Wer zwei Mal mit demselben pennt...

Rezension zu "Das homosexuelle Begehren" von Guy Hocquenghem

Guy Hocquenghems Le Désir Homosexuel (1972) gilt als Klassiker der französischen Schwulenbewegung, sein Autor als eine ihrer Schlüsselfiguren. Hocquenghems mit gerade einmal 25 Jahren verfasstes Erstlingswerk imponiert als wuchtiges Manifest gegen die Antihomosexualität der französischen Nachkriegszeit, zugleich aber auch als Zeugnis eines radikalen Denkens, das über seine Zeit hinausweist. Häufig wurde Hocquenghem für seine prinzipielle Identitätskritik und für sein Verschmähen jeglicher Anpassung an die bürgerliche Gesellschaft als Vorläufer der zeitgenössischen Queer Theory gewürdigt. Tatsächlich fällt auf, wie sehr bei ihm schon vorgebildet ist, was heute unter Queer Theory verhandelt wird – im Guten wie im Schlechten.

Für die Neuauflage des Buches, dessen Titel nun als Das homosexuelle Begehren übersetzt wurde, haben die Herausgeber Lukas Betzler und Hauke Branding die Erstübersetzung von 1974 (Das homosexuelle Verlangen) überarbeitet und mit wertvollen Hinweisen versehen. Einige der neu getroffenen Übersetzungsentscheidungen wie die titelgebende für désir erweisen sich als durchaus folgenreich. Tatsächlich hatte die Erstübersetzung auf falsche Wege geführt, weil das „Verlangen“ mit bewusster Erwartung, gegebenenfalls schmerzhaften Sehnsüchten („sehnlichstes Verlangen“), jedenfalls aber mit konkreten Zielen und einem als Mangel empfundenen Ist-Zustand assoziiert ist. Das hat wenig mit Hocquenghems désir homosexuell zu tun, das sich explizit auf die zumeist als „Wunschmaschinen“ übersetzten machines désirantes aus dem Anti-Ödipus von Gilles Deleuze und Félix Guattari bezieht. Diese Maschinen produzieren um der Produktion willen und erschöpfen ihre Tätigkeit nicht im Stillen eines bewusstseinsfähigen Verlangens. „Das homosexuelle Begehren“ ist sicherlich eine bessere Übersetzung, wenngleich auch „Der homosexuelle Wunsch“ die Sache gut getroffen hätte und zudem den Vorteil mit sich bringen würde, die enge Verwandtschaft, die zwischen Hocquenghems Denken und dem Anti-Ödipus besteht, noch nachdrücklicher zu unterstreichen.[1]

Die Bedeutung der Theorien von Deleuze und Guattari für Hocquenghems Text kann kaum überschätzt werden. Der Anti-Ödipus ist das Koordinatensystem von Das homosexuelle Begehren. Von Deleuze und Guattari übernimmt Hocquenghem ein Differenzschema, das seinen gesamten Entwurf strukturiert: die produktiven Vielheiten versus die anti-produktiven Vereinheitlichungen. Auf der Seite des Produktiven steht demnach alles Partiale, Abgetrennte, Fragmentarische, Nomadische, „Molekulare“: die besagten Wunschmaschinen, Ströme produzierende und entnehmende Organe, deren Verschaltung Deleuze und Guattari als „schizophrenen“ Produktionsprozess feiern. Auf der Seite des Unproduktiven steht hingegen alles Zusammengesetzte, „Molare“, Sesshafte, das als „paranoide“ Blockade der schizophrenen Produktion angeklagt wird. Dieser im Anti-Ödipus auf allen Ebenen durchexerzierte Grundgedanke begegnet uns in diversen Begriffsmanichäismen wieder, die Hocquenghem von dort übernimmt, nicht zuletzt in der zentralen Gegenüberstellung einer molekularen und einer molaren Homosexualität. Wie im Anti-Ödipus, so ist auch bei Hocquenghem die Integration der Wünsche (das Ich, die Person, das Objekt) allein als Repression und nie als Versöhnung der Polymorphie des Begehrens mit der Einheit des Subjekts gedacht. Wie Deleuze und Guattari weist auch ihr intellektueller Schüler alle psychoanalytischen Begriffe resolut zurück, die nicht zur Vorstellung der entfesselten Wunschmaschinenproduktion passen wollen, allen voran solche, die auf Unverfügbares wie die Geschlechter- und Generationsdifferenz verweisen (Kastration), die von Konflikten und Kompromissen zwischen Realität und Fantasie ausgehen (Frustration) oder auf schmerzliche Aspekte psychischer Entwicklung verweisen (depressive Position bei Melanie Klein). Und wie im Anti-Ödipus identifiziert auch Hocquenghem „Ödipus“ als Kern allen Übels, als Hauptankerpunkt der durch die bürgerliche Gesellschaft installierten und angeblich durch die Psychoanalyse ideologisch verdoppelten Repression: „In der ödipalisierten Sexualität gibt es keine freien Verkoppelungen der Organe untereinander mehr“ (S. 72).

