Weltflucht und Horizonterweiterung

Rezension zu "Warum Lesen – Mindestens 24 Gründe" von Frank Wegner und Katharina Raabe (Hg.)

Sozialwissenschaftler*innen brauchen eigentliche keine Gründe fürs Lesen und schon gar keine 24. Trotzdem empfehle ich die Anthologie Warum Lesen. Sie handelt nämlich von einer Form des Lesens, die ich erfahrungsorientiert nennen möchte und die sich vom sozialwissenschaftlichen Profi-Lesen unterscheidet, das entweder verwertungs- oder bewertungsorientiert ist.[1] Der Band enthält Essays von Lyriker*innen, Schriftsteller*innen, Soziolog*innen, einem Mediziner, einem Comiczeichner, einem Dramatiker und anderen; sie alle handeln von unterschiedlichen Erfahrungen beim, mit dem und durch das Lesen.

 

1. Erfahrungen beim Lesen

Viele der Beiträge irritieren auf produktive Art und Weise die Vorstellung, es handele sich beim Lesen um einen rein kognitiven Akt.[2] Vielmehr ist das Lesen, dies wird schnell deutlich, eine Kulturtechnik, deren Besonderheit sich nur verstehen lässt, wenn man Körper, Materie, Raum und Zeit berücksichtigt. So erkundet Thomas Köck Formen des Umblätterns (hastig, gelangweilt, vor- und zurückblättern etc.), während Sibylle Lewitscharoff den Liegestuhl oder das Bett zu Orten des Lesens erklärt und dabei das Lesen zugleich als ganzkörperliche Erfahrung – „das Körpergesamt liest mit“ (S. 272) – versteht, bei der einem das Leserherz schon einmal bis zum Hals schlagen kann. Dabei – und das ist der Clou – sind die Inhalte des Gelesenen und sein Verständnis eben nicht unabhängig von Material, Ort und Zeit der Praxis. Sie kennen das vielleicht: Obwohl einem der Titel eines Buchs nicht einfällt, erinnert man sich manchmal an die Farbe oder auch an die körperliche Empfindung beim Lesen. Dabei sind die Akte des Verstehens genau an diese Erinnerungsspuren gebunden. Manchmal stellt sich Köck zufolge ein solches Verstehen auch erst nach Jahren ein: „[...] und sehr viel später erinnert man sich daran, wie man vor Jahren da und dort saß und dies und das gelesen hat und es nicht verstanden hat, aber die Frage zugelassen hat, akzeptiert hat, dass man es nicht versteht, und plötzlich taucht alles wieder vor einem auf, was man gelesen hat, wo man gelesen hat, warum man gelesen hat“ (S. 133).

Während heutzutage das laute Vorlesen meist Kindern vorbehalten und stummes Lesen hingegen selbstverständlich ist, war das bis in die christliche Spätantike hinein nicht der Fall. Damals war, so schildert es Dževad Karahasan (S. 218 f.), lautes Lesen die Regel und stummes Lesen so ungewöhnlich, dass Aurelius Augustinus sich fragte, was vor sich geht, als er jemanden sah, dessen Augen einfach nur über das Papier glitten.[3] Erst später entstand das Lesen als solitäre Praxis, die sich durch eine Distanzierung von alltäglichen Vollzügen auszeichnete. Häufig, darauf verweist Maria Stepanova, wird es in räumlichen Metaphern des Abtauchens und Versenkens beschrieben (oder neudeutsch: Deep Reading). Man taucht ab, um Raum für den Text zu schaffen, ein Akt der zugleich Unterwerfung und Freiheit bedeutet. Für die Schriftstellerin Annie Ernaux ist Lesen deshalb „die freieste kulturelle Tätigkeit, die es gibt“ (S. 87), denn man kann dabei interaktionsentlastet nachdenken, nachlesen oder vor- und zurückblättern.

