Webers Werkzeugkasten

Ein Sammelband fragt nach dem gegenwartsdiagnostischen Potenzial des großen Soziologen

Die Fragestellung dieses Buches ist überfällig. Hundert Jahre ist es her, dass Max Weber dem „Sohn der europäischen Kulturwelt“ ein ganzes Arsenal von Begriffen an die Hand gab, um „die uns umgebende Wirklichkeit“ zu begreifen und die „Eigenart“ eines historischen Prozesses zu erklären, den er „okzidentale Rationalisierung“ nannte. Was fangen heute die Töchter und Söhne einer erodierenden westlichen Moderne mit Webers Instrumenten an?

Diskutiert wurde diese Frage anlässlich von Webers 150stem Geburtstag im April 2014 in Heidelberg. Der vorliegende Band präsentiert die Ergebnisse mit insgesamt 18 Beiträgen, verteilt auf neun thematische Felder vom religiösen Fundamentalismus bis zum Konsum-Kapitalismus. Der Anspruch liegt darin, die „üblichen Denkroutinen mit den immer gleichen Standardthemen“ aufzubrechen und „Webers Soziologie in Konfrontation mit zeitgeschichtlichen Problemlagen entfalten und weiterentwickeln“ zu können, so die Herausgeber in ihrer knappen Einführung. Dieser Anspruch ist durchweg eingelöst. Wer wissen will, welche Potenziale zur Gegenwartsdiagnose das „Weber-Paradigma“[1] besitzt, greift zu diesem Band mit großem Gewinn.

Webers Fragestellungen, so M. Rainer Lepsius in einem geschliffenen intellektuellen Porträt, „strukturieren noch heute unsere Problemwahrnehmungen“. Das gilt für den Nationalstaat als politisch handlungsfähiger Einheit im ökonomisch globalisierten Wettbewerb. Nicht weniger für die Demokratie in den Kämpfen um eine soziale Ordnung. Für Webers „aufgeklärten Humanismus“ waren dies Interessenkämpfe um Verfügungsrechte und Ideenkämpfe um ein „Menschenbild, in dem wir uns selbst domestizieren wollen“ (S. 28) gleichermaßen. Wie bewährt sich Webers typisierende Begrifflichkeit, nachdem das Licht der großen Kulturprobleme 100 Jahre weitergezogen ist? Damit setzt sich Gert Albert kritisch auseinander. Drei Strategien sieht er, um einem methodisch versteinerten Umgang mit Weber zu entgehen: die Erprobung der alten Idealtypen an neuen Problemen, mit Vorliebe etwa „Charisma“; die Entwicklung neuer Idealtypen, so zum Beispiel „Fundamentalismus“; die Erhebung von deskriptiven zu idealtypischen Begriffen wie „Lebensführung“. Für alle Strategien bringt der Band einschlägige Beispiele.

Was dieser Band einmal mehr zeigt: es gibt zwei grundsätzliche Arten, Weber als modernen Klassiker der historischen Sozial- und Kulturwissenschaften zu lesen. Die einen experimentieren virtuos mit seiner Begrifflichkeit für partikulare Forschungsbereiche. Die anderen konfrontieren ihn mit globalgeschichtlichen oder makrosoziologischen Erkenntnissen zur Vielfalt der Moderne und fragen, wie tauglich Webers Narrativ zu Entstehung und Charakter der modernen Welt noch ist.

Mehrere Fallstudien prüfen den Einsatz der herrschafts- und wirtschaftssoziologischen Begrifflichkeit. Webers „Bureaukratismus“ erkläre gut die EU-Verwaltungspraxis als transnationale Superbürokratie (Andreas Anter). Und deren als schwach verstandene demokratische Legitimation lässt sich aus dem „Kollegialitätsprinzip“ von Webers „legaler Herrschaft“ heraus erklären (Ute Mager). Eine originelle Anwendung findet Webers Charisma-Konzept auf den gar nicht so rationalen Markt des Finanzkapitalismus, auf dem Rendite-Propheten ihre gläubigen Anhänger mobilisieren (Klaus Krämer, auch Christoph Deutschmann). Dem Kapitalismus als „der schicksalsvollsten Macht unseres modernen Lebens“, bis der „letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist“, widmen sich aufschlussreiche Beiträge zu Sozialpolitik und Sozialstaatlichkeit westlicher Prägung und ihren religiösen Wurzeln (Elmar Rieger), zur sozialen Ungleichheit durch Appropriation oder Ausschluss von Bildungs-, Berufs- oder Einkommensressourcen (Martin Groß) wie zum Konsumverhalten (Jörg Rössel).

Webers anthropologischer Blick richtete sich stets auf die Wechselwirkung von Lebensführung und Lebensordnung. Welche individuelle Lebensführung ist unter den Bedingungen welcher sozialen, politischen und kulturellen Lebensordnungen in der Moderne möglich? Dazu arbeitet jetzt Hans-Peter Müller ein überzeugendes Modell aus, mit dem sich, gestützt auf Webers Kultursoziologie, auch heutige Muster prekärer, flexibler, kreativer oder digitaler Lebensführung untersuchen lassen. Mit dem von Weber primär an religiösen Gemeinschaften veranschaulichten Begriff der Lebensführung lässt sich zudem verfolgen, wie stark der therapeutische Charakter subjektiver Selbstvergewisserungen in der fragmentierten modernen Lebenswelt zunimmt (Harald Wenzel).

