Organisation, Dauer und Eigendynamik von Gewalt

Vortragsreihe der Forschungsgruppe ORDEX an der Universität Bielefeld mit Chris Schattka, Rainer Schützeichel, Youssef Ibrahim, Tobias Werron und Tabea Koepp

Die Forschungsgruppe ORDEX untersucht, wie soziale Situationen entstehen, in denen kontinuierlich oder immer wieder aufs Neue Gewalt stattfindet. ORDEX steht für das Forschungsinteresse an der ORganisation, Dauer und Eigendynamik von Situationen, in denen Gewalt stattfindet. Das X steht stellvertretend für die diversen Fälle gewaltgezeichneter Situationen, auf die sich das Augenmerk richtet.

Die Forschungsgruppe arbeitet primär mit und an mikro- und organisationssoziologisch orientierten Perspektiven. Die Forschungsarbeit ist sowohl von situationistischen Studien und Theorien kollektiver Gewalt inspiriert als auch von Studien und Theorien, die transsituative Formen sozialer Ordnung für die Analyse fruchtbar machen. Methodologisch geht die Forschungsgruppe in erster Linie fall- und prozessorientiert vor und nutzt interpretative und rekonstruktive Methoden der Datengewinnung und Auswertung.

Ziel der hier vorgestellten Vortragsreihe ist es, die Ergebnisse aus der ORDEX-Forschungsgruppe vorzustellen und den Austausch des Projekts mit anderen Wissenschaftler*innen zu fördern.

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Die Kurzsichtigkeit der mikrosoziologischen Gewaltforschung
von Chris Schattka am 30. Mai 2018

In der soziologischen Gewaltforschung hat sich ein mikrosoziologischer Ansatz etabliert, mit dem die Situationen analysiert werden, in denen Gewalt ausgeübt wird. Im Vortrag wird diesem Ansatz – der maßgeblich von Randall Collins inspiriert ist – eine Kurzsichtigkeit attestiert, die dazu führt, dass Veränderungen in den Gewaltsituationen keine große Beachtung finden, obwohl sie gewinnbringend in die Analyse eingebaut werden könnten. Um diese Kurzsichtigkeit zu bearbeiten, werden im Vortrag die Grundzüge einer rahmenanalytischen Erweiterung vorgestellt.

 

 

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Demütigung und symbolische Gewalt
von Rainer Schützeichel und Youssef Ibrahim am 13. Juni 2018

Der Vortrag setzt sich mit den konzeptionell und theoretisch wie empirisch bisher in der Soziologie kaum analysierten wie reflektierten sozialen Prozessen der Demütigung, Entehrung oder Entwürdigung auseinander. Zunächst wird die Frage thematisiert, wie sich Demütigungen in sozialen Prozessen selbst herstellen: Was sind die sozialen Bedingungen von Demütigungen und welche sozialen Dynamiken lassen sich unterscheiden? Im zweiten Teil des Vortrags gehen wir auf empirische Untersuchungen ein und stellen am Beispiel von polizeilichen Demütigungssituationen gewisse Grundmuster dar.

 

 

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Gewalt als Legitimationsproblem
von Tobias Werron am 27. Juni 2018

Nimmt die Gewalt in der Moderne ab oder zu? In der Literatur stehen sich zwei Lager mehr oder weniger unversöhnlich gegenüber: Eine optimistische Position, die Gewalthandeln als immer seltenere Abweichung oder Anomalie begreift; und eine pessimistische Gegenposition, die annimmt, dass dem Ideal der Gewaltlosigkeit die menschliche Natur selbst im Wege steht. Der Vortrag schlägt eine dritte Alternative vor: Statt über Modernisierungseffekte oder anthropologische Konstanten zu spekulieren, sollten wir versuchen, die sozialen Konstellationen präzise zu analysieren, in denen Gewalthandeln möglich und wahrscheinlich werden kann. Dann wird die empirische Beobachtung wichtig, dass private und staatliche Konfliktakteure seit dem 19. Jahrhundert zunehmend mit der Erwartung konfrontiert werden, auf Gewalt möglichst zu verzichten. Das führt nicht zwingend zum Rückgang von Gewalt, wie die Modernisierungsoptimisten meinen. Aber es stellt Gewalt vor ein Legitimationsproblem: Es macht Gewalthandeln zu einer Option, die mit der ablehnenden Beobachtung durch Dritte und also mit Legitimitätsverlusten rechnen muss, zugleich aber auch mit Aufmerksamkeitsgewinnen rechnen kann. Der Vortrag diskutiert theoretische Prämissen dieser These und erläutert sie an ausgewählten Beispielen.

 

 

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Techniken der Situationskontrolle - das Massaker von Srebrenica
von Tabea Koepp am 11. Juli 2018

In der Auseinandersetzung mit gewaltgezeichneten Situationen fällt auf, dass in einer Vielzahl von Fällen große Gefangenengruppen von bewaffneten Minderheiten kontrolliert werden. Die Tatsache, dass es einzelnen Täter*innen möglich ist, zahlenmäßig weit überlegene Gefangenengruppen zu internieren, zu deportieren und zu exekutieren, wird bisher von der soziologisch inspirierten Gewaltforschung entweder gar nicht erst hinterfragt, oder auf die Bewaffnung der dominierenden Partei zurückgeführt. In diesem Vortrag wird ein genauerer Blick auf die Frage geworfen, wie solche asymmetrischen Konfrontationssituationen eigentlich von der gewaltausübenden Partei kontrolliert werden. Am Fall des Massakers von Srebrenica werden insgesamt fünf „Techniken der Situationskontrolle“ vorgestellt, mithilfe derer – so die These – die Soldaten emotionale Dominanz über die Gefangenengruppe erzeugen und so die Situation über Tage hinweg bis zur Exekution der Gefangenen unter Kontrolle halten.