Wundmale der Demokratie

Rezension zu "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" von Theodor W. Adorno

„Seit es im Gefüge des Wohlstandes knistert, haben Millionen Deutsche nicht mehr so rechte Freude an der Freiheit. Tief unten in ihrem Bewußtsein rumort der Geist mit Pickelhaube samt Hakenkreuz, und sie sehen das Heil wieder eher in Zucht und Ordnung, Gehorsam und gleichem Schritt.“ Das schrieb DER SPIEGEL am 17. April 1967 und leitete damit eine längere Serie über den neuen Nationalismus in der Bundesrepublik ein. Hiermit reagierte das Magazin auf den überraschenden Erfolg der rechtsradikalen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), der es 1966, nur zwei Jahre nach ihrer Gründung, mit Stimmenanteilen von über sieben Prozent gelang, in zwei deutsche Länderparlamente (Hessen und Bayern) einzuziehen. Zugleich spricht aus dieser publizistischen Aktion die Vorahnung der späteren NPD-Erfolge in den Jahren 1967/68, in denen die Partei in fünf weitere Länderparlamente einzog (Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Niedersachen, Bremen und Baden-Württemberg). Nur etwa eine Woche vor dem Erscheinen besagter SPIEGEL-Ausgabe, mitten in der Phase einer erstarkenden NPD (siehe Abbildung), hielt Theodor W. Adorno am 6. April 1967 an der Wiener Universität auf Einladung des Verbands Sozialistischer Studenten den Vortrag „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“, in dem er die politischen Entwicklungen sozialpsychologisch, -philosophisch und soziologisch reflektierte.

Abbildung: Stimmenanteil für die NPD bei Landtags- und Bundestagswahlen 1965-1969 (Quelle: eigene Darstellung)

Zu verorten ist der Vortrag im Kontext von Adornos gesellschaftspolitischen ‚Eingriffen‘, mit denen er sich – entgegen dem Klischee eines elitär und hermetisch schreibenden Autors – an eine nicht nur akademische Öffentlichkeit wandte, um einem drohenden gesellschaftlichen Rückfall in die Barbarei entgegenzuwirken. War der Vortrag bislang nur als Tonaufnahme in der Österreichischen Mediathek zugänglich, so veröffentlicht der Suhrkamp-Verlag nun erstmals eine Textedition, die von einem Nachwort von Volker Weiß begleitet wird. Der Zeitpunkt dieser Veröffentlichung ist mit Bedacht gewählt, denn damals wie heute erfahren politische Bewegungen, die weit rechts von CDU/CSU stehen, einen erstaunlichen Zuwachs. Allerdings wirken die aktuellen Entwicklungen bedrohlicher, weil sie im Kontext eines international erstarkenden Rechtspopulismus stattfinden. In Anbetracht dieser verschärften Bedrohung gibt es einen erhöhten Bedarf an sozialwissenschaftlichem Orientierungswissen und es stellt sich die Frage, inwieweit Adornos Einsichten in die gesellschaftspolitischen Entwicklungen der 1960er Jahre auf die Gegenwart übertragen werden können – heißt es doch in der Verlagsankündigung, Adornos Ausführungen läsen sich „wie eine Flaschenpost an die Zukunft“.

Mit einem gewissen Understatement schickt Adorno dem anhand von Stichworten mündlich gehaltenen Vortrag vorweg, dass er „in losen Bemerkungen einige Dinge“ (S. 9) zu Phänomenen des Rechtradikalismus herausstellen wolle. Für ein gut einstündiges Referat fällt das skizzierte Bild des Gegenstandes gleichwohl recht vielschichtig aus: Adorno beginnt seine Ausführungen mit den gesellschaftlichen Voraussetzungen neuer rechtsradikaler Bewegungen, fokussiert sodann ihre Ziele und Organisationsformen, bevor er die Differenzen zwischen dem damals erstarkenden neuen Rechtsradikalismus und der nationalsozialistischen Bewegung der Weimarer Republik herausarbeitet. Seinen Vortrag beschließt er mit der Charakterisierung rechtsradikaler Propagandatechniken und einigen Überlegungen zu Abwehrmöglichkeiten.

