Die Macht der Institution. Zum Staatsverständnis Arnold Gehlens

Call for Papers für einen Sammelband in der Reihe "Staatsverständnisse" (Nomos). Deadline: 31. Dezember 2019

In der angesehenen, eine breite Leserschaft in die Problematik des Staatsdenkens einführenden Reihe Staatsverständnisse darf ein Band zu Arnold Gehlen nicht fehlen. Als integraler Bestandteil der Ideenwelt Gehlens durchzieht das Staatsdenken seine Schaffenszeit von der Antrittsvorlesung „Der Staat und die Philosophie“ im Jahr 1934 bis hin zu kritischen Arbeiten der 1970er Jahre, etwa unter dem programmatischen Titel „Wie stark darf der Staat sein? Wer im Zeitalter der Kraftproben das Hissen der weißen Fahne zum Ritual erhebt, gibt sich selbst auf“. Die Selbstaufgabe des Staates kommt für Gehlen einer Selbstaufgabe menschlicher Existenz gleich. Was gefordert und fordernd begründet wird, ist ein starker Staat, und dies nicht allein aufgrund eines Extremismus der Ordnung, wie er Gehlen attestiert wird, sondern aufgrund der Überzeugung, dass der Staat ein ebenso machtvoller wie gefährdeter Garant für die Sicherheit und Stabilität menschlicher Ordnung und damit letztlich des Menschen selbst ist. Während einer bewegten Zeit der Staatsgeschichte hat Gehlen versucht, den Staat in seiner Idee, seiner Reichweite als Machtträger, aber auch in seinem Verhältnis zum einzelnen Individuum zu begreifen. Das Ergebnis ist eine ebenso nüchterne wie faszinierende Idee: die Idee des Staates als Institution. Eingebettet in eine anthropologisch fundierte und kulturphilosophisch gestützte Institutionenlehre stellt, so will der Band zeigen, die Idee des Staates als Institution ein bedeutsames Kapitel des Staatsdenkens und einen gewichtigen Beitrag für die Politik-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften dar.

Dabei soll die Verbindung zwischen dem Gehlenschen Staatsdenken und dem realen Staat, in dem sich dieses entwickelte, nicht übersehen oder marginalisiert werden. Nachgerade die Verstrickung Gehlens in die nationalsozialistische Staats- und Wissenschaftskultur aber kann selbst zum Lehrstück einer Politikwissenschaft werden, die die Staatstheorie ebenso im Auge hat wie die -praxis. In diesem Sinne soll eine Zusammenschau der Gehlenschen Staatslehre weniger ihre immer wieder aufgerufenen konservativen oder gar reaktionären Momente herausstellen, als vielmehr eine Denkbewegung, die die Institution Staat als Hüter des Ausgleichs von konservierenden und liberalisierenden Tendenzen begreift. Ein solches Denken reflektiert den Aufbau und das Funktionieren normativer Ordnungen durch Institutionalisierung, Verwaltung und Bürokratisierung ebenso wie deren Kosten für das Individuum. Es sieht die Janusköpfigkeit einer Institution, die einerseits von weltoffenen, lernfähigen und handlungsorientierten Menschen zum Zweck der Entlastung gemacht wurde und die andererseits, emanzipiert von der eigenen Geschichte, ihre Macht auch gegen den einzelnen Menschen zu entfalten vermag. Wie die Institutionen Familie und Kirche oder auch die „magischen Techniken“ Sprache, Wissenschaft und Kunst ist der Staat nach Gehlen ein überaus ambivalentes Gebilde, das vor jeder Kritik zunächst einmal in seiner Widersprüchlichkeit verstanden werden muss. Dies gilt heute umso mehr, als ein neues „Zeitalter der Kraftproben“ angebrochen scheint, in dem – begleitet von auflagenstarken Sachbüchern wie Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewißheit, Die Gesellschaft der Angst oder auch Die Gesellschaft des Zorns – der Ruf nach einem starken Staat anschwillt und den politischen Projektionsraum einer sozial und kulturell gespaltenen Gesellschaft in Spannung versetzt.

Erbeten werden insbesondere Beiträge zu folgenden, den Band strukturierenden Schwerpunkten:

  1. Zur Entwicklung des frühen Staatsdenkens Gehlens einschl. der Frage nach der Ermächtigung der politischen Philosophie durch den Machtantritt der Nationalsozialisten, aber auch nach der Prägung des frühen Staatsdenkens Gehlens etwa durch die Naturphilosophie von Hans Driesch oder die Einbindung Gehlens in die „Leipziger Schule“.
  2. Zur Modifikation des Staatsdenkens Gehlens nach 1945 einschl. der Bedeutung der seit den 1950er Jahren systematisch entwickelten Institutionenlehre sowie des Einflusses der Lektüre US-amerikanischer Autoren auf die intellektuelle Entwicklung Gehlens.
  3. Zur Modifikation bzw. Radikalisierung des Staatsdenkens Gehlens im protestbewegten bundesdeutschen Staat der 1960er Jahre einschl. der Auseinandersetzung Gehlens mit der Soziologie der Macht und der Herrschaft, dem Zusammenhang zwischen Staat und Gesellschaft sowie der Technikphilosophie.
  4. Zur Aktualität des Gehlenschen Staatsdenkens insbesondere bzgl. des Dilemmas von Freiheit und Sicherheit, der These des Institutionenzerfalls bzw. des Aufstiegs machtvoller außerstaatlicher Großorganisationen sowie der Rolle der politischen Elite.
  5. Zur kulturwissenschaftlichen Relevanz des Staatsdenkens Gehlens einschl. des Verständnisses der Institution Staat als kulturelles Symbolsystem, der These des riskanten affektiven Ungenügens des modernen Staates sowie der Genealogie der Moral im Dreieck von Volk, Staat und Individuum.

Da sich die Reihe Staatsverständnisse nicht nur an politische Philosophen, sondern vor allem auch an Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften richtet, wird ausdrücklich um klare, aussagekräftige und pointierte Sprache gebeten.

Interessenten werden gebeten, ein Abstract bis zum 31.12.2019 einzureichen. Die Beiträge sollten 15 bis maximal 20 Druckseiten (50 000 Zeichen einschl. Leerzeichen und Anmerkungen) umfassen. Der Einsendeschluss für die Manuskripte ist der 30.06.2020.

Bei Nachfragen wenden Sie sich bitte an:

Christine Magerski (Universität Zagreb/Kroatien): cmagerski(at)ffzg(dot)hr.

Auf Ihre Beiträge freue ich mich!

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