Zusammen ist man weniger allein

Rezension zu "Care in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken. Sorgende Netze jenseits der Norm" von Michael Raab

Seit einigen Jahren bezeichnet der Ausdruck „Polyamorie“ eine Lebens- und Beziehungsform, in der die (romantische) Liebesbeziehung nicht exklusiv zwei, sondern mehrere Personen umfasst. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten voneinander wissen und mit dem Beziehungskonzept einverstanden sind. Skeptiker_innen meinen, dass es sich hier bloß um eine neue Bezeichnung für das handelt, was früher „offene Beziehung“ genannt wurde. Die Polyamorösen selbst betonen jedoch, dass es nicht um rein sexuelle Nebenbeziehungen gehe, sondern um Liebe in einem umfassenden Sinn. Schon die Antike kannte drei Varianten von Liebe: eros/amor, philia und caritas, grob übersetzt: Erotik, Freundschaft und Nächstenliebe. Spätestens im 19. Jahrhundert setzte sich das Ideal der romantischen Liebe durch. In der Praxis ist Liebe meist eine Mixtur verschiedener Komponenten, wie Tracy, eine Figur in Woody Allens Film Manhattan (1979), meint: “We have laughs together. I care about you. Your concerns are my concerns. We have great sex.” Es geht darum, zusammen Spaß zu haben, sich um den anderen zu sorgen und zu kümmern und sexuelle Erfüllung zu finden.

Michael Raab beschäftigt sich in seiner Dissertation theoretisch und empirisch mit Polyamorie beziehungsweise, weiter gefasst, mit konsensuellen-nichtmonogamen Netzwerken, die sich abgrenzen von exklusiven Paarbeziehungen einerseits und heimlichen Affären andererseits. Solche egozentrierten Netzwerke – damit sind die von einer oder einem Befragten angegebenen persönlichen Beziehungen gemeint – werden als eine Form von Intimbeziehung betrachtet, doch in der Studie geht es kaum um romantische Liebe, Sexualität oder körperliche Intimität. Im Mittelpunkt steht Care: Sorge und Fürsorge, sich kümmern, sich verantwortlich fühlen, Anteilnahme, Solidarität. Mit der ungewöhnlichen Fokussierung der Polyamorie auf die Sorgegemeinschaft wird der Begriff „Intimbeziehung“ auf den Bereich sorgender und versorgender Netzwerke ausgeweitet. Der Autor begründet seine Ausrichtung mit der bis heute geltenden geschlechtlichen Codierung: Care = weiblich = Reproduktions- und Privatsphäre (S. 35 ff.). Es geht also nicht um die Frage nach den Besonderheiten einer polyamorösen Spielart von Liebe. Raab interessiert sich aus feministischer Perspektive dafür, wie die Care-Praktiken in solchen Netzwerken auf die Geschlechter verteilt sind, zum Beispiel ob polyamoröse Beziehungen stärker auf Geschlechtergleichheit achten als ihre monogamen Pendants und ob in nichtmonogamen Netzwerken differenziertere Care-Praktiken entwickelt werden können. Das würde den Beteiligten unter Umständen eine bessere Lebensgestaltung, eine stärkere soziale Absicherung oder auch mehr Selbstbestimmung ermöglichen. Und wenn das so wäre, so glaubt der Autor, könnte die Nichtmonogamie als besserer Weg in eine solidarische Gesellschaft erscheinen.

Im theoretischen Teil des Buches (1.–3. Kapitel) analysiert Raab anhand der drei Schwerpunkte Monogamie, Care und Geschlechterverhältnis die gesellschaftliche Bedeutung von Intimbeziehungen. Dabei arbeitet er unter anderem das Spannungsverhältnis zwischen Care als Bedingung der kapitalistischen Reproduktion der Arbeitskraft und einer Care-Ethik der Anteilnahme gut heraus.

Als Leitfaden für die empirische Untersuchung dienen dem Autor drei widerstreitende Hypothesen, mit denen das Verhältnis von Care, Gender und kapitalistischer Ökonomie ausgeleuchtet werden soll (S. 59 ff., 98 f.). (1) Polyamorie (oder Nichtmonogamie) kann zur Emanzipation von patriarchaler Herrschaft und Heteronormativität und zu mehr Solidarität in der Gesellschaft beitragen. (2) Polyamorie kann als Anpassung an den neoliberalen Geist verstanden werden, denn flexible Arbeitsverhältnisse lassen sich besser praktizieren, wenn auch die intimen Beziehungen flexibel sind. In diesem Fall ginge es mehr um eine Optimierung des Selbst und der eigenen Lebensumstände als um Care. (3) Die Persistenz-Hypothese versteht Polyamorie als Herrschaftsinstrument des Patriarchats. Polyamorie wäre dann eine geschickt getarnte und legitimierte Form patriarchaler Polygynie, in der es einem Mann gestattet ist, mit mehreren Frauen zugleich verheiratet zu sein.

