Wertewandel im Nahen Osten?

Rezension zu "The Clash of Values. Islamic Fundamentalism Versus Liberal Nationalism" von Mansoor Moaddel

Nachdem 2010 in Tunesien die Proteste des sogenannten Arabischen Frühlings ausgebrochen waren und sich von dort über viele andere Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas ausgebreitet hatten, prophezeiten zahlreiche Stimmen einen Wertewandel in der Region. In den Augen dieser Kommentatoren richteten sich die Proteste nicht nur gegen die autoritären und repressiven Regime in den betreffenden Ländern, sondern sie waren Ausdruck einer umfassenden gesellschaftlichen Transformation in Richtung Demokratie, Liberalismus und Toleranz. Ob und inwieweit sich die Einstellungen der Einwohner dieser Länder tatsächlich verändert hatten, blieb allerdings empirisch unbeantwortet. Mansoor Moaddels The Clash of Values versucht, diese Lücke zu schließen, und bietet dafür einen umfassenden datenbasierten Einblick in die aktuellen soziokulturellen Entwicklungen der Region, wobei der spezifische Fokus des Buches auf den Ländern Ägypten, Irak, Libanon, Pakistan, Saudi-Arabien, Tunesien und Türkei liegt.

Drei zentrale Forschungsfragen sucht der an der University of Maryland forschende Soziologe mittels Querschnitts-, Längsschnitts- und Paneldaten zu beantworten. Erstens untersucht Moaddel die Einstellungen der Befragten auf liberal-nationalistische und religiös-fundamentalistische Merkmale, wobei er insbesondere die Differenzen zwischen den sieben Ländern und den unterschiedlichen Alters-, Geschlechts- und Bildungsgruppen herausarbeiten möchte. Zweitens fragt er, mit welchen Variablen liberale und religiös-fundamentalistische Weltanschauungen auf der Mikro- (Individuen) und auf der Makroebene (Länder) erklärt werden können. Drittens erforscht der Autor den möglichen Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung sozioökonomischer Entwicklung und der Ausbildung der angesprochenen Einstellungsmuster. Die Untersuchung der erhobenen Daten mündet schließlich in die These, der Arabische Frühling habe nicht nur in den arabischen Ländern, sondern in der ganzen Region eine neue polit-kulturelle Episode eingeleitet.

Moaddels Studie beruht auf zwei Prämissen. Zum einen lehnt er die Modernisierungstheorie und ähnliche soziokulturelle Evolutionsmodelle ab. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen müssten demnach nicht zwangsläufig linear beziehungsweise stufenweise ablaufen (S. 8–12). Zum anderen betrachtet er Wandel innerhalb von Werte- und Glaubenssystemen als losgelöst von wirtschaftlichen Faktoren: Vor allem Diskurse über soziopolitische und kulturelle Fragen seien in der Lage, signifikanten gesellschaftlichen Wandel hervorzubringen (S. 27–28). Laut Moaddel können gesellschaftliche Leitprinzipien, wie zum Beispiel Regierungsformen oder Geschlechterverhältnisse, vor allem dann verändert werden, wenn oppositionelle Kräfte sie zum Objekt ideologischer, religiöser und politischer Auseinandersetzungen machen und somit herrschende Diskurse infrage stellen: „Generally, the back-and-forth discussions, ideological debates, religious disputations, and the warring of positions over issues produce alternative discourses that in turn shape the agenda of the opposition movement, structure the attention span of the oppositional leaders, and turn a given historical period into a distinct cultural episode” (S. 235). Dieser Ansatz versteht Geschichte als Folge kultureller Phasen. In der modernen Geschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas identifiziert Moaddel schematisch drei solcher Episoden: Am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts prägte der „islamische Modernismus“ die Region; dann dominierte bis in die 1950er-Jahre der Nationalismus in seinen unterschiedlichen, nämlich autoritär-säkularen, panarabischen und liberalen Ausprägungen; und zuletzt bestimmte der islamische Fundamentalismus zwischen dem Anfang der 1970er-Jahre und dem Arabischen Frühling die soziopolitische und -kulturelle Landschaft.[1] Folgt man dem Autor, sind wir aktuell Zeugen des Beginns einer neuen Episode, die er als liberal-nationalistisch charakterisiert. Dieser Nationalismus unterscheidet sich dadurch vom liberalen des 20. Jahrhunderts, dass er nicht „top-down“, von der politischen Herrschaft nach unten diktiert, sondern „bottom-up“ von oppositionellen Kräften eingefordert wird.

