konnte. In Sachen Informationsgehalt, Anschaulichkeit und Verständlichkeit werden die Hauptkapitel dieser Einführung ihrem Zweck jedenfalls voll und ganz gerecht.

Besonders hervorzuheben ist abschließend noch der Ausblick auf „jüngere theoretische Entwicklungen in der Bewegungsforschung“, derer es, wie die Autor_innen zu recht konstatieren, derzeit nicht viele gibt. Hier machen Beyer und Schnabel zwei bedenkenswerte Vorschläge. Erstens regen sie an, soziale Bewegungen mit Hilfe von Judith Butlers Anerkennungstheorie[3] als Kämpfe um Anerkennung verschiedener Identitäten zu deuten und dabei auch die Frage zu stellen, wie sich die Agency protestierender Subjekte überhaupt erst erzeugen oder verschieben lässt. Zweitens schlagen sie vor, Anregungen aus der Körper- und Emotionssoziologie aufzugreifen, um „die Bewegungsforschung um alternative theoretische Erklärungen emotionaler Ansteckung in Menschenmengen und für das Eskalieren von Gewalt in politischen Auseinandersetzungen zu bereichern“ (S. 209). Auch wenn die Auswahl der Vorschläge angesichts zahlloser alternativer Anknüpfungsmöglichkeiten – man denke nur an die mit den beiden vorgeschlagenen Ansätzen verwandte jüngere Praxistheorie oder den spatial turn – beliebig anmutet, scheinen sie doch geeignet, um bislang blinde Flecken der theoretischen Forschung zu sozialen Bewegungen in den Blick zu bekommen. Hier wäre dann jedoch zu fragen, ob eine emotionssoziologisch oder anerkennungstheoretisch ausgerichtete Bewegungsforschung noch den Anspruch haben kann, soziale Bewegungen als ganze zu erklären, oder ob es am Ende nicht um ein besseres Verständnis von wichtigen Teilaspekten sozialer Bewegungen, wie Straßenprotesten, Identitätspolitiken oder dergleichen geht. Für Fragen nach Entstehung und Verlauf sozialer Bewegungen jedenfalls scheinen andere Ansätze, wie – je nach Fokus – der Political Opportunity Structures-Ansatz oder der Framing-Ansatz nach wie vor ergiebiger. Doch wer die Zweifel am überzeitlichen Alleinerklärungsanspruch einzelner Ansätze und Theorien teilt oder einen multiparadigmatischen „theoretischen Werkzeugkasten zusammenstellen“ (S. 12) möchte, wie es die erklärte Absicht von Beyer und Schnabel ist, dürfte sich daran nicht stoßen.

Alles in allem ist den Autor_innen eine kenntnisreiche, konzise und – gemessen an der Informationsdichte – auch gut lesbare Einführung gelungen. Die Beschränkung auf Theorien hebt das Buch von anderen Einführungen zu sozialen Bewegungen in deutscher Sprache ab und ist Studierenden, Lehrenden und anderen Interessierten zur Einarbeitung in das ungemein breite Themenfeld sehr zu empfehlen. Dass die Lektüre des Bandes nicht alle offenen Fragen beantwortet und mitunter auch einige neue entstehen lässt, kann bei einer Einführung nicht ausbleiben. Gleichwohl wird hier das Feld so gut vorsortiert, dass weiteren eigenständigen Recherchen nichts im Wege steht. Vor einer forschungspraktischen Anwendung einer der vorgestellten Theorien – und sei es auch nur im Rahmen einer Seminararbeit – führt an der Lektüre der Originaltexte letztlich ohnehin kein Weg vorbei.

Fußnoten

[1] „Soziale Bewegungen umfassen Phänomene sozialen Handelns, bei denen sich Akteur*innen aufgrund der Unterstellung gemeinsamer Ziele zumindest diffus organisieren und für eine längere Zeit zu einem Kollektiv zusammenschließen, um mit institutionalisierter Entscheidungsgewalt ausgestattete individuelle oder kollektive Akteur*innen im Modus des Konflikts zu beeinflussen.“ (S. 16)

[2] Vgl. Rüdiger Graf / Kim Christian Priemel, Zeitgeschichte in der Welt der Sozialwissenschaften. Legitimität und Originalität einer Disziplin, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 59 (2011), S. 479–508; mit Blick auf Theorien sozialer Bewegungen vgl. Jürgen Mittag / Helke Stadtland, Soziale Bewegungsforschung im Spannungsfeld von Theorie und Empirie. Einleitende Anmerkungen zu Potenzialen disziplinärer Brückenschläge zwischen Geschichts- und Sozialwissenschaft, in: dies. (Hg.), Theoretische Ansätze und Konzepte der Forschung über soziale Bewegungen in der Geschichtswissenschaft, Essen 2014, S. 13–60, hier insbes. S. 56–60.

[3] Vgl. u.a. Judith Butler, Hass spricht. Zur Politik des Performativen, übers. v. Kathrina Menke u. Markus Krist, Frankfurt am Main 2006; dies., Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung, übers. v. Frank Born, Berlin 2016.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.