Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist

Eine qualitative empirische Studie über Paararrangements mit der Frau in der Rolle der Familienernährerin

Modernisierte Geschlechterverhältnisse?

Gegenwärtig deutet vieles auf eine Modernisierung der Geschlechterverhältnisse hin: Männer formulieren wiederholt den Wunsch nach aktiver Vaterschaft, während Frauen, die von der Bildungsexpansion der 1970er-Jahre profitiert haben, nun zum Teil die Männer an den Gymnasien und Universitäten überholen und Gleichheit im partnerschaftlichen Arrangement erwarten. Gleichzeitig wandelt sich das Normalarbeitsverhältnis mit der Folge, dass eine ununterbrochene Vollerwerbstätigkeit heute auch für Männer keine Selbstverständlichkeit mehr ist. In etwa zehn Prozent der Paarhaushalte in Deutschland sind es mittlerweile die Frauen, die den größten Teil des Familieneinkommens erwirtschaften, während die männlichen Partner sich typischerweise unfreiwillig in eher prekären Erwerbslagen befinden.1

An diesem Punkt setzt die Studie von Cornelia Koppetsch und Sarah Speck an. Die Autorinnen betrachten den Wandel der Erwerbsgesellschaft aus familien- und geschlechtersoziologischer Perspektive und gelangen so zu ihrer Forschungsfrage: Was passiert in Paarbeziehungen, in denen der Mann kein Ernährer mehr ist? Dieser Frage gehen Koppetsch und Speck auf der Basis von qualitativen leitfadengestützten Interviews nach, mit insgesamt 29 Paaren, die zum Teil Kinder haben. Alle jedoch haben die Gemeinsamkeit, dass der Mann sich in einer prekären bzw. nicht existenzsichernden Erwerbslage befindet, während die Frau den Hauptteil des Familieneinkommens erwirtschaftet.

Die Paare wurden zunächst in Einzelinterviews getrennt und anschließend gemeinsam zu ihrer Einkommenssituation und der alltäglichen Lebensführung befragt. Die daraus resultierenden empirischen Befunde sind überaus ertragreich und eignen sich dazu, populäre geschlechterpolitische Annahmen, denen zufolge das größte Innovationspotenzial von den Angehörigen des akademisch gebildeten urbanen Milieus zu erwarten sei, infrage zu stellen. Die Autorinnen bleiben in ihren Analysen nicht an der Oberfläche der von den Befragten bekundeten Einstellungen und Leitbilder, sondern arbeiten, ganz im Sinne einer qualitativ-rekonstruktiven Herangehensweise, auch latente Sinnstrukturen im Hinblick auf Männlichkeit, Weiblichkeit und das Verhältnis der Geschlechter heraus, und zwar sinnvollerweise im Milieuvergleich. Die Zuordnung zu einem bestimmten Milieu haben sie anhand der sozialstrukturellen Lage und den offerierten Leitvorstellungen der Interviewten vorgenommen. Koppetsch und Speck unterscheiden für ihre Stichprobe drei soziale Milieus: Ein individualisiertes urbanes Milieu, ein eher wertkonservatives sogenanntes familistisches Milieu und ein traditionales Arbeitermilieu.

Der zentrale milieuübergreifende empirische Befund des Bandes lautet: Die Aufhebung von Geschlechterungleichheiten in absehbarer Zeit ist nicht sehr wahrscheinlich. (vgl. 254) Von modernisierten Geschlechterverhältnissen kann noch immer kaum gesprochen werden. Vielmehr erweist sich die klassische Geschlechterordnung, der zufolge der Mann wenigstens ein bisschen erfolgreicher, ein bisschen größer, ein bisschen älter sein sollte als seine Partnerin, gerade in der privat-partnerschaftlichen Sphäre als überaus hartnäckig. Pointiert formuliert: Egalität in den Geschlechterbeziehungen ist nicht zu erwarten, solange männliche Dominanz noch sexy ist.

