Wir müssen reden

Rezension zu "Das überforderte Subjekt" von Thomas Fuchs, Lukas Iwer und Stefano Micali (Hg.)

Macht Gesellschaft krank? Diese Frage hat neben anderen Disziplinen vor allem die Soziologie in den letzten Jahrzehnten nicht kalt gelassen. Mehr noch erzeugen die diversen (Zeit-)Diagnosen, in denen Phänomene psychischen Leidens unter Akzentuierung gewisser gesellschaftlicher Faktoren verständlich werden, mittlerweile den Eindruck einer Überthematisierung der Überforderung. Die Depression erweist sich darin als Ausdruck einer Erschöpfung durch Optionenvielfalt, Angst und Ausbrennen als Konsequenzen des Flexibilisierungszwanges im neoliberalen Zeitalter.[1] Die wiederholten und häufig formelhaften Krisendiagnosen machen skeptisch, nicht zuletzt weil die epidemiologischen Daten zur Prävalenz psychischer Erkrankungen keine eindeutige Sprache sprechen.[2]

Der von Thomas Fuchs, Lukas Iwer und Stefano Micali herausgegebene Band „Das überforderte Subjekt. Zeitdiagnosen einer beschleunigten Gesellschaft“ untersucht nun aus interdisziplinärer Perspektive die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichem Wandel und der Überforderung des Subjekts. Die versammelten Aufsätze, die größtenteils auf einen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Phänomenologische Anthropologie, Psychiatrie und Psychotherapie (kurz DGAP) im Oktober 2015 in Heidelberg zurückgehen, zielen den Herausgebern zufolge auf einen „Beitrag zu einem Psychogramm der gegenwärtigen Gesellschaft“ (S. 14). Über die Einzelbeiträge hinweg unterstreichen die Forscher*innen die basale Erkenntnis, dass Subjekt und Gesellschaft in konstitutiver Wechselwirkung stehen und eine einseitig sozialdeterministische oder psychologistische Ableitung von Überforderungsphänomenen zu vermeiden sei. Darüber hinaus gewinnen die Artikel durch ihren Fokus auf die temporale Komponente gesellschaftlichen Wandels ein gemeinsames Profil. Es dürfte nicht verwundern, dass dafür die Diagnose gesellschaftlicher Beschleunigung von Hartmut Rosa einen wichtigen Bezugspunkt darstellt; außerdem fällt die Vielzahl der Verweise auf Alain Ehrenberg und Ulrich Bröckling auf, die ebenfalls als Referenzautoren des Bandes gewertet werden können.[3]

Gegliedert ist der Band in drei inhaltliche Teile mit je vier Aufsätzen und einem Kommentar, der die Hypothesen, Argumente und Schlussfolgerungen des jeweiligen Abschnitts bündelt, kritisch beleuchtet und Zusammenhänge herausarbeitet. Für interdisziplinär angelegte Bände ist eine solche Form vorbildlich, unterstreicht sie doch die Ernsthaftigkeit des Anspruchs der Forscher*innen, die medizinischen, philosophischen, psychologischen und soziologischen Arbeits- und Forschungsbereichen angehören, miteinander in den Dialog zu treten.

