Die Zukunft der Arbeit

Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie 2019

Für die meisten von uns ist Arbeit Hauptquelle für Lohn und Status. Sie definiert, wer wir für uns selbst und für andere sind. Aber Arbeit verändert sich, und die sozialen und politischen Auswirkungen der entstehenden Formen von Arbeit sind unklar.

Seit den 1970er Jahren beschäftigt der Dienstleistungssektor in den wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern einen größeren Teil der Arbeitskräfte als das verarbeitende Gewerbe. Darüber hinaus ist die Zahl der Frauen in der Belegschaft drastisch gestiegen, obwohl weiterhin geschlechtsspezifische Ungleichheiten bei den Löhnen, Einstellungen, Beförderungen und Behandlungen am Arbeitsplatz bestehen. Gleichzeitig prägen die aktuellen technologischen Entwicklungen – insbesondere in der IT-Branche und in den Biowissenschaften – Arbeitsroutine und Arbeitsmärkte weltweit. Risikokapital, Start-ups und Online-Plattformen treiben zunehmend Geschäft und Innovation voran.

In diesem Kontext ergeben sich neue Möglichkeiten für kreative Menschen, die flexible Arbeitszeiten und mehr Mobilität genießen. Die technologiegetriebene "Gig Economy" bietet auch für wenig qualifizierte Arbeiter und Arbeiterinnen neue Einkommensalternativen. Dabei werden soziale Identitäten neu definiert. Aber Robotik und Automatisierung, gepaart mit wirtschaftlicher Globalisierung, führen auch dazu, dass traditionelle Arbeitsplätze der Arbeiterklasse in den reicheren Teilen der Welt allmählich verschwinden. Und die Beschäftigungsstabilität wird durch die Finanzialisierung der Wirtschaft untergraben, was sich auch auf die soziale Ungleichheit auswirkt. Befristete Arbeitsverhältnisse, unfreiwillige Teilzeitarbeit, oder Zeitarbeitsvereinbarungen – was gemeinhin als "Nicht-Standard-Beschäftigung" bezeichnet wird – hat in vielen Bereichen gut bezahlte, sichere und dauerhafte Arbeitsplätze ersetzt. Tatsächlich hat sich die Unterscheidung zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit im Zuge der digitalen Revolution zunehmend verwischt.

Diese Entwicklungen haben das Potenzial, Gesellschaften grundlegend zu verändern. Sie wirken sich auf jede Form der sozialen Organisation aus, von Familien und Haushalten bis hin zu Quartieren und Städten; von lokalen und transnationalen Gemeinschaften, sozialen Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen, Krankenhäusern und Gesundheitsdienstleistern, bis hin zu öffentlichen Bürokratien und politischen Systemen. Viele dieser Veränderungen müssen von den Sozialwissenschaften noch gründlich analysiert werden. Wie wirken sich Forderungen nach geografischer Mobilität und Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit von Fachkräften auf Paare und Familien aus? Stört das Fehlen eines stabilen Einkommens die traditionellen Strategien der Haushaltsbildung und -reproduktion? Welche psychischen und physischen Gesundheitsprobleme sind auf prekäre Lebensbedingungen zurückzuführen? Und welche Fähigkeiten sollten die Schulen der nächsten Generation von Arbeitnehmern vermitteln? Sollte beispielsweise die "Digitalisierung" der Primarschule Priorität haben?

Die Aufgabe ist dringend, weil die politischen Entscheidungsträger schlecht gerüstet erscheinen, um die gesellschaftlichen Herausforderungen anzugehen, die sich aus der Veränderung der Arbeit ergeben. Tatsächlich wirft die Verbreitung von atypischen Arbeitsplätzen neue regulatorische Fragen in Bezug auf die Rechte der Arbeitnehmerschaft, die Pflichten der Arbeitgeberschaft und die Rolle des Staates auf. Darüber hinaus fehlt es wichtigen Teilen der Erwerbsbevölkerung an territorialer Verankerung (z.B. Telearbeit) und sie entziehen sich nationalen Regelungen. Auch die Sozialversicherungssysteme müssen sich anpassen, um gefährdete Gruppen wie Behinderte, ältere Menschen und Unterbeschäftigte zu schützen. Darüber hinaus schaffen Bemühungen zur Rettung von Arbeitsplätzen in der Produktion, wie beispielsweise die protektionistischen Maßnahmen von Donald Trump, geopolitische Spannungen in einer Welt, in der Nationalstaaten viel von ihrer Macht an transnationale Unternehmen verloren haben.

Mit dem Thema "Die Zukunft der Arbeit" lädt die Schweizerische Gesellschaft für Soziologie die Schweizer und internationale akademische Gemeinschaft ein, über Veränderungen nachzudenken, die nicht nur die Arbeitswelt und die Wirtschaft, sondern die Gesellschaft als Ganzes betreffen. Mit ihren methodischen Werkzeugen hat die Soziologie das Potenzial, neue Perspektiven, Konzepte, Maßnahmen und Indikatoren zu entwickeln, um die sich verändernden Realitäten der Arbeit zu erfassen. Ihre Fähigkeit, diese Herausforderung anzunehmen, wird auch die Zukunft der Soziologen und ihrer Arbeit prägen.

Für mehr Informationen gehen sie bitte auf www.unine.ch/socio/sociocongress2019 oder kontaktieren Sie uns per email: socio.congress(at)unine(dot)ch.

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