Der Autor führte zunächst eine Online-Befragung durch, an der sich etwa 200 Personen beteiligten. 13 von ihnen konnten daraufhin für ein narratives Interview gewonnen werden. Die Interviews wurden mit dem Kodierverfahren der intersektionalen Mehrebenenanalyse ausgewertet. Deren Hauptergebnis ist eine dreigliedrige Typologie: (1) pragmatisch-kollektiv, (2) individuell-ideell, (3) konventionell-kernzentriert. Zwischen den drei Typen zeigen sich große Unterschiede in der sozialen Lage (Milieuzugehörigkeit, sozialer Status) und in der Sorgepraxis. Weiterhin wird deutlich, dass das Untersuchungsfeld keineswegs so einheitlich ist, wie es – als eine polyamoröse Szene – von außen wahrgenommen wird (S. 128 ff.). Im nächsten Schritt verknüpft Raab die drei Typen mit den drei genannten Hypothesen. Die Arbeit wird abgerundet von dem Versuch, die Hypothesen in zwei kurzen Schlusskapiteln hinsichtlich ihrer empirischen Gültigkeit einzuordnen.

Der Typus pragmatisch-kollektiv erinnert stark an Wohnkollektive und Projekte, die seit den 1970er-Jahren zur Entstehung und Ausbreitung des sogenannten Alternativmilieus beigetragen haben. Priorität hat für die hier zugeordneten Personen das Leben im Kollektiv, der individuelle Gelderwerb ist zweitrangig. Die sorgende Kooperation ist eine Grundbedingung des gemeinsamen Lebens, sie macht den Kern der solidarischen Lebensformen aus. Darauf bezieht sich auch die Verbindlichkeit eines hier verorteten polyamorösen Netzwerks, das als passende Beziehungsform für ein alternatives Leben erscheint. Von den drei Hypothesen trifft hier am deutlichsten die erste zu, das heißt, der Autor konnte bei diesem Typus großes emanzipatorisches Potenzial ausmachen: Die Mitglieder des polyamorösen Netzwerks kümmern sich um einander, helfen sich gegenseitig, unterstützen Schwächere und versuchen aktiv, Konkurrenzverhalten oder geschlechtsbezogene Zuständigkeiten zu vermeiden.

Die Repräsentant_innen des zweiten Typs individuell-ideell sind ebenfalls alternativ oder links orientiert, anders als bei den Pragmatisch-kollektiven handelt es sich hier überwiegend um Studierende. Charakteristisch für diesen Typus sind (noch) flüchtige und unverbindliche Intimbeziehungen sowie eine individualistische Lebensorientierung. In den eher kleinen Netzwerken ist es üblich, eine „Hauptbeziehung“ zu führen, die als „offen“ definiert wird, also Nebenbeziehungen nicht ausschließt. Der Bedarf an Care ist – aufgrund der Lebenssituation – geringer als beim ersten Typ. Dem Autor zufolge kann auch bei Vertreter_innen dieses Typs nicht von einer neoliberalen Vereinnahmung (Hypothese (2): Polyamorie als Förderung und Legitimierung unverbindlicher Beziehungen) die Rede sein.

Den letzten Typ konventionell-kernzentriert entwickelte der Autor vor allem aus Interviews, die er in einer zweiten Runde gezielt durchführte, weil sich bis dahin fast nur junge, studentische Großstadtbewohner beteiligt hatten. Es handelt sich dabei um Personen zwischen 40 und 60 Jahren, häufig Nichtakademiker_innen, die verheiratet sind („Kernbeziehung“) und Nebenbeziehungen beider Partner_innen zulassen. Auch wenn bei diesem Typus, anders als bei den Jüngeren, die Geschlechterrollen sehr konventionell aufgeteilt sind, fand der Autor kaum Elemente einer patriarchalen Doppelmoral (Persistenz-Hypothese (3): Polyamorie als Herrschaftsinstrument).

Insgesamt sind die Ergebnisse zu den drei Hypothesen differenziert und manchmal auch widersprüchlich, weshalb sie sich nicht leicht zusammenfassen lassen. Entsprechend widersteht der Autor auch der Versuchung, einfache und eingängige Thesen zu formulieren. Allerdings macht er die Emanzipationshypothese (1) besonders stark, indem er den nichtmonogamen Netzwerken das Potenzial zuschreibt, zumindest auf der Mikro-Ebene sozialer Interaktionen zu besserer Sorge sowie zu mehr Empathie und Solidarität beitragen zu können. Die Persistenz von Gender-Ungleichheit (Hypothese (3)) in nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken zeigt sich vor allem daran, dass es, allen Interviews zufolge, weiterhin Aufgabe der Frauen ist, sich zu kümmern und Sorge zu tragen – selbst im Alternativmilieu (S. 155 ff., 170 ff.). Das wird umso deutlicher, wenn es um Elternschaft geht (S. 186 ff.).

