Die Fabrikation von Demokratie. Baustellen performativer politischer Repräsentation

Tagung am 5. und 6. Dezember 2019 an der Universität Duisburg-Essen (Campus Duisburg)

Die Tagung wird organisiert von Renate Martinsen (Duisburg) und Jan-Peter Voß (Berlin) im Rahmen der Arbeitskreise Konstruktivistische Theorien der Politik sowie Politik, Wissenschaft und Technik in der DVPW, mit Unterstützung der Sektion Politische Soziologie in der DGS.

Praxis und Kultur der Demokratie sind kontinuierlich im Werden. Darüber kann auch die historische Dominanz und weitgehende Naturalisierung des liberal-repräsentativen Demokratiemodells mit Parteienwettbewerb und Wahlen nicht hinwegtäuschen. Gegenwärtig wird auf etlichen Baustellen mit einer Vielfalt alternativer Formen experimentiert, den Volkswillen oder den „will of the people“ zu artikulieren, um ihn zum Maßstab der Gestaltung kollektiver Ordnungen zu machen. Die Liste der Beispiele solcher Praktiken von „democracy in the making“ reicht von Techniken der Meinungsumfrage (opinion polling) und des automatisierten Herauslesens der öffentlichen Meinung aus digitalen Interaktionsdaten (opinion mining) über webbasierte Werkzeuge zur Vermittlung von Angebot und Nachfrage bei Wahlen (voter advice applications), neue Formen der Repräsentation von Anspruchsgruppen im Kontext globaler Governance (stakeholder fora) und die Verbreitung deliberativer Bürgerformen als flexibel einsetzbare Instrumente zur Artikulation öffentlicher Meinungen (mini-publics) bis hin zur ästhetischen Artikulation politischer Positionen in Platzbesetzungen, Kunstaktionen und experimentellen Lebensformen (performative interventions). Ob dezidiert als Demokratieinnovation entworfen oder im weiteren Sinne als politische Verfahren, so gibt es doch eine Gemeinsamkeit dieser bunt-schillernden Praktiken: Im beständigen Kampf um die Definition des Gemeinwohls werden kollektive Positionen sichtbar gemacht, die auf unterschiedliche Weise den Anspruch erheben, im Namen des Volkes zu sprechen. Die Arbeit an all diesen Verfahren, die jeweils für sich reklamieren, die Wünsche, Werte, Interessen, Bedürfnisse oder Sorgen der Gesellschaft zu repräsentieren, trägt so de facto dazu bei, den Demos jeweils auf eine bestimmte Art und Weise zu realisieren und damit einen Bezugspunkt für die Generierung politischer Autorität anzubieten (vgl. Pierre Rosanvallon „general economy of representation“).

Viele dieser Praktiken lassen sich jedoch innerhalb der gewohnten Zugänge empirischer Demokratieforschung, die Demokratie als vorgängige Ordnung konzeptualisiert, und nicht als Realität, die durch praktizierte Kultur- und Lebensformen erst hervorgebracht wird, nicht erfassen. Zur Vergegenwärtigung des dynamischen und performativen Charakters demokratischer Ordnungen bedarf es der Entwicklung einer neuen Form von deskriptiv-analytischer Demokratieforschung im Rahmen eines konstruktivistischen Forschungsdesigns.

Ansetzen lässt sich diesbezüglich bei konstruktivistischen Theorien politischer Repräsentation, die untersuchen, wie kollektive politische Subjekte durch ihre Repräsentation erst hervorgebracht werden (siehe hierzu etwa Pierre Bourdieu, Judith Butler, Brian Seitz, Bruno Latour, Michael Saward, Lisa Disch). Repräsentation wird hierbei in zweierlei Hinsicht als „perfomativ“ konzipiert: Erstens wird das Kollektiv als Einheit erst in den Praktiken der Repräsentation existent, durch Darstellungen seiner selbst, und zweitens ist es für den Erfolg dieser Operation erforderlich, dass diese Darstellungen gleichzeitig aber doch als Repräsentation, also als neutrale Spiegelung von etwas schon vorgängig Existentem, aufgeführt wird, und nicht etwa als Erfindung oder Manipulation. Hier liegt ein Kern der Magie politischer Autoritätsgenerierung. Diese resultiert in der Fabrikation von Kollektivsubjekten, die dann vermittelt über ihre Repräsentation, auch faktisch existent werden.