Der erste Teil zur „Philosophie und Kulturgeschichte von Überforderung“ beginnt mit einer Auseinandersetzung über „Müdigkeit, Erschöpfung und verwandte Emotionen im 19. und 20. Jahrhundert“. Dabei handelt es sich um den Wiederabdruck eines Aufsatzes von Hartmut Böhme, der 2015 in einer Reihe des Böhlau Verlags erschienen ist und Einblicke in die wissenschaftliche wie literarische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der ‚Neurasthenie‘ oder ‚Nervenschwäche‘ im so genannten Fin de Siècle gewährt.[4] Im Anschluss entwirft Thomas Fuchs eine „Chronopathologie der Überforderung“ und diskutiert den Zusammenhang von Zeitstrukturen und psychischen Krankheiten. Im Fokus steht die Depression als „grundlegende Störung der menschlichen Zeitlichkeit“ (S. 73). Fuchs beschreibt sie als den Schatten und „düstere[n] Spiegel der Moderne“ (S. 66), in dem sich die „Herrschaft der linearen Zeit“ (ebd.) manifestiere. Mit dieser beschleunigten Zeitdynamik der Moderne gerate die zyklische, im Einklang mit dem Leib und den natürlichen Prozessen des Lebens stehende Zeit in einen krisenhaften Konflikt. Der Autor bietet damit einen Analyserahmen an, der nicht nur für die weitere Forschung vielversprechend ist, sondern auch praktische Hinweise für therapeutische und sozialpolitische Interventionen aufweist: Wenn sich die Depression als Folge einer Entkopplung von Organismus und Umwelt sowie der zeitlichen Desynchronisation von Individuum und Gesellschaft begreifen lässt, könne der Einsatz von „Strategien der Retardierung und Hemmung“ (S. 74) dabei helfen, eine „Kultur der Langsamkeit“ (S. 75) zu etablieren und der „kollektiven Manie der Gesellschaft“ (ebd.) etwas entgegensetzen. Darauf folgt der Beitrag von Stefano Micali, der die „Depression in der unternehmerischen Gesellschaft“ zum Gegenstand hat. Es wird nachgezeichnet, wie das gesellschaftliche Regime des „unternehmerischen Selbst mit seinem Anspruch auf ständige Innovation und Selbstoptimierung“ (S. 107) die Entstehung von Gefühlen der Schuld und des Zurückbleibens begünstigt. Diese sind in phänomenologischer Perspektive charakteristisch für die Depression. Unter dem Titel „The Selfie – oder das Selbst in seinem Weltbild“ verspricht der anschließende Essay von Cornelia Klinger eine Diskussion des Themenkomplexes Internet und Überforderung. Diese Erwartung wird jedoch bald enttäuscht, denn die Autorin setzt sich mit dem Wandel des Subjekts im Verlauf der Moderne auseinander. Sie zeichnet einen Prozess nach, der von einem ‚großen Subjekt‘ über das ‚kleine Individuum‘ führt, bis „im Geröll der Endmoräne des Individualisierungsprozesses“ (S. 125) das „Singulum“ (ebd.) erscheint. In seiner vermeintlich grenzenlosen Freiheit der letzten Stufe sei es nahezu völlig mit den Anforderungen des Systems verschmolzen. Der Innovationsgrad dieser Zusammenschau von Individualisierung und Überforderung hält sich letztlich in Grenzen.

