Die Entgrenzung der Freundschaft. Zum Wandel von Freundschaftssemantik und Freundschaftspraxis in modernen Gegenwartsgesellschaften

Workshop am 15. November 2019 im Institut für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Spätestens seit Fischers klassischer Studie „What do we mean by ‚friend‘?“ (Fischer 1982) wird der Begriff der Freundschaft in der Soziologie als eine Art Residualkategorie verstanden. Das Wort Freund werde – so Fischers Behauptung – nicht zuletzt für solidarische Nahbeziehungen verwendet, für die keine präzisere Kategorie zur Verfügung steht: Mit dem Wort „Freund“ werden demzufolge primär nicht-familiale, nicht-verwandtschaftliche, nicht-sexualisierte, affektiv besetzte Intimbeziehungen gemeint. Was für Fischer (1982) eine wichtige Bedeutung des Wortes war, wurde im Nachgang in der sozialwissenschaftlichen Feldforschung zu einer eng gefassten Definition. Die jüngere soziologische Freundschaftsforschung hat sich von dieser Begriffsverkürzung wieder verabschiedet. Freundschaft wird mehr und mehr als eine Beziehungsform verstanden, die quer zu den eingespielten Unterteilungen von Familien-, Arbeits-, und Freizeitbeziehungen liegt. Dieser Abschied vom Restbegriff der Freundschaft suggeriert eine These: Die Freundschaft verlässt heute zusehends (wieder) den engen Rahmen, den ihr die Nachkriegsgesellschaften der 1950er und 1960er gegeben hatten. Im Zentrum des Workshops steht daher die Frage: Beobachten wir eine Entgrenzung der Freundschaft? Dieser Frage soll entlang von vier Themenkomplexen nachgegangen werden:

Familie und Freundschaft

Bestimmte Freundschaftstypen schmiegen sich traditionell eng an die Familie an. Übliche Freundschaftstypen wie der verwandte Freund, der Familienfreund und der Wahlverwandte deuten es an: Die Grenze zwischen Familie und Freundschaft war vermutlich schon immer durchlässiger und schwammiger als die bisher dominante Restbeziehungssemantik vermuten lässt. In alternden, kinderarmen Gesellschaften werden Fragen nach freundschaftlichen Sorgegemeinschaften besonders akut (Hahmann 2013): Das was herkömmlicherweise der Begriff der „Familie“ meint, wird mitunter porös, und freundschaftliche Beziehungen treten oftmals an die Stelle von biologisch-genetischen Verwandtschaftsbeziehungen. Ähnliche Überlegungen drängen sich bei „neuen“, „nicht traditionellen“ Familienformen, allen voran LGBT und Patchworkfamilien auf (Biblarz und Savci 2010; Peuckert 1991; Meintz 2009; Golombok 2012, u.v.a.): Sie sind oftmals von freundschaftlichen Verhältnissen durchzogen (Roseneil 1999; Roseneil und Budgeon 2004; Spencer und Pahl 2006). Konstellationen, in denen etwa zwei gleichgeschlechtliche Paare zusammen Kinder großziehen, ein lesbisches Paar die Unterstützung eines Samenspenders in Anspruch nimmt oder ein schwules Paar mithilfe einer Leihmutter und einer Eizellenspenderin ein Kind bekommt, erfordern oft erhebliche Beziehungsarbeit und Aushandlungen, wer zur Familie gehört. Häufig sind jedoch mehr als zwei Personen an der Elternschaft beteiligt, und das Festhalten der Soziologie sowohl am Triadismus (Sutterlüty und Mühlbacher 2018) als auch an einem engen Familienbegriff wird damit fragwürdig. Besteht eine dauerhafte affektive Bindung/eine positive Beziehung zwischen biologischen, genetischen und sozialen Eltern, entsteht eine kollektive Lebensform, die sich ggf. als hybrides Freundschaftsfamiliennetzwerk rekonstruieren lässt. Der Wandel der familialen Lebensformen in sich ausdifferenzierenden, demographisch schrumpfenden Gesellschaften zwingt daher, die beiden traditionellen Fragen der Freundschafts- und der Familiensoziologie zusammen und vor allem zugleich erneut zu stellen: Was ist eigentlich Familie, wenn das Freundschaft ist und was ist Freundschaft, wenn das Familie ist?

