Weltweit unterwegs

Helen Schwenken führt in die sozialwissenschaftliche Migrationsforschung ein

Wissenschaft und Politik sind eng miteinander verbundene Felder. So steht die akademische Beschäftigung mit bestimmten Themen häufig auch im Zusammenhang mit zeitgeschichtlichen Entwicklungen und öffentlichen Debatten. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass es im Zuge der vielfach kontroversen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Migration und Flucht in den letzten Jahren zu einem regelrechten Boom der Migrationsforschung in Deutschland und Europa gekommen ist. Neben einer Vielzahl an neuen Projekten, Publikationen und Konferenzbeiträgen lässt sich auch in der Lehre ein deutlicher Anstieg an Vorlesungen und Seminaren mit entsprechenden Inhalten konstatieren. Passend dazu hat die Osnabrücker Migrationssoziologin Helen Schwenken nun eine ebenso kenntnisreiche wie anregende Einführung in die sozialwissenschaftliche Migrationsforschung vorgelegt.

Das in der renommierten Einführungsreihe des Hamburger Junius Verlags erschienene Buch geht in seiner Konzeption auf eine universitäre Lehrveranstaltung der Wissenschaftlerin zurück. Es ist klar strukturiert, verständlich geschrieben und zum Einstieg in das Forschungsfeld bestens geeignet. Der Band gehört damit schon jetzt zu der nicht großen Anzahl empfehlenswerter deutschsprachiger Überblicksdarstellungen zu diesem Themenfeld. Eine wesentliche Stärke der Einführung besteht dabei in der gleichermaßen kritischen wie reflektierten Art und Weise, in der sich die Autorin im Zuge der Darstellung zugleich um eine „Infragestellung ihres Gegenstands“ (S. 10) bemüht. Denn so naheliegend eine Antwort auf die Frage „Was ist Migration?“ auch scheinen mag, so schwierig erweist sich die Suche nach geeigneten Definitionen und Beschreibungen des Phänomens. Die Vorstellungen darüber, was genau unter Migration zu verstehen ist und welche Aspekte und Kontexte es im Zuge der Analyse zu berücksichtigen gilt, gehen weit auseinander. Konzepte und Kategorien wie „Migrant_innen“, „Flüchtlinge“, „illegale Einwanderung“, „Integration“, „Identität“, „Kultur“ oder „Grenze“ müssen wissenschaftlich immer wieder kritisch reflektiert werden, um nicht unhinterfragt bestimmte soziale Ein- und Ausschlüsse zu reproduzieren und festzuschreiben. Der Migrationsforschung geht es in dieser Hinsicht nicht anders als anderen sozialwissenschaftlichen Teildisziplinen: Sie wendet sich nicht einfach einem objektiv gegebenen Untersuchungsgegenstand zu, sondern bringt diesen vermittels ihrer Begriffe, Kategorien und Fragestellungen immer auch mit hervor. Eine reflexive und kritische Migrationsforschung sollte sich Schwenken zufolge daher auch stets selbst als Teil des Feldes verstehen und dementsprechend betrachten.

Ausgehend von diesem Selbstverständnis rekonstruiert die Autorin zunächst die Entwicklung des Forschungsfeldes und macht deutlich, dass Migrationsforschung in Deutschland und anderen europäischen Ländern unter Stichworten wie „Assimilations- und Integrationsforschung“ lange Zeit als eine Art „Ausländerforschung“ betrieben wurde und teilweise noch immer betrieben wird. Derartige Ansätze begreifen Migrationsforschung primär als Untersuchung von Bedingungen und Prozessen gelingender beziehungsweise misslingender Eingliederung von Migrant_innen in bestehende Aufnahmegesellschaften. Orientiert an homogenen Gesellschaftsvorstellungen unterscheiden sie auf problematische Weise zwischen einem „Wir“ (den Bürger_innen der aufnehmenden Nationalstaaten) und den „Anderen“ (den ankommenden Migrant_innen). Problematisch ist diese Unterscheidung Schwenken zufolge aufgrund ihrer ahistorischen Betrachtungsweise, in deren Folge das Konstrukt einer scheinbar migrationsfreien Gesellschaft zum „Normalfall“ (v)erklärt werde. Dadurch gerate Migration im Umkehrschluss implizit oder explizit zu einem lösungsbedürftigen gesellschaftlichen „Problem“. Erschwerend hinzu komme die Tatsache, dass Migrationsforschung häufig in Form von politiknaher Auftragsforschung durchgeführt werde und sich folglich an einer staatlichen Problemlösungslogik orientiere. Wie stark die europäische Migrationsforschung von derartigen „nationalen Paradigmen“ (S. 23) geprägt sei, zeige sich nicht zuletzt daran, dass für gewöhnlich nicht Aspekte der Auswanderung, sondern Fragen der Einwanderung aus der Perspektive eines Ziellandes im Fokus des Interesses stünden.

