„Zeigen Sie doch mal Ihr Diplom."

Ilka Sommer über die Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen

Auch wenn es der deutschen Wirtschaft unbestritten gut geht: Für den Wirtschaftsstandort Deutschland stehen angesichts der bevorstehenden demografischen Veränderungen und des damit einhergehenden prognostizierten Fachkräftemangels erhebliche Veränderungen bevor.

In diesem Zusammenhang wird die Integration von Zugewanderten in den Arbeitsmarkt häufig als Chance bezeichnet. Mit dem im April 2012 in Kraft getretenen Anerkennungsgesetz stellt sich daher die Frage, wie es um die administrative Praxis zur Arbeitsintegration von MigrantInnen eigentlich bestellt ist.

In dem auf ihrer Dissertation beruhenden und jüngst mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien ausgezeichneten Buch Die Gewalt des kollektiven Besserwissens setzt sich Ilka Sommer kritisch mit der Umsetzung des Anerkennungsgesetzes auseinander. Ihre Arbeit trägt entscheidend zum Verständnis von Chancen und Barrieren des Bildungs- und Arbeitsmarkts für BildungsausländerInnen bei. Deshalb ist es für WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen, die Interesse am Anerkennungsverfahren haben, gleichermaßen empfehlenswert.

Zusätzliche Relevanz gewinnt die Abhandlung durch die aktuelle Diskussion zum Thema “Brain Waste“, bei der es um das Problem geht, dass Zuwanderer trotz beruflicher Qualifizierung zur Ausübung unqualifizierter Arbeiten gezwungen sind, weil ihre Bildungstitel in den Aufnahmeländern nicht anerkannt werden.

 

Symbolische Gewalt im Lichte Pierre Bourdieus

Die Kernfrage, auf die die Autorin mit ihrem Buch eine Antwort geben möchte, lautet: Anhand welcher Bewertungsmaßstäbe entscheidet sich, ob ein ausländischer Abschluss in Deutschland anerkannt wird oder nicht? Hierfür untersucht sie die Anerkennungsgesetze auf Bundes- und Landesebene und die jeweils unterschiedliche Bewertung ausländischer Berufsqualifikationen.

Zur Untersuchung der bislang kaum erforschten Thematik wählt Sommer ein exploratives, qualitatives Forschungsdesign. Dabei lässt sie insbesondere die SachbearbeiterInnen in den zuständigen Anerkennungsstellen zu Wort kommen, wobei sie sich vor allem für das Spannungsverhältnis zwischen gesetzlichem Rahmen und individueller Entscheidung interessiert. Um Einsichten in den Ablauf des Anerkennungsverfahrens und die Entscheidungsprozeduren zu erlangen, führt sie mit den ExpertInnen narrativ fundierte Interviews, auf deren Grundlage sie implizites, atheoretisches und habituell verankertes Wissen der Experten im Sinne einer praxeologischen Wissenssoziologie rekonstruiert. Ergänzend analysiert sie die Perspektiven und Aussichten von MigrantInnen, deren Bildungsabschlüsse nicht anerkannt wurden.

Um die Aussagen von zuständigen SachbearbeiterInnen und MigrantInnen theoriegeleitet zu analysieren, wählt Sommer die Feldtheorie Pierre Bourdieus, mittels derer sie die in einer so genannten Gleichwertigkeitsprüfung mündenden Auseinandersetzungen um die Klassifikation ausländischer Bildungsabschlüsse in Deutschland als Machtkämpfe interpretiert. Im Anschluss an Bourdieu kategorisiert sie Bildungstitel als institutionalisiertes, kulturelles Kapital, dessen Wechselkurs für den deutschen Arbeitsmarkt im Anerkennungsverfahren festgelegt wird. Auf diese Weise gelingt es ihr, die Illusion einer objektiven Vergleichbarkeit von unterschiedlichen beruflichen Ausbildungssystemen und individuellen Lebensläufen aufzuzeigen. In ihrer empirischen Analyse dekonstruiert die Autorin nun diese scheinbare Objektivität – die Bourdieu ‚Illusio‘ nennt – im Feld der Anerkennung von Bildungsabschlüssen.

