Armutskonsum – Reichtumskonsum: Soziale Ungleichheit und Verbraucherpolitik

14. NRW-Workshop Verbraucherforschung

Ungleichheit, insbesondere Einkommens- und Vermögensungleichheit, wird seit der Studie „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty (2014) verstärkt als gesellschaftliches Problem wahrgenommen und kontrovers diskutiert. Die Frage, welche Auswirkungen die ungleiche Verteilung materieller Ressourcen auf Konsummuster und die Verbraucherpolitik haben, steht im Zentrum des 14. NRW-Workshops Verbraucherforschung, den das Kompetenzzentrum Verbraucherforschung NRW (KVF NRW) am 1. Juli 2019 veranstaltet.

1. Verfestigung von Armut und Reichtum

Armut, Ungleichheit und Prekarität sind verstärkt Gegenstand sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher, aber auch politischer Debatten geworden (Atkinson 2017). Das Versprechen der sozialen Moderne, das der Soziologe Ulrich Beck durch den „Fahrstuhleffekt“ beschrieben hat (Beck 1986), soziale Mobilität durch Bildung und Leistungsbereitschaft und damit die Gelegenheit zur individuellen Entfaltung unter Beibehaltung der Ungleichheitsrelationen, scheint durch eine soziale „Rolltreppe“ ersetzt zu werden: Während einige nach oben fahren, geht es für andere nach unten (Nachtwey 2016). Indikatoren wie die Lohnquote oder das Haushaltsäquivalenzeinkommen weisen auf eine stärkere Polarisierung hin: „Die Ungleichheit zwischen Reichen und Armen hat in den letzten zwanzig Jahren erheblich zugenommen […].“ (Nachtwey 2016, Kap. 32).

Im Jahr 2018 lebten rund 13,7 Millionen Menschen, das sind 16,8 Prozent der Bevölkerung, laut des Armutsberichts des Paritätischen Gesamtverbandes in Armut, nicht mitgezählt wurden Obdachlose und Menschen in Wohn- und Pflegeheimen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind. Noch 1991 lebten rund 11 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens. Der Anteil derjenigen, die trotz Arbeit in Armut leben hat zugenommen. (Aust et al. 2018) Umgekehrt, so zeigt es der Armuts- und Reichtumsbericht der Hans-Böckler-Stiftung, stieg die Quote der Reichen in Deutschland von 5,6 Prozent (1991) auf 7,5 Prozent im Jahr 2018 (Spannagel 2018). Laut World Wealth Report 2018 ist das Gesamtvermögen der sogenannten High-net-worth individuals, Personen, die über ein Vermögen über einer Million US-Dollar verfügen (weltweit ca. 18 Millionen Individuen), um 10,7 Prozent auf über 70 Billionen US-Dollar, gestiegen (Capegemini 2018).
Die Befunde zeigen, dass die Einkommensungleichheit zugenommen hat, die Zahl der mittleren Einkommen gesunken ist, und das sich Armut und Reichtum dauerhaft verfestigen (Spannagel 2018). Im Jahr 2013 verfügte die untere Hälfte der Bevölkerung in Deutschland über 17 Prozent der Einkommen, „während der Anteil des oberen Zehntels 40 Prozent betrug“ (Alvaredo et al. 2018, 155).

2. Ungleichheit und Konsum

Soziale Ungleichheit wirkt sich direkt auf Konsum und Konsumverhalten aus, etwa wenn aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen weniger oder nicht konsumiert werden kann oder Versorgungsarmut vorliegt. Einkommensarmut führt dazu, dass materielle und soziale Bedürfnisse nicht mehr hinreichend befriedigtwerden können. Die Sozio-ökonomische Berichterstattung zeigt auf, dass Formen von Armutskonsum existieren, die nicht als „Einschränken von Überfluss“ bewertet werden können, vielmehr wirken sie „sich unmittelbar auf die Möglichkeit gesellschaftlicher Teilhabe in verschiedenen Bereichen“ aus (Pfeiffer, Ritter und Oestreicher 2016, 1). Konsum spiegelt Ungleichheit wider, reproduziert sie oder bringt sie sogar hervor, wenn bspw. Kleidung, Onlinenutzung oder Ernährungsgewohnheiten als Merkmal sozialer Unterschiede gelten. Diese und andere Auswirkungen sozialer Ungleichheit und ihre Bedeutung für die Verbraucherpolitik sollen im Rahmen des Workshops analysiert werden.