Die Studie von Michael Raab fördert interessante Ergebnisse zutage, vor allem in der ausführlichen Charakterisierung der Netzwerke. Das Buch ist flüssig und gut geschrieben – insbesondere, wenn man bedenkt, dass es sich um eine Dissertation handelt – und nimmt die Leserschaft auf angenehme Art und Weise an die Hand. Es gelingt dem Autor, ideologische Fallstricke zu umgehen: Polyamorie wird weder unkritisch als neue Heilsbringerin gefeiert noch mit Skepsis betrachtet oder herablassend als Exotikum beschrieben. Stattdessen wird sie vor allem kritisch auf gesellschaftliche Entwicklungen im Kapitalismus bezogen. Probleme und Kritikpunkte, die im Folgenden benannt werden, kann man einer solchen Individualforschung mit ihren beschränkten Kapazitäten nur bedingt anlasten. Aber für weitere Untersuchungen, so hoffe ich, können die kritischen Anmerkungen und Fragen hilfreich sein.

Zunächst eine methodische Bemerkung: Einzelinterviews als Erhebungsmethode sind in der Forschung weit verbreitet. Sie haben aber gravierende Nachteile, wenn man etwas über die Dynamik eines Feldes erfahren will. Praktiken der Sorge sind komplex und können aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Gruppeninterviews oder -diskussionen bringen unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen besser zur Geltung und hätten möglicherweise zu eher disparaten, aber aufschlussreichen Ergebnissen geführt. Der Nachteil der Einzelinterviews wird meines Erachtens teilweise dadurch verstärkt, dass der Autor mitunter die interpretativen Vorgaben seiner Interviewpartner_innen wenig hinterfragt. Allerdings ist er – im Rahmen der von ihm gewählten Erhebungs- und Analyseverfahren – methodisch sorgfältig vorgegangen.

Ein weiteres grundlegendes theoretisch-methodisches Problem besteht darin, dass viele vergleichende Aussagen des Autors durch sein empirisches Material nicht gedeckt sind, weil er sich auf die Untersuchung von Care in nichtmonogamen Konstellationen beschränkt. So ist letztlich nur ein Vergleich zwischen den verschiedenen Ausprägungen (Typen) von Care in Relation zum Geschlechterverhältnis innerhalb des nichtmonogamen Beziehungsfeldes möglich. Das ist durchaus erkenntnisreich, liefert aber keine Antworten auf weitergehende Fragen: Was ist die gesellschaftliche Bedeutung von Polyamorie? Wie kann Care für eine bessere Gesellschaft aussehen? Wie kann die Kommodifizierung von Care verhindert werden? Wie ist eine solidarische Gesellschaft möglich? Eine Untersuchung all dessen wäre nur mit explizit vergleichenden Studien möglich.

Inhaltlich problematisch ist vor allem die weitgehende Ausklammerung der Beziehungsdynamik in Bezug auf Sexualität, Intimität und Liebe. Dadurch entsteht womöglich der Eindruck, das Thema der Studie sei gar nicht Polyamorie, sondern Gemeinschaften der Sorge. Für diese These spricht auch der (etwas holprig geratene) Titel des Buches, in dem Polyamorie nicht vorkommt. So fällt es schwer, manchen Aussagen über Care in nichtmonogamen Netzwerken zu folgen, wenn dabei nichts zu „Amorie“ und zum Verschränkungsverhältnis von (romantischer) Liebe und Care gesagt wird. Die Art und Weise und die Intensität der Sorgepraktiken zwischen den Personen im Netzwerk dürfte stark von Gestalt, Dauer und Grad ihrer Liebesbeziehung und jener zu den anderen Bezugspersonen abhängen. Interessant für diese Frage ist auch, wie die 13 Interviewten ihr Netzwerk bezeichnen: Vier sprechen von „Polyamorie“ oder ähnlichen Ausdrücken wie „polyamore Konstellation“, drei von „offener Beziehung“, je einmal werden „Beziehungsgeflecht“, „nichtexklusive romantische Beziehung“, „Kommune“, „Lebensgemeinschaft“ und „Familie“ genannt (S. 249 ff.).