Das homosexuelle Begehren liest sich über weite Strecken wie eine Anwendung des deleuze-guattarianischen Grundgedankens auf die „Homosexuellenfrage“ – eine Anwendung, die freilich schon im Anti-Ödipus selbst vorgebildet ist, etwa wenn seine Autoren von „zwei Arten oder vielmehr zwei Bereiche[n] von Homosexualität“ sprechen, „deren einer nur ödipal, exklusiv und depressiv, deren anderer aber anödipal-schizoid“[2] sei. Dass Deleuze und Guattari zufolge „eine ‚Homosexuelle Front’ so lange nicht möglich“ sei, „wie Homosexualität und Heterosexualität in einer Beziehung exklusiver Disjunktion gesehen werden, die beide auf einen gemeinsamen ödipalen und Kastrationsursprung verweist“,[3] dürfte Hocquenghem als Arbeitsauftrag verstanden haben, die Homosexuelle Front auf dem Boden einer ödipusfreien Wunschmaschinentheorie neu zu formieren. In der Sprache von Deleuze und Guattari könnte man das Verhältnis der beiden Bücher als produktive Verschaltung der Anti-Ödipus-Maschine mit der Schwulenbewegungsmaschine bezeichnen. Bedenkt man allerdings, dass der junge Hocquenghem sich alle zwei Seiten an einem Zitat aus dem Anti-Ödipus festhalten muss und selbst in den inhaltlichen Analysen (etwa des Werkes Prousts) häufig schlicht die Beobachtungen von Deleuze und Guattari zustimmend wiedergibt, dann bietet sich auch eine andere, ödipale Lesart des Verhältnisses der beiden Werke an: Das homosexuelle Begehren als sich konformistisch identifizierender Sohn des Anti-Ödipus.

Gegenüber seinen intellektuellen Vorbildern nimmt Hocquenghem lediglich eine Veränderung vor: Stillschweigend ersetzt er die Hauptmetapher des Schizos durch die des „homosexuellen Begehrens“. Das schizophrene Delirium, das mit seiner Auflösung der Differenzen von Leben und Mechanik, von Personen und Partialobjekten, von Realität und Phantasie das utopisch aufgeladene Modell für den Wunschmaschinenkommunismus bei Deleuze und Guattari abgibt, erwähnt Hocquenghem lediglich ein einziges Mal, wenn er das homosexuelle Cruising mit dem „Umherschweifen des Schizophrenen“ (S. 123) gleichsetzt. Ansonsten wurde die Figur des Schizo vollständig durch das homosexuelle Begehren substituiert. Das hat zur Folge, dass dieses Begehren mit all den revolutionären Aufgaben beladen ist, die dem Schizo im Anti-Ödipus aufgelastet wurden: es soll das Disperse, Anarchische, Vielfältige, Produktive verkörpern. Unweigerlich wirft das die Frage auf, was dieses zur universalen Befreiungsmetapher gewordene homosexuelle Begehren eigentlich mit Homosexualität zu tun hat.

