Religion und Wissenschaft: Neue Fragen zu einem alten Thema

Frühjahrstagung der Sektion "Religionssoziologie" der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Das Verhältnis zwischen Religion und Wissenschaft war prägendes Thema bei der Gründung der Soziologie. Die gemeinsame Idee in der Aufklärungsdebatte war es, Glauben durch rationales Denken zu ersetzen, nach Comte sollte das positive Zeitalter das metaphysische ablösen. Jedenfalls im deutschsprachigen Raum hat das Interesse an dieser Debatte bald abgenommen. Webers differenzierungstheoretische These der unterschiedlichen Wertsphären von Religion und Wissenschaft hatte sich offenbar durchgesetzt: Es gab keinen prinzipiellen Konflikt, solange die jeweiligen Funktionsbereiche nicht überschritten wurden – Wissenschaft also keine Autorität beanspruchte für moralische Imperative und Religion nicht für umfassende Welterklärung. Es gibt heute gute Gründe, dieses von theologischer Seite auch als „Unabhängigkeitsmodell“ bezeichnete Verhältnis von Religion und Wissenschaft neu zu diskutieren. Theoretisch ist hier eine Skepsis gegenüber differenzierungstheoretischen Gesamterklärungen ebenso angebracht, wie sie auch für andere gesellschaftliche Teilbereiche derzeit vielfältig formuliert wird. Aus Perspektive der Wissenssoziologie wurde die Möglichkeit einer Grenzziehung zwischen Wissenschaft und Religion bereits 1963 von Berger und Luckmann in ihrem Aufsatz „The Sociology of Religion as Sociology of Knowledge“ bezweifelt. Empirisch ist das Thema ebenfalls längst neu sichtbar. Der Streit zwischen so genannten Kreationisten und Evolutionisten ist dabei nur die sichtbarste Form der Neubehandlung. Regional war dieser Streit zunächst auf die USA und Großbritannien beschränkt und hat dann eine Auseinandersetzung zwischen islamischen und christlichen Kreationisten nach sich gezogen. Von Bewegungen wie den so genannten Neuen Atheisten wird Wissenschaft als Weltanschauung in geradezu missionarischer Form vertreten. Subtiler stellt sich aber auch unabhängig von solchen Bewegungen die Frage, welche kosmologische und legitimatorische Funktion wissenschaftliche Expertise in zeitgenössischen Gesellschaften hat und welche Konsequenzen damit verbunden sind. In Deutschland finden die sichtbarsten Auseinandersetzungen zum Thema Wissenschaft und Religion im Zusammenhang mit ethischen Fragen in den (Lebens)Wissenschaften statt. Prominent geworden ist die Debatte zwischen Jürgen Habermas und Kardinal Joseph Ratzinger, in der für eine gegenseitige Begrenzung von Glaube und Vernunft argumentiert wird. Aber auch neuere Untersuchungen zur medizinischen Wirkung von Religion, über Neurotheologie oder über Alternativmedizin werfen neue Fragen zum Verhältnis von Religion und Wissenschaft auf. Schließlich lässt aufmerken, wie durchgängig in aktuellen religionspolitischen Debatten das Narrativ von einem aufgeklärten Westen und einem nicht aufgeklärten Osten fortgeschrieben wird. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen ist eine intensivere soziologische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Religion und Wissenschaft dringend geboten. Anders als in den angelsächsischen Ländern gibt es in Deutschland bislang kaum etablierte Austauschforen für Wissenschaftler/innen, die in diesem Grenzbereich zwischen Wissens-, Wissenschafts- und Religionssoziologie arbeiten. Die Sektionstagung ist damit zugleich als Auftakt für weitere Vernetzungsaktivitäten gedacht.

Thematisch soll deshalb eine breite Vielfalt von Zugängen zum Thema einbezogen werden:

  1. Theoriebildung: Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion findet Gestalt im Verhältnis zwischen religiösen Organisationen und staatlicher Regulierungspolitik, in öffentlichen Diskursen und Legitimationskämpfen, in religiösen und wissenschaftlichen Praktiken und Ritualen, in individuellen Glaubens- oder Wissensbezügen. Welche theoretischen Zugänge helfen bei der Analyse dieser miteinander vielfältig verbundenen Verhältnisse?
  2. Empirische Befunde: Empirisch interessiert das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion einerseits aus Perspektive der Wissenschaftsforschung – die Frage ist, welche Bedeutung Religion in der wissenschaftlichen Wissensproduktion hat. Andererseits geht es um Wissenschaft und Religion als gesellschaftliche Kräfte, um Glauben und Wissen als Ressourcen und um die Frage, welche Wahrheitsangebote in Legitimationskämpfen von wem akzeptiert werden. Willkommen sind empirische Arbeiten zu diesen Fragen und insbesondere international vergleichende Studien.
  3. Methodische Zugänge: Die interessierenden empirischen Fragen sind mit besonderen methodischen Herausforderungen verbunden. Wie Religiosität methodisch angemessen erfasst werden kann, ist umstritten. Debatten darüber, wie das Verhältnis zwischen Glauben und Wissen analysierbar gemacht werden kann, stehen erst am Anfang. Vergleichende Studien müssen zudem damit umgehen, dass sowohl religiöse als auch wissenschaftliche Gemeinschaften einerseits international organisiert sind, andererseits national und lokal unterschiedlich gestaltet werden. Angesichts des mehrdimensionalen Charakters des Themas: Welche methodischen Zugänge ermöglichen eine (international vergleichende) Analyse des Verhältnisses von Religion und Wissenschaft?

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