Im Rahmen eines praxis-/kultursoziologischen Zugangs geht es nicht um eine Beurteilung der demokratischen Qualität dieser Praktiken, indem die Übereinstimmung der erzeugten Repräsentationen mit einem vorgängig gegebenen Kollektivwillen untersucht wird. Vielmehr wird fokussiert auf eine Beschreibung konkreter Praktiken performativer politischer Repräsentation und ihrer Ermöglichungsbedingungen. Dabei interessieren analytisch auch die impliziten Ontologien, die „democratic imaginaries“ (Yaron Ezrahi), die darin transportiert werden. Auf welche Grundannahmen zu menschlicher Subjektivität, Gesellschaft und Politik wird in den verschiedenen Praktiken jeweils rekurriert (z.B. Gesellschaft als Ansammlung von autonomen Individuen, als geteilte Lebens- und Sinnwelt, als Herrschaft und Unterdrückung bzw. Ausschluss)?

In einem weiteren Schritt können wir ins Visier zu nehmen, wie sich verschiedene Praktiken der Repräsentation des Demos herausbilden und etablieren. Neben Prozessen der spontanen historischen-emergenten Formierung finden wir Aktivitäten, in denen Repräsentationsverfahren gezielt entworfen, modelliert und experimentell entwickelt werden. Im Rückgriff auf Forschungsansätze der Science and Technology Studies (z.B. Karin Knorr Cetina, John Law) kann untersucht werden, wie politische Repräsentationspraktiken wissenschaftlich und technisch konfiguriert werden und wie komplexere materiell-semiotische Arrangements konstruiert werden, in denen sie Effektivität und Geltung erlangen. So entwerfen Demokratietheorien logisch konsistente Ordnungen des Demos und seiner Repräsentation, innerhalb derer begründet wird, warum auf welche Weise legitim im Namen des Volkes gesprochen und regiert werden kann. Die innerhalb dieser Theorien entwickelten empirischen Forschungsmethoden und Repräsentationsverfahren können hinsichtlich ihres Beitrags zur Herstellung und Stabilisierung einer spezifischen Realität der Demokratie untersucht und als unterschiedliche Demokratietechnologien analysiert werden: als Rationalisierungen (-logien) der Fertigkeit (techne), im Namen des Volkes zu sprechen bzw. legitime Demonstrationen des „will of the people“ zu artikulieren.

Schließlich sind Prozesse zu analysieren, in denen bestimmte Praktiken und Verfahren der performativen Repräsentation des Demos miteinander im Wettbewerb stehen und einige historisch und örtlich umgrenzt Dominanz gewinnen. Hier liegt der Blick auf der Auseinandersetzung um die Durchsetzung miteinander rivalisierender Demokratieformen, wobei Demokratie nicht nur stets „im Kommen“ (Jacques Derrida), sondern auch „im Gehen“ (André Brodocz) ist. In der Zusammenschau einzelner Repräsentationspraktiken zeichnet sich das größere Bild eines dynamisierten Prozesses von demokratischer Ordnungsbildung und Entgrenzung ab. Zugleich eröffnet sich in der Analyse dieser Dynamiken ein Ausblick auf potenzielle Zukünfte der Demokratie im Sinne eines öffentlich verhandelten Vision Assessments (John Grin, Arnim Grunwald) bzw. der konstruktiven Folgenabschätzung (Arie Rip) für Demokratietechnologien unter der Frage: „Welche Demokratie wollen wir?“

Die Tagung hat zum Ziel, die Vielfalt der Baustellen gegenwärtig entstehender Formen der Demokratie zu erkunden, in denen die Repräsentation eines kollektiven Willens des Demos praktiziert wird, und die Art und Weise zu analysieren, wie Demokratie dort jeweils praktisch in unterschiedlichen materiellen Konfigurationen gemacht wird. Solange nicht eine einzige Art und Weise im Namen des Volks zu sprechen und zu handeln hegemonial ist, existiert hier der Demos als Multiplizität („the demos multiple“ im Anschluss an Annemarie Mol).

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