Dass Migration kein objektives Faktum, sondern ein soziales Phänomen ist, macht Schwenken im zweiten Kapitel deutlich, in dem sie zeigt, wie Migration durch Definitionen, Statistiken und Kategorisierungen erzeugt und gerahmt wird. Dabei betont sie, dass die statistische Erfassung von Migration sowohl komplex als auch umstritten ist. Abgesehen von der grundlegenden Frage, wer wie lange als „Migrant_in“ gelten soll, sei nicht nur die Datenerhebung auf internationaler Ebene vielfach uneinheitlich und lückenhaft, vielmehr seien auch die Kategorisierungen selbst fortwährend Gegenstand politischer Auseinandersetzungen und somit Ausdruck konkurrierender gesellschaftlicher Interessen. In der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Migration müssten die einflussreichen Praktiken der diskursiven Benennungen und juristischen Klassifizierungen daher kritisch hinterfragt werden. Insbesondere die Unterscheidung zwischen (legitimen) „Flüchtlingen“ und (illegitimen) „Migrant_innen“ werde der empirischen Vielfalt und Komplexität von erzwungener und freiwilliger Migration nicht gerecht, ziehe allerdings umso mehr symbolische und materielle Effekte der Hierarchisierung von Personen(gruppen) nach sich. Insofern dienten, so Schwenken in Anlehnung an Michel Foucault, die politischen Kategorisierungen und statistischen Erfassungen nur allzu oft dazu, Menschen und Bevölkerungen „zu zählen, sichtbar zu machen, zu ordnen und zu regieren“ (S. 39). Ungeachtet dieses Vorbehalts stellt jedoch auch sie den Sinn und Nutzen quantitativer Verfahren nicht gänzlich in Frage. So könnten statistische Erhebungen dazu beitragen, Aufschluss über das Ausmaß und die Muster von Wanderungsprozessen im globalen Maßstab zu geben. Auf diese Weise lasse sich etwa zeigen, dass Weltregionen „unterschiedliche Migrationsmuster (Binnen-/E-/Immigration, zirkuläre Migration etc.)“ (S. 62) aufweisen und dass ein Großteil der registrierten Fluchtbewegungen nachweislich innerhalb des Globalen Südens verbleibt und die weitaus meisten geflüchteten Menschen, anders als es die medial vermittelten Debatten hierzulande mitunter suggerieren, gar nicht erst nach Europa gelangen.

In den Kapiteln drei und vier gibt die Autorin sodann einen Überblick über verschiedene theoretische Ansätze der interdisziplinären Migrationsforschung, die sie unter anderem anhand der zugrundeliegenden Erkenntnisinteressen, gewählten Analyseebenen (Makro, Mikro, Meso) und untersuchten Phasen (etwa zu Beginn, während und „nach“ der Migration) unterscheidet. Mittels der systematischen Untergliederung in „klassische“ und „neuere“ Ansätze der Migrationsforschung arbeitet Schwenken zudem zentrale Perspektivenverschiebungen in der Theoretisierung von Migration heraus: Während sich klassische Migrationstheorien wie ökonomische Ansätze oder Push-Pull-Modelle noch hauptsächlich mit der Erklärung von Migration(sgründen) befasst hätten, verfolgten neuere Theorien seit den 1990er-Jahren zunehmend andere Fragestellungen. Der Fokus von Konzepten wie dem des Transnationalismus oder der Autonomie der Migration liege nicht länger auf der Analyse von Motiven für Migration, auch „nicht mehr auf Herkunfts- oder Ankunftsregionen allein oder einem genauer festzuschreibenden Zeitpunkt der Migration, sondern auf Transitzonen, Zwischenräumen, transnationalen Beziehungen und der zeitlichen Komplexität von Migrationsprozessen“ (S. 95). Geprägt seien diese Perspektiven vor allem von einer stärkeren Betonung der Subjektivität und Handlungsmacht der Migrierenden.

