Aprilrundschau

Sozialwissenschaftliche Leseempfehlungen, kurz notiert

In der jüngsten Ausgabe des American Journal of Sociology (March 2017) präsentieren Silke Aisenbrey und Anette Fasang die Ergebnisse einer vergleichenden Langzeitstudie über The Interplay of Work and Family Trajectories over the Life Course in Deutschland und den USA. Carly R. Knight und Mary C. Brinton haben sich derweil die gewandelten Einstellungen zu Geschlechterrollen in siebzehn europäischen Staaten angeschaut und fragen: One Egalitarianism or Several?

Im neuen Heft der konkurrierenden American Sociological Review (2/2017) wartet Esther Sullivan mit einem Text über Manufactured Housing, Mass Eviction, and the Paradox of State Intervention auf. Eva Rosen untersucht How Narratives of Neighborhood Violence Shape Housing Decisions. Und Ruud Wouters erläutert zusammen mit Stefaan Walgrave How Protest Persuades Political Representatives.

Im Atlantic Monthly (April 2017) entführt Molly Ball ihre Leser_innen in Kellyanne’s Alternative Universe, um sie mit der Weltsicht von Trump-Beraterin Conway bekannt zu machen. Nicht in parallele Universen, sondern in vergangene Zeiten blickt Rebecca Newberger Goldstein, die sich in Making Athens Great Again von niemand Geringerem als Platon Aufklärung über die Frage erhofft, wie sich die erloschenen Ideale einer überheblich gewordenen Demokratie wiederbeleben lassen. Und allen, die lieber an einfachen Lösungen interessiert sind, erklärt Isabella Kwai How to Buy Happiness.

Aus Politik und Zeitgeschichte (19–20/2017) nimmt den hundertfünfzigsten Jahrestag der Erstveröffentlichung zum Anlass, mehr oder weniger berufene Zeitgenossen „Das Kapital“ von Karl Marx lesen zu lassen. Zur illustren Schar derjenigen, die ihre Lektüreeindrücke notiert haben, gehören Michael Quante, der A Traveller's Guide zur Erkundung von Karl Marx‘ Programm einer Kritik der politischen Ökonomie offeriert, und Werner Plumpe, der Wissenswertes über „Das Kapital“ und seine Entstehungsgeschichte zu erzählen hat. Weitere Beiträge stammen von Ulrike Herrmann, Hans-Werner Sinn, Dietmar Dath, Beatrix Bouvier sowie von Niko Paech, der über Wachstumskritische Alternativen zu Karl Marx nachdenkt.

Um ein Jubiläum geht es auch im aktuellen Heft der Berliner Debatte Initial (1/2017), dessen erster, von Wladislaw Hedeler und Thomas Möbius mit Blick auf die hundertste Wiederkehr des Jahrestages der Oktoberrevolution von 1917 zusammengestellter Schwerpunkt Ein Revolutionsjahr und seine Folgen in der Literatur beleuchtet. Texte beigesteuert haben unter anderen Christa Ebert, Gabriele Leupold und Christina Links, die einen Überblick über Revolution und Bürgerkrieg in der Belletristik geben, Andreas Tretner, der Isaak Babels „Reiterarmee“ und ihre deutschen Übersetzungen vorstellt, sowie Thomas Grob, der Iwan Bunins Revolutionstagebuch „Verfluchte Tage“ als literarische Rekonstruktion eines historischen Nullpunktes liest. Im zweiten, von Carsten Bünger, Kerstin Jergus und Sabrina Schenk gestalteten Schwerpunkt geht es um Politiken des Mittelbaus. Während Tobias Peter Akademische Entrepreneure beschreibt und Ramona Schürmann Aufstiegslogiken von Frauen und Männern im akademischen Wissenschaftssystem untersucht, halten Angelika Schenk, Frieder Vogelmann und Arndt Wonka ein Plädoyer für einen Personalstrukturwandel an deutschen Universitäten.

Die Blätter für deutsche und internationale Politik (4/2017) bereiten Emmanuel Macron und Sigmar Gabriel die Bühne, auf der sich Jürgen Habermas daran versucht, die beiden Europa neu denken zu lassen. Weniger staatstragend geht es im Rest des Heftes zu, in dem sich Jens Hacke durch Donald Trumps Angriff auf die repräsentative Demokratie herausgefordert fühlt, dieweil Bernd Stegemann Der liberale Populismus und seine Feinde zu schaffen machen und Nancy Fraser unter dem schönen Titel Who cares? über Sorgearbeit im Kapitalismus nachdenkt.

