Wenn Rassismus- und Antisemitismuskritik zu Gegensätzen werden

Sina Arnold über Antisemitismus als Thema und Problem der US-amerikanischen Linken

In den meisten demokratischen Gesellschaften stellen Vorurteile und Diskriminierung ein Dauerthema politischer und wissenschaftlicher Debatten dar. Die Kriterien zur Unterscheidung von Vorurteil und vorurteilsfreier Rede sind dabei allerdings häufig alles andere als eindeutig, wie beispielsweise Debatten über Antisemitismus und ‚Israelkritik‘ oder antimuslimischen Rassismus und ‚Islamkritik‘ zeigen. Zudem sind sowohl die akademische Vorurteilsforschung als auch die öffentliche Vorurteilskritik von diversen Konfliktlinien durchzogen – was ursprünglich als eine Form der Arbeitsteilung und thematischen Spezialisierung, etwa zwischen Rassismus- und Antisemitismusforschung, begann, hat mitunter zur Entwicklung theoretisch sowie teilweise auch normativ-politisch separierter Lager geführt.

Sina Arnolds Studie über Antisemitismusdiskurse in der US-Amerikanischen Linken nach 9/11 verortet sich in diesem komplexen Feld, indem sie zwei Forschungsperspektiven verknüpft: Erstens zeichnet Arnold ein detailliertes Bild linker Debatten über Antisemitismus, womit sich die Studie im Feld der Bewegungsforschung platziert. Zweitens fragt sie nach aktuellen Ausdrucksformen von Antisemitismus in den USA, und leistet damit einen Beitrag zur Antisemitismusforschung. Die leitenden Forschungsfragen der Arbeit beschäftigen sich dementsprechend damit, (1) ob „antisemitische Argumentationsmuster unter Mitgliedern linker sozialer Bewegungen der USA“ zu finden sind „und in welchen Kontexten diese auftreten“, (2) welche „Perspektiven von Linken auf das Phänomen ‚Antisemitismus‘“ existieren, und (3) welche „gesellschaftlichen Rahmenbedingungen diese spezifischen Positionierungen in einer Bewegung fördern und verstärken und welche sie einschränken“ (S. 14).

 

Theoretische Grundlagen: Antisemitismusdiskurse und deren Bedingungen

Die oben beschriebene Doppelperspektive der Arbeit prägt die Struktur der nachfolgenden Kapitel. So beinhaltet ihre Darstellung der theoretisch-konzeptuellen Grundlagen im ersten Kapitel neben einer Auseinandersetzung mit dem Antisemitismusbegriff auch die Konzeptualisierung von weitergefassten, das kritische Sprechen über Antisemitismus einschließenden Antisemitismusdiskursen. Arnold definiert den Begriff des Antisemitismus im Anschluss an Klaus Holz und Thomas Haury grundlegend als soziale Semantik, die sich über typische Inhalte (zum Beispiel Stereotype von ‚den Juden‘ als gierig, geizig oder aufdringlich) und formale Strukturen (zum Beispiel Personifizierung gesellschaftlicher Prozesse, manichäische Gegenüberstellung von Gut und Böse) bestimmen lässt. Zugleich betont sie, dass bei der Analyse antisemitischer Äußerungen neben diesen semantischen und formalen Kriterien der Ausdruckskontext sowie die kommunikative Funktion der jeweiligen Äußerungen mit zu berücksichtigen sind.

Als Grundlage für die Konzeptualisierung von Antisemitismusdiskursen – also dem argumentativen Gesamtzusammenhang von antisemitismuskritischen und antisemitischen Aussagen – wird das mikrosoziologische Konzept der Rahmen- beziehungsweise „Frameanalyse“ (Goffman) mit dem in der Bewegungsforschung etablierten Begriff der politisch-kulturellen Gelegenheitsstrukturen verknüpft. „Frames“ bezeichnen kulturell geteilte Interpretationsschemata, die eine leitende Funktion in „Konstruktionsprozesse[n] sozialer Wirklichkeit“ erfüllen (S. 48). Der Begriff der „Gelegenheitsstruktur“ dient der Beschreibung des politischen und kulturellen Kontextes, der die Grundlagen für die Anwendung jeweiliger Frames schafft. So bestimmen beispielsweise die politischen Institutionen (unter anderem Gesetzgebung, Regierungshandeln) und sozio-kulturellen Rahmenbedingungen (etwa nationale Identitätskonstruktionen oder moralische Normen) in den USA als Teil der Gelegenheitsstruktur, wie und in welchem Ausmaß der Frame ‚Antisemitismus‘ verwendet wird, um das Verhältnis zwischen jüdischen und anderen Bevölkerungsgruppen zu beschreiben.

