Die Organisation von Familie, Generativität und Geschlecht zwischen Re-Naturalisierung und Vergesellschaftung

Workshop an der Ruhr-Universität Bochum, 6.–8. November 2019

Vor allem in medialen und politischen Diskursen zum nachhaltig niedrigen Geburtenniveau in Deutschland, insbesondere der sogenannt deutschstämmigen Bevölkerung, greift trotz einer inzwischen weit ausgereiften Theoriebildung zu Geschlecht als sozialer Konstruktion die Betonung der »Natürlichkeit« der Geschlechterdifferenz um sich. Generativität scheint schwerlich ohne Rückbezug auf die »Natur« vorstellbar zu sein. So werden traditionelle Vorstellungen der bürgerlichen heterosexuellen Familie betont, die auf einer lebenslangen ehelichen Verbindung von Frau und Mann mit leiblichen Kindern und damit verbundenen Geschlechtszuständigkeiten beruht, in denen Frauen die Reproduktionsarbeit und Männern die Erwerbsarbeit zugewiesen wird und Sexualität vornehmlich der biologischen Fortpflanzung dient. Damit werden die naturalisierenden Zuschreibungen an die traditionelle Arbeitsteilung der Geschlechter diskursiv (wieder)belebt, die im Zuge der Polarisierung der Geschlechtscharaktere im 18. und frühen 19. Jahrhundert formuliert wurden und die moderne »Tradition« der (bürgerlichen) Familie als dominanter Lebensform und der mit dieser verknüpften Geschlechterverhältnisse begründeten. Diese Zuschreibungen treffen sich mit Beobachtungen aus der Alltagspraxis in zeitgenössischen heterosexuellen Paarbeziehungen, in denen der Geburt des ersten Kindes zumeist eine Re-Traditionalisierung und Re-Naturalisierung der Geschlechterkonstruktionen folgt – teilweise mit Referenz auf die »natürliche« Zuständigkeit der Mutter für das (Klein-)Kind, aus der eine spezifische geschlechtliche Arbeitsteilung abgeleitet wird.

Daneben zeigen Entwicklungen, dass Familie, Generativität und Geschlecht gesellschaftlich noch nie so stark entkoppelt waren wie heute. Neue Formen des (generationenübergreifenden) Zusammenlebens, Sexualpraktiken, Reproduktionstechnologien und Generativität entwickeln sich demnach im Zuge vielfältiger »Wahlmöglichkeiten«, in denen das Geschlecht und seine »Natürlichkeit« an Bedeutung zu verlieren scheint sowie neue Formen des Kinderkriegens und -habens und der sozialen Praktiken von Geschlecht ausprobiert werden, auch jenseits heterosexueller Lebensformen. Werden Familie, Generativität und Geschlecht also nachhaltig de-naturalisiert? In wissenschaftlichen und öffentlichen Diskursen wird jedenfalls derzeit immer wieder unter Bezugnahme auf Vergesellschaftungsprozesse ein »Bedeutungsverlust« der kategorialen Wirkung von Geschlecht diskutiert, zumindest im Hinblick auf die individuelle Lebensführung im sogenannten Privaten, in dem Familie(ngründung), Generativität, Sexualität und die biologische Fortpflanzung verortet werden.

In diesem widersprüchlich wirkenden Nebeneinander von Stabilität und Wandel von Geschlecht scheint der Generativität als Fundament der gesellschaftlichen Reproduktion eine besondere Bedeutung zuzukommen, denn in der Familie(ngründung) und in neuen familialen Lebensformentreffen »Natur« und »Gesellschaft« in spezifischer Weise unvermittelt aufeinander: Ist die Entscheidung über das Ob, Wie und Wann der Familiengründung wie auch die Wahl der*s Partner*in inzwischen im Zuge von Modernisierungsprozessen dem »reproduktiven Handeln« (Dackweiler 2006) der Individuen überlassen und somit nahezu vollständig vergesellschaftet, so scheint die »Natur« im Zuge der Fortpflanzung spätestens nach der Geburt des ersten Kindes in heterosexuellen Paarbeziehungen an Wirkmächtigkeit zu gewinnen und re-naturalisierende Zuschreibungen an die Geschlechter sowie tradierte Muster der geschlechtlichen Arbeitsteilung (wieder) wachzurufen. Auf der gesellschaftlichen Mikroebene wirkt Generativität also als ein spezifischer Auslöser beziehungsweise Verstärker für die Re-Naturalisierung der Geschlechterarrangements in heterosexuellen Paarbeziehungen, die zugleich auf der gesellschaftlichen Makroebene durch sozialen Wandel und auf der gesellschaftlichen Mesoebene durch gleichstellungspolitische Regulierungen als in Veränderung befindlich angesehen wird, obgleich auch auf diesen Ebenen noch traditionalisierende Elemente wirken. Dieses vermeintlich widersprüchliche Auseinanderklaffen zwischen der Makroebene gesellschaftlicher Strukturen und Ordnung, der Mesoebene der Institutionen und Organisationen und der Mikroebene der handelnden Individuen ist bisher soziologisch wenig begriffen.

