Mairundschau

Sozialwissenschaftliche Leseempfehlungen, kurz notiert

Im American Journal of Sociology (May 2017) begegnen wir Christopher R. Browning in einem eher unerwarteten Themenfeld, nämlich als Co-Autor eines Beitrags zu Ecological Networks and Neighborhood Social Organization – im Übrigen mitverfasst von Catherine A. Calder, Brian Soller, Aubrey L. Jackson und Jonathan Dirlam. Auf gewohntem Terrain hingegen sind Matthias Thiemann und Jan Lepoutre anzutreffen, die beschreiben, wie Rule Evasion, Embedded Regulators, and the Evolution of Markets zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen.

Die neue Ausgabe der Zeitschrift Das Argument (1/2017) widmet sich unter dem Titel 1917-2017-? dem Jahrhundertereignis der Oktoberrevolution: Während Guido Liguori in Die Revolution als Lernprozess den Einfluss der Ereignisse auf das politische Denken Antonio Gramscis nachzeichnet, erinnert Frigga Haug mit ihrem Beitrag Die Liebe und die Revolution an Alexandra Kollontai und die Rolle der Frauen im Rahmen des „Roten Oktober“. Außerdem liefern sich Radhika Desai und Ingar Solty einen kleinen, eher abseitigen Schlagabtausch zu Fragen des Antikapitalismus und Antiimperialismus.

Im Atlantic Monthly (May 2017) berichten Frank Partnoy und Steven Davidoff Solomon in Frank and Steven’s Excellent Corporate-Raiding Adventure davon, was passiert, wenn zwei Juraprofessoren mit ihren gesamten Pensionsersparnissen ein brachliegendes Unternehmen wieder auf die Beine bringen wollen. Wer sich auf ein solches Wagnis nicht einlassen und sein Geld lieber behalten möchte, kann sich von Jerry Useem über die Feinheiten der Preisgestaltung im Internet informieren lassen, der erläutert How Online Shopping Makes Suckers of Us All. Und stellvertretend für alle, die sich nur für die ganz großen Fragen interessieren, fragt David Frum mit besorgter Miene: Why does Donald Trump want to undo the post–World War II order?

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 21-22/2017) beleuchtet in der aktuellen Ausgabe die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland, die spätestens seit dem Krieg in der Ostukraine als gestört gelten. Andreas Heinemann-Grüder stellt in seinem Beitrag Kalter Krieg oder neue Ostpolitik? Überlegungen zu einem neuartigen Verhältnis zu Russland an, wohingegen Aschot L. Manutscharjan – trotz zarten Optimismus‘ – Russlands Weg in die ‚postwestliche Welt‘ abzuschreiten versucht. Für die bevorstehenden Wahlen warnt Gemma Pörzgen vor einem Informationskrieg in Deutschland und wägt die Gefahr russischer Desinformation im Bundestagswahljahr ab.

Die Blätter für deutsche und internationale Politik (5/2017) warten mit Teil II des in der Aprilausgabe erschienenen Titels Who cares? von Nancy Fraser auf, der die Ausbeutung der Sorgearbeit im neoliberalen Kapitalismus thematisiert. Mit Blick auf Deutschlands sich derzeit auf Abwegen befindliche Partner konstatiert Ismail Küpeli für die Türkei Das Ende der Demokratie, und Matthias Eickhoff sieht durch Keltische Revolten die ohnehin schwierigen Beziehungen Großbritanniens zur EU zusätzlich belastet. Für Streit auf der intellektuellen Bühne sorgt Ulrich Weigel, dessen Text über Das Proletariat: Vom revolutionären Popanz zum reaktionären Pöbel Stellung bezieht gegen Micha Brumliks Idee eines „reaktionären Subjekts“, die dieser in der Januar-Ausgabe der Blätter skizziert hatte.