Doch wie bestimmt Moaddel das ideologische Gegensatzpaar, das seine Arbeit strukturiert? Unter liberalen Werten versteht der Soziologe die Unterstützung für expressiven Individualismus, Gleichberechtigung der Geschlechter, die Trennung von Staat und Kirche und die Identifikation mit der eigenen Nation (anstelle von religiöser Identität). Im Gegensatz dazu schreibt der Autor der religiös-fundamentalistischen Weltanschauung folgende Merkmale zu: ein autoritäres Verständnis von Gott, die wörtliche und dogmatische Auslegung der religiösen Schriften, der Glaube an die Superiorität der eigenen Religion oder der eigenen religiösen Gemeinschaft und die Intoleranz gegenüber anderen Religionen. An dieser Stelle wäre eine kritische Auseinandersetzung mit der vorhandenen Literatur zu religiösem Fundamentalismus wünschenswert gewesen, denn es bleibt unklar, wie sich Moaddels Konzeptualisierung und Operationalisierung des Begriffs zu bereits existierenden Studien verhält. Darüber hinaus bleibt offen, ob sich der Begriff, der ursprünglich zur Bezeichnung von Protestanten in den USA verwendet wurde, überhaupt eignet, um Strömungen des Islam zu beschreiben. Manche Autoren sind gegen seine Anwendung auf den Islam.[2] Auf diese Fragen geht Moaddel zwar in wenigen Worten ein, doch sie verdienen mehr Aufmerksamkeit (S. 122).

Um die Unterschiede sichtbar zu machen, die zwischen den Einstellungen in den verschiedenen Ländern und den Alters-, Geschlechts- und Bildungsgruppen bestehen, verwendet Moaddel deskriptive Statistiken. Leider wirkt die Darstellung seiner Befunde jedoch stellenweise unstrukturiert und repetitiv, weshalb der Leser schnell den Überblick zu verlieren droht. Manche Ergebnisse sind zwar eindeutig, zum Beispiel, dass junge Befragte im Vergleich zu älteren im Durchschnitt häufiger liberale Werte teilen und seltener religiös-fundamentalistische Ansichten vertreten. Mit der Ausnahme Saudi-Arabiens äußern sich die besser Ausgebildeten ähnlich liberal. Zu bedauern ist gleichwohl, dass die aufgedeckten Unterschiede meist unerklärt bleiben, fehlen doch systematische, strukturierte und hypothesengeleitete Vergleiche, die eine derartige Erklärung leisten könnten. So unterscheiden sich in einigen Ländern die Einstellungen von Männern und Frauen im Hinblick auf bestimmte Indikatoren, in anderen Ländern jedoch nicht; mal lassen sich Unterschiede innerhalb eines Landes oder zwischen den Ländern feststellen und mal wiederum nicht. Selten aber werden diese Befunde aufgegriffen und gründlich interpretiert.

