Erkundungen des Ungewohnten. Empirisches Forschen in außergewöhnlichen Kontexten

Call for Papers für eine sozialwissenschaftliche Fachtagung am 5. und 6. Juni 2020 in Passau. Deadline: 15. Januar 2020

Die Soziologie ist gekennzeichnet von der systematischen Selbstbeauftragung, das Unhinterfragte zu hinterfragen. Diese Irritations- und Befremdungsarbeit betrifft im besten, weil effektivsten Fall nicht nur Forschungsrezipienten, sondern auch die Forschenden selbst. Denn das Vertraute entpuppt sich am besten im Lichte einer artifiziellen Distanz als etwas, das überhaupt erst als ›vertraut‹ begriffen und thematisiert werden kann. Obwohl das 'Feld' vermeintlich mit der Beschreibung des Feldes zusammenfällt, besteht zwischen analytisch-systematischen bzw. berufsreflexiven Alltagsdeutungen und dem routinierten Durchleben von Alltäglichkeit bekanntlich eine große Diskrepanz.   

In methodologischer Hinsicht stellt sich (nicht nur) in der Soziologie immer schon die Frage nach der Bestimmung tatsächlicher Unvertrautheit – ganz zu schweigen von der Frage nach den Instrumenten, die diese Unvertrautheit herbeiführen können. Nicht alles, was unerforscht und auf den ersten Blick bemerkenswert erscheint, rechtfertigt umfangreiche Recherchearbeit; umgekehrt sind die Themenfelder zahlreich, die trotz bereits erfolgter akribischer Durchleuchtungen nach wie vor ertragreich sind. Wie lässt sich also der Grad an Unerforschtheit bestimmen, der fruchtbar, innovativ, aber auch anschlussfähig genug ist, um die Mühen sozialwissenschaftlicher Nachforschung zu rechtfertigen? Und wie lässt sich überhaupt bestimmen, wie sich dies bestimmen lässt?

Zu reflektieren ist außerdem, von welcher Beobachtungsposition aus sich das Etikett der Ungewohntheit zuweisen lässt und für welchen Adressatenkreis eine solche Zuschreibung Verbindlichkeit zu generieren vermag. Schließlich sind empirische Forschungen unter speziellen Populationen von dem Umstand geprägt, dass die Akteure des Feldes mit der Binnennormativität ihres Handlungsraums per se wesentlich vertrauter sind, als es neugierige Sozialforscherinnen und Sozialforscher auch nach einiger Gewöhnung sein können.

Anders verhält es sich bei der Anwendung autoethnografischer Forschungsstrategien. Hier wird das Vertraute gezielt unvertraut gemacht, mit der Folge, dass neue Figurationen von Ungewohnheit entstehen. Im Lichte der Ethnografie treten Aspekte aus dem Schatten der Nichtbeachtung, die schon zuvor präsent, in ihrer Erforschbarkeit aber schlichtweg nicht identifizierbar waren. Die Normativität der Grenzziehung zwischen gewöhnlich und ungewöhnlich obliegt in solchen Fällen nicht selten der Bestimmung durch das forschende Subjekt, sie muss jedoch trotzdem als intersubjektiv nachvollziehbarer Wissensbestand kommuniziert werden.

Angesichts dieser methodologischen Überlegungen soll im Rahmen der Tagung darüber nachgedacht werden, aufgrund welcher Zuschreibungen Forschungsgebiete sich als ungewöhnlich deklarieren lassen. Darüber hinaus ist zu diskutieren, welche methodologischen Herausforderungen das Erkunden des Ungewohnten impliziert. Konkrete Ansätze könnten beispielsweise folgende Fragestellungen sein:

  • Aufgrund welcher belastbaren Kriterien können wissenschaftliche bzw. alltagsweltliche Blickwinkel auf das Ungewohnte voneinander differenziert werden? Welche 'Legitimation' steht hinter dem jeweiligen Labeling und wo liegt die Bruchstelle zwischen einer mehr lebensweltlichen und einer mehr akademischen Perspektive?
  • Welche Feldzugänge sind beispielsweise bei dem taktischen Betreten von (tatsächlichen oder vermeintlichen) Hinterbühnen (un-)möglich? Wie können diese Hürden in situ gegebenenfalls überwunden werden?
  • Wie verwandelt sich ein noch nicht bzw. kaum erforschtes Phänomen in einen 'etablierten' Forschungsgegenstand? Welche Übersetzungsschritte werden dabei im Forschungsprozess bewusst/unbewusst vorgenommen?
  • Inwiefern kann Exotik im scheinbar Trivialen aufgespürt werden und welcher Erkenntnisgewinn könnte der Recherche des Banalen zugrunde liegen?
  • Inwieweit korreliert die Nachforschung am Ungewöhnlichen mit wissenschaftlichen Konjunkturen? Gibt es neben der Selektivität von 'Modethemen' auch eine Dynamik des In und Out von 'Modemethoden'?
  • In welchen Konstellationen sind weniger die Untersuchungsfelder bzw. -ergebnisse, sondern vielmehr die Instrumente und Methoden ungewöhnlich? Lässt sich diesbezüglich eine Systematisierung vornehmen?
  • Welche konkreten Taktiken finden in der empirischen Sozialforschung Anwendung, um unerforschtes Terrain zu durchleuchten? Gibt es hier besondere Anforderungen an die Flexibilität, Spontaneität und 'Opferbereitschaft' der Forschenden? 

Willkommen sind neben Forschungsberichten aus entsprechenden Kontexten und methodologischen Reflexionen durchaus auch theoretische Auseinandersetzungen mit der Idee des Ungewohnten.

Vorschläge, die der Gewöhnlichkeit des Ungewöhnlichen ebenso sehr Raum geben wie dem Ungewöhnlichen des Gewöhnlichen, sollten maximal eine Seite lang sein und bitte an folgende Adressen gesendet werden:

Thorsten.Benkel(at)uni-passau(dot)de und Matthias.Meitzler(at)uni-passau(dot)de

Zum CfP (PDF)