Umstrittene Expertise. Konflikte um den Status von Expertenwissen in der Politik

Call for Papers für die Frühjahrstagung der DGS-Sektion Politische Soziologie am 7. und 8. Mai 2020 in Erlangen. Deadline: 15. Februar 2020

In vielen Gegenwartsdiagnosen wird immer wieder auf die zentrale Bedeutung von wissenschaftlichem Wissen und wissenschaftlich fundierten Expertisen in modernen Gesellschaften hingewiesen. Dies gilt nicht nur für die Zunahme von Expertendeutungen und Expertensystemen in der Alltagswelt, sondern in ganz besonderer Weise auch für die besondere Bedeutung von Expertenwissen in Politik und Öffentlichkeit. In den letzten Jahren gibt es jedoch verstärkt Konflikte und Kontroversen um die Rolle von Expert*innen und um die Geltung von Expertisen in politischen Entscheidungsprozessen. Dies äußert sich zum einen in einer Zunahme von expertenbasierten Deutungskämpfen im Wechselspiel von Expertise und Gegenexpertise. Auf jede Expertise folgt in der Regel eine Gegenexpertise, die die Befunde und Schlussfolgerungen der ursprünglichen Expertise grundlegend in Abrede stellen oder zumindest Zweifel daran wecken.[1] Diese Konflikte rücken somit Fragen nach der Unabhängigkeit und nach der Geltung von Expertisen in den Mittelpunkt. Hierbei wird auch deutlich, dass wissenschaftliche Expertisen häufig keine eindeutigen Ergebnisse hervorbringen, sondern die Kontingenz politischer Entscheidungsfindung zusätzlich erhöhen können.

Seit einigen Jahren ist zudem ein Akzeptanzverlust wissenschaftlicher Expertise festzustellen, der in manchen Kreisen bis zu einer grundsätzlichen Skepsis und ablehnenden Haltung gegenüber offiziellen Expertendeutungen reicht. Darüber hinaus ist in aktuellen öffentlichen Auseinandersetzungen eine Zunahme von dezidiert anti-intellektualistischen und anti-wissenschaftlichen Ressentiments zu beobachten. Selbst valide und anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse werden immer häufiger grundsätzlich abgelehnt, stattdessen werden alternativen Deutungsanageboten und „Gegenexpertisen“ vertraut, die in alternativen Milieus und nicht zuletzt auch in digital vermittelten Gegenöffentlichkeiten kursieren. Diametral entgegensetzt dazu gibt es heute jedoch auch vermehrt Stimmen, die eine unzureichende Berücksichtigung wissenschaftlicher Expertise bemängeln. Hier wird gerade nicht die Geltung wissenschaftlichen Wissens oder das Expertentum pauschal in Frage gestellt. Vielmehr wird auf systematische Verzerrungen in der Rezeption von Expertisen und in der Übersetzung von Expertenwissen in politische Entscheidungen hingewiesen und auf politische Konstellationen, die eine Berücksichtigung von vermeintlich „gesicherten“ und „eindeutigen“ wissenschaftlichen Erkenntnissen verhindern.

Kurzum: Der Status von Expertise und die Rolle von Expert*innen ist in der aktuellen politischen Gemengelage äußerst umstritten. Für die Politische Soziologie stellen sich hier eine Reihe von Fragen, die im Rahmen der geplanten Sektionstagung intensiver diskutiert werden sollen: Es stellt sich erstens ganz grundsätzlich die Frage nach dem Status von Expertenwissen in der Gegenwartsgesellschaft. Jahrelang ging man in der Soziologie von einer besonderen „epistemischen Autorität“ (Pierson) wissenschaftlicher und professioneller Expertise in politischen Aushandlungsprozessen aus. Dieser besondere Vorrang und diese besondere Autorität wird von neuen Gegenöffentlichkeiten und Gegenbewegungen derzeit jedoch vehement in Frage gestellt. Erleben wir aktuell also eine Legitimitätskrise des Expertenwissens und einen fundamentalen Akzeptanzverlust des Expertentums? Oder ist die Entwicklung lediglich als eine stärkere „Politisierung der Wissenschaft“ (Weingart) zu verstehen, die letztlich die etablierten Modi der „Verwissenschaftlichung der Politik“ nicht in Frage stellt, sondern vielmehr stärkt?