Die empirische Analyse

Die Diskrepanz zwischen egalitären Leitvorstellungen und gelebter alltäglicher Praxis ist im individualisierten urbanen Milieu am stärksten. Diese Beobachtung bestätigt, was Koppetsch und Günter Burkart in einer früheren Studie die „Illusion der Emanzipation“ nannten.2 Die akademisch gebildeten Männer und Frauen dieses Milieus geraten sozusagen in die Falle ihrer eigenen Gleichheitsbehauptung. Gerade weil die Egalität in der Paarbeziehung ein so bestimmendes Deutungsmuster ist, muss das real vorhandene ökonomische Ungleichgewicht möglichst vertuscht werden, weshalb die Frau zur „heimlichen Familienernährerin“ wird. (vgl. 66ff.) Solche Paare neigen dazu, den größeren beruflichen Erfolg der Frau herunterzuspielen. Dagegen wird die prekäre Erwerbssituation des Mannes, der oft einer nicht existenzsichernden selbständigen Tätigkeit nachgeht, als Ausweis einer postmaterialistischen, von äußeren Erfolgen unabhängigen Haltung und Orientierung an qualitativ hochwertiger Arbeit gedeutet. Diese Kultivierung einer Kreativen- oder Künstleridentität macht den Mann gleichzeitig attraktiv.

Ihre Position der Familienernährerin gereicht der Frau nicht unbedingt zum Vorteil, weil sie sich als emotional bedürftiger erweist, Der Mann kann somit ihrer Ressourcenmacht (qua höherem Einkommen) seine Bindungsmacht in der Beziehung durch eine demonstrative Haltung von „Coolness“ (vgl. 68ff.) entgegensetzen. Koppetsch und Speck zufolge beinhaltet dies „eine stumme Drohung, die Beziehung im Konfliktfall auch beenden zu können“. (72) Die Sphäre der Hausarbeit wiederum gilt aufgrund der milieutypischen Hochschätzung von berufsförmiger Selbstverwirklichung (und sei es auch in Form prekärer Selbständigkeit) als abgewertetes Feld. Entsprechend wird ein höherer Einsatz des Mannes im Bereich des Haushalts zur Kompensation seines geringen Beitrags zum Familieneinkommen charakteristischerweise gar nicht erwartet.

Im traditionalen Arbeitermilieu muss die Rolle der Frau als Familienernährerin nicht kaschiert werden, solange die Frauen der jüngeren Generation nur vorübergehend die Führung übernehmen. Wenn der Mann sich nicht in einem regulären Arbeitsverhältnis befindet, darf die Frau legitimerweise Druck auf ihn ausüben und Arbeiten im Haushalt von ihm einfordern. Die Leitvorstellung ist aber dennoch ganz deutlich ein klassisches Arrangement: Dem Mann kommt die Funktion des Ernährers der Familie zu, weshalb der Umstand, dass die Frau die führende Rolle der Familienernährerin übernommen hat, von allen Familienmitgliedern (einschließlich der Frau selbst) als eine so schnell wie möglich zu beendende Ausnahmesituation erachtet wird.

Insofern zeigt sich bei den jüngeren ArbeiterInnen eine Art Modernisierung auf Zeit: „Paradoxerweise vollzieht sich die Modernisierung des Geschlechterarrangements also mit dem Ziel, mittel- und langfristig die traditionale Rollenverteilung wiederherzustellen“. (120) Bei den älteren Paaren innerhalb des Arbeitermilieus jedoch, bei denen der Mann mit einem regulären Arbeitsverhältnis kaum noch rechnen kann, erwächst der Frau aus ihrer Rolle der Hauptverdienerin typischerweise überhaupt keine Machtposition. Hier demonstrieren die durch prekäre Beschäftigungen gekränkten Männer Handlungsmacht durch betont männliches Auftreten (breitbeinig sitzen, laut reden etc.).

Als besonders wandlungsfähig erweist sich in der empirischen Analyse das eher wertkonservative sogenannte familistische Milieu, das hinsichtlich der Bildungsabschlüsse der Interviewten eine mittlere Position im Sample einnimmt. Nur hier findet sich ein auf längere Zeit angelegter, pragmatisch begründeter Rollentausch der Partner. Die Frauen verstehen sich erkennbar als Familienernährerinnen, und die Männer verrichten hauptverantwortlich die Haus- und Familienarbeit. Hintergrund ist der gemeinsame Wunsch beider Partner nach einer großen Familie. Die Familie als Aufgabe bildet den Mittelpunkt der gemeinsamen Orientierung. Typischerweise wird die Familie wie ein betriebsförmiges Unternehmen dargestellt. Die Familienarbeit des Mannes wertet das auf, da sie mit Managementaufgaben vergleichbar scheint, statt mit der gesellschaftlich abgewerteten Rolle der Hausfrau in Verbindung gebracht zu werden.