Hier kommt dann wiederum das dichotome Differenzschema zur Anwendung: Auf der einen Seite steht die ödipale, molare, bürgerliche, auf der anderen die nicht-ödipale, molekulare, revolutionäre Homosexualität, der das Signum des wirklichen homosexuellen Begehrens vorbehalten ist. Zu ersterer zählt Hocquenghem alle vermeintlich repressiven Formen von Zärtlichkeit und personaler Bindung: „Treue, Liebesverhalten etc.“ (S. 71). Die molekulare Homosexualität realisiere hingegen einen befreiten, „vorpersönlichen Zustand“ (S. 87). Als revolutionäre Praxis wird dann insbesondere schneller und anonymer Sex ausgerufen, weil sich hier „die Organe gesetz- und regellos verkoppeln“ (S. 94). Orte des anonymen Sex wie Dampfbäder begreift Hocquenghem dergestalt als „Anzeichen eines [...] sexuellen Urkommunismus“ (ebd.). Revolutionär sind bei ihm aber auch Analsex, weil er den bürgerlich-psychoanalytischen Phallozentrismus subvertiere und die für den kapitalistischen Alltag notwendige Sublimierung des Analen aufbreche (auch dies ist bereits im Anti-Ödipus formuliert), und schließlich die Tunte, weil sie die Geschlechterkategorien auflöse (S. 141).

Eine wohlwollende Lesart sieht bei Hocquenghem eine Verknüpfung „strategischer Identitätspolitik“ mit einer „radikalen Kritik an Identität“ (so die Herausgeber im Nachwort, S. 153). Mein Eindruck geht in eine andere Richtung: Der Autor hält die Spannung nicht, sondern lässt die Verbindung des Besonderen mit dem Allgemeinen zerreißen. Als das eine Spaltungsprodukt bleibt dann ein ausgehöhlter Begriff von Homosexualität zurück. So müsste nach Hocquenghem jedes Glied des Satzes „Ich liebe ihn“, der für manche homosexuelle und bisexuelle Männer am Anfang ihrer selbstbewussten Sexualbiografie steht,[4] als Ausdruck von Repression zurückgewiesen werden: das Ich wird in die Wunschmaschinen zersplittert, das Lieben als bürgerliche Form des Verlangens verpönt und das Objekt (ihn) in ein geschlechtsloses und genauso wie das Ich partialisiertes Maschinenkonglomerat aufgelöst. Nach Austreibung aller „anthropomorpher Charakterisierungen“ (S. 100) ist das nach heutigen Begriffen gequeerte homosexuelle Begehren dann um die Homosexualität gebracht: „In Wirklichkeit sind der Cruisingmaschine Namen und Geschlechter ganz egal“ (S. 122). Als das andere Spaltungsprodukt fetischisiert Hocquenghem wiederum als subversiv begriffene Sexualpraxen und auch die homosexuelle „Gruppe“, als wären sie unmittelbare Manifestationen der Revolution. Wenn er dann sogar von der „enormen Überlegenheit der homosexuellen Liebschaften“ (S. 122f.) spricht, wandelt sich sein angeblich so identitätskritisches Denken in nichts anderes als ein höchst identitäres, „poröses Elitebewußtsein“, wie Martin Dannecker schon 1978 in Bezug auf Hocquenghem bemerkte. Die ausposaunte Befreiung vom Phallozentrismus verkehrt sich bei Hocquenghems Feier der beziehungslosen Sexualität, so Dannecker weiter, in einen Lobgesang auf einen „typisch männlichen Umgang mit Sexualität“.[5]

Ja, Hocquenghem ist ein Vordenker der Queer Theory, doch nicht nur, weil sich in seinem Werk bereits prominente queere Theoriefiguren in ihrer uns gegenwärtig bekannten Ausprägung finden – etwa die Dekonstruktion aller geschlechtlich-sexuellen Kategorien, die Parodie der Geschlechterrollen (Butler) oder der Kult um den Anus (Preciado, Bersani). Vielmehr zeichnen sich in seinem Buch schon die problematischen Züge der heutigen Queer Theory ab: so der Umschlag eines sich identitätskritisch wähnenden Denkens in sein Gegenteil, so die (schon in Deleuze und Guattaris Maschinentheorie angelegte) Tilgung jeglicher Erfahrung von erster Natur als etwas Unverfügbarem, so die undialektische Auflösung des Widerspruchs zwischen Individuum und Gesellschaft zugunsten einer als authentisch fantasierten Gemeinschaft oder Gruppe.[6]

