Die ökologische Frage. Herausforderung für die soziologische Theorie

Call for Papers für die Tagung der DGS-Sektion Soziologische Theorie im Juni 2020 in Frankfurt am Main. Deadline: 15. Januar 2020

Die ökologische Frage stellt sich aktuell mit immer größerer Dringlichkeit. Neue soziale Bewegungen wie Ende Gelände, Extinction Rebellion und der Schüler_innenprotest Fridays for Future erlangen einen immer größeren Mobilisierungsgrad, sind global vernetzt und setzen klimapolitische Anliegen mit Nachdruck auf die Agenda. Berufspolitiker_innen sehen sich gezwungen Konzepte zum Umweltschutz (vom Klima bis zur Biene) vorzulegen und umzusetzen. Der privatwirtschaftliche Sektor – von der Landwirt_in bis zum Industriekonzern – versucht sich auf eine ökologische Transformation der Gesellschaft einzustellen und im besten Fall als zukunftsträchtiges Geschäftsfeld zu erschließen. Während Öffentlichkeit und Politik von der Wissenschaft eindeutige Fakten zu globalen Umweltproblemen erwarten, wird wissenschaftsintern immer klarer, dass dies kaum möglich ist, weil „die Umwelt“ im Anthropozän längst nicht mehr mit der „Natur“ der Moderne identisch ist. Immer häufiger scheint zudem das Wetter ganz konkret und mit ungeahnten Kräften dafür zu sorgen, dass sich niemand mehr der ökologischen Thematik entziehen kann.

Mit Nachdruck wird die ökologische Frage damit als gesamtgesellschaftliches Problem mit tiefgreifendem Transformationspotential sichtbar, das einer grundsätzlichen theoretischsoziologischen Aufmerksamkeit bedarf. Eine allein bereichsspezifische, etwa umweltsoziologische, Bearbeitung der ökologischen Frage scheint nicht mehr auszureichen. Im Gegenteil offenbart das Ausmaß ökologischer Problemstellungen und sein vieldimensionaler Einfluss auf zukünftige Vergesellschaftungsprozesse die ökologische Frage als eine der soziologischen Theorie. In gesellschaftstheoretischer und zeitdiagnostischer Hinsicht geht es dabei darum, die ökologische Frage als integrales Merkmal der Gegenwartsgesellschaft zu verstehen. Dafür lässt sich einerseits auf das gerade in der deutschen Soziologie hohe Reflexionsniveau soziologischer Diagnosen ökologischer Probleme (insb. Beck und Luhmanns klassische Arbeiten) zurückgreifen. Andererseits haben sich in den letzten Jahrzehnten an den Rändern soziologischer Theorie – in den Environmental Humanities, den Science and Technology Studies, der feministischen und postkolonialen Theorie, in neuen Ökomarxismen, im Zuge des ontological, material und vital turns, etc. – eine Reihe von neuen Perspektiven auf ökologische Probleme entwickelt, die das soziologische Denken zugleich grundlagentheoretisch herausfordern. Die Sektionstagung hat daher zum Ziel, einen Raum für sowohl grundlagentheoretische als auch gegenwartsdiagnostische Perspektiven auf die ökologische Krise zu eröffnen und damit die ökologische Frage auf die Agenda der soziologischtheoretischen Reflexion zu setzen.