Es sind keine Gleichheitsüberzeugungen, die hier zum Rollentausch führen, sondern lebenspraktische Erwägungen. Es soll schlicht derjenige erwerbstätig sein, der das höhere Einkommen erwirtschaftet; der andere Partner soll sich um die Kinder kümmern. In dieser Einstellung zeigt sich also durchaus die eher traditionelle Idee der Komplementarität – aber eben mit getauschten Rollen. Zwei Besonderheiten erleichtern in diesem Milieu den Rollentausch. Dies ist zunächst die vergleichsweise starke Familienorientierung der Männer, verbunden mit einem weniger ausgeprägten beruflichen Ehrgeiz, wie das folgende Zitat exemplarisch aufzeigt: „Ich bin mit der Rolle des Hausmannes, ich bin zu Hause auf jeden Fall zufriedener, weil es mir eher entspricht. Das war nicht mein Traumberuf. Von daher war es ein Arbeiten-Gehen des Geldes wegen“. (146) Die Frauen wiederum sind von einem klassischen Muster der Partnerwahl abgewichen. Sie akzeptieren nämlich ein Statusgefälle zu ihren Gunsten, nehmen also einen aufgrund seiner geringeren ökonomischen Macht vermeintlich „weniger attraktiven Partner“ in Kauf. (vgl. 158ff.) Dank dieser für das weibliche Geschlecht auch im 21. Jahrhundert noch ungewöhnlichen Entscheidung können die Frauen aus dem familistischen Milieu ihre „weniger attraktiven“ Männer an sich binden, während die beruflich erfolgreichen Frauen aus dem individualisierten Milieu befürchten müssen, ihre „coolen“ und sozial attraktiven Männer mit zu deutlich formulierten Ansprüchen, etwa was die Einbindung in Hausarbeit betrifft, zu verprellen.

Schlussbetrachtung

Die Studie von Koppetsch und Speck zeigt eindrucksvoll, was passiert, wenn traditionelle Rollenverteilungen ihre Gültigkeit verlieren – die Paare müssen dann Umdeutungs- und Normalisierungsarbeit leisten. Das Muster hegemonialer Männlichkeit erweist sich nach wie vor als äußerst wirkmächtig, und zwar besonders in der Sphäre des Privaten. Dieser Befund schließt an Erkenntnisse aus Untersuchungen von sogenannten Doppelkarrierepaaren an. Bei Letzteren ist ein etwaiger Karrierevorsprung auf Seiten der Frau ebenfalls hoch erklärungsbedürftig; auch dort werden größere oder auch gleichwertige Erfolge der Frau tendenziell heruntergespielt, um die Beziehung nicht zu gefährden.3 Das größte Innovationspotenzial in Hinblick auf unkonventionelle Paararrangements zeigt sich, gängigen modernisierungstheoretischen Annahmen zum Trotz, nicht in den diskussionsfreudigen intellektuellen Milieus, sondern dort, wo aus pragmatischen Gründen ein Rollentausch sinnvoll erscheint.4 Für den Wandel der Geschlechterverhältnisse erweist sich nicht so sehr die Problematisierung und Diskursivierung als entscheidend, sondern die lebenspraktische Umgestaltung.

Fußnoten

1 Vgl. Christina Klenner / Katrin Menke / Svenja Pfahl, Flexible Familienernährerinnen. Moderne Geschlechterarrangements oder prekäre Konstellationen?, Opladen 2012.

2 Vgl. Cornelia Koppetsch / Günter Burkart, Die Illusion der Emanzipation. Zur Reproduktion von Geschlechtsnormen in Paarbeziehungen im Milieuvergleich, Konstanz 1999.

3 Vgl. Cornelia Behnke / Michael Meuser, Vereinbarkeitsmanagement. Zuständigkeiten und Karrierechancen bei Doppelkarrierepaaren, in: Heike Solga / Christine Wimbauer (Hrsg.), „Wenn zwei das Gleiche tun…“. Ideal und Realität sozialer Ungleichheit in Dual Career Couples, Opladen 2005.

4 Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Befunde von Cornelia Behnke, Partnerschaftliche Arrangements und väterliche Praxis in Ost- und Westdeutschland. Paare erzählen, Opladen, Berlin, Toronto 2012.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.