Über die als „sexueller Urkommunismus“ gepriesene „homosexuelle Gruppalisierung“ heißt es bei Hocquenghem: Hier „genießt (jouit) die Gruppe in einer Art von unmittelbarem Verhältnis, aus dem die sakrosankte Unterscheidung zwischen öffentlich und privat, individuell und gesellschaftlich völlig geschwunden ist“ (S. 94). Die Vorstellung, das Aufgehen in der Gruppe habe nicht nur den Charakter einer sexuellen Regression, sondern diene der Wiederherstellung eines ursprünglich-kommunistischen Bandes, glaubt er wenig überraschend aus dem Anti-Ödipus herleiten zu können. Dort ist in Bezug auf ethnologische Rekonstruktionen des Aufbaus „primitiver“ Gemeinschaften von einer prähistorischen „anfänglich nicht-ödipale[n] Gruppenhomosexualität“[7] die Rede. Hocquenghem schlussfolgert daraus, dass das revolutionäre „anale Gruppale“ dem repressiven „ödipale[n] Sozial[en]“ (S. 95) gegenübergestellt werden könne. Wer beim Konstrukt einer „primitiven“ Gruppenhomosexualität allerdings nicht an den analen Urkommunismus, sondern an Männerhorden denkt, liegt nicht falsch, und Hocquenghem gibt das durch Nennung seiner Quelle, die er wohl nicht sehr genau studiert hat, unfreiwillig preis. Schlägt man nämlich den Anti-Ödipus auf, so liest man über die von Hocquenghem beschworene nicht-ödipale Urhomosexualität: „Überall dort, wo Männer zusammentreffen, um sich Frauen zu nehmen, sie zu vermitteln oder aufzuteilen, wird das perverse Band einer primären Homosexualität zwischen lokalen Gruppen, zwischen Schwagern, Mitehemännern, Kindheitspartnern usw. erkennbar.“[8]

Dass sich bei einem virtuosen Denker wie Hocquenghem auch regressive Momente finden, kommt glücklicherweise im Nachwort der Neuauflage zur Sprache. Die Herausgeber unternehmen dort den bemerkenswerten Versuch einer differenzierten Kritik. Als wichtigen Impuls, den es aufzunehmen gelte, heben sie etwa Hocquenghems pointierte Kritik der Antihomosexualität oder seinen Begehrensbegriff hervor, den sie als Korrektiv für eine derzeit zu sehr auf Performativität gemünzte Geschlechtertheorie begreifen. Zugleich kritisieren sie Hocquenghem jedoch für seine Suche nach einer freizusetzenden Ursprünglichkeit, stellen die Parole von der „Auflösung des Ich“ infrage und formulieren eine Kritik an der zeitgenössischen queer-theoretischen Affirmation des Destruktiven (etwa Jasbir Puars Begeisterung für Selbstmordattentäter als angeblich queere Subjekte). Ferner zeigen sie, welche Blüten der regressive Zug beim späteren Hocquenghem noch getrieben hat: Fürsprache für die Legalisierung von Sex mit Minderjährigen, persönliche Freundschaften mit Vertretern der Neuen Rechten, Holocaust-Bagatellisierungen, Kolportage eines Genozids an Homosexuellen unter dem Vichy-Regime (den es in Wahrheit nicht gegeben hat), antisemitische Äußerungen...