 

2. Erfahrungen mit dem Lesen

Hier geht es um Erfahrungen, die über die unmittelbare Situation des Lesens hinausgehen, und um Motive für das Lesen. Die Bandbreite ist enorm und reicht vom Lesen zur Informationsbeschaffung über die Erweiterung von Kenntnissen bis hin zur Gottesbegegnung (Hans Joas). In der durchaus kontrovers geführten Diskussion darüber, ob das Lesen schädliche Weltflucht oder doch eher Mittel zur Welterweiterung ist, zitiert Eva Illouz Gustave Flauberts Klassiker Madame Bovary, dessen Protagonistin oftmals als Paradebeispiel für weltflüchtendes Lesen dient. Dem „typisierenden Lesen“ von Emma Bovary – sie macht sich ein Bild von etwas und versucht dann die Wirklichkeit in dieses Bild einzupassen – stellt Illouz zwei andere Formen des Lesens gegenüber. Da ist zum einen Stoner, ein amerikanischer Collegeprofessor, der das Lesen zum Beruf und zur Berufung macht und für sozialen Aufstieg und zum Distinktionsgewinn nutzt. Die unterschiedlichen Lesepraktiken von Emma Bovary und Stoner zeigen, so Illouz, die „zutiefst geschlechtsspezifische Natur des Lesens“ (S. 70): weiblicher Rückzug versus aktive Männlichkeit. Die dritte Form des Lesens modelliert die Autorin anhand von Jean-Paul Sartres Autobiografie Die Wörter. Hier findet sie eine Form des Lesens beschrieben, die einen Dialog zwischen Welt und Lektüre ermöglicht. Das Lesen irritiert und treibt so das Denken voran (S. 78). Lesen als eine Form der Verständigung über die Welt und als aktive Leistung des lesenden Subjekts, das beim Lesen resoniert, thematisiert auch Hartmut Rosa und beschreibt damit eine Art des Lesens, mit der für viele Sozialwissenschaftler*innen auch fiktive Literatur zu einer Quelle wissenschaftlicher Inspiration werden kann.[4]

 

3. Erfahrungen durch das Lesen

Ist Lesen tatsächlich Leben, wie Rosa schreibt? Einige Texte der Anthologie lassen daran keinen Zweifel, sie handeln von Leseerfahrungen, „die so prägend sind, dass sie ein Teil von uns selbst werden“, so Michael Hagner (S. 263). Annie Ernaux betont, wie das Lesen ihre Biografie nachhaltig und radikal beeinflusste. Es veränderte ihr soziales Umfeld und führte zu einer Distanzierung von Eltern und Herkunftsmilieu, die sie lange als Verrat erlebte. Aber es ermöglichte auch die Begegnung mit anderen, denn „Lesen trennt und verbindet“ (S. 85).

So wie für Ernaux das Mit-dem-Lesen-Anfangen einen biografischen Einschnitt bedeutet, kann auch der Verlust der Lesefähigkeit – beispielsweise im Alter (Marcel Beyer) – eine neue Lebensphase einläuten.

Am eindrücklichsten schildert jedoch Katja Petrowskaja die Bedeutung von Literatur als lebenswirksame Größe. In den Wohnungen der sowjetischen Elterngeneration stapelten sich überall Bücher, teils aus dem samisdat (sam = russ. für selbst, also im Selbstverlag), teils aus dem tamisat (tam = russ. für dort, also im Ausland verlegte Bücher sowjetischer Autor*innen). Hier bereicherte das Lesen nicht das Leben, sondern es trat regelrecht an seine Stelle: „Damals ging alles, was man las, ohne Umwege ins Blut. [...] alles entstand aus Büchernahrung. [...] Das Lesen formte die DNA und machte aus uns eine komplett ausgedachte Spezies, die nicht aus Biographien bestand, sondern aus gelesenen Büchern.“ (S. 219) Es ist aber genau das Lebensmittel Buch, das am Ende auch lebensvernichtend wirkt. Der Besitz eines selbst gebundenen Büchleins mit Gedichten von Boris Pasternak führte in Petrowskajas Fall dazu, dass ihr Vater dreißig Jahre lang bis zum Ende der Sowjetunion in seiner Heimatstadt keine Arbeit fand.

