Wir Weltfremden

Rezension zu "Die Weltfremdheit des Menschen. Schriften zur philosophischen Anthropologie" von Günther Anders

Günther Anders kann durchaus als gedanklicher Wegbereiter der Fridays for Future-Bewegung gesehen werden, schließlich war er einer der führenden Köpfe der Antiatomkraftbewegung der 1960er-Jahre. Die Menschheit hatte sich dem Philosophen zufolge durch ihre allgemeine technologische und wirtschaftliche Entwicklung, spätestens jedoch mit der Erfindung der Atombombe, in einen Zustand versetzt, der durch die Möglichkeit einer jederzeit eintretenden Apokalypse gekennzeichnet war. Vielen seiner heutigen Rezipient:innen dürften Anders’ diesbezügliche Frühschriften unbekannt gewesen sein, bis 2018 der Freiburger Soziologe Christian Dries, unter Mitarbeit von Henrike Gätjens, eine Sammlung ausgewählter früher Texte von Günther Anders herausgab. Bereits in den 1930er-Jahren arbeitete Anders an einer eigenen negativen Anthropologie, in der er den Menschen als nicht bestimmungsfähig definierte. Vielmehr zeichne er sich geradezu durch eine Wesenslosigkeit aus, die ihn metaphysisch obdachlos halte und ihn zugleich dazu zwinge, sich selbst eine Welt zu schaffen. Noch bevor Anders als Technikphilosoph 1956 über Die Antiquiertheit des Menschen schrieb, entwickelt er also aus der Phänomenologie Edmund Husserls, der Existenzphilosophie Martin Heideggers und der philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners eine eigene, eben negative Anthropologie. Anders bezeichnete diese Charakteristik als Die Weltfremdheit des Menschen, dies ist zugleich der Titel der von Dries und Gätjens editierten Textsammlung.

Die Texte der frühen Schaffensphase (1928–1940) stammen zu großen Teilen aus dem unveröffentlichten Nachlass von Anders; einzige Ausnahme bildet ein von ihm erdachtes Interview von 1988. Die gesammelten Schriften kommen zusammen auf circa 370 Seiten und sind von Dries in drei Hauptkapitel unterteilt worden. Zusätzlich hat der Herausgeber ein Nachwort von hundert Seiten verfasst, das die vorliegenden Schriften nicht nur kommentiert, sondern auch in das Gesamtwerk des Autors einordnet und damit einen wichtigen Beitrag zur Anders-Forschung leistet.

Der erste Teil des Buches beinhaltet unter anderem die in den Jahren 1929 und 1930 von Anders gehaltenen Vorträge „Die Weltfremdheit des Menschen“ und „Die Pathologie der Freiheit“, die eindeutig einen Beitrag zu den Diskussionen der späten 1920er-Jahre rund um Plessner darstellen. Wie für Plessner hat der Mensch auch bei Anders im Gegensatz zum Tier ein entrücktes Selbst- und Weltverhältnis. Während bei Ersterem die „exzentrische Positionalität“ das wesentliche Charakteristikum des Menschen ist, versteht Anders den Menschen zuallererst als weltfremd. Das Tier findet nach der Geburt eine präfigurierte Umwelt als Zuhause vor; demgegenüber ist der Mensch nirgendwo heimisch und kann sich zugleich überall häuslich einrichten. In der Offenheit klingt nicht nur das Motiv der zweiten Natur wieder, also der Möglichkeit und Notwendigkeit, sich mittels Kultur die Welt anzueignen, sondern auch eine konstitutive Unbestimmtheit des Menschen – er muss sich aufgrund seiner Weltfremdheit erst selbst hervorbringen. Daher bezeichnet Anders seinen Ansatz als negative Anthropologie und fasst sie mit dem Satz zusammen: „Künstlichkeit ist die Natur des Menschen und sein Wesen ist Unbeständigkeit.“ (S. 48)

Im Gegensatz zu Plessner geht Günther Anders nicht auf biologisches Wissen seiner Zeit ein, sondern nimmt die erkenntnistheoretische Annahme, dass der Mensch a posteriori Erfahrung mit der Welt machen kann, als Ausgang für seine These, der Mensch sei nicht quasisymbiotisch mit der Welt verwoben, sondern vielmehr weltfremd. Anders wehrt sich auch gegen Heideggers Begriff des In-der-Welt-Seins, da damit nur eine Seite des menschlichen Seins beschrieben werde. Das Anders’sche Weltverhältnis ist ein „Insein in Distanz“ (S. 16): Der Mensch geht nie ganz in der Welt auf und ist ebenfalls nie ganz von ihr getrennt – er changiert zwischen den Extremen der Nähe und Distanz.