Diese kritische Auseinandersetzung ist beachtlich und überzeugt in vielen Punkten. Allerdings weichen die Herausgeber, die zwar scharfe Urteile fällen, zugleich aber bloß von „negativen Irritationen“ (S. 178) und polemischen Entgleisungen sprechen, der Frage aus, ob Hocquenghems kritikwürdige Auslassungen nicht bereits strukturell in seinem Denken und auch im Anti-Ödipus angelegt sind[9]. So ließe sich argumentieren, dass die Unfähigkeit, sexuellen Missbrauch adäquat zu fassen, eine logische Konsequenz des Anti-Ödipus ist, der in seiner rigorosen Kritik des Familialismus die Differenz zwischen erwachsener und infantiler Sexualität vollständig negiert. Denn bei aller wohl berechtigter Kritik eines zum Schematismus geronnen ödipalen Denkens, die der Anti-Ödipus auf eine durchaus inspirierende Weise radikalisiert, sind es genau die dort ausgetriebenen psychoanalytischen Begriffe, die der Paradoxie der infantilen Sexualität, ihrer zugleich sexuellen und präsexuellen Natur, Rechnung tragen.[10] Oder andersherum: Ein Denken, das die Auflösung personaler Integrität als Utopie proklamiert, ist strukturell unfähig, die Gewalt begrifflich zu fassen, die einer (aufwachsenden) Person im sexuellen Missbrauch angetan wird.

Obwohl die regressiven Momente wesentliche und nicht zufällige Merkmale der Theorie Hocquenghems sind und der Versuch der Herausgeber, die kritische Theorie Adornos und Horkheimers in Hocquenghem hineinzuinterpretieren, deshalb nicht gelingt[11], bleibt die durch die überarbeitete Neuauflage von Das homosexuelle Begehren angeregte, kritische Auseinandersetzung mit Hocquenghem ein vielversprechendes Unterfangen. Hocquenghem als Autor, als Person und als Teil der französischen Schwulenbewegung wird von lauter Brüchen durchzogen, die bereits seinem Frühwerk anzumerken sind. Den reaktionären und grobschlächtigen Zügen stehen inspirierende und bewegende gegenüber. Geradezu mitreißend ist seine Darstellung der „anti-homosexuellen Paranoia“, die – ohne dass das das Ziel des Buches wäre – ein eindrückliches Bild von der juristischen, psychiatrischen, parteikommunistischen und religiösen Homosexuellenunterdrückung im Frankreich der Nachkriegsjahrzehnte zeichnet. Auch trifft seine immanente und belesene Kritik der psychoanalytischen Antihomosexualität ins Herz des psychoanalytischen Denkens. Anders als Didier Eribon, der ein paar Jahrzehnte später auf viel oberflächlichere Weise noch einmal die Rhetorik des Anti-Ödipus aufwärmt,[12] ist Hocquenghem an einer lebendigen Auseinandersetzung mit (wenigstens manchen) psychoanalytischen Begriffen (zum Beispiel Freuds Bisexualitätstheorie) gelegen, an deren verschüttete Potentiale er erinnert.

Es lohnt, die Lektüre Hocquenghems mit derjenigen anderer Zeugnisse zu verbinden, die dem deutschsprachigen Publikum einen Einblick in das Denken der radikalen Schwulenbewegung Frankreichs gewähren.[13] Insbesondere sei an den jüngst unter dem Titel Für den Arsch (2019, August-Vlg.) neu aufgelegten Essay des gemeinsam mit Hocquenghem in der Schwulenbewegung engagierten Christian Maurel erinnert – ein Text, der sich wie eine nachdenkliche Widerrede zu Das homosexuelle Begehren liest.[14] Man gewinnt bei der Lektüre solcher Dokumente einen Eindruck davon, wie im Pariser Treibhaus der poststrukturalistischen Theorieszene angesichts einer wohl noch stärkeren Repression als in Deutschland ein heterogenes, radikales, faszinierendes und abgründiges schwulenpolitisches Denken entstand, für das es im deutschsprachigen Raum wohl kein Pendant gegeben hat.[15] Das homosexuelle Begehren ist eine Manifestation dieses Denkens.