Angesichts der wirtschaftlichen Situation – die junge Bundesrepublik befand sich 1966/67 in ihrer ersten Wirtschaftskrise – lag es für damalige Beobachter nahe, eine wichtige Ursache für das Erstarken des neuen Rechtsradikalismus in der negativen ökonomischen Entwicklung und einer damit verbundenen politischen Unzufriedenheit zu sehen (siehe das einleitende SPIEGEL-Zitat). Wenngleich Adorno in seinem Vortrag eine solche Erklärung nicht gänzlich zurückweist, hält er es dennoch für falsch, „wenn man etwa einfach Rechtsradikalismus mit Konjunkturbewegungen gleichsetzt“ (S. 18). Vielmehr seien es langfristige sozio-ökonomische Entwicklungen, welche die gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Aufstieg des neuen Rechtsradikalismus bildeten. Diese Entwicklungen reichen von der zunehmenden Konzentration ökonomischen Kapitals und der Deklassierung bestimmter sozialer Schichten über automatisierungsbedingte Abstiegsängste bis hin zu wachsenden Gegensätzen zwischen urbanen Zentren und ländlicher Peripherie. Zudem lasse sich angesichts der Blockkonfrontation des Kalten Krieges ein rapider Bedeutungsverlust nationaler Politik verzeichnen. Dies führe jedoch gerade nicht zum Verschwinden des Nationalismus, sondern vielmehr zu einem Erstarken nationalistischer Tendenzen.

Bereits bei diesen ersten Beobachtungen drängt sich ein Vergleich mit der Gegenwart geradezu auf: Auch dem Aufstieg der Alternative für Deutschland (AfD) gingen längerfristige ökonomische und sozialstrukturelle Verwerfungen voraus. So sind die Euro- und die ihr vorgelagerte Finanzkrise ein wichtiger Teil des Gründungsnarrativs der Partei und auch die sozialstaatlichen und arbeitsmarktlichen Reformprozesse der vergangenen Jahre scheinen ein Wegbereiter für ihren Erfolg gewesen zu sein.[1] Damals wie heute ist die Trägerschaft rechter Bewegungen zwar über alle Schichten und Regionen verteilt, die prekarisierten sozialen Lagen und ländlichen Räume erweisen sich aber als besonders ansprechbar für eine rechte Programmatik.[2] Auch der von Adorno konstatierte Bedeutungsverlust nationaler Politik findet heutzutage im Kontext der EU-Integration eine gewisse Entsprechung. Allerdings ist die gegenwärtige Situation zusätzlich durch einen Konflikt gekennzeichnet, der sich an der zunehmenden Migration und ethnischen Pluralisierung entzündet. Hier stehen migrationsfreundliche und diversitätsbejahnende Kosmopoliten den migrationsskeptischen Kommunitaristen gegenüber, die eher am Lokalen und kulturell Homogenen orientiert sind.[3] Diese Konfliktlinie, bei der es weniger um rein ökonomische Themen geht als vielmehr um den legitimen Grad an territorialer und kultureller Offenheit, kann von rechten Bewegungen politisch ebenso thematisiert und instrumentalisiert werden wie die zunehmende Migration selbst. Hierdurch erhalten rechte Bewegungen eine zusätzliche Durchschlagskraft, die in den 1960er Jahren noch nicht im gleichen Maß existierte, die aber für gegenwärtige Entwicklungen besonders charakteristisch ist. Darüber hinaus hat im internationalen Kontext mit dem islamistischen Fundamentalismus eine weitere autoritäre Bewegung an Bedeutung gewonnen, die Adorno nicht vor Augen hatte, auch wenn Teile seiner Überlegungen hierauf übertragbar sein mögen.