Wenn der Autor die Bedingungen für eine gelingende Sorge-Praxis auslotet, findet er oft Faktoren, die nichts mit dem Unterschied zwischen Mono- und Polyamorie zu tun haben, sondern vielmehr von der Milieuzugehörigkeit abhängen. Die beiden Differenzlinien liegen quer zueinander und vielleicht ist die wesentliche Unterscheidung in Bezug auf Care gar nicht Mono- vs. Nichtmonogamie, sondern kollektiv versus individualistisch orientierte Lebensweise. Care ist in den alternativen Kollektiven deshalb besonders wichtig, weil hier die sozialen Beziehungen im Netzwerk Priorität gegenüber Gelderwerb und Karriere haben. Entsprechend versuchen die Mitglieder solcher Netzwerke besonders engagiert (ähnlich wie in traditionalen Hausgemeinschaften), die Kommodifizierung von Care zu verhindern.

Die Chancen für Care sind in Versorgungsgemeinschaften also grundsätzlich besser als in stark individualisierten Paarbeziehungen – und auch besser als beim individualistischen Typ 2. Doch ob innerhalb des Kollektivs Monogamie oder Polyamorie praktiziert wird, scheint mir dabei weniger relevant. Das ist für mich ein Ergebnis der Studie, das der Autor so nicht benennt. Stattdessen betont er die Unterscheidung von Monogamie und konsensueller Nichtmonogamie. Aber was genau unterscheidet eigentlich Polyamorie von einem Paarleben mit Affären, also von der „offenen Beziehung“? Lässt sich die Polyamorie anhand ihrer Einvernehmlichkeit wirklich eindeutig von nicht-konsensuellen Formen abgrenzen? Und wie geht das forschende Subjekt mit der Auskunft im Interview um, jemand habe „emotionale Schwierigkeiten“ (S. 132) mit der offenen Beziehung – gilt das trotzdem als konsensuell? Eine strikte Abgrenzung, wie sie zwischen Mono- und Polygamie als Rechtsformen gezogen wird, lässt sich für die Lebensformen, von Mono- über Bigamie bis zur Polyamorie, nicht ziehen. In der Praxis ist das Modell der monogamen Ehe mit mehr oder weniger thematisierten und akzeptierten Nebenbeziehungen weit verbreitet, die Grenzen zur Polyamorie sind hier fließend.

Es könnte übrigens aufschlussreich sein, die hier praktizierte Polyamorie mit der Polygamie zu vergleichen, die in vielen Kulturen eine legale Versorgungsgemeinschaft war und ist. Letztere ist hierzulande verboten, dadurch ist es beispielsweise nicht möglich, das Sorgerecht für Kinder auf alle Mitglieder eines polyamorösen Netzwerkes gleichermaßen zu übertragen. Der Autor geht auf diesen Aspekt am Schluss kurz ein und macht darauf aufmerksam, dass von der „Ehe für alle“ die Poly-Partnerschaften auch weiterhin ausgeschlossen bleiben (S. 226).

Die Arbeit von Michael Raab knüpft an „1968“ an. Er geht auf die damals proklamierte „freie Liebe“ als einem Ursprung von Polyamorie ein und verdeutlicht am Beispiel der Mühl-Kommune zugleich deren sexistisch-patriarchale Auswüchse. Obwohl die monogame Beziehung in einflussreichen Schriften ideologisch vehement infrage gestellt wurde, ist sie bis heute die dominante Lebensform geblieben. Demgegenüber zeigt die Studie von Michael Raab, dass konsensuell-nichtmonogame Beziehungsgeflechte unter bestimmten Bedingungen – Orientierung am Kollektiv, keine Karriereabsichten, studentische Lebensform, viel Zeit zur freien Verfügung (wobei nicht alle diese Punkte zutreffen müssen) – eine gelebte Alternative für eine wachsende Zahl von Menschen sind. Sie beinhalten ein emanzipatorisches Potenzial für das eigene Leben und die Aussicht auf eine solidarische Gesellschaft. Raab gibt jedoch auch zu bedenken, dass „Emanzipation“ kein Selbstläufer ist, und dass Polyamorie auch zur Stabilisierung der Herrschaftsverhältnisse beitragen kann. So leiste sie womöglich einem Rückfall in patriarchale Muster Vorschub oder unterstütze den neoliberal-globalen Kapitalismus mit seinen Anforderungen der Flexibilität, Mobilität, individueller Selbstbehauptung und kosmopolitischer Orientierung. Im einen Fall wird die Polyamorie zur patriarchalen Polygynie, im anderen Fall scheint ein „dynamische[s] und flexible[s] Beziehungsleben“ (S. 215) die ideale Ergänzung des neoliberalen Arbeitslebens zu sein. Man darf gespannt sein, in welche Richtungen sich die polyamorösen Bewegungen weiter entwickeln.

Für wertvolle Hinweise danke ich Diana Cichecki und Hilge Landweer.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.