Fußnoten

[1] Man würde dann Bernd Schwibs kanonischer Übersetzung der machines désirantes mit „Wunschmaschinen“ folgen, vgl. Gilles Deleuze / Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie, Frankfurt am Main 1974. Die Herausgeber beziehen sich bei ihrer Entscheidung für die Übersetzung mit „Begehren“ auf die Linie Hegel-Kojève-Lacan-Deleuze/Guattari (S. 185). Man könnte allerdings argumentieren, dass Deleuze/Guattari in ihrer selektiven Lacan-Lesart Hegel aus Lacan austreiben, genauer: die Vermittlung des Begehrens durchs Symbolische und den Begriff der Anerkennung (vgl. Deleuze/Guattari, Anti-Ödipus, S. 36). Der in den gängigen Übersetzungen freilich nicht so intendierte Begriffsgegensatz von désir=Begehren (Lacan) und désir=Wunsch (Deleuze/Guattari) bildet also einen Gegensatz in der Sache ab. Hocquenghems Denken bezieht fast alles aus dem Anti-Ödipus und nichts von Lacan oder Hegel, weshalb eine Übersetzung mit Wunsch konsequent wäre.

[2] Deleuze/Guattari, Anti-Ödipus, S. 89

[3] Ebd., S. 454

[4]  Blumstein und Schwartz fanden 1976, dass verheirate Männer, die jahrelang anonyme homosexuelle Sexualkontakte pflegten, ihre heterosexuelle Orientierung erst infrage stellten, als diese Sexualkontakte auch zärtliche und emotionale Dimensionen hinzugewannen. Vgl. Philip Blumstein / Pepper Schwartz, Bisexuality in Men, in: Urban Life 5 (1976), S. 339–358.

[5] Martin Dannecker, Der Homosexuelle und die Homosexualität, Frankfurt am Main 1981, S. 114 f.

[6] Vgl. Benedikt Wolf, Queer. And now?
 Für eine kritische Geschichtsschreibung der Queer Theory, in: Janin Afken et al. (Hg.), Jahrbuch der Sexualitäten 2019, Göttingen 2019, S. 153–178.; Aaron Lahl, Analyzing Queer, in: Till Randolf Amelung (Hg.), Irrwege. Analysen aktueller queerer Politik, Berlin 2020, S. 106–128. Vojin Saša Vukadinović, Die professionelle Antizionistin [19.8.2020], in: Jungle World, 31.5.2018.

[7] Deleuze/Guattari, Anti-Ödipus, S. 211.

[8] Ebd., S. 210.

[9] Zur Verträglichkeit von Deleuze und Guattaris Anarchismus mit völkischem Denken: Magnus Klaue, Wie Völker sich bilden, in: ders., Verschenkte Gelegenheiten, Freiburg 2014, S. 55–71. Auch ein verfügender Zugriff auf die Vergangenheit, wie er sich in Hocquenghems Äußerungen zum Holocaust manifestiert, kann sich auf den Anti-Ödipus stützen. Vgl. dazu die um die Frage der Erinnerung zentrierte Kritik von Deleuze und Guattaris Proustlesart bei Jean Bégoin, Der Anti-Ödipus oder die neidvolle Zerstörung der Brust, in: Janine Chasseguet-Smirgel (Hg.), Wege des Anti-Ödipus, Frankfurt am Main 1978, S. 110–126.

[10] Für eine historisch fundierte und elaborierte Begriffsbildung zur infantilen Sexualität: Julia König, Kindliche Sexualität. Geschichte, Begriff und Probleme, Frankfurt am Main 2020. Die Autorin kritisiert dort auch Foucaults und Hocquenghems Tendenz, die Differenz infantiler und erwachsener Sexualität als bloß konstruierte abzutun bzw. einreißen zu wollen (S. 50 ff.).

[11] Nachdem sie mehrfach eine Art Vermittlungsdenken in Hocquenghem hineingelegt haben, schließen die Herausgeber mit Anklang an Adorno: „Das Ziel, das in Das homosexuelle Begehren ausgegeben wird, ist eine Gesellschaft, in der alle ohne Angst verschieden lieben und begehren können“ und fügen an, dass eine solche Gesellschaft ihrem Verständnis nach „eine versöhnte, freie und vernünftig eingerichtete“ sei (S. 183). Von Versöhnung und Vernunft, von vulnerablen oder liebenden Subjekten fehlt in Das homosexuelle Begehren allerdings jede Spur.