Wer mit Max Weber universalhistorisch über Genese und Phänomene der Moderne nachdenkt, setzt bei seinen Thesen zur „Entzauberung der Welt“ durch den „spezifisch gearteten ‚Rationalismus‘ der okzidentalen Kultur“ an. Wolfgang Schluchter sieht einen achsenzeitlich begründeten Übergang „von einem religionsgetriebenen zu einem wissenschaftsgetriebenen Prozeß“ (S. 200) und konfrontiert Weber mit dem anders gelagerten Entzauberungsbegriff bei Charles Taylor. Webers „Entzauberung“, nie gleichzusetzen mit Säkularisierung, hat für die moderne Lebensführung zwei Konsequenzen: „einerseits eine Verdrängung von Religionen aus dem öffentlichen Raum, andererseits eine fortdauernde private Anerkennung religiöser Geltungsansprüche“ (Hans Kippenberg, S. 82). Die Wirkungskraft solcher Geltungsansprüche erfasst der 2014 verstorbene Religionstheoretiker Martin Riesebrodt, dessen Aufsatz von 1998 über „Fundamentalismus, Säkularisierung und die Risiken der Moderne“ mit vollem Recht aufgenommen wurde. Was könnte den Nerv unserer zerrissenen Moderne besser treffen als eine Betrachtung fundamentalistischer Bewegungen im 20. Jahrhundert mit Webers Methoden? Ob Iran oder die USA, Riesebrodt typisiert den „Fundamentalismus“ als „einen aktiven Versuch“, den anonymen und versachlichten Lebensmächten der Moderne mit ihren enormen Verunsicherungen eine kontrollierte „fromme Lebensführung“ in einem abgeschotteten Milieu mit persönlichen Heilsversprechen entgegenzusetzen.

Weber zu aktualisieren kann erfordern, mit ihm gegen ihn zu argumentieren. So wendet sich Thomas Schwinn mit Webers religionssoziologischen Kategorien gegen dessen These von der Europäisierung Amerikas durch die Zwänge der modernen Bürokratie. Durch mehrfachen „religiösen Werttransfer“ habe die USA vielmehr ihre eigene Modernität geformt und Mentalitäten befördert, die sich, ganz anders als in Europa, durch einen hohen Grad von Pragmatismus, Populismus und Antiintellektualismus auszeichnen (S. 439). Wie hier, so erscheint Weber mehr denn je als ein Testfeld, ob und wie Soziologen und Historiker fruchtbar zusammenarbeiten können. Für Wolfgang Knöbl ist das in Zeiten weltweiter Wandlungsschübe die Frage nach neuen Kooperationen zwischen Makrotheorie und Globalgeschichte. In doppelter Hinsicht sieht Knöbl dazu weberianischen Geist gefordert. Die zu robuste Prozesskategorie der „okzidentalen Rationalisierung“ sei stärker zu historisieren. Denn die Debatte um die „Great Divergence“ zwinge dazu, Webers apodiktisches „nur in Europa“ zeitlich und räumlich präziser zu verorten. Gemeint ist, sich zeitlich auf das 19. Jahrhundert mit seinen gewaltgestützten imperialen Projekten und dazu räumlich auf Großbritanniens Vormacht durch Kohle und Kolonien zu konzentrieren. Der Trend der Globalgeschichte zu immer feinteiligeren Verflechtungsanalysen lade ein, „die von Weber in Anschlag gebrachten vielfältigen Konstellationsanalysen sehr viel stärker nutzbar“ zu machen. Im Gegenzug aber dürfte die „immer weiter anschwellende Datenflut“ den „Ruf nach stärkerer Theoretisierung lauter werden“ lassen und erneut nach Typisierungen in historisch-vergleichender Absicht verlangen (S. 416f.).

Einen stärkeren Appell, mit geschärften Weberschen Werkzeugen an die neuen Gegenwartsprobleme heranzutreten, kann es kaum geben. Weber hatte sein Denken an den großen Umbrüchen seiner Zeit geschult, an der kapitalistischen Globalisierung, am Zerfall der Imperien im Ersten Weltkrieg, am Aufbau einer prekären Demokratie. Er agierte als „engagierter Beobachter“ avant la lettre. Ralf Dahrendorf, ein unorthodoxer Weberianer, hat diesen intellektuellen Typus theoretisch aufgewertet und ihm zugeschrieben, in Zeiten radikalen Wandels und revolutionärer Umbrüche „den Durchblick zu behalten“[2]. Neue Probleme – klassische Begriffe: In diesem Buch finden sich genügend Anregungen, für unsere Krisenerfahrungen „Durchblicke“ zu erlangen.

Fußnoten

[1] Vergleiche als eine Art Vorgänger-Band Gert Albert u.a. (Hg.), Das Weber-Paradigma. Studien zur Weiterentwicklung von Max Webers Forschungsprogramm, Tübingen 2003.

[2] Ralf Dahrendorf, Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung, München 2006, S. 86.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jürgen Dinkel.

Dieser Text erschien zuerst in H-Soz-Kult.