Zeitdiagnose – Gesellschaftstheorie
Im Gegensatz zu den Beiträgen von und im Anschluss an Luhmann und Beck in den 1980er Jahren haben ökologische Probleme eine deutliche Zuspitzung erfahren. Sie sind nicht mehr nur als Risiken, sondern als bereits eingetretene Schäden erfahrbar, was weniger die Frage aufwirft, ob sich die Gesellschaft auf ökologische Bedrohungen einstellen kann, sondern wie sie mit diesen Verwüstungen faktisch umgeht. Zugleich hat sich das Bewusstsein für ökologische Probleme in allen gesellschaftlichen Bereichen intensiviert und zu Reaktionsbildungen beigetragen, die gesellschaftliche Institutionen bereits heute tiefgreifend verändert haben. Viele der bestehenden Antworten auf ökologische Probleme sind in diesem Zusammenhang ihrerseits in die Kritik geraten, weil sie entweder als zu zaghaft wahrgenommen werden oder als zu idealistisch-naiv, wie die Sustainable Development Goals (SDGs). Zudem stehen mögliche paradoxe Nebeneffekte, die ihre eigenen Zielvorstellungen konterkarieren und sich negativ auf andere gesellschaftliche Problemlagen auswirken könnten, immer wieder in der Kritik. Trotz der Proliferation grüner Optionen, Handlungs- und Denkweisen befinden sich Gegenwartsgesellschaften mehr denn je auf einem ruinösen Entwicklungspfad. Das fordert die soziologische Reflexion zu einer Kritik der gesellschaftlichen Strukturen und Handlungsweisen (kapitalistische Wachstumsökonomien, imperiale Lebensweise und Externalisierung, Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen, technokratische
Naturbeherrschung etc.) auf, die für diese Entwicklung verantwortlich sind. Aufgrund von immensen Komplexitätssteigerungsprozessen werden Verantwortungszuschreibungen gleichzeitig immer schwieriger. Gerade ökologische Probleme fordern die Soziologie zudem dazu auf, den „methodologischen Nationalismus“ hinter sich zu lassen und die Globalität gegenwärtiger Umweltgefahren in den Blick zu nehmen, ohne lokale Unterschiede und Besonderheiten (ungleiche Betroffen- und Verantwortlichkeit von und für Umweltschäden, alternative Naturkultur- Ontologien etc.) aus dem Blick zu verlieren. Dabei haben gerade jüngere Debattenbeiträge (u.a. Latour, Stengers) darauf aufmerksam gemacht, dass das Globale, das hier zur Debatte steht, keine kosmopolitische Weltgemeinschaft meint, sondern ein komplexes Erdsystem bzw. „Gaia“, das im Zeitalter des Anthropozäns nicht mehr als „die Umwelt“ des Gesellschaftssystems abgetan werden kann. Diese Einsicht fordert die Soziologie dazu auf, mehr-als-menschliche Beziehungsgeflechte und Entitäten – vom Bakterium bis zur Atmosphäre – in den Blick zu nehmen, die bisher nicht auf der soziologischen Agenda standen. Dabei werden nicht zuletzt grundlagentheoretische Fragen aufgeworfen, die daher ebenfalls auf der Tagung diskutiert werden sollen.

Grundlagentheoretische Fragen und Herausforderungen
Gerade eine Verschiebung des Fokus auf die Wirkmächtigkeit heterogener Gefüge, die jenseits einer klaren Trennung von Natur einerseits und Sozialem andererseits anzusiedeln sind, fordert die Soziologie zu begrifflichen Neujustierungen auf. Hier stehen Grundbegriffe wie der „Akteur“ ebenso zur Debatte, wie die Frage nach den Grenzen der Gesellschaft und des Sozialen. Wenn zunehmend biosoziale Verflechtungen als natürlich-kulturelle Wirkmächtigkeiten relevant werden, gilt es, sich auch begrifflich auf diese einzustellen. Bislang sind es nach wie vor besonders die Arbeiten Bruno Latours, die in diesem Zusammenhang auch in der breiteren soziologischen Diskussion aufgegriffen werden und Debatten über den Status von Akteuren und der „Great Divide“ von Natur und Kultur angestoßen haben. Die bereits genannten Diskussionen an den „Rändern“ soziologischer Theorie haben hier allerdings auch neue Akzente setzen können, indem sie z.B. die destabilisierende Kraft von Materialitäten im Gegensatz zu einer stabilisierenden Wirkung in Handlungszusammenhängen hervorheben (etwa neue Materialismen), die konstitutive Unverfügbarkeit biosozialer Gefüge statt nur deren nicht-intendierten Nebenfolgen aufzeigen sowie auf die machtvoll-differentiell verteilten (Über-)Lebenschancen angesichts ökologischer Krisen hinweisen. Nicht nur Grundbegriffe, wie jener des „Akteurs“ und der Gesellschaft werden hier prekär, sondern auch die Frage nach Hegemonie, Machtverhältnissen und einer sinnvollen post-anthropozentrischen Öffnung soziologischer Theorie. So stellt sich auch die Frage, wie sich Mensch-Sein heute begreifen lässt und wie ein Symmetrieren von Handlungsmacht so konzipiert werden kann, dass Machtdifferenzen und ungleich verteilte Verantwortlichkeit nicht aus den Augen verloren werden.