[12] Didier Eribon, Der Psychoanalyse entkommen [2005], Wien 2018. Dazu: Aaron Lahl, Rezension zu Didier Eribon (2017): „Der Psychoanalyse entkommen“, in: RISS – Zeitschrift für Psychoanalyse, 90 (2019), S. 190–194. Und: Aaron Lahl, Affirmation und Entwertung der Liebe in der Psychoanalyse. Eine Erwiderung auf Didier Eribon, in: Patrick Henze / Aaron Lahl / Victoria Preis (Hg.), Psychoanalyse und männliche Homosexualität. Beiträge zu einer sexualpolitischen Debatte, Gießen 2019, S. 297–316.

[13] Zur Lektüre empfohlen seien insbesondere die beiden antiquarisch erhältlichen, von Bernhard Dieckmann und François Pescatore im Verlag rosa Winkel herausgegebenen Bände Elemente einer homosexuellen Kritik (Berlin, 1979) und Drei Milliarden Perverse (Berlin, 1980). Nicht unbedingt zur Lektüre empfohlen sei der jüngst von Heinz-Jürgen Voß herausgegebene Sammelband Die Idee der Homosexualität musikalisieren. Zur Aktualität von Guy Hocquenghem (Gießen, 2017), der neben Lesenswertem (wie dem Artikel Rüdiger Lautmanns) einige Kuriositäten enthält, so etwa Norbert Recks Bemühung, bei Hocquenghem auf assoziativem Wege Anklänge für eine „queere Theologie“ zu finden oder Voß’ letztlich plumpe Verurteilung des anonym unter dem Titel „Die Araber und Wir“ (1973) publizierten Gesprächs einiger französischer Schwulenaktivisten über ihre sexuellen Erfahrungen mit arabischen Männern. Voß’ Nachweis, dass in diesem Gespräch kategorisierende Zuschreibungen gegenüber Arabern gemacht werden, bleibt oberflächlich und ignoriert, dass dort auch wirkliche Erfahrungen ausgedrückt und reflektiert werden, die wiederum durch reale gesellschaftlich-kulturelle Verhältnisse bedingt sind.

[14] Christian Maurel, Für den Arsch, Berlin 2019. Bis vor einigen Jahren wurde Hocquenghem für den Autor des ohne zugewiesenen Autornamen publizierten Essays gehalten (siehe das Nachwort von Peter Rehberg, das auch über die turbulente Geschichte dieses in einem umgehend verbotenen Heft publizierten Texts informiert). Anders als Rehberg, der in Maurels Text eine „zugespitzte Kurzfassung von Das homosexuelle Begehren" sieht (ebd., S. 93, der zugleich aber auch Differenzen herausgearbeitet), lese ich denselben vielmehr als eine kritische Replik auf Hocquenghem. Maurel bekennt im Stile des Tabubruchs, eine mehrjährige Partnerschaft zu haben, und kritisiert verschiedene Szenezwänge, die etwa zum Ausschluss von Paaren aus dem Front Homosexuel d’Action Révolutionaire führten (ebd., S. 79). Das steht im deutlichen Widerspruch zu Hocquenghems einseitigem Lob der beziehungslosen Sexualität. Trotz der Obszönität seines Schreibens, die ihn mit Hocquenghem verbindet, lässt Maurel die Widersprüche zwischen Sexualität und Liebe, zwischen Cruising und Beziehung, aber auch zwischen Körper und Geist, Schweigen und Sprechen, Selbstpreisgabe und Selbstbeherrschung unaufgelöst stehen, wodurch seine Sprache eine ergreifende, traurige Poesie entwickelt, die im starken Kontrast zu Hocquenghems revolutionärem Pathos steht: „An wen richte ich mich hier? An alle, die von der Revolution sprechen, um sie nicht zu machen. Also auch an mich selbst“ (ebd., S. 87).

[15] Zur Geschichte der westdeutschen Schwulenbewegung: Patrick Henze, Schwule Emanzipation und ihre Konflikte. Zur westdeutschen Schwulenbewegung der 1970er Jahre, Berlin 2019.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jakob Borchers.