Im Esprit (5/2017) steht L'Amérique en dissidence im Mittelpunkt. Adam Tooze erinnert an Zeiten, Quand les Américains aimaient Mussolini, Nancy L. Green sieht in La xénophobie en Amérique, une longue histoire de la peur, und Anne Dujin klärt uns darüber auf, wie trotz aller Verzweiflung La poésie américaine résiste. Dieweil meint Ulrike Guérot zu verspüren, wie ob der bevorstehenden Bundestagswahl 2017 Un vent de changement souffle sur l'Allemagne.

Die Feministischen Studien (1/2017) setzen sich auftragsgemäß mit Gesellschaftskritik in Frauenbewegungen und queer_feministischen Öffentlichkeiten auseinander. Wo Chancen und Fallstricke für Frauen in Gesellschaft und Wissenschaft im neoliberalen ›Wandel‹ liegen, zeigt Cornelia Klinger auf, während Ricarda Drüeke den Feminismus im Netz unter die Lupe nimmt und nach Strategien zwischen Empowerment und Angreifbarkeit sucht. Erhellende Beiträge zur konfliktreichen Geschichte der Frauenbewegung liefern Katharina Lux, die über die Kontroverse der Zeitschriften Courage, Die Schwarze Botin und Emma berichtet, sowie Ute Gerhard, die uns Skandalöse Bilder – Momentaufnahmen der englischen Suffragettenbewegung vor Augen führt. Ebenfalls mit von der Partie ist Sylvia Schraut, die Mediale Strategien in den Richtungskämpfen der bürgerlichen Frauenbewegung im Kaiserreich beleuchtet.

In der recht umfangreichen Ausgabe des Forum: Qualitative Social Research/Sozialforschung (2/2017) führen Mona Motakef und Christine Wimbauer mit Joint Couple Interviews in Sociological Research on Couples in die methodologischen Grundlagen des Paarinterviews in der interpretativen Sozialforschung ein. Einen ungewöhnlichen Zugang zu Erinnerungskulturen liefert die qualitative Studie Stefanie Rauchs, in der sie die Individual Reception of Holocaust Films untersucht.

Die jüngste Ausgabe der Historical Social Research (2/2017) wartet gleich mit zwei Themenschwerpunkten auf: Zum einen geht es um The Impact of Religious Denomination on Mentality and Behavior, zum anderen um Spatial Dimensions of Governance in 20th Century Political Struggles. Während der erste Schwerpunkt mit sehr spezifischen, historischen Studien zu den Ländern Schweiz, Niederlande, Polen und Albanien des 18. bzw. 19. Jahrhunderts aufwartet, sind im zweiten Schwerpunkt besonders Frank Zelkos Scaling Greenpeace: From Local Activism to Global Governance sowie Lena Kuhls und Oliver Werners Bezirke on Scale. Regional and Local Actors in East German ‘Democratic Centralism’ hervorzuheben.

Im London Review of Books (May 2017) beschreibt Karma Nabulsi in ihrem lesenswerten Artikel Don’t Go to the Doctor: Snitching on Students, welch seltsame, denunziatorische Blüten das britische „Prevent Programme“ zur Bekämpfung von Terrorismus bisweilen treiben kann. Tom Crewe hingegen sieht die Labour Party bereits im Endstadium angekommen und fragt mit Blick auf die Zukunft: What will be left?

Im Merkur (5/2017) machen sich Danilo Scholz und Adam Tooze Für eine Politik der Geldpolitik stark und kritisieren Tendenzen zur Renationalisierung auf der Linken, indes Navid Kermani und Norbert Lammert mit professioneller Sorge über den Zustand Europas sinnieren.

In der Maiausgabe der Le monde diplomatique (5/2017) stellt Ivan Krastev Überlegungen zu der Frage an, warum Der paranoide Bürger und sein Hang zu Verschwörungstheorien mittlerweile eine neue Qualität erreicht haben, während Michel Agier erläutert, weshalb sich die Lagerwelten der Gegenwart als ein Provisorischer Dauerzustand für Geflüchtete erweisen. Unterdessen unternimmt Léo de Boisgisson einen Ausflug ins Reich der Mitte und stellt fest, dass China rockt, weil es in den coolen Clubs dort um Pogo und Bier geht – und nicht um Korruption.