Dieser Aspekt kommt auch in der theoretischen Debatte um die Frage nach der (staatlichen) Steuerungs- und Kontrollfähigkeit von Migration zum Tragen, der sich Schwenken im vierten Kapitel zuwendet. Im Gegensatz zu den von ihr als steuerungsoptimistisch bezeichneten Positionen, die davon ausgehen, dass Migration grundsätzlich mehr oder weniger effektiv kontrolliert werden kann, betonten steuerungsskeptische Konzepte wie das der Autonomie der Migration die prinzipielle Unkontrollierbarkeit von Migrationsprozessen. Trotz häufig repressiver Kontrollmaßnahmen fänden Migrant_innen immer wieder (neue) Mittel und Wege, Grenzen zu überwinden und Kontrollen zu unterlaufen. Zwar blieben Regulierungsversuche nicht ohne Einfluss auf den Verlauf von Migrationsbewegungen, doch entzöge sich die tatsächliche Praxis der Logik eines staatlichen top-down Modells. Vielmehr sei sie das Ergebnis konflikthafter Aushandlungsprozesse unterschiedlicher Akteur_innen, zu denen immer auch die Bewegungen der Migration selbst zählten.

Im fünften Kapitel hebt Schwenken die Bedeutung einer genderanalytischen Perspektive für die Migrationsforschung hervor. Während die zentrale Rolle der Geschlechterverhältnisse in der lange Zeit von einem „Gender Bias“ (S. 143) geprägten Migrationsforschung nicht beachtet worden sei, werde inzwischen vermehrt die These einer „Feminisierung von Migration“ (S. 151) diskutiert. So habe sich in der jüngeren Vergangenheit zwar nicht der zahlenmäßige Anteil, wohl aber die Sichtbarkeit von Migrantinnen infolge qualitativer Veränderungen wie vergeschlechtlichter Diskurse und Repräsentationen, Arbeitsmärkte, Care-Praktiken oder staatlicher Politiken erhöht. Schwenken zufolge sollte die Migrationsforschung diesen Veränderungen Rechnung tragen, ohne sich auf sie zu beschränken, sondern daneben auch Themen wie Sexualität und Männlichkeit als Migrationsprozesse verursachende und strukturierende Prinzipien behandeln. Im Anschluss an Überlegungen der Intersektionalitätsforschung plädiert sie letztlich dafür, „eine differenzierte Verhältnisbestimmung der unterschiedlichen, sozialstrukturellen Kategorien und Positionierungen (Geschlecht, Migrationsstatus, Klasse, Alter, Familienstand, Religion etc.)“ (S. 146) vorzunehmen.

Dem Aspekt der Auswanderung als zentralem Bestandteil von Migrationsprozessen wendet sich Schwenken schließlich im sechsten Kapitel zu. Leitend ist dabei das Bemühen, der eingangs erwähnten einwanderungs- und integrationszentrierten Perspektive europäischer Forschung eine andere, stärker global orientierte Sichtweise entgegenzusetzen. Migrationsforschung nicht nur aus der Perspektive der Zielländer als Immigrationsforschung, sondern mit Blick auf die Dimension der Auswanderung gleichermaßen als Emigrationsforschung zu verstehen und zu betreiben, mache nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit den strukturellen Ursachen und Bedingungen von Migration und Flucht erforderlich. Migration, so Schwenken, müsse als Ausdruck globaler sozialer Ungleichheiten gefasst werden, weshalb die Forschung die konstitutiven Verwobenheiten zwischen Ein- und Auswanderungsregionen zu berücksichtigen habe, die sich unter anderem aus ökonomischen Disparitäten, internationalen Arbeitsteilungsprozessen oder den Auswirkungen (post-)kolonialer Herrschaft ergäben. Eine Wissenschaft, der es ernst sei mit dem Anspruch, Migration als globales Phänomen zu erfassen, müsse deshalb vor allem die weltumspannenden Machtasymmetrien in den Blick nehmen, die in der deutschen und europäischen Migrationsforschung auch heute noch allzu oft vernachlässigt würden.