Daneben beschreibt Anders, ausgehend von seiner Weltfremdheit, eine überaus spannende Phänomenologie des Schambewusstseins: Mitunter wird sich der Mensch seiner eigenen Kontingenz, die ebenfalls in seinem distanziert-nahen Weltverhältnis begründet liegt, in geradezu schockhaftem Erwachen bewusst. Die Erfahrung der eigenen Beliebigkeit aufgrund konstitutiver Unfertigkeit wird phänomenal als Scham erlebt. Anders’ Ziel ist hierbei nicht die Untersuchung eines psychologischen, sondern eines ontologischen Phänomens. Damit nimmt er nicht nur Arnold Gehlens Theorie vom Mensch als Mängelwesen vorweg, sondern auch wesentliche Elemente von Jean-Paul Sartres Existentialismus.

Der zweite Teil des Buches trägt unter dem Titel „Vorarbeiten“ mehrere unveröffentlichte Aufsätze aus den Jahren 1927 bis 1929 zusammen, in denen vereinzelte Aspekte einer Theorie der Weltfremdheit vorbereitet werden. Besonders interessant ist dabei Anders’ Versuch, eine Phänomenologie des Instinkts zu verfassen und den Instinkt erkenntnistheoretisch als eigene Wissensform und eigenen Weltbezug zu beschreiben. Er veranschaulicht seine Überlegungen anhand des Kleinkindes, das im Gegensatz zum erwachsenen Menschen nicht weltfremd ist, sondern dessen ganze Welt die Mutter ist. Von hieraus äußert Anders in den anderen Aufsätzen – namentlich „Die Positionen Schlafen-Wachen“ und „Situation und Erkenntnis“ – seine Kritik am traditionellen Subjektverständnis der abendländischen Philosophie: Diese gehe in ihrem Nachdenken über die spezifischen Weltbezüge des Subjekts ausschließlich von einem erwachsenen und wachen Subjekt aus. Gerade im Schlafen habe der Mensch aber ein ganz anderes Weltverhältnis, weshalb er nicht auf eine spezifische Weltstellung reduziert werden könne.

Im letzten Teil finden sich dann noch verschiedene anthropologische Schriften, größtenteils Aufzeichnungen, Vortragsmanuskripte, Brieffragmente und das bereits in den gesammelten Werken Max Horkheimers veröffentlichte Diskussionsprotokoll eines Vortrags, den Günther Anders 1942 unter dem Titel „Thesen über ,Bedürfnisse‘, ,Kultur‘, ,Kulturbedürfnis‘, ,Kulturwerte‘, ,Werte‘“ unter anderen vor Theodor W. und Gretel Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Bertolt Brecht und Hans Reichenbach hielt. Es zeigt die Beteiligten nicht unbedingt auf der, um es mit Anders’ Worten zu sagen, „Höhe ihres Formulierens“ (S. 426) und stellt daher eher ein biografisch interessantes Zeitdokument, denn eine inhaltlich spannende Debatte dar.

Günther Anders’ anthropologische Schriften lassen sich keiner Strömung oder Methodik eindeutig zuordnen. Sie zeichnen sich durch einen beinahe literarischen und gut lesbaren Schreibstil aus, mitunter sind die enthaltenen Thesen nicht im strengen Sinne argumentiert, sondern scheinen vielmehr Setzungen des Autors zu sein. Dieser Eindruck entsteht im Wesentlichen durch das Stilmittel der „philosophischen Übertreibung“ (S. 54), in dessen Anwendung Anders die herrschenden Zustände pathologisiert und seine Beschreibungen geradezu dramatisiert. Dahinter steht die Überzeugung, dass sich latente Prinzipien, die verdeckt vorhanden sind, aber oftmals verborgen bleiben, erst durch die und in der Extremsituation offenbaren. Anders entwickelt damit eine eigene Form und ein eigenes Instrumentarium der Ideologiekritik, bei dem Wirklichkeit und Übertreibung miteinander verschwimmen. Dadurch ist dem Rezipienten nicht immer klar, ob die beschriebenen Phänomene wirklich vorhanden sind oder ob sie zur Zuspitzung und Verdeutlichung der These konstruiert wurden.

