Organisation, Dauer und Eigendynamik von Gewalt

Vortragsreihe der Forschungsgruppe ORDEX an der Universität Bielefeld

Die Forschungsgruppe ORDEX untersucht, wie soziale Situationen entstehen, in denen kontinuierlich oder immer wieder aufs Neue Gewalt stattfindet. Sie besteht seit Dezember 2015 und setzt sich aus Nachwuchswissenschaftler*innen verschiedener Universitäten zusammen. ORDEX steht für das Forschungsinteresse an der ORganisation, Dauer und Eigendynamik von Situationen, in denen Gewalt stattfindet. Das X markiert stellvertretend die diversen Fälle gewaltgezeichneter Situationen, auf die sich das Augenmerk richtet.

Die Forschungsgruppe arbeitet primär mit und an mikro- und organisationssoziologisch orientierten Perspektiven. Die Forschungsarbeit ist sowohl von situationistischen Studien und Theorien kollektiver Gewalt inspiriert als auch von Studien und Theorien, die transsituative Formen sozialer Ordnung für die Analyse fruchtbar machen. Methodologisch geht die Forschungsgruppe in erster Linie fall- und prozessorientiert vor und nutzt interpretative und rekonstruktive Methoden der Datengewinnung und Auswertung. Ein weiterer Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit liegt auf der Entwicklung der Methode zur sequenziellen Ereignisrekonstruktion (SeqER), mit der bereits u.a. die Anschläge durch Dschihadisten in Paris am 13. November 2015 und die Massenerschießungen durch deutsche Ordnungspolizisten in Józefów am 13. Juli 1942 rekonstruiert wurden.

Ziel der hier vorgestellten Vortragsreihe ist es, die Ergebnisse aus der ORDEX-Forschungsgruppe vorzustellen und den Austausch des Projekts mit anderen Wissenschaftler*innen zu fördern.


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Variation und Dauer terroristischer Gewalt

von Konstantin Kordges (Universität Bielefeld, ORDEX) am 17.10.2018

Kommentar von Andreas Braun (Universität Bielefeld, ORDEX)

Wie kann Gewalt über mehrere Stunden und Tage ausgeübt werden? Der Vortrag wird sich, ausgehend von dieser Frage mit dem Ablauf der Terroranschläge von Mumbai 2008 und Paris 2015 befassen. Beide Anschläge zeichnen sich durch ein hohes Maß an Koordination, einer Variation von Gewaltanwendungen und zeitlicher Dauer aus. Die Anschläge sollen mit Randall Collins Konzept der Konfrontationsanspannung und ihrer Überwindung nachvollzogen werden. Dabei werden verschiedene Mechanismen thematisiert, die es ermöglichen, Gewalt über einen längeren Zeitraum auszuüben.

 

 


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Die verborgene Hinterbühne - Auf- und Abbau von emotionaler Energie

von Kathrin Wagner (Universität Osnabrück, ORDEX) am Mi 31.10.2018

Kommentar von Vincenz Leuschner (Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin)

Der Vortrag thematisiert die Vorbereitung von Attentaten am Fall Breivik. Randall Collins (2013) stellt hierzu die These auf, dass durch die verborgenen Rituale auf der Hinterbühne des Täters emotionale Energie erzeugt wird, die beim Attentat abgerufen werden kann und dabei hilft, die Barriere aus Konfrontationsanspannung und -angst zu überwinden. Der Vortrag diskutiert die mikrosoziologische Analyse des Falls Breivik, in der sich zeigte, dass die Vorbereitung der Tat und die wiederholten Misserfolge zu starken Frustrationserlebnissen führten. Die emotionale Energie schien während der Vorbereitung immer wieder aufgebraucht zu sein und bedurfte daher eines Ausgleichs.

 

 

 
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The Order Says. Intragruppale Strategien der Aufrechterhaltung von Gruppenstrukturen in gewalttätigen Kulten

von Alex Stern (Universität Bielefeld) am Mi 14.11.2018

Kommentar von Thomas Hoebel (Leibniz Universität Hannover, ORDEX)

Gruppierungen, die regelhaft strafrechtlich relevante Gewalt gegen u.a. minderjährige Mitglieder anwenden, müssen verdeckt agieren, um die Auflösung der Gruppe durch Angehörige der Strafverfolgungsbehörden zu vermeiden. Kultgruppen müssen daher intragruppal gezielt Strategien einsetzen, um erstens die misshandelten Minderjährigen sowie die erwachsenen Mitglieder am Verlassen der Gruppe zu hindern. Zweitens müssen die Gruppenmitglieder das Bestehen der Gruppe über die aktuelle Generation hinaus sicherstellen. Der Vortrag befasst sich mit den dazu genutzten Strategien der Interaktionskontrolle.

