Wenn Fürsorge zu Krisen führt

Ein Sammelband über Care in der Wertform

Die Versorgung von Menschen stellt die grundlegende Voraussetzung für jede Form des Arbeitens und Wirtschaftens dar. Weil Versorgungsleistungen – meist unbezahlt – von Frauen erbracht werden, wurde ihre Bedeutung in ökonomischen Theorien und Methoden sowie bei der Konzeption von Erhebungsinstrumenten lange Zeit ignoriert. Seit einigen Jahren wird dem Spektrum personenbezogener Versorgungsleistungen, jedoch unter dem englischen Begriff Care, ausgesprochen große Aufmerksamkeit gewidmet. Ausgehend von der im Kapitalismus dominierenden Form, in der Arbeit organisiert wird – der Wertform – kreisen Auseinandersetzungen um Strukturprobleme, die auftreten, weil zentrale Erfordernisse der Versorgung von Menschen einer Verwertungslogik entgegenstehen. Erstens sind die an der Versorgung beteiligten Personen infolge der beziehungsförmigen Verhältnisse zwischen den Subjekten nicht beliebig austauschbar, ohne dass sich die Versorgungsqualität verändert. Zweitens ist eine zeitliche Optimierung weder durch effizientere Arbeitsorganisation noch durch eine Verringerung der Versorgungsdauer zu erreichen. Erfolgt die Fürsorge in einer abhängigen Lebenslage – beispielsweise der Kindheit –, ist die empfangende Person drittens elementar auf die Betreuung angewiesen, ohne eine Gegenleistung erbringen zu können. Da diese drei Erfordernisse eine begrenzte Rationalisierbarkeit bedingen, erscheinen Versorgungsleistungen, wenn sie monetär in Relation zur zeitlich optimierten Güterproduktion gesetzt werden, vergleichsweise teuer. Weil genau dies derzeit geschieht, Fürsorge also immer häufiger in ökonomische Kategorien überführt oder in deren Rahmen bewertet wird, kommt es zu einer scheinbaren Kostenexplosion in jenem Bereich, der für die Allgemeinheit elementar ist.

Das Zusammentreffen eines hohen Anspruchs der Allgemeinheit an eine gelungene Selbst- und Fürsorge mit den in wertförmigen Wirtschaftssystemen notwendigerweise prekären Bedingungen, unter denen sie geleistet wird, hat die Herausgeberinnen dazu veranlasst, im Rahmen einer Gegenwartsanalyse danach zu fragen, wer die erforderliche Fremd- und Selbstsorge unter welchen Bedingungen leistet. Im ersten Teil des Bandes wird analysiert, in welcher Weise sich die Bedingungen des Sorgens unter den Zwängen einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft verändert haben. In den Beiträgen des zweiten Abschnitts geht es darum, die Vor- und Nachteile einer Trans- bzw. Internationalisierung der Arbeitsbedingungen von Sorge abzuwägen. Der Ausblick im dritten Teil umreißt Herausforderungen, welche für konservative Wohlfahrtsstaaten bei der Neujustierung der Sorge entstehen.

