Aspekte einer nicht-normativen Theorie von Normen: Praxistheorie als Option?

Call for Papers für eine Tagung im Mai 2020 in Fulda. Deadline: 15. Januar 2020

Wir wissen, dass wir nicht stehlen sollen und setzen voraus, dass das andere auch wissen. Viele finden das auch richtig, sie wollen, dass diese Norm gilt und beachtet wird. Wer erwischt und überführt wird, der oder dem drohen Sanktionen, die vor Gericht (beobachtbar) oder in anderen Kontexten ausgesprochen und danach vollzogen werden. Die Norm gilt einerseits in dem Maße, in dem sich Menschen daran halten und andererseits dadurch, dass Normverstöße geahndet werden und die Norm selbst damit bestätigt wird.

So oder so ähnlich werden Normen und ihre Existenz im Alltag und von Teilen der Soziologie beschrieben. Dabei wird unterstellt, dass Normen als Handlungsanforderung situationsübergreifend in der Form von Vorschriften oder Regeln existieren und durch soziale Mechanismen wie wechselseitige Kontrolle und übergeordnete Strafinstanzen in Kraft gesetzt werden. Es kann aber bezweifelt werden, ob mit dieser Beschreibung der „Sitz“ von Normen adäquat erfasst wird. Eine alternative Perspektive ist zu behaupten, dass der „Sitz“ von Normen genau in solchen Beschreibungen zu finden ist und nirgends sonst. Bei (alltäglichen oder wissenschaftlichen) Beschreibungen, die darauf rekurrieren, dass Normen wirksam sind oder in Kraft gesetzt werden, handelt es sich demzufolge um nachträgliche Begründungen für Akte vorgängiger Verhaltensregulierung durch Dritte. Diese Beschreibungen sind allerdings nicht als retrospektives Abbild einer sozialen Praxis zu verstehen, denn, wie Didier Fassin kürzlich gezeigt hat, folgen die von ihm untersuchten Praktiken nicht notwendigerweise der Kette ‚Norm – Übertretungsverdacht – Sachverhaltserklärung – Bestrafung‘ (Fassin 2018), also der Kette ihrer sprachlichen Beschreibung. Die Beschreibungen stellen stattdessen einen affirmativen Mechanismus der Hervorbringung von Normen durch Subsumtion von Ereignisketten dar, die diese so ordnet, dass sie vermeintlich jenen Ketten entsprechen. In der Art und Weise wie sich eine solche Normbeschreibung einer Praxis aufordnet, die ganz anders funktioniert und diese damit rechtfertigt, wird sie erst normativ.

Der Ideologieverdacht, der sich bei Fassin gegen strafrechtstheoretische Modelle richtet, ist in der Soziologie gut bekannt: Er findet sich bereits in Garfinkels Kritik der Annahme einer Internalisierung handlungsregelnder Normen bei Parsons. Er findet sich aber auch, – um ein aktuelles Beispiel aufzugreifen – in der Kritik „gefährlicher Prozessbegriffe“, die Joas (Joas 2017) gegenüber der Familie der Differenzierungstheorien geltend gemacht hat. In beiden Fällen wird der Rechtfertigungsgehalt soziologischer Theoriekonzepte problematisiert, also deren (angeblich) tendenziell konservative, bestehende Verhältnisse affirmierende Ausrichtung.

Demgegenüber bemühen sich neuere praxistheoretische Ansätze darum, die Annahme situationstranszendenter Normen durch situativ oder praktisch bezogene Beschreibungsvokabulare zu ersetzen, die auf Wiederholung von Handlungen, Einschleifen von Regeln und auf die Implizitheit des Regelwissens rekurrieren. Solche Beschreibungen scheinen über kritische Ansätze wie den Fassins, der in einem beinahe klassischen Sinne auf eine Diskrepanz zwischen Diskurs und Praxis hinweist, hinauszugehen. Sie zeigen nicht nur, dass die gängigen Norm(geltungs)beschreibungen jene Lücke zwischen konzeptioneller Darstellung und performativer Praxis unsichtbar machen. Sie versuchen, thesenhaft formuliert, eine nicht-normative Theorie der Norm zu formulieren, die auch selbst nicht normativ wird oder doch zumindest ihre eigene Normativität selbst kontrollieren möchte (z.B. die ANT Latours, die als normativen Horizont ihrer Argumentation die Welt selbst in Anspruch nimmt). Freilich werden damit mind. drei Bündel von Fragen aufgeworfen, die Gegenstand der Tagung sein werden: erstens Fragen das praxeologische und performative Beschreibungsvokabular der Praxistheorie betreffend, d.h. Fragen, die unmittelbar die Theorie der Norm i.s. einer Theorie der Genese von Regelmäßigkeiten auf der Grundlage impliziten Wissens berühren; zweitens die Problematik einer in der Praxistheorie zumindest mitschwingenden Annahme einer praktischen Normontologie (Norm ist, was Menschen tun); drittens die interdisziplinäre und gesellschaftliche Verquickung praxeologischer Theorievokabulare mit anderen gesellschaftlich wirksamen Modellen und Konzepten.

Zu fragen ist also, wie eine nicht-normative Theorie der Normen in der soziologischen Theorie entwickelt werden kann, die einerseits eine „präsentistische“ Verkürzung vermeidet, die aber andererseits auch jene praktische Normativität nicht mit einer diskursiven Überformung verwechselt.
Die Ziele des Workshops bestehen in der Diskussion der genannten Aspekte und Ansätze:

  • Soziale Ontologie von Normen
  • Ansätze nicht-reduktionistischer Normtheorien, Differenz von Norm und Praxis
  • kritische Auseinandersetzung mit Praxistheorie, Nichtreduzierbarkeit der Norm auf Praxis
  • Verhältnisse Diskurstheorie, Praxistheorie, Handlungstheorie
  • Verhältnis praktische Normativität und diskursive Rechtfertigung
  • Interdisziplinäre Verständigung über Vokabulare der Normbeschreibung

Abstracts im Umfang von 1-2 Seiten werden erbeten an:
Christina.Fischer(at)sk.hs-fulda(dot)de

Fragen und Kontakt zum AK: Fabian Anicker: Anicker(at)uni-muenster(dot)de
Matthias Klemm: Matthias.Klemm(at)sk.hs-fulda(dot)de
Ulf Tranow: tranow(at)hhu(dot)de
Linda Nell: Nelll(at)uni-muenster(dot)de

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