Es gibt leider keinen Mitschnitt des Vortrags von Alex Stern.

 

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Gewalt im öffentlichen Raum - impulsiv, grundlos, gleichgültig?

von Tobias Hauffe (Universität Bayreuth) am Mi 28.11.2018

Kommentar von Tobias Werron (Universität Bielefeld)

Die (vermeintliche) Grundlosigkeit und Willkürlichkeit von im öffentlichen Raum stattfindender Gewaltakte stellen Beobachter*innen vor analytische Probleme. Wie kann man Gewaltsituationen verstehen, in denen ein Mensch einem anderen Menschen Fußtritte gegen den Kopf versetzt, ohne dass der Gewaltsituation eine längere Interaktion vorausgegangen war? Ohne dass Gewaltausübender und Gewaltbetroffener sich kennen? Ohne dass der Gewaltausübende Freude und Lust an der Gewalt zu erkennen gibt? Um mich den Fragen zu nähern, werde ich anhand von Fallbeispielen rekonstruieren, wie diese Form der Gewalt polizeilich bearbeitet wird und fragen, wie diese Gewaltsituationen thematisiert und problematisiert werden. Die soziologisch spannende Frage lautet: Wie bestimmen und verändern (bestimmte) Gewaltsituationen im öffentlichen Raum die gesellschaftliche Wahrnehmung und Vorstellungen sozialer Ordnung?

Von Tobias Hauffe gibt es leider keinen Mitschnitt des Vortrags.

 

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Festung als Lebensform. Praktiken der Sicherheitsproduktion in der afghanischen Hauptstadt Kabul

von Teresa Koloma Beck (Universität der Bundeswehr München) am Mi 12.12.2018

Kommentar von Klaus Weinhauer (Universität Bielefeld)

Seit einigen Jahren wächst in der interdisziplinären Gewaltforschung das Interesse an raumtheoretisch gerahmten Analysen. Dabei ist »Gewaltraum« zu einem Referenzbegriff geworden, der suggeriert, soziales Leben im Krieg sei durch die Ausübung von und Furcht vor Gewalt bestimmt. Anhand einer ethnographischen Forschung in Kabul zeigt der Vortrag, dass die Raumdimension in den Dynamiken der Gewalt tatsächlich eine wichtige Rolle spielt, der Begriff Gewaltraum jedoch in die Irre führt. Er erläutert, wie Sicherheit sozial produziert wird und die Herstellung sicherer Orte zu einer zentralen Logik des Alltags wird.

 

 

 

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Spontan-authentische Liveaufnahmen als Forschungsmaterial in der Gewaltforschung

von Katharina Braunsmann und Felicitas Wagner (Universität Bielefeld, ORDEX) am Mi 16.01.2019, Raum X-E1-201

Kommentar von Anne Nassauer (Freie Universität Berlin) 

Der Vortrag beschäftigt sich mit spontan-authentischen Liveaufnahmen als Forschungsmaterial. Ziel ist es, einen Beitrag für die Verwendung und Analyse dieser Aufnahmen in der qualitativen Sozialforschung zu leisten. Der Beitrag entwickelt durch die Vorstellung von Charakteristika sowohl eine Definition des Materials, als auch eine Methode, mit der diese Form von Liveaufnahmen notiert werden kann. Ausgehend von einer Reflexion der Transkriptionsarbeit an einem Video zu einem gewaltsoziologischen Projekt wird unter der Fragestellung, welche Anforderungen ein Notationssystem erfüllen sollte, um spontan-authentische Liveaufnahmen zu analysieren, ein methodischer Vorschlag gemacht: SPLINOS.

 

 

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Gewalt gegen Männer. Sexualisierte Gewaltwiderfahrnisse durch Frauen 

von Nikolas Stumvoll (RWTH Aachen) am Mi 30.01.2019, Raum X-E1-201

Kommentar von Laura Wolters (Hamburger Institut für Sozialforschung)

Der Vortrag stellt die Ergebnisse einer Studie vor, in der mit Hilfe von Clifford Geertz' dichter Beschreibung 12 Fälle untersucht wurden, in denen Frauen die sexuelle Selbstbestimmung von Männern durch den Einsatz sexualisierter Gewalt verletzten. Dabei wurden drei Formen sexualisierter Gewalt herausgearbeitet, die im Vortrag vorgestellt werden: Überwältigung, Ausnutzen von Schlaf- und Rauschzuständen sowie Erzwingen der Einwilligung in sexualisierte Handlungen. Zudem wurden situative Faktoren im Sinne einer Generalisierung erarbeitet, die als notwendige und hinreichende Bedingungen für das Zustandekommen von Situationen sexualisierter Gewalt fungieren.