Im ersten der zeitgeschichtlichen Beiträge zeichnet Hans-Peter Müller nach, wie dem Ethos der selbstbestimmten Lebensführung durch eine zunehmende ökonomische Unsicherheit die Substanz entzogen wurde. Die einst im Sinne des delphischen Orakelspruchs „Erkenne dich selbst“ der Selbstverwirklichung dienende 'Sorge um sich selbst' sei zu einem Segment in der unternehmerischen Verantwortung des erfolgreichen Subjekts geworden. Nunmehr verhelfe sie dazu, eine „starke, weil widerstandsfähige Psyche“ auszubilden, die wiederum als Voraussetzung einer 'autonomen Lebensführung' gelte (19). Infolge der fortschreitenden „Rationalisierung von Wirtschaft und Staat zur Steigerung von Wettbewerbsfähigkeit“ sei die Reziprozität zwischen Markt, Staat und Individuen zu Ungunsten der Letzteren aus der Balance geraten (27). Vor diesem Hintergrund setze die kapitalistische Leistungsgesellschaft zwar 'Individualität für alle' als 'demokratisches Ideal' voraus, halte jedoch keine Struktur bereit, die es allen Subjekten ermöglichen würde, eine Individualität auszubilden. Müllers Analysen zur Transformation von Privatheit, verstanden als rechtlich geschützter Bereich, der dem Einzelnen innerhalb der staatlichen Gemeinschaft eine 'autonome Lebensführung' garantiert, verdeutlichen auf beeindruckende Weise, wie sich die Wertlogik als verselbständigte Wirtschaftsform im Bewusstsein der Subjekte verallgemeinert. Wenn dennoch der Grund für die Unerreichbarkeit einer 'Individualität für alle' unter wertförmigen Bedingungen unklar bleibt, so deshalb, weil abhängige Lebenslagen im Beitrag gänzlich unberücksichtigt bleiben. Vergegenwärtigen wir uns, dass Abhängigkeit in einem größeren Ausmaß zum menschlichen Schicksal gehört als individuelle Autonomie1, so wird deutlich, dass die Heilslehre einer autonomen Lebensführung auf einem Geschlechterarrangement basiert, dessen implizite Voraussetzung die Fürsorgeleistung durch Frauen ist. Vor diesem Hintergrund ist Autonomie ein androzentrisches Konstrukt, das jenen vorbehalten bleibt, die sich für die Sorge um Andere nicht zuständig fühlen.

Während Müller die Selbstsorge durch die fortschreitende Rationalisierung gefährdet sieht (27), führt Cornelia Klinger ihre Prekarität auf eine generelle, „dem modernen Gesellschaftssystem inhärente Fehlkonstruktion“ zurück (31). Die von der Wertförmigkeit abgetrennte Lebenswelt sozialer Nahbeziehungen sei durch den expandierenden Charakter kapitalistischer Ökonomie seit jeher gefährdet (33). Insofern die derzeitige Liberalisierung staatlicher Steuerung dazu führe, dass die Ökonomie in bislang unerschlossene Bereiche eindringe, werde diese Fehlkonstruktion erst jetzt als 'Krise von Care' diskutiert. Die Veränderung der nun auf das adult-worker-model zielenden Steuerungsmechanismen sieht Klinger als Bruch mit der Aufteilung der Lebenswelt in zwei Sphären. Indem Versorgung, welche ehemals unbezahlt in der Privatsphäre stattfand, als Konsumgut in die Wertform überführt werde, werde die „Trennung zwischen Produktion und Reproduktion“ nivelliert, was die „Aufkündigung der sozialtopologischen Konstruktion von Öffentlichkeit und Privatsphäre“ zur Folge habe (34). Letztere bringe wiederum die etablierte Geschlechterordnung ins Wanken und ziehe eine Verallgemeinerung der mit Männlichkeit assoziierten Fürsorgebefreiung auch für Frauen nach sich (36). Zwar gelingt es Klinger, einen Zusammenhang zwischen Kommodifizierungspraktiken und der sich wandelnden Geschlechterordnung aufzuzeigen, doch bleibt die ihrer These zugrundeliegende Annahme, die angerufenen Frauen würden die neuen Steuerungsmechanismen umstandslos annehmen und sich von der Sorge um Andere lossagen, etwas abenteuerlich.