Im British Journal of Sociology (1/2017) dreht sich alles um das Werk von W. E. B. Du Bois. Eröffnet wird der Reigen der Beiträge durch Aldon D. Morris‘ im letzten Jahr gehaltene BJS Annual Lecture, in der er Du Bois unter Rekurs auf die Ergebnisse seines unlängst erschienenen Buches zum Pionier einer gleichermaßen wissenschaftlichen wie auch politisch engagierten Soziologie erhob. Zu den Kommentatoren von Morris‘ Thesen gehören unter anderen Martin Bulmer, der das Verhältnis von W. E. B. Du Bois and Robert Park untersucht, Les Back, der W. E. B. Du Bois as an Original Sociologist vorstellt, sowie Walter R. Allen, der fragt: Was W. E. B. Du Bois a Founder of Modern Sociology? Komplettiert wird das Heft durch Texte von Michael Seltzer und Michael Schwartz sowie durch eine Replik von Aldon D. Morris.

Abwechslungsreiche Kost bietet das neue Heft von dérive (Nr. 67), dessen Schwerpunkt dem Nahrungsraum Stadt gewidmet ist. Intellektuelle Schmankerl zubereitet haben unter anderen Miriam Stock, die Falafel gentrified serviert, Katharina Held, die Making the Market auftischt, und Inga Reimers, die Die Stadt als Tafel kredenzt. Und wer davon geistig immer noch nicht satt ist, der kann sich – außerhalb des Schwerpunkts und damit gewissermaßen als Nachtisch – von Peter Payer Eine kleine Zivilisationsgeschichte erzählen lassen, die davon handelt, Wie wir lernten, mit dem Aufzug zu fahren.

In Ethics & International Affairs (1/2017) denkt Michael Ignatieff über Human Rights, Global Ethics, and Ordinary Virtues nach, indessen Carmen Gómez Martín in Rethinking the Concept of a „Durable Solution“ zeigt, welche Schwierigkeiten entstehen, wenn Flüchtlingslager zu Dauereinrichtungen werden. In weiteren Beiträgen streiten Dan Bulley und Alise Coen unter der Aufsicht von Jason Ralph und James Souter über RtoP and the Refugee Protection Regime und Linda Bosniak steuert einen Review Essay zum Thema Immigration Ethics and the Context of Justice bei.

Beim European Journal of Sociology (1/2017) haben sie den Kolleg_innen von der Jurisprudenz auf die Finger geschaut und einen Schwerpunkt zu Law in Action zusammengestellt. Darin beschreibt Christian Joppke, wie Multiculturalism by Liberal Law funktioniert, während Michael T. Light Citizenship and State Social Control in the United States and Germany vergleicht und Thomas Angeletti in Finance on Trial Anklage gegen die Rechtfertigungsstrategien krimineller Banker erhebt. Jenseits des Schwerpunkts verhandelt Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle „European Integration Through Law“ und hebt dabei als Richter in eigener Sache The Contribution of the Federal Constitutional Court hervor.

Die jüngste, von Viola Raheb, Ulrike Bechmann, Heidemarie Winkel und Sabine Schäfer herausgegebene Ausgabe von Gender (1/2017) präsentiert einen Schwerpunkt zum Thema Geschlechterverhältnisse verhandeln – arabische Frauen und die Transformation arabischer Gesellschaften. Darin erörtert Naïma Bouras Die politische Partizipation von Frauen und die Entwicklung der Salafiyya-Bewegungen in Ägypten, dieweil Annika Henrizi Perspektiven und Strategien irakischer Frauenorganisationen vorstellt und Mohanalakshmi Rajakumar, Mariam Bengali, Rumsha Shahzad sowie Tanya Kane Das Dilemma moderner katarischer Frauen im Dreieck von Bildung, Ehe und Arbeit nachzeichnen. Im offenen Teil des Heftes stellt Christine Bauhardt ihren Entwurf einer queer-feministischen Ökonomie zur Diskussion.

Die Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (1/2017) eröffnet mit einem systematischen Beitrag über Bewertungsspiele, in dem Mateusz Stachura Argumente für einen Wechsel Von der Handlungs- zur Koordinationstheorie diskutiert. In einem weiteren Beitrag lotet Ingo Schulz-Schaeffer aus, ob sich Crowdsupporting als Gabentausch interpretieren lässt.