3. Fragestellung, Themen und Fachgebiete

Im Mittelpunkt des Workshops steht die Frage, wie sich die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen auf Konsum- und Teilhabemuster auswirkt und welche gesellschaftlichen Konflikte dadurch ausgelöst werden. Zudem soll der Frage nachgegangen werden, ob und wie verbraucherpolitische Akteure auf die Folgen sozialer Ungleichheit reagieren. Im Fokus sollen folgende Themen stehen:

  • Armut und Ungleichheit führen dazu, dass Individuen und Haushalte ihre Grundbedürfnisse nicht mehr befriedigen können, sie leiden unter Formen der Versorgungsarmut, wie Energiearmut (Großmann, Schaffrin und Smigiel 2017) oder Ernährungsarmut (Pfeiffer 2014). So sind in zunehmendem Maße Menschen darauf angewiesen, ihre Versorgung mit Lebensmitteln durch Spenden und Tafeln zu ergänzen (Selke 2011).
  • Steigende Mietpreise, insbesondere in städtischen Regionen belasten einkommensschwache Personen im besonderen Maße. Es wird eine „gravierende Polarisierung der Mietbelastungsquoten“ beobachtet: „Etwa 1,3 Millionen Haushalte verfügen nach der Mietzahlung über Resteinkommen unterhalb des Niveaus der Regelsätze der sozialen Transferleistungen.“ (Lebuhn et al. 2017).
  • Die Überschuldung von Verbraucherinnen und Verbrauchern hat in den letzten Jahren stetig zugenommen: Über 6,9 Millionen Bürgerinnen und Bürger gelten als überschuldet und weisen „nachhaltige Zahlungsstörungen“ auf, das entspricht 10,04 Prozent der Bevölkerung (Creditreform Wirtschaftsforschung 2018).
  • Die Konsummuster und das Konsumniveau von Wohlstandschichten unterscheiden sich zum Teil erheblich: Schichten die in materieller Armut leben „können nur etwa die Hälfte des gesamtgesellschaftlichen Durchschnitts für den […] Konsum aufbringen“, bei „reicher Ressourcenausstattung“ hingegen „wird im Durchschnitt das Dreifache des Armutskonsums bzw. das 1,5-Fache des Gesamtdurchschnitts ausgegeben“ (Becker 2016b, 6).
  • Schichtspezifische Konsumniveaus können somit zu unterschiedlichen Teilhabemustern und sozialer Deprivation führen (Becker 2016a; Pförtner, Andreß und Hörstermann 2018). Somit wird soziale Ungleichheit durch Konsum reproduziert und verstärkt. Die getätigten Ausgaben für soziale, kulturelle und digitale Teilhabe sinken bei niedrigen Haushaltseinkommen (Pfeiffer, Ritter und Oestreicher 2016). Umgekehrt dient der Konsum von Gütern auch als Mittel der Distinktion (Bourdieu 1987).
  • Neue Formen des Konsums in der Dienstleistungsgesellschaft, insbesondere im Rahmen einer digitalen Gig-Ökonomie, schaffen oder fördern Niedriglohnjobs, welche bestehende soziale Ungleichheiten verschärfen und Kosten eines hohen Konsumniveaus externalisieren (Lessenich 2016; Staab 2014; 2016).
  • Luxuskonsum wurde im Anschluss an Veblen (2011) vornehmlich als Mittel der Distinktion bewertet, das Streben von wohlhabenden Schichten nach besonderen Objekten (bspw. Immobilien, Antiquitäten oder spezielle Lebensmittel) oder exklusiven Orten im Rahmen einer „Bereicherungsökonomie“ (Boltanski und Esquerre 2018) dient aber auch der Investition; „die individuellen Ausgaben der Reichen machen die herrschenden Klassen kollektiv reicher“ (Boltanski und Esquerre 2018, 513).
  • Angebote der Verbraucherberatung wurden bisher vor allem von Angehörigen der Mittel- und Oberschicht genutzt, sozial benachteiligte und einkommensschwache Bevölkerungsgruppen nutzten die bisherigen Angebote eher weniger, weshalb neue Formen, zum Beispiel die aufsuchende Verbraucherberatung im Quartier, entwickelt wurden (Vetter und Thorun 2017).

4. Kontakt

Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen e. V.
Stabsstelle VerbraucherforschungMintropstraße 27, 40215 Düsseldorf, Telefon: +49 211 38 09-0
Kompetenzzentrum Verbraucherforschung NRW | KVF NRW
E-Mail: verbraucherforschung(at)verbraucherzentrale(dot)nrw
Internet: www.verbraucherforschung.nrw
Twitter (@kvf_nrw): www.twitter.com/kvf_nrw

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