In welcher Weise Subjekte mit den neuen Steuerungsstrategien tatsächlich umgehen, beschäftigt wiederum Klaus Dörre. Er untersucht, wie sich die Maßnahmen aktivierender Arbeitsmarktpolitik auf die Selbst- und Fremdsorge auswirken. Eindrücklich schildert er, wie sich Erwerbslose in dem Bemühen, den an sie gerichteten Anforderungen gerecht zu werden, dem Zeitdiktat der Verwertungslogik unterwerfen, allerdings ohne selbst am Verwertungskreislauf teilzuhaben. Obgleich die Aktivierungsstrategien darauf abzielen, „die Gewöhnung einzelner an staatliche Fürsorgeleistungen aufzubrechen, um so die Fähigkeit zur Selbstsorge zu stärken“ (40), würden die Subjekte die erhöhten Aktivierungserwartungen verarbeiten, indem sie den fürsorglichen Umgang mit sich selbst vernachlässigen, um den an sie gerichteten Anforderungen zu entsprechen. Langfristig würden Betroffene auf den unerfüllbaren Erwartungsdruck reagieren, indem sie ihre eigene moralische Abwertung habitualisieren (50). Beschrieben wird also eine restriktive Bewältigungsstrategie, mit deren Hilfe Subjekte die Widersprüche kapitalistischer Vergesellschaftung durch Umdeutungen aufzulösen versuchen. Diese Form der Widerspruchsbewältigung ist deshalb problematisch, weil sie die alltäglichen Konflikte nicht auf die Verhältnisse zurückführt, weshalb deren Veränderung ausgeschlossen bleibt.2

Brigitte Aulenbacher und Maria Dammayr fragen hingegen gerade nach Möglichkeiten, Einfluss auf die Verhältnisse zu nehmen. Sie gehen davon aus, dass Subjekte, die die „Anforderungen im Rahmen der verschiedenen institutionellen Logiken nicht zufriedenstellend“ zu bearbeiten vermögen, die Verwertungslogik in Frage stellen (73). Anstatt durch Umdeutungen eine subjektive Widerspruchsfreiheit herzustellen, würden Subjekte der dominierenden Wirtschaftsstruktur ihre Legitimation entziehen.

Nimmt man die Gegenwart in Augenschein, deutet allerdings kaum etwas auf eine Legitimationskrise wertförmigen Wirtschaftens hin. Vielmehr wird der Kostenexplosion, die die Inwertsetzung der Versorgungsleistungen verursacht, mit der Beschäftigung gering entlohnter Arbeitskräfte aus dem Ausland begegnet. Dabei werden gerade in Wohlfahrtsstaaten, welche Versorgungsleistungen traditionell in der Familie verankern, Frauen kaum „durch eine Umverteilung von Sorgearbeit auf Männer entlastet, sondern eher durch eine Verlagerung von Sorgearbeit auf den Staat oder den Markt“ (125), konstatiert Sabine Beckmann vor dem Hintergrund eines wohlfahrtsstaatlichen Vergleichs zwischen Schweden, Frankreich und Deutschland. Im Gegensatz zu Deutschland gelte in Schweden und Frankreich die vollerwerbstätige Mutter bereits seit den 1970er-Jahren als Leitbild. Doch während in Frankreich, die Steigerung der Frauenerwerbsquote durch die Inanspruchnahme migrantischer Dienstleisterinnen vorangetrieben werde, bleibe in Schweden eine solche Arbeitsteilung verpönt. Entsprechend führt Beckmann die durch globale Ungleichheit zwischen Frauen vorangetriebene Steigerung der Frauenerwerbsquote auf die kulturelle Einstellung der Bevölkerung zurück.

Almut Bachinger verweist dagegen auf die Neujustierung wohlfahrtsstaatlicher Care-Regime, die die globale Arbeitsteilung legitimiere: Die Lohndifferenz zwischen Herkunfts- und Ankunftsland würde es Frauen ermöglichen, durch Migration ökonomische Unabhängigkeit zu erreichen. Ihre Abwesenheit verpflichte wiederum Männer zur Versorgung der Angehörigen und habe insofern ein Aufbrechen der traditionellen geschlechtlichen Arbeitsteilung in den Herkunftsländern zur Folge (134). Der Geldtransfer der Migrantinnen an ihre Herkunftsfamilie gelte überdies als ein wichtiges Standbein der Entwicklungshilfe (141). Jedoch zeigt das von Ewa Palenga-Möllenbeck vorgestellte Konzept globaler Versorgungsketten, dass die weltweite Arbeitsteilung keineswegs zu einer weiblichen Emanzipation führt. „Wenn Frauen zur Arbeit ins Ausland gehen und eine Zeitlang nicht in der Familie anwesend sind, wird die bis dahin von diesen Frauen geleistete Care-Arbeit [...] nicht automatisch von Männern übernommen. Stattdessen wird sie eher weiterhin zwischen Frauen aufgeteilt“ (145). Die Abwanderung von Frauen hat insofern nicht nur ein Versorgungsdefizit in deren Herkunftsland, sondern auch eine gesellschaftliche Abwertung der Fürsorgeleistung im Empfängerland zur Folge.