Doch nicht in jeder Hinsicht bleibt Moaddel eine Erklärung für seine Untersuchungsergebnisse schuldig. Eine Ausnahme ist beispielsweise der angedeutete Sachverhalt, dass sich kaum signifikante Unterschiede zwischen saudi-arabischen Befragten mit und ohne Universitätsabschluss feststellen lassen. Laut Moaddel ist dieses Ergebnis eine Folge des Einflusses der konservativ-religiösen Institutionen auf den Inhalt des Lehrplans an den saudi-arabischen Universitäten (S. 74). Das ist ein besorgniserregender Befund, insbesondere wenn man die aktuellen Entwicklungen in der Türkei verfolgt, wo das konservativ-religiöse Regime dazu übergegangen ist, regierungskritische Professor*innen und Dozent*innen aus den Universitäten zu entlassen.[3] Ein weiteres interessantes Ergebnis, das Moaddel zu interpretieren sucht, betrifft die Tatsache, dass die verschiedenen Konfessionen und Religionsgemeinschaften in der Region eine divergente Affinität zum religiösen Fundamentalismus an den Tag legen (S. 133). Hier zeigt Moaddel, dass zum Beispiel Aleviten oder Christen im Vergleich zu Sunniten deutlich liberaler eingestellt sind. Der Autor erklärt diesen Unterschied damit, dass jene Konfessionen in der islamischen Welt in der Minderheit sind, und deshalb, um Konflikte zu vermeiden, tendenziell tolerant gegenüber der religiösen Mehrheit auftreten. Diese Erklärung ist jedoch nicht wirklich stichhaltig, da das Buch keinerlei Informationen über die Einstellungen von Christen und Aleviten zur Verfügung stellt, die in einem Land die religiöse Mehrheit stellen.

Moaddel verwendet bivariate Analysen, um Zusammenhänge zwischen möglichen Erklärungsvariablen auf der Mikro- und Makroebene und den entsprechenden Einstellungen zu erforschen (Kapitel 4 und 5). Warum er diesen Ansatz einem multivariaten Analyseverfahren vorzieht, bleibt rätselhaft, besonders wenn man berücksichtigt, dass Moaddel in einem älteren Artikel auf Grundlage der gleichen Daten eben solche multivariaten Analysen durchführt.[4] Dennoch zeigen die Ergebnisse eindeutig, dass sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene diejenigen Faktoren, welche die Ausbildung eines religiös-fundamentalistischen Weltbildes begünstigen, ein liberales unwahrscheinlich machen, genau wie dies umgekehrt der Fall ist. Für eine eindeutigere Interpretation der bivariaten Analysen zu den Korrelaten des religiösen Fundamentalismus wäre es jedoch sinnvoll gewesen, aus den relevanten Umfrageitems Indexe zu errechnen. So wären manch signifikante Zusammenhänge, etwa der zwischen individueller Religiosität (zum Beispiel Moscheebesuche) und religiösem Fundamentalismus, noch deutlicher ersichtlich geworden.  

Die Kernthese des Buches betrifft die kulturellen Veränderungen der vergangenen Jahre, die sich in den Einstellungen der Befragten widerspiegeln. Moaddel interpretiert diesen Wandel als eine Folge der Demonstrationen während des Arabischen Frühlings. Dafür liefert er umfangreiche empirische Beweise. Eine Mehrheit der Befragten vertritt rückblickend die Ansicht, dass die Aufständischen nach mehr Freiheit, Demokratie und Wohlstand gestrebt hätten. Darüber hinaus befürworten diejenigen Befragten aus Tunesien und Ägypten, die angeben, an den Demonstrationen direkt teilgenommen zu haben, bei den Umfragen weiterhin liberale Werte. Signifikante religiös-fundamentalistische Einstellungsmuster lassen sich unter den Demonstrierenden hingegen nicht feststellen. Schließlich stützen noch weitere Trends, etwa die zunehmenden Zustimmungsraten in Fragen der Geschlechtergleichstellung und der Säkularisierung, die Moaddel anhand von Längsschnittdaten aufdeckt, die These einer anhaltenden Liberalisierung seit dem Arabischen Frühling.