 

Historische Einordnung: Antisemitismus(-Diskurse) in der US-amerikanischen Linken

Der empirischen Anwendung ihrer Theoriekonzepte stellt Arnold einen umfangreichen historischen Überblick voran, der die Entwicklung sowohl des Antisemitismus als auch linkspolitischer Bewegungen in den USA rekapituliert. Hier wird gezeigt, dass Antisemitismus in Nordamerika in seinen Grundzügen zunächst eine ähnliche Entwicklung nahm wie in vielen europäischen Staaten: Jüdische Einwanderer_innen erfuhren von Beginn an Diskriminierung. Im Zuge des 19. Jahrhunderts entwickelte sich dann auch in den USA ein moderner Antisemitismus, der Juden und Jüdinnen mit verschwörerischer Einflussnahme, unmoralischem Finanzkapitalismus und mangelnder nationaler Loyalität assoziierte.

Nach 1945 sorgten ein im Vergleich zu anderen ethnischen Minderheiten besonders erfolgreicher sozio-ökonomischer Aufstieg jüdischer Amerikaner_innen sowie ein erheblicher Rückgang antisemitischer Einstellungen in der US-amerikanischen Mehrheitsbevölkerung dafür, dass Antisemitismus in öffentlichen Diskursen relativ selten thematisiert wurde. Erst im Anschluss an den Sechstagekrieg 1967 und die im Zuge dessen etablierten anti-israelischen Positionen entstanden neue Antisemitismusdebatten. Dabei wurde von linker Seite antiimperialistische Kritik an Israel und den USA geübt, während antisemitismuskritische Beiträge vor allem im rechten und konservativen Lager zu verorten waren.

Dieses Muster US-amerikanischer Antisemitismusdiskurse prägt auch aktuell die politischen Positionen linker Gruppen in den USA, deren Herrschaftskritik weitgehend ohne Antisemitismuskritik auskommt. Die Grundlage dafür bilden eine starke marxistisch-leninistische Theorietradition sowie eine auf Rassismus gegen schwarze US-Amerikaner_innen fokussierte Vorurteilskritik. In diesem Kontext wird Antisemitismuskritik häufig als Propagandainstrument rechtskonservativer Interessen abgelehnt: Der Antisemitismusvorwurf, so die politische Leitlinie, gehört zum rhetorischen Arsenal der ‚Zionist_innen‘, und da ‚Zionist_innen‘ qua ihrer Unterstützung für das ‚imperialistische‘ Israel als Rassist_innen gelten, ist Antisemitismuskritik selbst Ausdruck von Rassismus.

Dieser antizionistische Frame linker Antisemitismusdiskurse, so argumentiert Arnold, sei in dreifacher Hinsicht problematisch: Er verneint (1) Antisemitismus als aktuelles und historisches Problem. Er erzeugt (2) Ausschlüsse gegenüber jüdischen Linken, indem er diesen qua ihrer jüdischen Identität einen „Zulassungstest“ abverlangt: Wer sich nicht prinzipiell gegen Israel positioniert, kann nach dieser Logik nicht Teil einer antirassistischen Linken sein. Zudem bietet der Frame (3) durch seine Tendenz zu personalisierender Kapitalismus- und Herrschaftskritik Anknüpfungspunkte für antisemitische Stereotype und Erklärungsmuster.

 

Interviewanalysen und Ethnografie

Im empirischen Teil der Arbeit werden die historischen Entwicklungsmuster des Antisemitismusdiskurses mit großer Detailfülle und unter Einbeziehung vielfältiger Anschlussdiskurse auf die gegenwärtige Situation übertragen. Die empirische Basis der Untersuchung bilden 30 Leitfadeninterviews, die zwischen 2010 und 2011 mit linken Aktivist_innen an der US-amerikanischen Ost- und Westküste geführt wurden. Als Interviewteilnehmer_innen wurden Mitglieder politischer Gruppen ausgewählt, die zum Zeitpunkt der Erhebung an Debatten um linken Antisemitismus beteiligt beziehungsweise mit Antisemitismusvorwürfen konfrontiert waren. Um auch jüdische Identitätsdiskurse innerhalb linker Antisemitismusdebatten untersuchen zu können, wurden jüdische Interviewpartner_innen besonders berücksichtigt. Ergänzt wurde das Interviewmaterial durch ethnografische Beobachtungen von Demonstrationen und anderen linken Veranstaltungen sowie durch neun Expert_inneninterviews mit (größtenteils) jüdischen Vertreter_innen akademischer und zivilgesellschaftlicher Organisationen.