Adornos Ausführungen zu den gesellschaftlichen Bedingungen rechtsradikaler Tendenzen verdeutlichen ein zentrales Anliegen des Vortrags: der Aufweis, dass der alte wie der neue radikale Nationalismus in Deutschland – zuerst in Gestalt der NSDAP und später der NPD – auch als Reaktion auf sozio-ökonomische Strukturen zu verstehen seien. Denn „die faschistischen Bewegungen könnte man in diesem Sinn als die Wundmale, als die Narben einer Demokratie bezeichnen, die ihrem eigenen Begriff eben doch bis heute noch nicht voll gerecht wird“ (S. 18). Gerecht wird die Demokratie ihrem Begriff nach für Adorno erst dann, wenn Teilhabe im politischen wie auch im ökonomischen Sinne gesamtgesellschaftlich verwirklicht wäre. Allerdings sind Adorno zufolge jenseits dieses gesellschaftlichen Grundwiderspruchs ganz wesentliche Unterschiede zwischen der Weimarer Zeit und der Situation in der BRD der späten 1960er Jahre zu verzeichnen. Vor allem der Status des Antisemitismus hat sich im neuen Rechtsradikalismus gegenüber seinem nationalsozialistischen Vorgänger gewandelt. Denn „solange man nicht offen antisemitisch sein kann und solange man auch nicht die Juden umbringen kann, weil das ja bereits geschehen ist“ (S. 32), äußerte sich der Antisemitismus nach 1945 im Wesentlichen über die Technik der Anspielung bzw. in verschobener Weise, etwa als Antiintellektualismus, der selbst noch unter Intellektuellen im existenzialistischen Jargon anzutreffen ist. Auch antidemokratische Bestrebungen treten, so Adorno 1967, nicht mehr offen auf, sondern kleiden sich in ein demokratisches Gewand: „Man beruft sich [...] auf die wahre Demokratie und schilt die anderen antidemokratisch.“ (S. 37) Schließlich habe, nach der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus durch die Alliierten, der Antiamerikanismus eine neue Qualität angenommen, auch wenn er bereits Bestandteil der alten Naziideologie gewesen sei. Die neofaschistische Agitation gegen die ‚Besatzungsmächte‘ sei gleichermaßen wirksam wie perfide, weil sie mit einer Rhetorik (nationaler) Befreiung auftrete, im Schatten solcher Freiheitsemphase aber gerade politische Freiheit abschaffen will.

Neben der rhetorischen Technik der Anspielung seien für den neuen Rechtsradikalismus aber noch weitere Propagandamittel bedeutsam, die alle auf effektive Weise an bestimmte Persönlichkeitsstrukturen appellieren, die Adorno – in Anlehnung an die von ihm mitverantwortete gleichnamige Studie[4] – unter dem Begriff der autoritären Persönlichkeit thematisiert. Zu nennen sind hier etwa die Verbreitung von Pseudo-Fakten, die Infragestellung historischer Tatsachen oder das Eintreten für generell härtere Bestrafungen. Angesichts dieser Propagandatechniken fühlt man sich durchaus an die Strategie gezielter Anspielungen erinnert, wie sie von führenden AfD-Politikern betrieben wird, aber auch an die aktuellen Diskussionen um ‚alternative Fakten‘ und die ‚Lügenpresse‘. Neu ist nun allerdings, dass sich derartige mediale Praktiken auf eine digitale Infrastruktur stützen können (Facebook, YouTube, WhatsApp, Twitter), die das Ausmaß und die Zielgenauigkeit der Verbreitung propagandistischer Botschaften beträchtlich steigert. Zudem stellen die Provokationen rechter Politiker im unter ökonomischen Druck geratenen Medienmarkt einen hohen Nachrichtenwert dar, weshalb man von dessen Verwertung nur selten Abstand nimmt. Die neu-rechten Bewegungen wissen dieses massenmediale Reiz-Reaktions-Schema für sich zu nutzen, so dass sie auf effektive Weise nicht nur rechte Deutungsschemata verbreiten, sondern grundsätzlich eingespielte Grenzen des Sagbaren durch wiederholte Übertretungen unterspülen und aufweichen.[5]

