Frauen machen Geschichte

Das Digitale Deutsche Frauenarchiv bündelt das Wissen zur deutschen Frauenbewegung

Seit dem 13. September 2018 hat Lesben- und Frauengeschichte eine neue Adresse im Netz: Das Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF). Frauen machen Geschichte - das ist, passend zum Jubiläumsdoppeljahr 2018/2019 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland, die Botschaft des Portals. Beim Festakt anlässlich des Onlinegangs lenkte Bundesministerin Dr. Franziska Giffey das Augenmerk jedoch insbesondere auf Gegenwart und Zukunft: „Vor 100 Jahren wurde das Frauenwahlrecht erstritten – doch auch heute noch ist die vollständige Gleichstellung von Frauen und Männern noch nicht erreicht. Wir alle zusammen müssen immer wieder und weiter für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen kämpfen, so wie es in der Vergangenheit schon viele Frauen getan haben. Im Digitalen Deutschen Frauenarchiv wird die Geschichte der deutschen Frauenbewegung digitalisiert und verfügbar gemacht. Hier können wir sehen, nachvollziehen, uns inspirieren lassen, was die Frauen in den vergangenen Jahrzehnten für uns alle erkämpft haben.“


 

Der Onlinegang des Archivs fiel nicht nur mit dem hundertjährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts zusammen, sondern auch mit einem weiteren historischen Ereignis: Vor exakt 50 Jahren hatte eine Studentin bei einem Delegiertenkongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes in Frankfurt drei Tomaten in Richtung Rednerpult geworfen. Sie brachte damit ihren Zorn über die Gleichgültigkeit der Genossen gegenüber Fragen der Gleichberechtigung aus. Eine Aktion, die Geschichte machte. Sie markiert den Anfang der Neuen Frauenbewegung. Doch bis vor wenigen Jahrzehnten galten derlei Handlungen nicht unbedingt als archivwürdig. Deshalb gründeten sich gerade in Folge der 1968er-Bewegung Dokumentationsstellen und Bewegungsarchive, um nicht nur die eigenen Aktionen zu dokumentieren, sondern um schließlich auch die Geschichte der Historischen Frauenbewegung wiederzuentdecken, die durch den Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus aus dem kulturellen Gedächtnis gefallen war.

 

Ein starkes Netz

 

Trotz dieser feministischen Erinnerungsarbeit sind auch heute noch viele Aspekte der Geschichte der Lesben- und Frauenbewegungen unbekannt und unerforscht. Der  i.d.a.-Dachverband hat sich daher gemeinsam mit seinen Einrichtungen zur Aufgabe gemacht, diese Geschichte zu bewahren und aufzubereiten. Das Netzwerk i.d.a. (informieren, dokumentieren, archivieren) schloss sich 1983 zusammen und ist seit 1994 ein gemeinnütziger Verein. Aktuell gehören 41 Erinnerungseinrichtungen zu diesem Netzwerk, dazu zählen Lesben- und Frauenarchive, -bibliotheken sowie -dokumentationsstellen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Luxemburg und Italien. Gemeinsam verfügen sie über umfangreiche Bestände zu Aktivistinnen und Organisationen der verschiedenen Phasen der Frauenbewegungen und deren regionalen Strömungen.

Heutzutage besteht eine weitere wichtige Aufgabe von Archiven in der digitalen Sicherung und Präsentation von Material. Deshalb stellt der i.d.a.-Dachverband von nun an das Material aus den analogen Einrichtungen auch auf den Seiten des Digitalen Deutschen Frauenarchivs zur Verfügung. Entsprechend dem Profil der beteiligten Einrichtungen verzeichnet auch das Portal zahlreiche Ereignisse mit regionalen Bezügen, wie etwa die Anfänge der autonomen Frauenbewegung in Saarbrücken oder Aktivitäten von Studentinnen an Hamburger Hochschulen.

 

Aufbau und Ziele

 

Anstoß für das Digitale Deutsche Frauenarchiv war die 2013 im Koalitionsvertrag der Bundesregierung festgehaltene Absicht, die Geschichte der Deutschen Frauenbewegung im Rahmen eines Archivs aufzuarbeiten. Daraufhin hatte sich der i.d.a.-Dachverband als Träger des DDF beworben und den Zuschlag erhalten. Bereits seit 2002 wurde der Aufbau der META-Datenbank als Vorläuferprojekt gefördert, mit der seit 2015 online in den Beständen der i.d.a.-Einrichtungen recherchiert werden kann. Die META-Datenbank wird  seit Juli 2016 in das Portal des Digitalen Deutschen Frauenarchivs integriert und weiterentwickelt, was das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) mit seiner von Juli 2016 bis Dezember 2019 andauernden Projektförderung ermöglicht.

Erklärtes Ziel des DDF ist es, die Themen, Kämpfe und Erfolge der Alten und Neuen Frauenbewegungen im kulturellen Gedächtnis zu verankern. Das DDF  agiert mit der  Überzeugung , dass es sich hierbei um die erfolgreichste soziale Bewegung des 20. Jahrhunderts handelt, die reif für die Geschichtsbücher ist – doch dort bisher kaum aufgenommen wurde. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Präsentation der dazugehörigen Dokumente und den damit verbundenen Personen im Netz eine große Chance.