 

4. Reflexionen über Leseerfahrungen

Einige Texte beschäftigen sich auch mit dem Lesen als Kulturtechnik im historischen Wandel und fragen nach seinen gesellschaftlichen Auswirkungen, insbesondere in der gegenwärtigen digitalen Revolution. Andreas Reckwitz unterscheidet in seinem als „Kleine Genealogie des Lesens“ betitelten Beitrag fünf aufeinanderfolgende historische Phasen: 1. Mündlichkeitskulturen, 2. Entstehung der Schrift und traditionale Schriftlichkeitskulturen, 3. der Beginn der Moderne mit einer bürgerlichen Lese- und Bildungskultur, 4. das Aufkommen der audiovisuellen Medien und 5. die digitale Revolution. Jede Phase bringe ihre eigenen Lesesubjekte hervor. Als Folge der digitalen Revolution dominiere derzeit das Hybrid Reading, ein schnelles und zerstreutes Lesen. Die Aufmerksamkeitsspannen werden kürzer, während sich die Menge des Gelesenen ständig erhöht. Masse statt Intensität – so lässt sich sein Befund auf den Punkt bringen. Zu verzeichnen sei nicht der Niedergang des Lesens, aber seine „Ausdünnung“ (S. 42). Als zukünftige Gegenkultur bringt Reckwitz das bereits genannte Deep Reading in Anschlag, das er in einer Traditionslinie mit anderen Langsamkeitskulturen sieht, wie zum Beispiel Slow-food oder die Renaissance der Vinyl-Langspielplatte. Es gehe ihm, das betont er, dabei nicht um eine rückwärtsgewandte bildungsbürgerliche Sehnsucht nach dem ‚guten alten‘ Lesen, sondern um eine „Technologie des Selbst, mit der die Individuen bewusst ihre Erfahrungsmöglichkeiten intensivieren und steigern“ könnten (S. 45).

Ähnlich wie Reckwitz versteht auch Jürgen Habermas das Lesen als historisch kontingente Praxis. Die Auswirkungen der digitalen Revolution sieht er primär darin, dass nun die Gesellschaft als Ganze nicht mehr nur aus potenziellen Leser*innen, sondern auch aus „potentiellen Autoren“ (S. 104) besteht. Im Internet entwickle sich eine „unstrukturierte Öffentlichkeit“, die einerseits durchaus emanzipatorisches Potenzial habe, andererseits aber „von selektiven Standards entlastete [...] Kommunikationsblasen“ (S. 109) hervorbringe. Während die Selektionsmechanismen der politischen Öffentlichkeit – wirkmächtig durch Verlage, Redaktionen und Lektorate – im Netz weitgehend erodieren, ist die Literatur davon seiner Meinung nach weniger betroffen. Zwischen den Leser*innen und dem literarischen Werk gebe es ein Gefälle, durch das die „intrinsische Autorität von Werken der Kunst und Literatur“ (S. 111) erhalten bliebe. Ich frage mich allerdings, ob die von Habermas als bedroht angesehene bürgerliche Öffentlichkeit nicht von je her in einer Kommunikationsblase steckte und nun von den Beiträgen des ‚Plebs‘ in Internetforen schlicht überrascht wird. Und gibt es nicht auch jede Menge Internetforen, in denen Literatur ganz unberührt davon diskutiert wird, ob es sich dabei nach Habermas Definition um Texte handelt, „die den Anspruch ausdrücken ‚über den Tag hinaus‘ das anhaltende Interesse von Lesern zu verdienen“ (S. 102)? Man könnte argumentieren, dass dadurch wiederum die Selektionsmechanismen der Literaturkritik geschwächt würden. Das muss allerdings kein Nachteil sein, weder in der politischen Diskussion noch in der Literatur.[5]

Scheinbar weniger thesenhaft zugespitzt diskutiert Michael Hagner die Auswirkungen der digitalen Revolution, gehe es letztendlich doch darum, zu einer „Ökologie des Lesens“ zu kommen, die es erlaube „zwischen wildem, explorativem Herumlesen und konzentriertem Durchbuchstabieren zu navigieren“ (S. 268 f.). Umso erstaunlicher, dass auch er am Ende mit einer Art Essenzialismus argumentiert, auch wenn es bei ihm nicht um die Literatur als Genre, sondern um das Buch als Gattung geht: Wie auch immer man sich in der Debatte um die Folgen der digitalen Revolution positioniere, Bücher seien der beste Schutz gegen Fundamentalismen.

Der Glaube an die zivilisatorische Kraft des Lesens scheint in vielen Beiträgen auf und es zeichnet die Anthologie aus, dass sie in diesem Punkt Mehrstimmigkeit zulässt. Denn wie Oliver Nachtwey anhand von Literaturbeispielen aus dem Umkreis der Neuen Rechten zeigt, muss Lesen nicht zwangsläufig ein „Vehikel der Aufklärung“ sein, sondern kann genauso gut zum „Motor der Gegenaufklärung“ werden.