Auch wenn es sich von selbst versteht, dass bestimmte Themen und Fragestellungen im Rahmen einer Einführung notwendigerweise ausgespart werden müssen, kommen zwei zentrale Aspekte in Schwenkens Buch meiner Ansicht nach zu kurz. Zum einen lässt das Buch eine Auseinandersetzung mit normativ-theoretischen Fragen vermissen. Zwar macht die Autorin deutlich, dass es kein „neutrales Sprechen“ im Feld der Migrationsforschung geben kann und diese immer eine politische Dimension aufweist. Gleichwohl geht sie auf die in der Politischen Theorie seit Jahren lebhaft geführten Debatten um ein Recht auf globale Bewegungsfreiheit nicht näher ein und verschenkt damit die Gelegenheit, die Leser_innen anhand ausgewählter Argumente zumindest ansatzweise mit der ethisch-moralischen Dimension der Thematik vertraut zu machen.[1] Zum anderen lässt das Buch eine eingehendere Beschäftigung mit Formen widerständiger politischer Praxis vermissen, mittels derer Migrant_innen ihre Rechte und ihren Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe nicht nur auf den Migrationsrouten, sondern auch in den Aufnahmegesellschaften aktiv einfordern. Dabei sollte die Darstellung solcher Prozesse des konflikthaften und umkämpften Wanderns, Ankommens und Bleibens, die allesamt Bestandteile migrantischer Wirklichkeit sind, in einer selbstreflexiven, ihre Perspektiven und ihren Gegenstand kritisch hinterfragenden Migrationsforschung eigentlich nicht fehlen.

Ungeachtet dieser beiden Einwände gebührt der Autorin Lob für ein gutes und bedeutsames Buch, das zudem zur rechten Zeit erschienen ist. Es schließt eine Lücke in der an kritischen Einführungen in die sozialwissenschaftliche Migrationsforschung nicht eben reichen deutschsprachigen Literatur und bietet eine hilfreiche Handreichung für die Lehre in Disziplinen wie der Politikwissenschaft, Soziologie oder Kulturanthropologie. Vor dem Hintergrund des gegenwärtigen „Hypes“ der Migrationsforschung in Deutschland gibt das Buch einen systematischen Überblick über historische Entwicklungen und aktuelle Debatten des breiten, interdisziplinären Forschungsfeldes. Ihrem im Buchtitel formulierten Anspruch, das Phänomen aus einer globalen Sichtweise zu betrachten, wird Schwenken dabei durchaus gerecht. Denn obwohl sie noch vermehrt Literatur von Forscher_innen aus dem Globalen Süden hätte einarbeiten können, gibt sie wichtige Einblicke in grundlegende Themen, Theorien und Perspektiven einer globalen Migrationsforschung, die sie immer wieder anhand empirischer Beispiele zu veranschaulichen weiß. Über die umfassende Bestandsaufnahme der wissenschaftlichen Debatten hinausgehend eröffnet das Buch aber mit seinem selbstreflexiven Ansatz zudem einen Zugang, der es erlaubt, „die Perspektive der Wissensproduktion und der von Machtprozessen begleiteten Konstitution des Feldes Migration und Migrationsforschung stets mit einzubeziehen“ (S. 202). Es empfiehlt sich damit als ein wichtiges kritisch-reflexives Korrektiv im Angesicht von Debatten, in denen zu häufig einfache Antworten auf komplexe Fragen gesucht werden.

Fußnoten

[1] Siehe grundlegend u. a. Joseph H. Carens, The Ethics of Immigration, Oxford 2013; David Miller, Fremde in unserer Mitte. Politische Philosophie der Einwanderung, Berlin 2017; Frank Dietrich (Hg.), Ethik der Migration. Philosophische Schlüsseltexte, Berlin 2017; Andreas Cassee, Globale Bewegungsfreiheit. Ein philosophisches Plädoyer für offene Grenzen, Berlin 2016.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.