Studierende und Forschende der Frauen- und Geschlechterforschung bilden die klassische Zielgruppe der Archive und Bibliotheken. Für Interessierte wird der Zugang zu forschungsrelevantem Material durch das DDF nun deutlich erleichtert. Doch auch die breite Öffentlichkeit soll durch das Archiv angesprochen werden. Das Digitale Deutsche Frauenarchiv will auch außerhalb von Fachzirkeln das Interesse an Frauengeschichte und der Arbeit von Erinnerungseinrichtungen wecken. Im Gegensatz zum Vorläuferprojekt, der META-Datenbank, können jetzt nicht mehr nur Daten und Objekte recherchiert, sondern diese auch mit Hilfe von erläuternden Essays entdeckt werden.

 

Schätze feministischer Erinnerungsarbeit

 

Über einen Projektfonds erhalten deutsche i.d.a.-Einrichtungen eine finanzielle Förderung für ihre eigenen Digitalisierungsprojekte und liefern so das Material, das im übergreifenden DDF-Portal präsentiert wird. Bücher und Zeitschriften, teils unveröffentlichte Originaldokumente wie Briefe, Fotos und persönliche Gegenstände etwa aus privaten Nachlässen feministischer Wegbereiterinnen machen die Vielfältigkeit der Ziele und Akteurinnen der Frauenbewegung erfahrbar.

Besondere Schätze sind dabei Stücke, die nicht nur einmalig sind, sondern auch das Potenzial der Digitalisierung deutlich machen. So kann man beispielsweise im Tagebuch der Aktivistin und Politikerin Minna Cauer, die sich als Vertreterin des radikalen Flügels der Frauenbewegung für das Frauenwahlrecht eingesetzt hat, blättern.

 

Minna Cauer Erinnerungen, Tagebuch 1907-1911. Bildnachweis FrauenMediaTurm, Köln, Teilnachlass Minna Cauer.

Oder man wirft einen Blick in das Fotoalbum von Alice Salomon, der Gründerin der Sozialen Arbeit in Berlin. 1929 erhielt Salomon das Album von ihren Weggefährtinnen. Die darin enthaltenen Bilder und Kommentare erlauben einen außergewöhnlichen Einblick in Salomons Arbeit. Sie wurde von Nationalsozialisten aus allen Ämtern verdrängt und zur Emigration gezwungen. Nicht zuletzt, weil aus diesem Grund sehr wenig aus ihrem persönlichen Besitz erhalten geblieben ist, stellt dieses Stück eine Besonderheit dar.

Bundesministerin Giffey präsentiert ein Fotoalbum von Alice Salomon beim Onlinegang des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (Foto: DDF/Tanja Schnitzler).

Ein weiteres Juwel des digitalen Angebots ist ein übersichtliches und interaktives Schaubild, das die Verbindungen, die die Akteurinnen der Frauenbewegung untereinander hatten, darstellt.

Mit diesen und zahlreichen weiteren Angeboten, Originaldokumenten, weiterführenden Informationen und erläuternden Essays  bietet das Digitale Deutsche Frauenarchiv eine verlässliche Quelle für feministische Bildungs-, Forschungs- sowie Medienarbeit. Somit leistet es einen wichtigen informations- und gleichstellungspolitischen Beitrag.

 

Herausforderung Rechteklärung

 

Eine Herausforderung beim Aufbau des DDF war insbesondere die Rechteklärung. Schließlich gibt es keine allgemeine Erlaubnis für Kulturerbeinstitutionen, ihre Bestände im Netz zu präsentieren. Daher müssen für jedes einzelne Objekt zunächst die Nutzungsrechte eingeholt werden.

Doch gerade kleinere Institutionen wie die Erinnerungseinrichtungen sozialer Bewegungen arbeiten mit nur wenigen, häufig ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter*innen. Solche Rahmenbedingungen erschweren die Vertiefung in komplexe rechtliche Regelungen. Außerdem stellen Materialien wie Plakate oder Flugblätter, die besonders häufig in den Bewegungsarchiven abgelegt sind, eine besondere Herausforderung bei der Rechteklärung da, weil bei ihnen die Urheber*innen oft schlichtweg unbekannt sind.

 

In solchen Fällen übernimmt die DDF-Geschäftsstelle eine Beratungsfunktion für diejenigen i.d.a.-Einrichtungen, die Material aus ihrem Bestand für das DDF digitalisieren. Die in den ersten beiden Jahren im Rahmen der Rechteklärung gemachten Erfahrungen der hat das DDF in einer Broschüre mit Praxistipps zusammengestellt, die kostenfrei bestellt oder heruntergeladen werden kann.

 

Ein Anfang ist gemacht

 

Doch auch wenn der Onlinegang des Archivs einen Meilenstein in der Frauenbewegung und ihrer Erinnerungsarbeit darstellt, wie die Geschäftsführung des DDF, Sabine Balke, betonte, steht die Digitalisierung feministischer Geschichte dennoch erst am Anfang.

Die aktuell präsentierten Archivalien werden regelmäßig um neue Materialien aus den analogen Beständen der i.d.a.-Einrichtungen ergänzt werden. Derzeit ist nur eine Auswahl aus einzelnen Beständen gesichert, erfasst und digitalisiert. Zudem wachsen die Bestände feministischer Erinnerungseinrichtungen auch stetig weiter an. Die Dokumente feministischer Bewegungen zu sichern und analog wie digital aufzubereiten bleibt also eine dauerhafte Aufgabe. Vor diesem Hintergrund stimmt es optimistisch, dass die aktuelle Bunderegierung in ihrem Koalitionsvertrag von Februar 2018 erklärt hat, sie wolle die Arbeit des DDF auch in Zukunft verlässlich absichern.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.