Die Darstellung der Ergebnisse fokussiert zunächst Bilder von Juden und Jüdinnen sowie Konzeptualisierungen von Antisemitismus im empirischen Material. Dabei fällt auf, dass die Befragten Antisemitismus zwar als eine Form ethnischer beziehungsweise religiöser Diskriminierung ablehnen, überwiegend aber nicht als gegenwärtiges Problem in der US-amerikanischen Gesellschaft ansehen. Obwohl mehrere Teilnehmer_innen von eigenen Erfahrungen mit Antisemitismus im Alltag berichten, wird dieser als Problem rechtsextremer Randgruppen beschrieben. Antisemitische Äußerungen finden sich indessen im Interviewmaterial nur sehr vereinzelt und in fragmentierter Form. Arnold kommt so zu dem Schluss, dass sich pauschalisierende Antisemitismusvorwürfe gegen US-Linke durch ihre Forschungsergebnisse nicht erhärten lassen. Als Hauptprobleme macht sie stattdessen die weitreichende Trivialisierung von Antisemitismus und die gleichzeitige Umdeutung von Antisemitismuskritik zu ‚zionistischer Propaganda‘ aus.

Ein zentraler Erklärungsansatz, den Arnold für diese Tendenzen heranzieht, ist der dominante Rassismus-Frame der US-amerikanischen Linken. Hauptgegenstand der Rassismuskritik ist hier seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert die ‚Color Line‘ (Du Bois) zwischen Afroamerikaner_innen und Weißen. Dabei werden Juden und Jüdinnen spätestens seit den 1950er-Jahren üblicherweise der weißen Seite zugeordnet, was zur Invisibilisierung antisemitischer Formen von Diskriminierung beiträgt. Zugleich erscheinen sie damit aus antirassistischer Perspektive auf der Täter_innen-Seite, wobei teilweise auch Stereotype überproportionalen ‚jüdischen Wohlstands‘ und ‚jüdischer Macht‘ zum Tragen kommen.

Diese Wahrnehmung von Juden und Jüdinnen in der US-Linken verläuft weitgehend parallel zur Sicht auf den Staat Israel: Dieser gilt US-Linken heute überwiegend als Paradigma imperialistischer Unterdrückung schwarzer Minderheiten durch weiße Männer. Linker Antizionismus, so zeigt Arnold im Anschluss an Shulamit Volkov, ist dabei zu einem einflussreichen „subkulturellen Code“ (S. 285) geworden, der in vielen politischen Konflikten als Indikator für die Zugehörigkeit zur ‚richtigen‘ Seite fungiert.

Zu den paradoxen Wirkungen dieser Rassismuskritik gehört auch ihr Einfluss auf das Holocaustgedenken in den USA. So erscheint Holocausterinnerung hier – im Anschluss an Perspektiven der Critical-Whiteness-Forschung – in erster Linie als eines der „Privilegien“ jüdischen Weißseins. Der häufig damit verbundene Vorwurf einer Instrumentalisierung der Holocausterinnerung ist auf vielfache Weise problematisch: So scheint er die Motivation und Fähigkeit zu einer fokussierten Auseinandersetzung mit dem Holocaust als Teil linker Politik zu untergraben. Weiterhin zeigen sich im Interviewmaterial wiederholt Anschlussstellen für Formen antisemitischer Täter-Opfer-Umkehr, in der das Holocaustgedenken als Instrument zur Legitimierung ‚zionistischer‘ Verbrechen vorgestellt wird. Zudem scheinen die Interviewpartner_innen keinerlei Notiz davon zu nehmen, dass die Rede von der politisch instrumentalisierten „Holocaust-Industrie“ (S. 306) auf Seiten der europäischen Rechtsradikalen mit Begeisterung rezipiert wird.