 

Die Studie im Detail

Im empirischen Teil des Buches beschreibt Sommer zunächst die Anerkennungsdebatte und die daraus entstandenen Anerkennungsgesetze aus historischer Perspektive. Sie geht auf die mit der Einführung des Anerkennungsgesetzes verbundenen Reformen ein, mittels derer die EU-Anerkennungsrichtlinie in Deutschland umgesetzt wurde. Durch das Berufsanerkennungsgesetz, das 2012 in Kraft trat, hat nun jeder Auslandsqualifizierte das Recht, sich im Ausland erworbene Qualifikationen anerkennen beziehungsweise in Hinblick auf deutsche Referenzberufe bewerten zu lassen. Dabei beleuchtet sie die Bedeutung der Unterscheidung zwischen reglementierten und nicht reglementierten Berufsgruppen. Reglementierte Berufsgruppen sind solche, bei denen eine berufliche Anerkennung notwendigerweise vorausgesetzt wird, um mit einem ausländischen Bildungsabschluss in einem (anderen) EU-Mitgliedstaat zu arbeiten. In nicht reglementierten Berufen kann die Arbeit in der jeweiligen Profession ohne berufliche Anerkennung aufgenommen werden. Optional können die Auslandsausgebildeten allerdings eine Zeugnisbewertung beantragen, um die Inhalte ihrer Ausbildung transparent zu machen. Außerdem erläutert sie das Berufsrecht der Berufsgruppen, deren Anerkennungsverfahren sie im Folgenden untersucht. Dabei handelt es sich um die reglementierten Berufe des Arztes, des Architekten, des Handwerkers, des Lehrers und der Pflegekraft.

Anschließend analysiert sie Gruppendiskussionen in denen Auslandsqualifizierte deren Bildungsabschlüsse nicht anerkannt wurden ihre Erfahrungen und Meinungen zum Anerkennungsprozess austauschen. Hierbei zeigt sich, dass die befragten Auslandsausgebildeten das Anerkennungsverfahren als ungerecht und die Möglichkeit der Nachqualifizierung als demütigend empfinden. In der Dynamik der Gruppendiskussion entwickeln sie gemeinschaftlich ein Kollektivbewusstsein, auf dessen Basis sie Widerstand formieren. Gemeinsam suchen sie nach Lösungsmöglichkeiten entweder durch politische Partizipation oder durch die Entwicklung parallelgesellschaftlicher Strukturen, statt auf eine Anerkennung hinzuarbeiten. So organisieren sie etwa eine Tauschbörse, in der sie Dienstleistungen anbieten (z. B. Haareschneiden im Austausch für Hilfe bei der Erledigung von behördlichen Formalitäten erhält).

Im nächsten Abschnitt wendet sich Sommer sodann der Bewertung der ausländischen Qualifikationen auf der Grundlage der Aussagen ihrer sachverständigen deutschen InterviewpartnerInnen zu, wobei sie die Informationen auf die folgenden drei Aspekte des Anerkennungsverfahrens verdichtet: Machtkonstellationen, Selektionsmechanismen und Handlungskompetenzen.

Im Kapitel zu Machtkonstellationen führt sie die ungleiche Bewertung verschiedener Ausbildungssysteme auf die drei Faktoren Beziehungen zwischen den Ausbildungsstaaten, Qualifikationsbezogene Marktinteressen und Institutionalisierte Unverantwortlichkeit zurück. Wenn Vertrauen in den ausländischen Ausbildungsstaat besteht oder bereits Erfahrungen mit dem Ausbildungssystem eines Landes vorliegen, führe das zu einer bevorzugten Anerkennung. Zu diesen Staaten gehörten vor allem die EU- beziehungsweise EWR-Staaten, im Falle der medizinischen Ausbildung zum Arzt auch die Staaten Nordamerikas und Ozeaniens sowie Japan. Weiterhin beschreibt sie im Kapitel zu qualifikationsbezogenen Marktinteressen, dass Ausbildungsabschlüsse in Berufen, in denen ein Fachkräftemangel besteht, leichter anerkannt werden. Diese Aspekte fasst sie unter dem Begriff „Machtkonstellationen“ zusammen, da sie diese als Ergebnis von Machtungleichheiten interpretiert. In den folgenden Kapiteln beschreibt sie Selektionsmechanismen auf deren Basis die Sachbearbeiterinnen über Anerkennung und Teilanerkennung entscheiden, sowie die Handlungskompetenzen, die ihren Spielraum der Entscheidungsfreiheit limitieren. In diesem Zusammenhang erörtert sie auch die Unsicherheiten, denen sich SachbearbeiterInnen im Anerkennungsprozess gegenüber sehen sowie die Mechanismen und Handlungsstrategien, mit deren Hilfe sie diese zu bewältigen suchen.