Sexualisierte Freundschaftsformen

Die Grauzone zwischen Freundschaft und romantisch-erotischer Partnerschaft hat genealogisch System. Schon Luhmann (1982) erkannte in „Liebe als Passion“ die Freundschaft als eine Konkurrenzsemantik zur Liebessemantik. Welche »das Rennen gemacht hat« ist jedoch weniger klar, als Luhmann seiner Zeit zu erkennen glaubte. Vieles deutet im Moment auf eine (Wieder-)Ausdehnung der Freundschaftssemantik hin. Dafür spricht etwa, dass der Grenzbereich, den sexualisierte Freundschaften als affektiv-aufgeladene Nahbeziehungen mitbesiedeln, heute wieder salonfähig wird. Begriffe wie „Fuckbuddy“, der Mitte der 1980er populär wurde und „Friends with benefits“, der in den 2000ern populär wurde, deuten darauf hin, dass die strikte Grenze zwischen nicht-körperlicher, ideeller und der sexuell aufgeladenen Freundschaft oder Beziehung auch in westlichen Ländern gerade brüchiger und durchlässiger wird. Die schwache These muss daher lauten, dass sich seit Ende der 1980er Jahre eine Reihe von Beziehungssemantiken etabliert hat, die den normativen Ausschluss von Sex aus Freundschaften in Frage zu stellen. Die starke These besagt zuzüglich, dass diesen Beziehungssemantiken eigenständigen Lebensformen entsprechen.

Digitale Freundschaften

Die historische Konjunktur bestimmter Kommunikationsmedien ist für die Freundschaftsforschung von nicht geringer Bedeutung, weil Kommunikationsmedien weitreichende Konsequenzen für die Praktiken, Ideale und Formen sozialer Beziehungen haben. Für die Freundschaft kann der Wert dieser These durch die einstmals geradezu revolutionäre Praktik der Freundschaftspflege durch vertrauliche Briefe illustriert werden. Spätestens in der Spätaufklärung/Frühromantik hat sich der Freundschaftsbrief zu einem eigenen Genre mit eigenen stilistischen und thematischen Konventionen entwickelt, in dem die Sprache der Gefühle und der geistige Austausch dominieren (Kühner 2016). Im vertraulichen Brief artikulieren sich daher mit Vorliebe Freundschaften eines bestimmten Typs: exklusive, intime Zweier-Beziehungen. Das Internet ist unter Umständen eine mediale Innovation mit ähnlicher Tragweite wie der Freundschaftsbrief. In diesem Rahmen drängen sich daher bestimmte Fragen geradezu auf: Wie verändern sich die Praktiken der Freundschaftspflege im Internet? Wie verändert das Internet die Idealvorstellungen der Freundschaft? Entstehen durch digitale Medien neue Freundschaftstypen? Oder als Entgrenzungsthese formuliert: Gibt es eine Landnahme der Freundschaft im Netz?

Freundschaft und Arbeit

Wie sich die Rolle von Freundschaften in und um Arbeit herum verändert, ist von besonderer Brisanz: Einerseits ist zu mutmaßen, dass Freundschaften unter der Bedingung flexibler Arbeitsverhältnisse unter besonderen Druck geraten. Etwa ist bekannt, dass Menschen, die sich um ihren Arbeitsplatz fürchten, im Durchschnitt weniger enge Freunde nennen. Mutmaßlich beschränken die hohen Leistungsanforderungen die privaten Beziehungen jenseits der Arbeitszeit, was gleichzeitig die relative Bedeutung der persönlichen Beziehungen und somit der Freundschaft am Arbeitsplatz erhöht. Die Entgrenzung und Prekarisierung der Arbeit führt daher positiv aufgefasst zu einer „Verfreundschaftlichung der Arbeitsverhältnisse“, deren Schattenseite die „Verbetrieblichung der Lebensführung“ ist (Pongratz und Voß 1998). Aber selbst wenn man eher der positiven Deutung zuneigt, ist zuzugestehen, dass Belegschaften, die stark von Freundschaftsbeziehungen durchwoben werden, einige Sprengkraft bergen: Konflikte dürften schneller zu Polarisierungen und Endsolidarisierungen innerhalb der Belegschaft führen, weil Freundschaftsnetzwerke dazu tendieren, sich entlang von Freund/Feind-Grenzen zu spalten (Holland und Leinhardt 1970). Die „Verfreundschaftlichung der Arbeitsbeziehungen“ kann daher auch als Teil einer Strategie der Horizontalisierung betrieblicher Herrschaftskonflikte (Staab 2015, Costas 2012) verstanden werden. Sie wäre daher Kapitalismus- und Herrschaftskritisch zu hinterfragen. Ferner ist anzumerken, dass die hier gestellten Diagnosen selbst unsicher sind. Insgesamt stellt sich daher die offene Frage: Wie verändert der Wandel der Arbeit Freundschaft und wie wirkt der Wandel der Freundschaft auf den Wandel der Arbeit zurück?

Der Workshop findet am 15.11.2019 im Institut für Sozialforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main statt und wird von Dr. Sabine Flick (IfS), Leoni Linek, M.Sc. (Humboldt Universität zu Berlin) und Dr. Janosch Schobin (Universität Kassel) veranstaltet. Für die Auswahl der Vorträge ist ein Review-Verfahren vorgesehen. Abstracts (maximal 300 Wörter) werden bis zum 31.05.2019 per Email an die drei Veranstalter*innen unter folgenden Adressen erbeten:

s.flick(at)em.uni-frankfurt(dot)de (Sabine Flick)

leoni.linek(at)hu-berlin(dot)de (Leoni Linek)

jschobin(at)uni-kassel(dot)de (Janosch Schobin)

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