Für jüdische Linke in den Vereinigten Staaten, so zeigt Arnold im letzten Kapitel ihrer Ergebnispräsentation, ist das Sprechen über Antisemitismus zugleich auch immer ein „Verhandeln kollektiver Identität“ (S. 407). Hier kommt vor allem ein starkes Bedürfnis nach Abgrenzung gegen die etablierten Interessenverbände wie etwa das American Jewish Committee oder die Anti-Defamation League zum Ausdruck. Die Konflikte zwischen linken Antiimperialist_innen und liberalen beziehungsweise konservativen jüdischen Organisationen spiegeln somit zugleich Risse innerhalb der jüdisch-amerikanischen Community wider.

 

Kritik: Leerstellen und Unschärfen

Eine detaillierte Beschreibung von Antisemitismusdiskursen auf individueller Mikro- sowie kultureller Meso-Ebene zu liefern und diese zudem noch im Kontext makrosozialer Gelegenheitsstrukturen zu erklären, ist ein sehr umfassendes Forschungsvorhaben. Dem kann eine einzelne Studie nur teilweise gerecht werden, und so erscheinen die Schwächen in Arnolds Arbeit als Ergebnis einer gewissen Überlast der eigenen Erkenntnisziele: Das Buch wirkt streckenweise überladen, lässt an anderen Stellen aber Detailinformationen vermissen. Insbesondere die historischen Erörterungen hätten stärker zugespitzt werden können, ohne dabei an argumentativer Kraft einzubüßen. Das hätte den nötigen Raum eröffnet, um andere Aspekte stärker zu vertiefen: So wäre etwa eine genauere Explikation der westlich-marxistischen Gesellschaftstheorie wünschenswert gewesen, die Arnolds antisemitismuskritische Argumentation und nicht zuletzt auch ihre eigene normative Positionierung wesentlich mitprägt (S. 30 f.).

Aus methodischer Sicht muss angemerkt werden, dass die Studie von einer klareren Formulierung ihrer Generalisierungsziele hätte profitieren können. So stellt Arnold zwar fest, dass ihre Materialgrundlage keine verallgemeinernden Schlüsse auf die heterogene Gesamtpopulation linker Aktivist_innen in den USA zulässt, ihre Zielsetzung vielmehr eine detaillierte Darstellung von „Teilströmungen“ ist (S. 177). In der Ergebnisdarstellung tauchen aber mehrfach Passagen auf, in denen die beanspruchte Geltungsreichweite der jeweiligen Befunde überzogen oder doch zumindest unklar erscheint. So kann der Eindruck entstehen, die Ausführungen gäben Einblick in Diskurse und Motive ‚der US-amerikanischen Linken‘, wenngleich die Generalisierbarkeit der Ergebnisse doch fraglich bleibt. Hierzu trägt auch bei, dass Interviewzitate stellenweise ohne Angaben zu Sprecher_in und Redekontext wiedergegeben werden und genauere Angaben zur Häufigkeit der analysierten Motive im Interviewmaterial fehlen. Überdies stellt sich bezüglich der Fallauswahl die Frage, ob nicht Gegenbeispiele (etwa antisemitismuskritische linke Gruppen) in der Datenbasis stärker hätten berücksichtigt werden können.

 

Fazit

Arnold zeichnet ein historisch weit zurückgreifendes und empirisch fundiertes Bild aktueller Antisemitismusdiskurse in den USA. Ihr Fokus auf linke Antisemitismuskritik beziehungsweise deren Abwesenheit offenbart dabei eine tragische Diskurskonstellation: Im Zusammenspiel antiimperialistischer Theorietraditionen mit den politisch-kulturellen Besonderheiten der USA hat sich linke Rassismuskritik nicht nur weitestgehend von Antisemitismuskritik abgespalten. Vielmehr ist Antisemitismuskritik sogar zu einem Teil ihres Feindbildes geworden. Daher ist Arnolds vermittelnde Haltung als besondere Stärke ihrer Arbeit anzusehen: Sie kritisiert die Bagatellisierung des Antisemitismus, ohne dabei in Generalurteile oder Polemik zu verfallen. Damit leistet Arnold auch einen wertvollen Beitrag zu jener aktuellen Strömung der Vorurteilsforschung, die systematisch die Analyse von Vorurteilsausdrücken mit der Untersuchung von Formen der Vorurteilskritik verknüpft.[1]

Fußnoten

[1] Zum Beispiel Michael Kohlstruck / Peter Ullrich, Antisemitismus als Problem und Symbol. Phänomene und Interventionen in Berlin, hg. von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt, Berlin 2015; Anja Weiß, Rassismus wider Willen. Ein anderer Blick auf eine Struktur sozialer Ungleichheit, Wiesbaden 2013.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Heiko Beyer.