In seinem optimistischen Ausblick ist Moaddel nicht allein.[5] Befunde aus den Arab Barometer-Umfragen deuten auf ähnliche Trends hin. Das Arab Barometer ist ein umfangreiches Kooperationsprojekt der US-amerikanischen Universitäten Princeton und Michigan, in dessen Rahmen seit 2006 regelmäßige Umfragen in der MENA-Region durchgeführt werden. Aktuelle Ergebnisse zeigen, dass in den letzten fünf Jahren der Anteil an Befragten, die sich als religiös bezeichnen, in allen untersuchten Ländern stark zurückgegangen ist (mit der Ausnahme des Jemen). Besonders unter jüngeren Menschen wird dieser Trend deutlich. Damit übereinstimmend ist der Anteil an Befragten, die Vertrauen in ihre religiösen Anführer setzen, in den letzten Jahren dramatisch gesunken.[6]

Andere Forscher*innen sind hingegen skeptischer. Diese Skepsis gründet sich darin, dass der Arabische Frühling nur in Tunesien eine liberale Demokratie hervorbrachte, während er in anderen Ländern in blutigen Bürgerkriegen (Syrien), militärischen Interventionen (Ägypten) und islamistischen Terroranschlägen (Irak) endete.[7] Auch Moaddel ist sich jedoch darüber im Klaren, dass sich die Verfechter*innen liberaler Werte in den meisten Ländern der Region, mit der Ausnahme Tunesiens und der Türkei, in der Minderheit befinden und derzeit nicht stark genug sind, um liberale Kräfte an die Macht zu wählen. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob der von Moaddel dokumentierte Wertewandel anhält und gar in einen Systemwandel mündet.

Besondere Anerkennung verdienen die Qualität und der Umfang der Daten, die Moaddel für das vorliegende Buch erhoben hat. Erfreulicherweise stehen die Daten für Interessierte online auf der Website www.mevs.org/research/data/ zur öffentlichen Verfügung. So lassen sich die Ergebnisse aus The Clash of Values nachrechnen und überprüfen; und Sozialwissenschaftler*innen werden in die Lage versetzt, auf Grundlage der Daten eigene Studien durchzuführen und anderen Forschungsfragen nachzugehen. Man kann nur hoffen, dass insbesondere die Panelstudien weiter fortgesetzt werden. Wie Moaddel selbst anmerkt, können statistische Trends nur dann als verlässlich bewertet werden, wenn Beobachtungen der gleichen Variable für mindestens drei Zeitpunkte vorliegen (S. 229). Würde es gelingen, das vom Autor angestoßene Untersuchungsprojekt in Zukunft fortzusetzen, entstünde ein meines Wissens einzigartiger Datensatz, der zukünftigen Forscher*innen erlauben würde, kausale Zusammenhänge des Wertewandels in der arabischen Welt zu untersuchen.

Fußnoten

[1] Vgl. auch: Mansoor Moaddel, Islamic Modernism, Nationalism, and Fundamentalism. Episode and Discourse, Chicago, IL 2005.

[2] John L. Esposito, The Islamic Threat. Myth or Reality?, Oxford 1992.

[3] Amory Burchard, „Warum Erdogan die Universitäten schleift“ [5.6.2020], in: Der Tagesspiegel, 17.2.2017.

[4] Mansoor Moaddel / Stuart A. Karabenick, „Religious Fundamentalism in Eight Muslim-Majority Countries: Reconceptualization and Assessment”, in: Journal for the Scientific Study of Religion 57 (2018), 4, S. 676–706.

[5] Für einen Überblick siehe: Mustafa Akyol, „A New Secularism Is Appearing in Islam” [5.6.2020], in: The New York Times, 23.12.2019.

[6] Vgl. Moritz Baumstieger, „Arabische Ernüchterung“ [4.6.2020], in: Süddeutsche Zeitung, 12.2.2020; Kate Hodal, „Arab world turns its back on religion - and its ire on the US” [4.6.2020], in: The Guardian, 24.6.2019.

[7] Ruud Koopmans, Das verfallene Haus des Islam. Die religiösen Ursachen von Unfreiheit, Stagnation und Gewalt, München 2020.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jakob Borchers und Philipp Tolios.