Entsprechend sind konservative Wohlfahrtsstaaten aufgefordert, Fürsorge jenseits des Marktes einen gesellschaftlichen Wert beizumessen. Transformationen in der wohlfahrtsstaatlichen Zielorientierung führen nach Birgit Riegraf jedoch weg von einer Verteilungs- und hin zur Leistungsgerechtigkeit, wodurch sich Kriterien zur Bewertung von Leistung entsprechend der Verwertungslogik etablieren. Folglich werde Fürsorge kaum mehr als Leistung erfasst, wodurch sich die soziale Benachteiligung der Frauen verschärfe (164). Die Auswirkungen auf das Familienleben beschreibt Karin Jurczyk. Aufgrund der knappen Zeitlücken, in denen Beziehungen zwischen der Erwerbsarbeit noch gelebt werden könnten, müsse Fürsorge zunehmend auf „Knopfdruck“ erfolgen (175). Die „Chance zum spontanen Kontakt“, in dem Emotionen, Sexualität und Intimität sich entfalten könnten, werde dermaßen prekär, dass die größte Herausforderung der durchorganisierten Elternschaft darin bestehe, ein Gefühl der Gemeinsamkeit zu erhalten. Die Kopplung des steigenden Leistungsdrucks mit den auf die Familie zentrierten hohen Erwartungen an eine gelungene Fürsorge führe immer häufiger zu Problemen in der Partnerschaft.

Die im Band versammelten Analysen verdeutlichen sowohl generelle Schwierigkeiten, welche die Organisation der Fürsorge in wertformdominierten Wirtschaften mit sich bringt, als auch die Tücken, welche sich beim Umbau konservativer Wohlfahrtsstaaten auftun. Allerdings bleiben Forschungsdesiderate weiterhin unbearbeitet. So setzen die Beiträge durchgehend voraus, dass Fürsorge mehrheitlich von Frauen geleistet wird, ohne dass der Vermittlungszusammenhang zwischen Sorge und Geschlecht als eigenständiger Untersuchungsgegenstand behandelt würde. Daran anschließend bleibt auch die geschlechtliche Dimension des Verhältnisses zwischen Fremd- und Selbstsorge erklärungsbedürftig. Dass in den Ausführungen etwaige Lösungsvorschläge zur Aufwertung von Sorge zu kurz kommen, dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass uns auf der Ebene wissenschaftlicher Analysen die Option einer Arbeitsteilung jenseits der wertförmigen Verwertungslogik derzeit kaum vorstellbar erscheint. Insgesamt bietet der Band gleichwohl einen gelungenen Überblick der interdisziplinären Forschung zu Selbst- und Fürsorge, dessen Lektüre sich in jeder Hinsicht lohnt.

Fußnoten

1 Marianne Modak / Françoise Messant, Sozialarbeit: Dilemma und Verwicklungen der Care-Dienstleistungen im Berufsalltag, in: Olympe – Feministische Arbeitshefte zur Politik 30 (2009), S. 70–81, hier S. 73.

2 Frigga Haug / Kornelia Hauser, Subjekt Frau. Kritische Psychologie der Frauen, Argument-Sonderband 130, Berlin 1986, S. 174.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Tine Haubner.