Geradezu geohrfeigt fühlt man sich nach dem Lesen von Maria Stepanovas Beitrag „In einer fremden Haut“. Sie beschreibt Lesen als eine Form des Blackfacing, bei dem privilegierte Weiße sich schwarz anmalen und dann zu wissen behaupten, wie es sei, schwarz zu sein. Ihr Fazit: „So gesehen ist Lesen schlimmer, beleidigender als identity theft, es ist identity tourism.“ (S. 252) Nach dieser Lektüre wird man nie mehr unbedarft der These folgen, man könne sich durch Lektüre empathisch in andere Lebenswelten hineinversetzen. Stepanova provoziert – Antworten auf die Frage, ob und inwieweit das Verstehen anderer durch Literatur dennoch möglich ist, müssen wir Leser*innen selbst finden.

 

5. Vom Lesen zum Schreiben

Die Anthologie lädt dazu ein, Lesen – im Sinne einer persönlichen wie gesellschaftlichen Erkundung – (wieder) zu entdecken: Was bedeutet Lesen für mich, aber auch für die Gesellschaft und die Zeit, in denen ich lebe? Ich empfehle das Buch insbesondere all denjenigen, denen die Leselust abhandengekommen ist. Es kann daran erinnern, was einen vielleicht mal am Lesen fasziniert hat. Es regt zum Nachdenken darüber an, wie man die eigene Ökologie des Lesens mit Handy, Tablet, Lesegerät, gedrucktem Buch oder Zeitschrift gestalten möchte. Und es hilft dabei, bürgerlichen Untergangsszenarien differenziert zu begegnen.

Spätestens jetzt, nach der Lektüre der Anthologie zum Lesen, würde ich gerne mehr erfahren über den Zusammenhang von Lesen und Schreiben, wozu es zwar einen Abschnitt gibt bei Wolf Singer, der aber leider nur das Selbstverständliche wiederholt. Stattdessen könnte man den diesbezüglich interessanten Gedanken Hartmut Rosas weiterspinnen, dass sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben mit den „Resonanzqualitäten“ der Sprache gearbeitet wird. Doch damit ist das Thema keineswegs erschöpft. Ich wünsche mir deshalb ein weiteres Buch mit Überlegungen zu folgenden Fragen: Sind Autor*innen die besseren Leser*innen? Was passiert, wenn alle schreiben und niemand liest? Verändert die digitale Lesepraxis auch das Schreiben? Wann verhindert das Lesen das Schreiben und wann wirkt es als Katalysator? Wie, was und wen sollte man lesen, um selbst ins Schreiben zu kommen? Erste Anregungen dazu findet man in Ulrike Draesner Aufsatz „Ein X für ein U. Die Autor*in als Leser*in“.[6] Es gibt aber noch weitaus mehr zu sagen, zu schreiben und vor allem: zu lesen.

Fußnoten

[1] Zur Unterscheidung vgl. Stefan Hirschauer, Publizierte Fachurteile. Lektüre und Bewertungspraxis im Peer Review, in: Soziale Systeme 11 (2005), 1, S. 52–82.

[2] Vgl. dazu auch die ethnografische Forschung zum Lesen und Schreiben als epistemische Praktiken von Kornelia Engert / Björn Krey, Das lesende Schreiben und das schreibende Lesen. Zur epistemischen Arbeit an und mit wissenschaftlichen Texten, in: Zeitschrift für Soziologie 42 (2013), 5, S. 366–384; Björn Krey, Textarbeit. Die Praxis des wissenschaftlichen Lesens, Berlin/München/Boston 2020.

[3] Siehe hierzu auch den Beitrag von Michael Hagner.

[4] Zum Verhältnis von Soziologie und Literatur vgl. den Beitrag von Oliver Nachtwey, S. 310 f.

[5] Vgl. dazu Simon Sahner, Warum Blogger die Literaturkritik bereichern. Entgegnung auf Sigrid Löffler [27.10.2020], in: Deutschlandfunk Kultur, 20.07.2020.

[6] Ulrike Draesner, Ein X für ein U. Die Autor*in als Leser*in, in: Kursbuch #195 (2018), 3, S. 204–222.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.