Bei der Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte (5/2017) dreht sich alles um das Schwerpunktthema Populismus: Im Interview macht Martin Schulz sich und den Genossen Mut, indem er trotz sinkender Umfragewerte tapfer ein anhaltendes Bedürfnis nach sozialdemokratischer Politik zu erkennen glaubt, während Heribert Prantl angesichts des erstarkenden Rechtspopulismus in Europa daran erinnert: Die Demokratie ist nicht vom Himmel gefallen. Und während Claus Leggewie über Populismus in Europa und die Antwort der Sozialdemokratie sinniert, geht Dierk Spreen der Frage nach, was Die Intellektuellen und der Rechtspopulismus miteinander verbindet.

In der Times Literary Supplement (May 2017) haben sie mal wieder den ewig unzeitgemäßen und deshalb immer irgendwie aktuellen Nietzsche für sich entdeckt: Andrew Huddleston spürt mit Human, all too human Nietzsches Denken und Vermächtnis nach, wohingegen Thomas McMullan ganz zukunftsträchtig überlegt How technology can enrich storytelling. Zinovy Zinik schließlich zieht sich ins Innerweltlich-Zeitlose zurück und schildert, was es für Accentless souls heißt, ein citizen of the inner world zu sein.

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift WestEnd (1/2017) nimmt in einem prominent besetzten, aber vergleichsweise knappen Stichwort Alexis de Tocqueville und die Paradoxien der Gleichheit unter die Lupe. Mit dabei sind unter anderen Claude Lefort, der sich für Die Drohung, die auf dem Denken lastet interessiert, Juliane Rebentisch und Felix Trautmann, die Zerrbilder der Gleichheit zu entwirren suchen, sowie Judith Mohrmann, die Paradoxien revolutionärer Befreiung bei Tocqueville und Michael Walzer freilegt. Und während sich die anderen in ihren demokratietheoretischen Untersuchungen an normativen Paradoxien abarbeiten, zieht Skadi Siiri Krause zwei Briefe von Tocqueville zur französischen und englischen Kolonialpolitik aus dem Archiv. Meike Sophia Baader stellt unterdessen ihre Studie zu Pädosexualität. Kindheit und Geschlecht im wissenschaftlichen Diskurs der 1970er Jahre vor.

Besser spät als nie – das gilt auch für die Sommerausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte (XI/2 Sommer 2017), die sich unter dem schönen Titel Spätzünder jenen Ideen zuwendet, die – frei nach Nietzsche – lange Zeit unterschwellig zirkulieren, bevor sie dann plötzlich ihre volle Wirkungsmacht entfalten. Ein klassisches Beispiel eines Spätzünders ist Thomas von Aquin, wie Paul Silas Peterson mit Der autoritäre Thomas aufzeigt, ebenso aber auch – wer Ohren hat, der höre – Beethovens letzte Klaviersonate, anhand derer Thorsten Valk das futuristische Potenzial des Spätwerks verdeutlicht. Und wo wir gerade bei den ganz Großen sind, darf natürlich auch Thomas Hobbes nicht fehlen: In Der dreifaltige Staat bespricht Quentin Skinner den berühmten Kupferstich, der die Titelseite der 1651 publizierten Erstausgabe des Leviathan zierte.

Zum Abschluss bietet die Zeitschrift für Soziologie (2/2017) harte empirische Sozialforschung und soziologische Theoriearbeit: Hannes Kröger, Martin Kroh, Lars Eric Kroll und Thomas Lampert wagen einen empirischen Erklärungsversuch zu Einkommensunterschiede[n] in der Mortalität in Deutschland, während Fabian Anicker eine Lanze für den oft gescholtenen Theorienvergleich als methodologischer Standard der soziologischen Theorie bricht.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.