Es stellt sich folglich zweitens die Frage nach einem neuen Verständnis etablierter Formen politischer Aushandlung und nach einer grundlegenden Veränderung der Logik von Politik: Ist die wachsende Skepsis gegenüber der Autorität des Expertentums Ausdruck eines grundsätzlichen Wandels von Politik? Werden politische Entscheidungsprozesse heute möglicherweise wieder stärker „politisiert“, weil die fehlende Einheitlichkeit der Expertisen das Vertrauen in die Wissenschaft als Instanz zur Schlichtung kontroverser Fragen schwächt? Oder kommt in der wachsenden Skepsis gegenüber Expertise eine grundlegendere Skepsis gegenüber Politik und etablierten politischen Entscheidungsverfahren zum Ausdruck, die jegliche Form von Verfahren grundsätzlich ablehnt?

So stellt sich drittens auch die Frage nach den Potenzialen, aber auch nach den Gefahren für die Aufrechterhaltung demokratischer Legitimität. Die wachsende Skepsis gegenüber der Geltung von Expertenwissen kann demokratietheoretisch einerseits als legitimes Aufbegehren politisch-marginalisierter Gruppen oder sozialer Bewegungen verstanden werden, die mittels ihrer eigenen Gegenexpertise bestehende Wissensordnungen und Legitimationsmuster in Frage stellen und damit Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen möchten. In der Ablehnung jeglicher Form von Fakten und Evidenzen bei der Lösung politischer Fragen kommt andererseits jedoch auch ein Politikverständnis zum Ausdruck, das mit den etablierten Verfahren politischer Konfliktlösung nur schwer vereinbar ist. Beobachten wir derzeit also einen fundamentalen Wandel demokratischer Legitimität, oder gar eine Hinwendung zu betont anti-politischen Formen der Entscheidungsfindung?

Auf der Sektionstagung sollen insbesondere die Umkämpftheit und die Kontingenz von Expertise und Expertenwissen im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen und die Frage, wie sich diese Konflikte analysieren und soziologisch beschreiben lassen. Folgende Fragen und Themen könnten dabei im Einzelnen intensiver diskutiert und adressiert werden:

  • Welche Merkmale und Eigenheiten kennzeichnen Expertisen und Gegenexpertisen? Welche unterschiedlichen Modi von Wissen lassen sich hierbei unterscheiden und welche politische Praxis leitet sich aus unterschiedlichen Wissensformen ab?
  • Wie lässt sich die Dynamik von Expertise und Gegenexpertise in aktuellen politischen Auseinandersetzungen erfassen und analysieren?
  • Wie werden (Gegen-)Expertisen gebildet und welche wechselseitig konstitutiven Dynamiken zwischen Expertisen und Gegenexpertisen bestehen? Lassen sich typische Verlaufsmuster in Diskursen zwischen Expertise und Gegenexpertise identifizieren?
  • Wie ist das Verhältnis von Expertenwissen und Politik? Wie wird Expertenwissen in Politik übersetzt? Wo gibt es Grenzen der Übersetzung?
  • Inwieweit verändert die Digitalisierung den Status von Expertenwissen und Expertenrollen und wie beeinflusst die Digitalisierung das Aufkommen und die Verbreitung von Gegenexpertisen?   
  • Wer sind die relevanten Akteure für die Produktion von (Gegen-)Expertisen? Welche Rollen spielen sie in der demokratischen Willensbildung und für Entscheidungen?
  • Welche Wirkungen für politische Entscheidungen, aber auch für die gesellschaftliche Wahrnehmung von Expertisen, ergeben sich aus Konflikten zwischen Expertisen und Gegenexpertisen?  

Wir erbitten sowohl konzeptionelle als auch empirische Beitragsvorschläge zu einem oder mehreren der vorgenannten Themen und Fragenkomplexen im Umfang von max. 400 Wörtern. Bitte schicken Sie Ihre Beitragsvorschläge bis zum 15. Februar 2020 an sebastian.buettner(at)fau(dot)de und thomas.laux(at)uni-bamberg(dot)de.

Die Entscheidung über die Annahme teilen wir Ihnen bis zum 01. März 2020 mit. Anschließend werden Kurzpapiere zu den Vorträgen (ca. 5 Seiten) bis zum 30. April 2020 erbeten. Diese werden den Teilnehmer*innen der Tagung vorab zugeschickt. Es ist geplant, die Beiträge im Anschluss an die Tagung in einem Sonderheft einer Fachzeitschrift oder einem Sammelband zu publizieren.

Zum CfP (PDF)

Fußnoten

[1] Gegenexpertisen kennzeichnet, dass sie in „Opposition zu ‚etablierten‘ Fachpositionen“ (Rucht) stehen. Aktuelle Beispiele für solche Konflikte sind etwa die globalen Debatten um die Existenz bzw. die Ursachen des Klimawandels, die Diskussion in Deutschland um die Grenzwerte zur Messung der Feinstaub-Belastung in Städten oder die Auseinandersetzung über die wirtschaftlichen Folgen des Brexits in Großbritannien.