„Wir selber, schon damals“

Valentin Groebner reist ins Retroland

In dem neuen Buch des in Wien geborenen und in Luzern lehrenden Historikers Valentin Groebner geht es um Zeitreisen in die Vergangenheit und eine Geschichte des Tourismus, der seine Produkte mit den Labels „Authentizität“, „Tradition“ und „Identität“ vermarktet. Für seine Untersuchung hat Groebner nicht nur die Aporien des Geschichtstourismus in den Alpen in „Lokalaugenschein“ genommen, sondern ist auch darüber hinaus weit gereist, nach Sri Lanka, auf Landkarten, in die eigene Erinnerung sowie – auf dem Umweg über das Studium historischer Quellen – in den Piemont des 15. und das Luzern des 19. Jahrhunderts. Groebner zeigt, dass der Geschichtstourismus keinesfalls ein Phänomen der Spätmoderne ist, sondern die Sehnsucht nach der (guten) alten Zeit schon lange einer jener Beweggründe ist, derentwegen Leute auf Reisen gehen. Und das nicht nur in fremde und exotische Länder, um die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen und die Authentizität verloren gegangener Paradiese zu erspüren, sondern auch, um sich gleichermaßen an einen anderen Ort wie in eine andere Zeitdimension zu katapultieren.

Groebner selbst ist überzeugter Präsentist: Die Vergangenheit ist passé, Geschichte wird im Heute gemacht. Die Verwandlung von Vergangenheit in Geschichte basiert für ihn auf „form-, knet- und veränderbare[n] Erzählungen mit Rückkopplungsschleife“ (S. 21). Geschichten werden weitergegeben und wiedergegeben, aber was sie mit der Vergangenheit verbindet, ist oft genug die Erfindung späterer Zeiten. Als Erzählung schafft Geschichte temporale Zugehörigkeit, sie verknüpft das Alte mit dem Gegenwärtigen. Und die Geschichten, die den Touristen an Urlaubsorten für gewöhnlich in der Form der Anekdote geboten werden, sind „Beispiele, Schnipsel und Clips“ (S. 22). Das Historische wird hier im Sinne Walter Benjamins zu einem Strudel, in dem sich die Zeiten mischen. Pate für die schönen Formulierungen und Metaphern, von denen es im Buch wimmelt, sowie für den entspannten Sound des Essays steht übrigens Simon Reynolds Buch über die Retromania im popkulturellen Zeitalter.

Der Geschichtstourismus, so stellt Groebner fest, ist nicht frei von Komik. Erheiternd wirkt dabei aus seiner Sicht vor allem der Widerspruch von Illusion und besserem Wissen. Gleichwohl seien spielerische Inszenierungen der Vergangenheit – von der Miniatur-Eisenbahn bis zum Living-History-Spektakel – ernst zu nehmen, wenn man die Bedeutung des Historischen in einer immer touristischer werdenden Gegenwart erschließen wolle. Sein erster Abstecher führt ihn deshalb nach „Banalistan“. Gerade in dieser Region des Retrolands, wo man sich der Geschichte ausschließlich zu nicht-wissenschaftlichen, kommerziellen und populären Zwecken bedient, werde die Semantik des Authentischen mit großer Vorliebe wachgerufen. Das Authentische verspreche im Sammelsurium des Banalen genau dessen Gegenteil zu präsentieren, nämlich „das Aufregende, Echte, Unmittelbare von früher“. (S. 35)

Der nächste, diesmal etwas größere Ausflug führt Groebner zu den Sacri Monti im Piemont, genauer nach Varallo, wo seit dem späten 15. Jahrhundert lebensgroße Repliken der heiligen Stätten und Figuren der Passionsgeschichte Pilgerströme anlocken. Seine Entstehung verdankt der ungewöhnliche Ort einem einfallsreichen Mönch. Nachdem der Franziskaner Bernadino Caimi im Jahr 1478 von einer strapaziösen Reise nach Jerusalem zurückgekommen war, beschloss er, exakte Repliken anzufertigen, die die Pilger nach Jerusalem entführen, ihnen aber den beschwerlichen und gefahrvollen Weg dorthin ersparen sollten. Als sich nur wenig später in einer der auf diese Weise entstandenen Kapellen von Varallo ein Wunder ereignete, dauerte es nicht lange, bis sich solvente Sponsoren fanden, sodass die Kuppen der heiligen Berge schon bald mit zahlreichen weiteren Kapellen gesäumt waren und Varallo zu einem erfolgreichen Wallfahrtsort avancierte. Bereits 1514 erschien der erste Reiseführer, und in den folgenden Jahren konnten nun Szenen der Bibel in nachgebildeten Environments bewundert werden.