Rücken die Beiträge des ersten Teils die (Psycho-)Pathologie von Ermüdung und Erschöpfung in den Vordergrund, so verschiebt sich der Fokus mit den Beiträgen zur „Epidemiologie und Soziologie der Überforderung“ in Richtung der Frage nach der Normalisierung psychischen Leids. Dazu stellt der erste Aufsatz von Josua Handerer, Julia Thom und Frank Jacobi „Die vermeintliche Zunahme der Depression“ auf den Prüfstand. Mit dieser kritischen Perspektive werden zunächst die epistemologischen Prämissen psychopathologischer, kulturtheoretischer und diskursanalytischer Forschungsansätze zur Depression herausgearbeitet, um sie anschließend mit Krankenkassendaten und den Ergebnissen epidemiologischer Feldstudien zu konfrontieren. Dieses Vorgehen ermöglicht es den Autor*innen, jene provokante Frage zu stellen, die für ihre weiteren Ausführungen leitend ist: Wenn epidemiologische Studien darauf hindeuten, dass die Prävalenz bei Depressionen in den letzten Jahren nicht gestiegen ist, warum lässt sich dann trotz eines Ausbaus der Versorgungsangebote kein Rückgang depressiver Erkrankungen in der Gesellschaft verzeichnen? Zur Beantwortung wird das Konzept der Mental Health Literacy herangezogen und ein Zusammenhang hergestellt zwischen dem Anstieg des allgemeinen Wissens „über den Erhalt und die Förderung psychischer Gesundheit sowie über psychische Störungen und deren Behandlung“ (S. 195) auf der einen Seite, und Tendenzen der Pathologisierung des eigenen Gesundheitszustandes auf der anderen Seite. Auch wenn hier ein Verweis auf die Studie von Françoise und Robert Castel zusammen mit Anne Lovell aus den 1970er-Jahren wünschenswert gewesen wäre,[5] ist das Plädoyer der Autor*innen für eine differenzierte Betrachtungsweise der Risikofaktoren von Depression und Burnout höchst überzeugend. Unter der Frage „Überforderung in der Arbeitswelt: Macht sie krank?“ diskutiert Johannes Siegrist daraufhin das Belastungspotenzial verschiedener Faktoren der wirtschaftlichen Globalisierung. Das von ihm zugrunde gelegte Modell der beruflichen Gratifikationskrisen ist in einer Arbeitsgruppe des Autors entwickelt worden und ermöglicht eine detaillierte Untersuchung von Belastungsfaktoren in der Arbeitswelt. Es kann tatsächlich als ein „Brückenschlag zwischen theoretischen Modellen und dem Krankheitsgeschehen infolge beruflicher Überforderung“ (S. 217 f.) gelten. So kommt Siegrist zu dem Ergebnis, „dass Überforderung bei der Arbeit […] zur Ausbreitung depressiver Störungen in der Erwerbsbevölkerung in relevantem Umfang beiträgt“ (S. 211) und zeigt die Relevanz von präventiven Maßnahmen in der Gestaltung von Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen auf. Im dritten Beitrag des zweiten Teils diskutieren Vera King, Benigna Gerisch, Hartmut Rosa, Julia Schreiber und Benedikt Salfeld „Überforderung als neue Normalität“. Wie es der Untertitel des Aufsatzes verheißt, erfahren Leser*innen etwas über die „Widersprüche optimierender Lebensführung und ihre Folgen“. Im Fokus stehen Übersetzungsprozesse „von marktbezogenen Erfordernissen in subjektive Motive“ (S. 254). Der Beitrag beruht auf dem Projekt „Aporien der Perfektionierung in der beschleunigten Moderne“ (APAS), welches im Zeitraum von 2012 bis 2017 von der Volkswagenstiftung gefördert worden ist und in dem auf Grundlage eines mehrdimensionalen Erhebungsdesigns die Muster einer an Optimierung orientierten Lebensführung herausgearbeitet wurden. Die Autor*innen geben gute Denkanstöße, Phänomene der Überforderung noch von einer anderen Seite aus zu betrachten, denn sie konzentrieren sich weniger auf die pathologischen Folgen des Wandels von Erwerbsarbeit und entsprechende (Selbst-)Deutungen. Vielmehr wird an drei Fallbeispielen nachgezeichnet, wie leid- und stressvolle Erfahrungen in der Arbeitswelt von Betroffenen bagatellisiert und normalisiert werden. Dies erfolgt allerdings eher in einem illustrativen, denn ausgereift analytischen Modus. Die Ausführungen verbleiben häufig auf einer alltagspsychologischen Ebene. Damit folgen die Autor*innen zwar den Erzählungen der Proband*innen, weitergehende Quellen oder Referenzen in dieser Hinsicht werden aber nicht ausgewiesen.[6] Vielleicht ist hier auch der Grund dafür zu suchen, dass die soziologisch folgenreiche Frage, ob Effekte der Psychologisierung des Subjekts, die sich in narrativ-biografischen Interviews zeigen, selbst als Zeichen einer Normalisierung von Überforderung zu deuten wären, nicht gestellt wird. Den zweiten Teil des Bandes abschließend, begeben sich Friedericke Hardering und Greta Wagner unter der Frage „Vom überforderten zum achtsamen Selbst?“ auf die Suche nach Hinweisen für „ein neues Subjektideal in der Arbeitswelt“ (S. 259). Im Fokus stehen zwei Diskursfelder von Ratgeberliteratur, die von den Autorinnen als paradigmatisch ausgewiesen werden: der so genannte Mindfulness-Diskurs und die jüngeren Debatten über die neue Abgrenzung von Arbeit. In der Analyse wird vor allem an die Diagnosen zum unternehmerischen Selbst von Bröckling sowie des Arbeitskraftunternehmers von G. Günter Voß und Hans J. Pongartz angeschlossen, von denen die neue „Subjektivierungsform des achtsamen Selbst“ (ebd., Herv. i. O.) abgegrenzt werden soll. Der Tradition der Referenztexte folgend, lasse ein solches Vorgehen zwar „keine Aussage über ein empirisch beobachtbares Handeln von Akteuren“ (S. 261) zu. Da aber der Achtsamkeitsdiskurs seinerseits ebenfalls Überforderungspotenziale beinhalte, weil er das Individuum zum selbstverantwortlichen Ressourcenmanagement aufrufe, sei Vorsicht, wenn nicht gar eine eigene Achtsamkeit gegenüber der Achtsamkeit geboten. So tut sich ein Teufelskreis auf.