Dem ewig jungen Thema der Kulturkritik widmet sich das aktuelle Heft der Kultursoziologie (1/2017). Anhand des Verhältnisses von Fernsehen und Kulturkritik zeichnet Gregor Balke Soziologische Konturen einer selbstreflexiven Mediendeutung nach, Philipp Seitz versteht Kulturkritik als Kritik des menschlichen Symbolisierungsbedürfnisses und Thomas Linpinsel rekonstruiert Das Projekt einer postmarxistischen Gesellschaftskritik.

Ganz andere Fragen verhandeln sie im Merkur (4/2017), wo Reinhard Brandt Schönheit in der Verneinung ausfindig macht und Roland Reichenbach den Kult der Inkompetenz zum Anlass nimmt, über Sinn und Unsinn politischer Bildung und Beteiligung nachzudenken. In der Ökonomiekolumne teilt Roman Köster Wissenswertes über den Freihandel mit, während Kay Ehling in seinem Beitrag Biografische Notizen zu Karl Löwith ausbreitet.

Im neuen Mittelweg 36 (2/2017) werben Ulf Bohmann und Paul Sörensen in dem von ihnen konzipierten Schwerpunkt für ein Neues Deutschland, das sich angesichts der Herausforderungen von Zuwanderung und Integration zu einem demokratischen Multikulturalismus bekennt. Unterstützung erfahren sie dabei durch Charles Taylor, der erklärt, wie wir Werden, was wir sind, sowie durch Hartmut Rosa, der für Anverwandlung statt Versteinerung plädiert. Ebenfalls mit dabei sind Peter A. Kraus, der beschreibt, was Identitätspolitik unter Bedingungen komplexer Vielfalt bedeutet, und Volker M. Heins, der etwas über Multikulturalismus in der Ära Trump zu sagen hat.

Die Neue Gesellschaft – Frankfurter Hefte (4/2017) gibt sich kämpferisch und will wissen: Wo bleibt die Gerechtigkeit? Ihrer Ungeduld Ausdruck verleihen unter anderen Julia Friedrichs, die über Kinderarmut in Deutschland berichtet, und Christoph P. Mohr, der Neue soziale Ungleichheiten durch künstliche Intelligenz im Blick hat. Orchestriert wird das intellektuelle Agendasetting der Genossen durch Thymian Bussemer, der Die Agenda 2010 als Fetisch, Menetekel und Fanal thematisiert. Jenseits des Schwerpunkts gibt Herfried Münkler Auskunft Über Veränderungen im politischen Betriebssystem, während Horst Meier endlich herausgefunden hat, Was pluralistische Gesellschaften zusammenhält.

Im jüngsten Heft der Politischen Vierteljahresschrift (1/2017) stellt Birgit Sauer Gesellschaftstheoretische Überlegungen zum europäischen Rechtspopulismus an, und zwar insbesondere Zum Erklärungspotenzial der Kategorie Geschlecht. Außerdem präsentiert Anna Kern Eine Längsschnittanalyse zum Einfluss von Parteiidentifikation in Deutschland und Joscha Wullweber nimmt Die globale Finanzkrise und die Governance von Finanzmarktliquidität unter die Lupe. Abgerundet wird das Heft durch Olaf Briese, der einen umfangreichen Literaturbericht zum Anarchismus im 21. Jahrhundert beisteuert.

Die aktuelle Ausgabe der Soziologischen Revue (2/2017) versammelt Beiträge eines Symposiums zu Hartmut Rosas viel beachtetem und kontrovers diskutiertem Buch über Resonanz. Während Sina Farzin eine Lyrische Weltsoziologie erkennt und Manfred Prisching mit eigenwilliger Orthografie Rosa’s Welt erkundet, fragt Andreas Reckwitz: Befinden wir uns Auf dem Weg zu einer Soziologie des gelungenen Lebens?

Um Empires and Nation-states geht es im Schwerpunkt der neuen Thesis Eleven (Nr. 139). Darin erklärt John Breuilly, warum Modern empires and nation-states keine Gegensätze sind, dieweil Julian Go The Logic of America’s liberal empire-state seziert. Außerdem mit dabei: Partha Chatterjee, der sich für das Verhältnis von The imperial prerogative and colonial exceptions interessiert, Krishan Kumar, der Temporality and genealogy in the development of European empires untersucht, sowie Siniša Malešević, die Beobachtungen über Empires and nation-states in the longue durée beisteuert.

Und in der Zeitschrift für Soziologie (1/2017) schließlich stellen Enno Aljets und Thomas Hoebel unter dem Titel Prozessuales Erklären die Grundzüge einer primär temporalen Methodologie empirischer Sozialforschung vor.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Baran Korkmaz.