 

Wie steht es um die Arbeitsintegration in Deutschland?

Bereits der Titel Die Gewalt des kollektiven Besserwissens macht deutlich, dass die Autorin dem von ihr untersuchten Anerkennungsverfahren und seiner Umsetzung kritisch gegenübersteht. So scheut sie sich denn auch nicht, unbequeme Fragen zu stellen, wie die, ob die Orientierung an den Standards des nationalen Bildungs- und Berufssystems, in welchem der Bildungsausländer arbeiten möchte, die angemessene Referenzkategorie darstellt. Auch mit entschiedenen Urteilen hält Sommer nicht hinter dem Berg. Sie bezeichnet das Anerkennungsgesetz als ein Verkennungsgesetz, welches im Ausland erworbene Qualifikationen systematisch entwerte, und moniert, dass eine erleichterte Anerkennung von Qualifikationen vorzugsweise dann erfolge, wenn die BewerberInnen aus Ländern stammen, die über ein ähnliches Bildungs- und wirtschaftliches Entwicklungsniveau verfügen oder ein Bedarf an entsprechenden Fachkräften vorliegt. Dabei macht Sommer deutlich, welchen Rahmenbedingungen und Zwängen die Sachverständigen bei der Beurteilung ausländischer Qualifikationen unterliegen. Daraufhin stellt sie die Hypothese auf, dass im Ausland erworbene Kompetenzen systematisch verkannt würden. Dies könne jedoch allein auf Basis der administrativen Praxis nicht beurteilt werden, Stattdessen bedürfe es hierfür einer Untersuchung der konkreten Fähigkeiten in ihrem praktischen beruflichen Anwendungszusammenhang. Allerdings weist Sommer auf das suboptimale Paradigma der beruflichen Anerkennung in der Europäischen Union hin, das eine Beurteilung beruflicher Fähigkeiten ausschließlich auf der Basis von Dokumenten zulässt.

Dabei spricht es für die Autorin, dass sie ausdrücklich auf die subjektiv geprägte Interpretation ihrer Analyse hinweist. Somit gehört sie zu den rühmlichen Ausnahmen der AutorInnen in den Sozialwissenschaften, die ihre eigene politische Voreingenommenheit bezüglich ihres Untersuchungsgegenstands transparent machen. Mit diesem Vorgehen lässt sie Spielraum für andere Perspektiven und fordert zum Diskurs auf.

Insgesamt gibt Sommer in ihrem Buch einen präzisen Überblick über die aktuelle Gesetzeslage zur beruflichen Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen in Deutschland und wie diese umgesetzt wird. Sie zeigt die Bedeutung der Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen für die Zugewanderten auf. Vor allem aber gewährt sie wertvolle Einblicke in das neue und noch unerforschte Thema der Anerkennung, indem sie die „black box“ des bürokratischen Prozesses öffnet und die Schein-Objektivität der bestehenden Verfahrensweisen entlarvt. Sie zeigt den vollen Umfang der Schwierigkeiten, ausländische Bildungssysteme und individuelle Arbeitserfahrungen allein auf Dokumentenbasis zu beurteilen und benennt die Herausforderungen, die mit der ausbildungsadäquaten Integration von Zugewanderten in den deutschen Arbeitsmarkt verbunden sind. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist, dass es ihr dabei über das gesamte Buch hinweg gelingt, die überaus komplexe Thematik in einer leicht verständlichen Weise darzustellen.

Der Inhalt ist für alle, die sich für die formalen Herausforderungen der Arbeitsintegration von zugewanderten Fachkräften in Deutschland interessieren, außerordentlich aufschlussreich und auf diesem Gebiet derzeit einzigartig.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Baran Korkmaz.