Nach diesem Abschnitt legt der vierte und letzte Teil des Buches über „Klinische Perspektiven aus Psychiatrie und Psychotherapie“ ein stärkeres Augenmerk auf die Ebene der Subjekte und ihre Erfahrungen. Mit seinem Beitrag über das „Subjekt in Zeiten der Vernetzung“ widmet sich Gerd Rudolf aus psychodynamischer Perspektive der Frage, welche Auswirkungen der digitale Wandel auf die Persönlichkeitsentwicklung hat. Der Autor warnt davor, dass die Vernetzung „spezifische psychische Funktionen – die selbstreflexiven in besonderer Weise – außer Kraft zu setzen“ (S. 292) drohe. Mit dem Anliegen, dass Psychotherapie Selbstreflexion und ethische Selbstsorge befördern solle, weist ihr der Autor einen prophylaktischen wenn nicht gar erzieherischen Auftrag zu. Auffallend ist ein kulturpessimistischer Unterton, der ohne Verweise auf die potenziell selbstbildende und vergemeinschaftende Funktion des Internets auskommt.[7] Auch der Appell an die Selbstverantwortlichkeit des Individuums im neoliberalen Zeitalter hinterlässt einen etwas schalen Nachgeschmack. Anschließend diskutiert Marianne Leuzinger-Bohleber den Zusammenhang von Depression und Global Unrest. Anhand von Ergebnissen der LAC-Depressionsstudie zur Bedeutung von Traumata in chronischen Depressionen wird aufgezeigt, wie die täglich auf Menschen einströmenden Informationen über globale Unruhen, Terror, Krieg und anderes menschliches Elend zu einer Reaktivierung traumatischer Erlebnisse und in die Depression führen können. Diese Analyse stützt sich vor allem auf das Konzept eines verkörperten Gedächtnisses (embodied memories). So vermeidet die Autorin verkürzende psychopathologische oder kulturpessimistische Erklärungen und hebt stattdessen den reaktiven Charakter der Depression hervor: Als „Flucht in depressive Erstarrung und dissoziative Zustände [kann die Depression, S. M.] für traumatisierte Menschen einen unbewussten Ausweg“ (S. 313) aus dem Trauma darstellen. Vor diesem Hintergrund plädiert Leuzinger-Bohleber nicht nur überzeugend für die Weiterentwicklung einer pluralistischen Psychoanalyse, sondern auch für einen interdisziplinären Dialog zum Global Unrest. Im Anschluss nehmen sich Martin Heinze und Samuel Thoma der Frage nach dem Zusammenhang zwischen „Sozialer Freiheit und Depressivität“ an. Dieser wird auf der Grundlage einer dialektischen Konzeption von Individuum und Gesellschaft entwickelt und an einem Fallbeispiel nachgezeichnet. Im Ansatz der Autoren werden Axel Honneths Konzepte von Anerkennung und Freiheit sowie Franz Baders Leiblichkeitsphilosophie miteinander verknüpft, um „Depressivität aus der sozialen Besonderung eines Menschen heraus“ (S. 354) begreiflich werden zu lassen. In dieser Lesart erweist sich die Depression als Folge fehlgeleiteter Individualisierungsprozesse; ihr Gegenmittel sei in der Solidarität zwischen Menschen und ihrem gemeinschaftlichen Handeln zu finden. Wie alle Beiträge dieses letzten Teils bezieht auch der Artikel von Rolf Haubl über „Erwerbsarbeit und psychische Gesundheit“ Erfahrungen aus der therapeutischen Praxis in die Überlegungen ein. Nach einer Beschreibung gegenwärtiger Tendenzen zur Subjektivierung von Arbeit erfolgen eine Abhandlung des Burnout-Diskurses und eine Diskussion des Verhältnisses von Psychotherapie und Erwerbsarbeit. Anhand von Fallbeispielen wird nachgewiesen, dass nicht nur Coaching, sondern auch Psychotherapie mittlerweile nachgefragt werden, um den psychischen Belastungen im Wandel von Erwerbsarbeit standhalten zu können. Insbesondere Psychotherapeut*innen, die im Vergleich mit Coach*innen oftmals ein unzureichendes Bild neoliberaler Arbeitsverhältnisse hätten, müssten sich zu dieser Nachfrage bewusster verhalten. Verstehen sie sich als Dienstleister*innen, so liefen sie Gefahr, die Ziele ihrer Klientel zu adaptieren und eine potenziell pathogene Wirkung auszublenden. Diese Reflexion der eigenen Berufsrolle durch den Autor ist bemerkenswert. Ein derart selbstkritischer Blick hätte dem Sammelband auch an anderen Stellen gutgetan, um Ansatzpunkte für den interdisziplinären Dialog über Phänomene der Überforderung noch weiter auszuloten.