Wie Groebner zeigt, war der Erfolg, den Caimi mit seiner „3-D-Version“ der Passionsgeschichte hatte, kein Einzelfall. Die um 1450 einsetzende humanistische Begeisterung für die Antike führte dazu, dass zahlreiche christliche Bauwerke und Kultbilder neu entdeckt und nachgebaut wurden, wie etwa das Heilige Grab, von dem zahlreiche Kopien in ganz Europa entstanden. Das Original, schreibt Groebner, kam „als Vervielfältigung zu seinen Besuchern“ (S. 42). Die „exakte Wiederherstellung des authentisch Alten“ – bisweilen freilich phantasievoll „all antica“ – lockerte die Grenze zwischen „der Gegenwart und der unzugänglich gewordenen Vergangenheit auf“ (S. 43) und ermöglichte eine körperliche Kontaktaufnahme mit der Vergangenheit. Bei Groebner erscheinen die Humanisten daher weniger als Vorläufer der antiquarischen und historischen Methode, sondern als Wegbereiter des modernen Tourismus, als Erfinder von touristischen Zeitmaschinen und der Inszenierung von historisierenden Erfahrungsräumen. Sinnbildlich verweist er auf das Christusgrab im Sacro Monte di Varallo, in dem man in eine „Zeitkapsel“ eintauchen und auf die bevorstehende Auferstehung warten konnte.

Während in der Zeit um 1500 Kopien und Repliken antiker Orte und Kunstwerke dazu dienten, frühneuzeitliche Pilger anzulocken, werden deren säkularisierte Wiedergänger, die Touristen, heute vom outstanding universal value der Stätten des UNESCO-Weltkulturerbes angezogen. Doch Groebner lässt das Programm der UNESCO, das mit ihm verbundene Authentizitätspathos und den daraus resultierenden Geschichtstourismus links liegen und führt seine Leser stattdessen weiter ins 19. und frühe 20. Jahrhundert: Zur Wiederentdeckung des Mittelalters bis hin zur neuen Wertschätzung der historischen Stadtkerne im Angesicht ihrer fortschreitenden Zerstörung im Zuge der Industrialisierung. Die Altstadt oder vielmehr das, was von ihr übrig blieb beziehungsweise wieder nachgebaut wurde, avancierte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vielerorts zu einem Identitätsanker und touristischen Anziehungspunkt in einer sich wandelnden städtischen Infrastruktur. Exemplarisch erörtert Groebner diesen Prozess anhand seiner Wahlheimat Luzern, wo man einerseits den Alpenblick inszenierte und Grand Hotels an das Ufer des Vierwaldstättersees baute, um gleichzeitig erhitzt darüber zu debattieren, ob die mittelalterliche Kapellbrücke – selbstverständlich seit dem Mittelalter ständig restauriert und insofern vielleicht authentisch, aber keinesfalls ein Original –, ein hässliches Relikt oder doch eines der bedeutenden Wahrzeichen, sprich ein Alleinstellungsmerkmal im touristischen Angebot der Stadt sei. Der einsetzende Massentourismus des 19. Jahrhunderts bot dabei nur eine von vielen populären Möglichkeiten, sich in eine „Als-Ob-Welt“ der Vergangenheit zu begeben: Parallelen zieht Groebner zum historischen Roman und der Oper, die es ihrem Publikum ebenfalls ermöglichten, sich – wenn auch nur für ein paar Stunden – in die Vergangenheit zurückversetzen zu lassen.

Das Festhalten an dem Vergangenen gebiert nun das Neuschöpfen des Vergangenen, womit Groebner zur Kritik der Identitätssuche durch Vergangenheitsvergewisserung anhebt. Wenn in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in touristischen Broschüren oder anlässlich von Jubiläen von „historischer Identität“ die Rede sei, dann gehe es nicht um die schlichte Tatsache, wer man ist und wo man herkommt. Aus „geheimnisvollen Gründen“ sei Identität vielmehr etwas, „das noch nicht ganz oder noch nicht genug da ist; etwas, das immer erst vervollständigt werden muss – ein Versprechen auf zusätzliche Ressourcen.“ (S. 110) Identität, so Groebner in einer seiner erhellenden Formulierungen, werde zum „Superkleber für soziale Ontologie“ (ebd.). Außerdem lernen wir von Groebner in einem seiner etymologischen Aperçues, dass das heute geläufige Wort Identität von idem (der- oder dasselbe) und identidem (zum widerholten Mal) abzuleiten sei: Insofern heiße Identität „wörtlich Zugehörigkeit zu Ähnlichem, Wiederholung und Vervielfältigung.“ (S. 111) Reich sind nun die von Groebner präsentierten Beispiele, in denen durch Wiederholung, sprich Re-Enactment, historisierende Neubauten, Jubiläen und andere Jahrestage, Festzüge, Reliquien, Souvenirs – bis hin zu den millionenfach verkauften Luther-Playmobilfiguren – Identität geschöpft wird. Geschichte müsse wiederholt werden, um als Ressource Bedeutung zu entfalten, und so sei weniger das Original als die Kopie das Signum aller Identitäts- und Integrationsbemühungen. Groebner hält pointiert fest: Die Beschwörung der Identität sei trotz anderslautender Bekundungen „nicht der Stolz auf die eigene Herkunft, sondern die Angst vor dem Verlust: vor dem Verschwinden einer Geschichte, die es nicht gegeben hat und die deswegen durch ständige Wiederholung immer wieder neu hergestellt werden muss.“ Die beständige Anrufung der Identität resultiert aus der „Angst davor, dass diese Repetition aufhört.“ (S. 118)

