Das Politische im Biographischen

Jahrestagung der Sektion Biographieforschung der DGS an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, 16.-17. November 2017

Das Politische im Biographischen ist biographietheoretisch betrachtet eine Selbstverständlichkeit, da Biographien in gesellschaftspolitischen Kontexten entstehen und durch sie konstituiert sind.

So ist bisher eine Reihe empirischer Studien entstanden, die Politisches und Biographisches als miteinander Verbundenes erforschen und präsentieren. Zu nennen sind hier etwa die Forschungen zum Nationalsozialismus, zu sozialen und politischen Bewegungen, zu politischen Strafverfolgungen, zu politischer Partizipation, zu Transformationsprozessen, zur wechselseitigen Verzahnung von Biographien und Institutionen sowie zu Fragen von Flucht, Migration und Transnationalität, um hier nur einige Themenfelder zu nennen.

Politische Zugehörigkeiten können einerseits biographische Orientierung schaffen und Prozesse der Emanzipation, des zivilgesellschaftlichen Engagements, der Institutionalisierung von Interessenvertretungen und der Teilhabe an öffentlichen Diskursen befördern. Andererseits können durch politische Rahmungen soziale Kontroll- und Exklusionsmechanismen, Stigmatisierungen oder Diskriminierungen biographische Krisen- und Ausgrenzungserfahrungen ausgelöst werden. Diese beiden Dimensionen des Politischen – einerseits die Eröffnung von Handlungsmöglichkeiten und andererseits Praktiken der Anerkennungsverweigerung – müssen als dialektische Prozesse betrachtet werden, die sich als ambivalente, lebensweltliche Grunderfahrungen auf soziales Handeln und biographisches Erleben auswirken.

Trotz der Fülle an empirischen Studien zeichnet sich das Themenfeld „Biographie und Politik“ durch ein weitgehendes Fehlen eines konzeptionellen und theoretischen Diskurses über die spezifische Verbindung von Politischem und Biographischem aus, da sich das Forschungsfeld über verschiedene Disziplinen erstreckt, ohne in den meisten von ihnen systematisch verankert zu sein. Die erhebliche Heterogenität der Studien ist darauf zurück zu führen, dass mit verschiedenen Begriffen von Biographie gearbeitet wird, ebenso wie verschiedene Begriffe und Dimensionen von Politik verwendet werden. Auch wird unterschiedliches Quellenmaterial verwendet und auf die Anwendung unterschiedlicher Forschungsansätze und Auswertungsmethoden zurückgegriffen. Nicht zuletzt sind verschiedene Fragestellungen und Funktionen, die mit der Rekonstruktion von Biographien verbunden sind, festzustellen.

Mit der diesjährigen Jahrestagung 2017 soll die bereits vor einigen Jahren begonnene Diskussion über das Spezifische dieses Forschungsfeldes, die methodischen Zugänge und theoretisch-konzeptionellen Herangehensweisen in der Sektion Biographieforschung fortgesetzt und weiter vertieft werden.

Zu fragen ist beispielsweise:

  • Welche politischen oder weltanschaulichen Zugehörigkeiten und Vergemeinschaftungsformen sind handlungsleitend und orientierungswirksam?
  • Wie wirken sich politische Diskurse, Ideologien und Ansätze auf Lebensgeschichten aus und inwiefern bleiben Biographinnen und Biographen davon unbeeinflusst?
  • Inwiefern sind politische Vergemeinschaftungsprozesse und das Entstehen bzw. die Veränderung von sozialen (und politischen) Bewegungen biographisch bedingt?
  • Welche soziologisch relevanten Dimensionen und Ausdrucksformen des Politischen lassen sich biographieanalytisch rekonstruieren?
  • Welche Rolle spielen Macht, Diskurse, Öffentlichkeiten, symbolischen Politiken, Aushandlungs- und Interaktionsprozesse, Stigmatisierungen, Ausgrenzungen, Anerkennungen, Partizipationsmöglichkeiten?
  • Welche biographischen Ressourcen und eigensinnigen Sinnsetzungen stellen Biographen und Biographinnen Ausgrenzungs- und Stigmatisierungserfahrungen entgegen und welche biographische Bedeutung kommt ihnen zu?
  • Sind biographische Strategien zu finden, gesellschaftliche Grenzziehungen umzudeuten, zu umgehen oder ihnen Widerstand entgegen zu setzen oder kommt es zu Aneignungsprozessen?
  • Wie wirkt sich politisches, professionelles Handeln auf Biographien von Politiker_innen aus?

Die Tagung wird vorbereitet von:

Martina Schiebel: martina.schiebel(at)uni-oldenburg(dot)de,

Michaela Köttig: koettig(at)fb4.fra-uas(dot)de,

Tina Spies: tina.spies(at)uni-potsdam(dot)de,

Irini Siouti: irini.siouti(at)univie.ac(dot)at,

Erika Gericke: erika.gericke(at)ovgu(dot)de

Zum Call for Papers (PDF).