Differenzierungskulturen - Zu einer kultursoziologischen Wende der Differenzierungsforschung

Workshop des Käte Hamburger Kollegs "Recht als Kultur" in Bonn

Die Theorie funktionaler Differenzierung hat in ihrem klassischen Zuschnitt immer wieder auch Kritik auf sich gezogen und Debatten angestoßen, die die Theorieentwicklung der letzten Jahrzehnte maßgeblich mitbe­stimmt haben. Vor diesem Hintergrund mehren sich in der jüngeren Vergangenheit die Versuche, gesellschaftliche Differenzierung aus der Perspektive alternativer Ansätze in den Blick zu nehmen, etwa im handlungstheoretischen Anschluss an Weber oder unter Rückgriff auf Bourdieus Feldtheorie. Zu den bereits etablierten Kritikpunkten gesellt sich aber auch eine wachsende Skepsis gegenüber der Annahme, dass „funktionale Differenzierung“ als ein grundlegendes Struk­turprinzip wesentlich okzidentaler Provenienz im Zuge gesellschaftlicher Entwicklung global diffundiere und so die Regionen der Weltgesellschaft allenfalls noch daraufhin befragt werden könnten, in welchem Umfang sich dieses Prinzip funktionaler Differenzierung in ihnen jeweils („bereits“) durchgesetzt habe. Nicht zuletzt die parallel laufende Kritik an der klassischen Modernisierungstheorie setzt diese Homogenitäts- und Diffusionsannahme nachhaltig in Zweifel und betont vielmehr die globale Vielfalt moderner Gesellschaftsformen und Strukturmuster. Damit aber stellt sich für die differenzierungstheoretische Diskussion die bislang nicht ausreichend systematisch aufgeworfene Frage nach unterschiedlichen Differenzierungspfaden, -mustern oder gar: Differenzierungskulturen, die im Rahmen dieses Workshops einer vergleichenden Betrachtung unterzogen werden sollen.
 
Wie aber ist eine Theorie gesellschaftlicher Differenzierung anzulegen, die den systematischen Vergleich unterschiedlicher Differenzierungskulturen ermöglicht, ohne dabei ein einzelnes (z. B. okzidentales) Differenzierungsprinzip epistemologisch und theoretisch zu privilegieren? Und wie lässt sich das Recht in diesem variablen Kontext verorten – als relativ autonomes Feld, als „Grenzzieher“ zwischen den Sphären und „Entdifferenzierungssperre“ sowie nicht zuletzt in seinen vielfältigen Verflechtungen gerade mit der Politik und der Religion? Der Workshop des Käte Hamburger Kollegs „Recht als Kultur“ widmet sich den hieraus resultierenden Fragestellungen mit dem Ziel, eine kultursoziologische Wende der Differenzierungsforschung anzustoßen. Diese Perspektive bildet zugleich eine Querschnittsdimension, die die Forschungsvorhaben des Kollegs für die gesamte zweite Förderperiode von 2016 bis 2022 begleiten und orientieren wird.

Kontakt und Anmeldung: Katja Spranz (kspranz(at)uni-bonn(dot)de)

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