Nun fragt man sich nach der kurzweiligen Lektüre, die weitere Exkurse über Groebners eigene touristische Suche nach verloren gegangenen Paradiesen miteinschließt: Was bleibt? Im Retroland gehören Nostalgie und die Sehnsucht nach dem Authentischen zu den ständigen Reisebegleitern. Dabei erlangt das Alte Bedeutung, indem es als Echtes ausgewiesen wird: Nicht das „eigenhändig, mit eigener Hand“ Produzierte sei gemeint, wenn vom Authentischen gesprochen werde, sondern die authentica, jene kleinen Zettel also, die die Reliquien seit dem Mittelalter mit dem Signet einer eindeutigen Provenienz und gesicherten Herkunft ausstatteten. Groebner macht auf brillante Weise klar, dass die im Tourismus zu beobachtende Sehnsucht nach dem Originalen, Echten, Traditionellen und Authentischen stets in unmittelbarem Zusammenhang mit der Wiederholung, der Kopie und der Replik steht. In der Postmoderne scheint sich die Wahrnehmung historischer Inszenierungen nochmals verschoben zu haben: Sie werden in ihrer Künstlichkeit akzeptiert, nicht obwohl, sondern gerade weil sich der „Post-Tourist“ (Urry) über das Spiel mit dem Authentischen bewusst ist. Das führt bei Groebner dazu, das Schauspiel des Historischen einerseits mit Ironie zu begleiten, andererseits die vertraute Kritik an „erfundenen Traditionen“ (Hobsbawm) dort weiterzutreiben, wo es um die mit ihnen verbundenen Identitätskonzepte geht.

Was Groebner nicht in den Blick nimmt, ist etwa die Frage, ob neue Reproduktionstechnologien oder erweiterte Mobilitätsangebote nicht vielleicht für eine Aufwertung des Originalen und Authentischen sorgen. Zudem gerät ihm das Authentizitätsprädikat etwas vorschnell zu einem reinen Vermarktungslabel. Dass der Begriff der „Authentizität“ seit den 1970er-Jahren verstärkt die „Treue zu sich selbst“ mit adressiert, scheint allein in Groebners Formulierung durch, dass das, was die Touristen am intensivsten besichtigen würden, „ihre eigenen Empfindungen“ (S. 178) seien – und dabei schließt er sich durchaus selber ein. Wo es nicht um Selbsterfahrung unter Gleichgesinnten gehe, drohe hingegen stets die verkürzte Deutung der Vergangenheit aus der Perspektive der Gegenwart: „Wir selber, schon damals.“ (S. 123) Doch verhält es sich damit wirklich so oder ist die Beobachtung vielleicht auch dem Präsentismus Groebners geschuldet? Haben die Besucher historischer Stätten nicht vielleicht doch ein Interesse an den Stimmen der Vergangenheit, an der Differenz zur eigenen Erfahrungswelt, am Spiel von Nähe und Distanz, an Befremdung und Aneignung?

Groebners eigenes Interesse gilt der touristischen Zeiterfahrung, dem Spiel mit den historischen Zeiten in der populären Geschichtskultur. Der Tourismus, das wird deutlich, versucht die Differenz von Vergangenheit und Geschichte zu überwinden, versucht sich an einer Verschmelzung von Erfahrungs- und Erwartungshorizont und stellt der modernen Konzeption der Geschichte im Singular das anekdotische Wissen der historia magistra vitae entgegen. Groebners Buch ist insgesamt ein äußerst lesenswerter, polemischer und zugleich selbstreflexiver Essay, der die zentrale Bedeutung des Tourismus für die Geschichtskultur von der Vormoderne bis zur Gegenwart deutlich macht. Mit diesem ausgreifenden, notwendig kursorisch bleibenden Blick in die Historie werden Annahmen über den Wandel des Tourismus in der Moderne relativiert, jedoch mit der ironischen Konsequenz, dass das, was für den Tourismus konstatiert wird, zugleich auf die Geschichtsschreibung Groebners zutrifft: Nicht nur in der touristischen Erfahrung, sondern auch im präsentistischen Zugriff erfährt die Gegenwart eine Dehnung ins Vergangene, wird die Vergangenheit der Gegenwart letztlich angepasst. Doch während sich der Zukunftshorizont der Touristen auf die Planung der nächsten Reisen beschränkt, auf denen freilich – so ist zu befürchten – kaum Neues zu entdecken sein wird, darf man auf die nächsten Bücher Groebners gespannt sein.

Fußnoten


Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.