Resümierend muss konstatiert werden, dass der für den Band stark gemachte phänomenologische Anspruch, dessen Vorteile für eine Zusammenführung der beteiligten Disziplinen in der Einleitung richtigerweise hervorgehoben werden (vgl. S. 15 f.), nicht zufriedenstellend eingelöst wird. Das Anliegen einer „phänomenologische[n] Analyse von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der subjektiven Erfahrung von Überforderung“ (S. 15) ist unterstützenswert. Am Ende rächt sich jedoch eine methodologische Unausgegorenheit vieler Beiträge. Diese zeigt sich etwa darin, dass die phänomenologische Prägung der „Resonanztheorie“ (ebd.; Herv. i. O.) Rosas eher behauptet denn geprüft oder die Bedeutung von Leiblichkeit betont wird, ohne sie phänomenal genauer in die Analysen einzubeziehen (vgl. dazu vor allem den Beitrag von Heinze und Thoma). Wenn in den Beiträgen des Bandes Menschen zu Wort kommen, die überfordert sind, oder die Autor*innen auf Erfahrungen aus ihrer beruflichen Praxis Bezug nehmen, blitzt sie durch: die Überforderung als diese ominöse Sache selbst, von der ihre Erforschung wohl auszugehen hätte. Oftmals aber begegnet sie einem schon als durch die Filter der verschiedenen Disziplinen gegangen und mit jenen Begriffen und Konzepten überzogen, mit deren Hilfe man dort über sie spricht. Der Befund stimmt also: Wir müssen reden – aber die Frage bleibt: Wie? Und so ist dieses Buch nicht nur lesenswert, weil es einen disziplinenübergreifenden Einblick in aktuelle Forschungen und Debatten gewährt, die bisher noch nicht an einem Ort versammelt worden sind. Es ist auch lesenswert, weil es mit Nachdruck auf die Überfälligkeit eines inter- bis transdisziplinären Dialogs hinweist, der seinen Ausgang an den Phänomenen des Leidens selbst nimmt, die in ihren vielfältigen Ausprägungen die Gesellschaft durchziehen, und weil es auf die Schwierigkeiten aufmerksam macht, die mit einem solch großen Projekt verbunden sind.

 

 

Fußnoten

[1] Grundlegend: Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, Frankfurt am Main 2003; Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart, Frankfurt am Main 2004; Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt am Main 2007. 

[2] Frank Jacobi, Der Hype um die kranke Seele, in: Gesundheit und Gesellschaft 15 (5) (2012), S. 22–27; Martin Dornes, Macht der Kapitalismus depressiv? Frankfurt am Main 2016.

[3] Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst; Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt am Main 2005; Bröckling, Das unternehmerische Selbst.

[4] Hartmut Böhme, Das Gefühl der Schwere. Historische und phänomenologische Ansichten der Müdigkeit, Erschöpfung und verwandter Emotionen, in: figurationen 16 (1) (2015), S. 46–49.

[5] Françoise Castel / Robert Castel / Anne Lovell, Psychiatrisierung des Alltags. Produktion und Vermarktung der Psychowaren in den USA, Frankfurt am Main 1982.

[6] So heißt es bspw. im Fazit: „Die geschilderten Fallanalysen bringen […] exemplarisch zum Ausdruck, welche potenziell leidvollen Folgen Mobilitäts-, Flexibilisierungs-, Optimierungs- und Perfektionsanforderungen haben: Sie können Bedingungen für Bindung und Verlässlichkeit, Sorge für sich und andere destabilisieren, während sie umgekehrt aber durchaus eine verführerische Projektionsfläche für narzisstische Omnipotenzphantasien bieten“ (S. 254). Eine kritische Diskussion der Verwendungsweise des Narzissmusbegriffs innerhalb der Kulturtheorien (dort im Kontext von Digitalisierung und Subjektivierung) liefert: Michael Bauer, #selfie #Narzissmus # ethische_Debatte?_Argumente, in: Tanja Gojny / Kathrin S. Kürzinger / Susanne Schwarz (Hg.), Selfie – I like it. Anthropologische und ethische Implikationen digitaler Selbstinszenierung, Stuttgart 2016, S. 73–102.

[7] Dazu bereits: Angela Tillmann, Identitätsspielraum Internet, Selbstbildungspraktiken von Mädchen und jungen Frauen in der virtuellen Welt, Weinheim und München 2008.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Clemens Reichhold.