Abbruch, Umbruch, Aufbruch? Lebensverläufe junger Menschen und Ungleichheit in Ausbildung, Studium und Beruf (LUASB)

Gemeinsame Tagung der Sektionen „Bildung und Erziehung“ und „Jugendsoziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der „Forschungsinitiative Berufe und soziale Ungleichheit“ (FiBus) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Seit Beginn der Bildungsexpansion wurden Bildungsgänge („tracks“) umgestaltet und neu geschaffen, um die Bildungsbeteiligung und Durchlässigkeit im Bildungssystem zu erhöhen. Diese institutionellen Umbauten und Reformen haben individuelle Bildungs- und Lebensverläufe verändert. Wechsel zwischen Bildungsgängen haben zugenommen, Bildungswege werden individuell neu kombiniert, Bildungsbiographien entwickeln sich jenseits (scheinbar) vorgegebener Bildungslaufbahnen. Inwieweit dadurch mehr Bildungsaufstiege realisiert und die Bildungsbeteiligung gesteigert wurde, ist nicht abschließend beantwortet. Auch nicht, was solche Veränderungen für den Einstieg junger Menschen in Arbeit und Beruf bedeuten.

Das Jugendalter ist in den Bereichen Bildung, Berufsvorbereitung und Berufszugang geprägt durch früh einsetzende Anforderungen mit „Ernstcharakter“ und entwickelt sich daher zu einem zwiespältigen Moratorium. Beim schulischen Bildungserwerb bzw. in unterschiedlichen Schullaufbahnen werden strukturelle und institutionelle Ungleichheiten sichtbar, die an späteren Übergängen in berufliche Ausbildung/Studium und Berufstätigkeit langfristige biografische „Wirkungen“ entfalten und Lebensoptionen einschränken bzw. erweitern. Die Bewältigung dieser Übergänge wird gesellschaftlich erwartet und von Jugendlichen gewöhnlich auch angestrebt.

An den Übergängen, aber auch im Bildungsverlauf manifestieren sich in bestimmten Segmenten Schwierigkeiten, die auf Seiten des Einzelnen zu Umorientierungen führen, gesellschaftlich als Probleme identifiziert werden und Regulierungsversuche bzw. kompensatorische Lernangebote nach sich ziehen können – beispielsweise im Übergangsbereich, bei Angeboten für Nicht-Formalqualifizierte, bei Studienfachwechseln oder -abbrüchen. In den entsprechenden Maßnahmen und Angeboten fehlt es häufig an Aufmerksamkeit für die (bildungs- und erwerbs-)biografischen Erfahrungen, die die Teilnehmenden mitbringen, an passenden Angeboten und geeigneten Anschlussmöglichkeiten, so dass ihr Erfolg in Frage zu stellen ist. Im Hinblick auf solche Regulierungsversuche ist immer auch zu fragen, wie sich institutionelle (Nicht-)Gestaltungsprozesse auf individuelle Lebensverläufe auswirken.

Die Lebensverläufe junger Menschen sind heute häufig von Diskontinuitäten – Abbrüchen, Umbrüchen und Aufbrüchen – gekennzeichnet. Kritisch zu hinterfragen ist dabei, wie sogenannte „nicht-lineare“ Bildungsbiographien institutionell und gesellschaftlich eingeordnet werden. Sind damit Chancen und Optionen für den Einzelnen verbunden? Einzubeziehen sind hier auch die Deutungen dieser (gegebenenfalls als kritisch empfundenen) Lebensereignisse durch die Jugendlichen selbst.

Selbstbestimmung und Selbstpositionierung sind zentrale Entwicklungsaufgaben im Jugendalter. Die Dynamiken umfassen Prozesse des zeitlichen, räumlichen aber auch emotionalen und ökonomischen Selbstständig-Werdens in einer Vielzahl von Lebensbereichen. Abbruch, Umbruch und Aufbruch sind nicht ausschließlich auf individueller Ebene von Belang, sie haben außerdem gesellschaftliche Bedeutung. Aus dieser Sicht geht es etwa um Fragen der De-Standardisierung der Jugendphase sowie um die mögliche Beschleunigung oder Entschleunigung bzw. um die damit einhergehende Verdichtung oder Verlängerung der Jugendzeit.