In seinem Vortrag charakterisiert Adorno allerdings nicht nur die rechten Propagandamittel seiner Zeit, sondern nennt auch einige Ansatzpunkte für Gegenstrategien: Vor allem gelte es, die Wirkungsweise einer solchen Propaganda offenzulegen, um „die Massen gegen diese Tricks zu impfen“ (S. 54). Außerdem sei wichtig, sich jenseits bloß moralischer Argumentation und Entrüstung an die ökonomischen Interessen einer potentiellen Anhängerschaft rechtsradikaler Bewegungen zu richten. Persönlichkeiten, die gewissen Vorurteilen und Ressentiments aufsäßen, seien nämlich durchaus offen für Elemente einer linken Sozialprogrammatik (Adorno nennt hier bspw. den Mieterschutz), wenn sie von solchen Programmen profitieren. Allerdings betont Adorno auch die Schwierigkeit solcher Gegenstrategien, die sich daraus ergäbe, dass autoritäre Persönlichkeiten generell nur schwer ansprechbar seien. Angesichts der oben erwähnten veränderten Kontextbedingungen, in denen der aktuelle Aufstieg rechter Bewegungen stattfindet, scheinen sich die Schwierigkeiten, auf die Gegenstrategien treffen, heutzutage nochmals verschärft zu haben.

Auch wenn sich bei der Lektüre von Adornos Vortrag über „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ deutliche Parallelen zwischen der gegenwärtigen und der damaligen Situation geradezu aufdrängen, sollten diese zum Teil verblüffenden Gemeinsamkeiten nicht über signifikante Unterschiede hinwegtäuschen. Adorno selbst warnt davor, Einsichten in gesellschaftspolitische Verhältnisse der Vergangenheit umstandslos auf die Gegenwart zu übertragen. Deshalb steht außer Frage, dass Adornos Diagnostik keineswegs ausreicht, um den aktuellen Aufstieg rechter Bewegungen angemessen zu verstehen. Auch finden nicht alle von ihm vorgetragenen Aspekte in der heutigen Situation eine Entsprechung. Was indes an seiner damaligen Intervention modellgebend für eine Analyse der politischen Gegenwart bleibt, ist die bestechende Komplexität seines Zugriffs auf die Phänomene. Sie macht Adornos ebenso hellsichtigen wie engagierten Text zu einer wichtigen Lektüre für all jene, die sich mit aktuellen und historischen Erscheinungsformen rechter Bewegungen auseinandersetzen wollen.

Fußnoten

[1] Wilhelm Heitmeyer, Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung I, Berlin 2018; Lukas Fervers, Economic miracle, political disaster? Political consequences of Hartz IV, in: Journal of European Social Policy 29 (2019), 3, S. 411–427.

[2] Christian Franz / Marcel Fratzscher / Alexander S. Kritikos, AfD in dünn besiedelten Räumen mit Überalterungsproblemen stärker, in: DIW Wochenbericht 2018, 8, S. 135–144, doi.org/10.18723/diw_wb:2018-8-3 (22.7.2019); Thomas Lux, Die AfD und die unteren Statuslagen. Eine Forschungsnotiz zu Holger Lengfelds Studie „Die ‚Alternative für Deutschland‘: eine Partei für Modernisierungsverlierer?“, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 70 (2018), 2, S. 255–273.

[3] Pieter De Wilde / Ruud Koopmans / Wolfang Merkel / Oliver Strijbis / Michael Zürn (Hg.), The Struggle Over Borders: Cosmopolitanism and Communitarianism, Cambridge / New York 2019.

[4] Theodor W. Adorno / Else Frenkel-Brunswik / Daniel J. Levinson / R. Nevitt Sanford, The Authoritarian Personality, New York 1950.

[5] Johannes Hillje, Propaganda 4.0. Wie rechte Populisten Politik machen, Bonn 2017.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Wibke Liebhart.