Bisher mangelt es sowohl in der soziologischen Theoriebildung als auch in der Frauen- und Geschlechterforschung an theoretischen Konzeptualisierungen der gesellschaftlichen Organisation von Familie, Generativität und Geschlecht und der damit augenscheinlich verbundenen widersprüchlichen Vermittlungsprozesse von Re- und De-Naturalisierung, Produktion und Reproduktion, Stabilität und Wandel wie von Re-und Ent-Traditionalisierung im Kapitalismus. »Klassische« und zeitgenössische Gesellschafts-theorien setzen sich nur wenig mit der Bedeutung von Familie und Generativität für die soziale Entwicklung und sozialen Wandel auseinander. Bevölkerungs-und Gesellschaftsentwicklung werden kaum als miteinander verbunden gedacht. Auch die Bedeutung der »Re-und De-Naturalisierung« beziehungsweise der »Vergesellschaftung« der Geschlechterdifferenz und -verhältnisse bleibt unterbelichtet.

An diesen Desideraten setzt der geplante Workshop an. Ziel ist die systematische Auslotung von Gesellschaftstheorien und Zeitdiagnosen im Hinblick auf Verknüpfungsmöglichkeiten mit zentralen Einsichten der Frauen-und Geschlechterforschung. Der thematische Fokus, an dem diese Verknüpfung exemplarisch geprüft beziehungsweise ausbuchstabiert werden soll, liegt dabei auf der sozialen Organisation von Familie, Generativität und Geschlecht im Kapitalismus, deren Komplexität bisher in Gesellschaftstheorien und Zeitdiagnosen allenfalls randständig behandelt wird und angesichts der sozial wie politisch anhaltenden Bedeutung von Generativität als bisher unhintergehbares Fundament der gesellschaftlichen Reproduktion und der Familie als dessen vermeintlicher »Keimzelle« gesellschaftstheoretischer und zeitdiagnostischer Durchdringung und geschlechtertheoretischer Reflexion bedarf.

Im Workshop soll analysiert werden, wie ausgewählte Gesellschaftstheorien und Zeitdiagnosen die gesellschaftliche Organisation von Familie und ihrer generativen Funktion thematisieren und inwiefern sie die offenbar im sozialen Wandel fragwürdig gewordene vermeintliche Selbstverständlichkeit der Generativität und ihrer »Natürlichkeit« problematisieren. (Wie) Werden dabei Geschlecht(lichkeit), Geschlechter-beziehungen und/oder -verhältnisse berücksichtigt? Wie werden in den analysierten Gesellschaftstheorien und Zeitdiagnosen Stabilität und Wandel von Geschlecht(lichkeit), Geschlechterbeziehungen und/oder -verhältnissen mit der gesellschaftlichen Organisation von Familie und Generativität verbunden? Welche Rolle kommt dabei Re-Naturalisierungs- und/oder Vergesellschaftungsprozessen zu? Des Weiteren soll erörtert werden, wie ausgewählte Gesellschaftstheorien und Zeitdiagnosen hinsichtlich der gesellschaftlichen Organisation von Familie, Generativität und Geschlecht ergänzt, revidiert und/oder weitergedacht werden könnten. Auf diese Weise sollen die Erkenntnispotenziale von Gesellschaftstheorien und Genderforschung exemplarisch für die dialogische Weiterentwicklung von Theoriebildung und Zeitdiagnose genutzt werden. Auch kritische Reflexionen von Theorien, Begriffen und Konzepten sind willkommen.

Das Spektrum der zu diskutierenden Gesellschaftstheorien und Zeitdiagnosen kann breit sein; beispielsweise wären Auseinandersetzungen mit den Arbeiten von Theoretikern wie Marx, Simmel, Elias, Foucault, Bourdieu, Giddens oder Beck denkbar. Darüber hinaus könnten auch Bevölkerungstheorien in den Blick genommen werden, etwa von Malthus oder van de Kaa und Lesthaeghe. Theorievergleichend angelegte Beiträge sind ebenfalls willkommen. In den Beiträgen sollten im Sinne des Dialogcharakters explizite Bezüge zu geschlechtertheoretischen Begriffen und Konzepten hergestellt werden.

Kontakt: Prof. Dr. Heike Kahlert (conference-sozsug(at)rub(dot)de, siehe auch: http://www.sowi.rub.de/sozsug/)

!Bitte beachten Sie: Für den Workshop wird voraussichtlich eine Teilnahmegebühr (max. 150 Euro) erhoben werden müssen, die für die Bereitstellung der Workshop-Unterlagen und das Catering während der Kaffee-und Mittagspausen verwendet werden wird. Reise- und/oder Übernachtungskosten können leider nicht übernommen werden!

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