Die soziologische Forschung hat eine Reihe von „Gelingensbedingungen“ für individuelle Bildungs- und Erwerbsverläufe herausgearbeitet. Herkunftsbedingte Ressourcen und das soziale Umfeld erweisen sich immer wieder – u.a. vermittelt durch schicht- und milieuspezifisch unterschiedliche Bildungsentscheidungen und Berufswahlen – als ausschlaggebend für den weiteren Lebensverlauf. Darüber hinaus sind Erfolgschancen für stabile Übergangs- und Einmündungsprozesse nicht zuletzt abhängig von den (regional) unterschiedlichen Strukturen an Bildungsangeboten sowie von unterschiedlich günstigen Rahmenbedingungen in den jeweiligen Ausbildungsinstitutionen bzw. Betrieben und Berufen.

Beruflich-betriebliche Kontexte – etwa vermittelt über Ausbildungsaktivitäten oder gute Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen – können Bildungs- und Erwerbsverläufe wirkungsvoll stabilisieren. Gleichzeitig sind Übergangsinstitutionen und -prozesse im Zusammenhang eines sich wandelnden Arbeitsmarktes zu betrachten (Flexibilisierung, Tertiarisierung, Digitalisierung), dessen rechtliche und konjunkturelle Rahmenbedingungen mit einem Verlust der (Erwartungs-)Sicherheit von Arbeitnehmer/innen einhergehen. In diesem Zusammenhang kommt Fragen nach der Veränderung der Berufsstruktur (auch im internationalen Vergleich), nach der Dynamik und „Zukunftssicherheit“ von Berufen sowie nach berufsspezifischen Ausbildungsverläufen und Erwerbskarrieren und damit verknüpften sozialen Ungleichheiten Bedeutung zu.

Jenseits der Analysen formaler Bildungswege und Zertifikate ist die soziologische Forschung auch an Fragen zum individuellen Wissens- und Kompetenzerwerb interessiert. Desiderata ergeben sich beim Erwerb von (beruflichen) Kompetenzen in beruflichen und akademischen Bildungsgängen verstärkt aber auch in außerinstitutionell und nicht pädagogisch gerahmten Lernprozessen, die trotz ihres non-formalen bzw. informellen Charakters “formale“ Bildungsprozesse begünstigen oder erst ermöglichen können. Zugleich ist die Bedeutung von sozialen Kompetenzen oder Selbstkompetenzen für Bildungs- und Berufserfolg zunehmend Gegenstand der Forschung.

An diese Themenskizze schließt die Tagung „Abbruch, Umbruch, Aufbruch“ an. Folgende Fragen stehen dabei im Zentrum:

  • Welche beruflichen Wünsche haben junge Menschen heute und wie sieht das aktuelle „Lagebild“ der Jugend an der ersten und zweiten Schwelle der Einmündung in Ausbildung, Studium und Erwerbsphase aus?
  • Welche Erkenntnisse liegen zu den Prozessstrukturen und Verlaufsmustern von Bildungs- und Berufswegen vor? Inwiefern sind nicht-lineare, diskontinuierliche bzw. risikoreiche Verläufe und Biographien Ausdruck von spezifischen Bildungsorientierungen oder Berufswahlen, aber auch von unterschiedlich verteilten sozialen, ökonomischen und kulturellen Ressourcen bzw. institutionellen Opportunitäten, von Geschlecht, Ethnizität etc.? Inwieweit kommt es zu Pfadabhängigkeiten und kumulierten Benachteiligungen über den Lebensverlauf? Welcher spezifische Bedarf stellt sich dabei im Hinblick auf Daten mit Längsschnittqualität?
  • In welchen Segmenten des Bildungs-, Ausbildungs- und Arbeitsmarktes sind die Stabilität und der Erfolg von Bildungsprozessen sowie die Einmündung in Berufstätigkeit größer, in welchen kleiner? Lassen sich berufs- oder betriebsspezifische Muster identifizieren? Welche Kontextmerkmale beeinflussen direkt und indirekt Bildungs- und Berufswege mit? Wo zeigen sich Prozesse sozialer Schließung oder Marktbeschränkungen? Was steckt hinter Prekarität und Exklusion angesichts erschwerter oder versperrter Zugänge zum Studium, zum Ausbildungs- bzw. Arbeitsmarkt?
  • Wie stellen sich (Aus-)Bildungswege und Übergangspfade von Jugendlichen im historischen und internationalen Vergleich dar? Wie wirken sich Durchlässigkeit im Bildungssystem, der Trend zu höheren Bildungszertifikaten sowie eine zunehmende Akademisierung bzw. Scholarisierung im Jugendalter auf Bildungsaspirationen, Teilhabechancen und -risiken von (welchen) Jugendlichen aus? Welche Rolle spielen der Wandel der Berufsstruktur und Veränderungen in der „Zukunftssicherheit“ von Berufen für individuelle Bildungsverläufe und -muster? Werden Bildungs- und Erwerbsverläufe immer weniger berufsspezifisch und was bedeutet dies für soziale Ungleichheit?
  • Wie werden Abbrüche, Umbrüche und Aufbrüche von jungen Menschen subjektiv gedeutet? Wie sind diese Deutungen auch von nicht-berufsbezogenen Erfahrungen und Ablösungsprozessen in den Bereichen von Peer- und Intimbeziehungen, Freizeit, Jugendkultur, Wohnen etc. geprägt? Wie wirken sich Abbrüche, Umbrüche und Aufbrüche im Bildungsbereich auf den weiteren Lebensverlauf und die weitere Bildungs- und Erwerbsbiographie aus, und wie auf die genannten Bereiche von Verselbstständigung und darauf bezogene biographische Selbstdeutungen? Aus methodischer Sicht: Wie lassen sich Bildungs- und Lebensverläufe im Jugendalter untersuchen und wie lassen sie sich (retrospektiv) deuten?
  • Welche der auftretenden Probleme werden durch institutionelle Angebote abgefedert, welche hingegen nicht ausreichend wahrgenommen und folglich auch (noch) nicht durch Unterstützungsangebote oder institutionelle Reformen aufgegriffen? Was können – für welche Zielgruppen – wirkungsvolle Maßnahmen zur Stabilisierung von Bildungs- und Erwerbsverläufen sein? Wie können Umorientierungen mitgetragen, Abbrüche abgefedert und produktiv für einen Neubeginn bzw. Aufbruch gewendet werden? Inwiefern wird dabei eine nachholende Integration ermöglicht? Sind die hierdurch eröffneten Möglichkeiten selbst wiederum sozial selektiv? Können sie Bildungsungleichheit abbauen oder sogar verstärken? Inwieweit haben Maßnahmen (auch) die Funktion, grundlegende institutionelle Reformen im Bildungsbereich und Erwerbssystem zu vermeiden? Welche Wirkungen haben Reformansätze – im Hinblick auf intendierte und nichtintendierte Folgen?
  • Welche Ambivalenzen sind mit dem Verbleib oder Beharren bzw. mit Abbruch, Umbruch und Aufbruch in den unterschiedlichen Lebensbereichen junger Menschen für ihre Lebensverläufe-, Bildungs-, und Erwerbsbiographien verbunden?
  • In welchem Zusammenhang stehen nicht-lineare Bildungsverläufe mit individueller Kompetenzentwicklung jenseits des Erwerbs institutionalisierten Kulturkapitals? In welchem Umfang beeinflussen unterschiedliche Kompetenzen die Bildungs- und Erwerbskarriere? Welche Angebote existieren zur Anerkennung und Zertifizierung non-formaler und informell erworbener Kompetenzen? Welche Relevanz und Funktion haben Mehrfach(aus)bildungen aus individueller, gesellschaftlicher, institutioneller wie ökonomischer Sicht? Welches sind die Folgen der weiteren Ausdifferenzierung der Bildungslandschaft sowie der zu beobachtenden Tendenzen einer Akademisierung beruflicher Bildung bzw. einer Verberuflichung akademischer Bildung für die Kompetenzentwicklung?

Das wissenschaftliche Komitee zur Tagung besteht aus:

Irene Kriesi (Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung, Keynote)
Christian Imdorf (Universität Basel, Keynote)
Andreas Walther (Universität Frankfurt, Keynote [angefragt])
Mona Granato (BIBB/Sektion Bildung und Erziehung)
Elisabeth M. Krekel (BIBB)
Helmut Bremer (Universität Duisburg-Essen/Sektion Bildung und Erziehung)
Marcel Eulenbach (Universität Gießen/Sektion Jugendsoziologie)
Wolfgang Kühnel (Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin/Sektion Jugendsoziologie)
Christian Ebner (Universität zu Köln/BIBB/FiBus)
Daniela Rohrbach-Schmidt (BIBB/FiBus)

Die Konferenzgebühr beträgt 35 Euro. Doktoranden, die ein Vortragsangebot einreichen, können sich für eine finanzielle Unterstützung bei Reise- und Konferenzkosten bewerben. Bitte machen Sie bei der Einreichung eines Beitragsangebots kenntlich, ob Sie daran ein Interesse haben.

Kontakt: Tanja Kienitz-Adam (BIBB), Tel.: 0228-107-1123 bzw. LUASB(at)bibb(dot)de. Weitere Informationen werden auf der Tagungshomepage www.bibb.de/LUASB eingestellt.

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