Die Texte entwickeln vor allem in der Gesamtschau ihre argumentative Stärke; dies ist nicht zuletzt dem Herausgeber Christian Dries zu verdanken. Er arrangiert die losen Texte und Fragmente zu einer zusammenhängenden Lektüre und schreibt dem Werk Anders’ dadurch eine „Systematik aprés coup“ (S. 474) ein. Demnach lässt sich die These von der Weltfremdheit des Menschen als die anthropologische Grundvoraussetzung seiner späteren Technikphilosophie lesen: Weil der Mensch kein natürliches Weltverhältnis hat, muss er sich mittels Kultur respektive Technik diese Welt aneignen, was laut Anders immer die Gefahr der Entfremdung birgt. Nach eigener Aussage interessiert er sich nie für den „gesunden“, sondern für den „kranken Menschen“,[1] also denjenigen, der unbestimmt, entfremdet, verloren und einsam ist. Die Stärke der Anders’schen Anthropologie liegt vor allem in seinen präzisen Beschreibungen und der fast schon metaanthropologischen Position: Der Mensch kann weder auf eine Existenzweise eingeengt noch durch eine Anthropologie vollständig definiert werden, daher betont Anders stets seine Offenheit. In Weiterführung dessen warnt der Philosoph gerade in den späteren Texten der 1940er-Jahre, die Vorarbeiten zu seinem Hauptwerk Die Antiquiertheit des Menschen darstellen, vor der Technik: „Der entscheidende moderne Versuch, mit dem Faktum der Unfertigkeit ,fertig‘ zu werden, ist in der Kategorie ,Fortschritt‘ konzentriert.“ (S.325) Anders befürchtet – ganz ähnlich der Kulturkritik Adornos und Horkheimers – eine Entfremdung und Unterwerfung des modernen Menschen durch die von ihm hervorgebrachte Technik. Damit greift der Philosoph seinen kommenden technikkritischen Schriften voraus und bestreitet einen vollständigen Einklang von Mensch und Welt. Der Mensch ist wesentlich auf technische Geräte als Hilfsmittel angewiesen, aber auch sie können die Abgeschiedenheit zu Welt nicht nur nicht aufheben – eine Hoffnung, die Anders zu Beginn seines philosophischen Arbeitens noch hegte –, sondern vergrößern sie vielmehr noch. Anders beklagt eine Verarmung von Erfahrung aufgrund des technologischen Fortschritts, dabei sieht oder bedenkt er nicht die Möglichkeit neuer Erfahrungen durch neue Medien. Im Anschluss hieran lässt sich überlegen, ob nicht ausgerechnet er, zumindest in Teilen, die anthropologischen Voraussetzungen für heutige transhumanistische Ansätze oder Fragen rund um Human Enhancement formuliert hat. Seine ihn beschämende Unfertigkeit zwingt den Menschen zu einer künstlichen Vermittlung zwischen sich und der Welt, es liegt damit in seinem Wesen, dass er sich die Welt auf unterschiedliche Art aneignen kann, aber auch muss. Dies kann durchaus als prototranshumanistische Position gelesen werden.    

Weil er den Mensch zwischen den Polen der Distanz und Nähe verortet, ist Anders’ Anthropologie besonders anschlussfähig für gesellschaftstheoretische Ansätze. Es lassen sich bei ihm die anthropologischen Grundlagen für Debatten rund um die technologische Verbesserung des Menschen, aber auch für klassische Fragestellungen wie Ferdinand Tönnies’ Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft finden. Ein beachtlicher Wert der Ausgabe, der nicht nur in der Eingliederung von Anders’ Früh- in dessen Gesamtwerk besteht, liegt außerdem im bereits erwähnten Nachwort von Christian Dries. Der Aufsatz – das sei abschließend noch einmal betont – ist bereits ein eigener Verdienst, bietet er doch einen umfassenden Überblick über den gegenwärtigen Stand der Anders-Forschung und -Rezeption. Indem er aktuelle Interpretationsansätze vergleicht, präsentiert Dries der Leserschaft außerdem einen Günther Anders, der in Zeiten von Klimaschutz, Digitalisierung und Transhumanismus alles andere als antiquiert zu sein scheint.

Fußnoten

[1] Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, 2. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München 1980, S. 129.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.