Die geplante Sektionstagung will die mit der ökologischen Problematik und ihrer gesellschaftlichen Artikulation zusammenhängenden grundlagentheoretischen und gegenwartsdiagnostischen Fragen aufwerfen und auf die Agenda der soziologisch-theoretischen Reflexion setzen. In diesem Themenkomplex treffen sich heterogene konzeptionelle, wissenschaftstheoretische und zeitdiagnostische Fragestellungen, die eine allgemeine theoretische Reflexion und Kontextuierung erfordern:

  • Bedarf es angesichts der gegenwärtigen Problemlagen einer grundbegrifflichen Neuausrichtung? Wie kann zunehmend biosozialen Verflechtungen konzeptionell begegnet werden? Inwieweit fordern die aktuellen Entwicklungen soziologische Grundbegriffe, wie „Gesellschaft“, das „Soziale“, den „Akteur“ heraus?
  • Welche Formen ökologischen Denkens bekommen methodologischer Individualismus, Holismus und Relationalismus im Verhältnis zueinander in den Blick und welche gerade nicht? Erfordert die ökologische Frage mehr denn je eine Inventur soziologischer Theorien?
  • Wie lassen sich die Zeitdiagnosen des „postfaktischen Zeitalters“ oder des „Anthropozäns“ nicht unkritisch übernehmen, sondern soziologisch reflektieren, ggf. kritisieren und alternative Problematisierungen entwickeln? Lässt sich ein spezifischer Zusammenhang zwischen der ökologischen und der Wahrheitskrise soziologisch greifbar machen?
  • Wird die ökologische Frage als neue soziale Frage formuliert? Ist ein solcher Zugang überhaupt wünschenswert? Werden gegenwärtig beide Themenkomplexe – ökonomische Ungleichheiten und ökologische Gefährdungen – gegeneinander ausgespielt oder versucht zusammenzudenken? Können (zukünftige) ökologische Zwänge als neue Form struktureller Gewalt gedeutet werden?
  • Welche gesellschaftliche Wirkmacht entfalten die Diskurse um Nachhaltigkeit, Resilienz etc.? Welche neuen ökologischen Rationalitäten deuten sich hier an? Wie lassen sich gegenwärtige politische Dynamiken soziologisch reflektieren und kommentieren?
  • Wie ist das Verhältnis von Natur und Kultur zu theoretisieren? Sollte dieses Verhältnis gänzlich fallengelassen werden, um zu einer dem Sachverhalt adäquaten Theoriebildung zu gelangen? Welche Rolle spielen z.B. Materialitäten für eine soziologische Theoriebildung, die sich auf die Zuspitzungen der ökologischen Krise einstellt?

Wir freuen uns über Abstracts zu diesen und verwandten Fragen. Der CfP richtet sich explizit auch an Mitglieder anderer Sektionen und Disziplinen. Es geht darum, aus einer sozialtheoretischen Perspektive die ökologischen Fragen unserer Gegenwart zu adressieren.

Bitte richten Sie die Abstracts von bis zu 400 Wörtern an die Organisator_innen:
Katharina Block: katharina.block(at)uni-oldenburg(dot)de
Andreas Folkers: Andreas.Folkers(at)sowi.uni-giessen(dot)de
Katharina Hoppe: k.hoppe(at)em.uni-frankfurt(dot)de

Zum CfP (PDF)