Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit - Historische Verortung, Modelle und Konsequenzen

Mediensymposium Luzern

Nachdem das Mediensymposium in der Vergangenheit immer wieder grundlegende Fachdebatten etwa zum Begriff der «Mediengesellschaft» animieren konnte, stellen wir dieses Jahr das Thema «digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit» ins Zentrum. Der digitale Transformationsprozess der öffentlichen Sphäre soll historisch verortet werden und es soll kritisch reflektiert werden, inwieweit bestehende Modelle und Theorien von «Öffentlichkeit» noch tragen. Es interessiert, wie sich die öffentliche Kommunikationslogik als Folge von Datafizierung und Algorithmisierung verändert, welche Folgen sich daraus für die kommunikative Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit ergeben und wie diese Veränderungen empirisch gefasst werden können.

Thema

Öffentliche Kommunikation bleibt auch in der digitalen Ära konstitutiv für die moderne, demokratische Gesellschaft (Imhof 2006). Sie ist die Voraussetzung für die Selbstwahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger als Mitglieder einer Gesellschaft, die ihre Anliegen gemeinsam demokratisch regeln (Integrationsfunktion). Sie dient der Kontrolle der rechtsstaatlichen Institutionen und der Mächtigen der Welt (Kontrollfunktion) und sie bildet den Entdeckungszusammenhang der Gesellschaft, d. h. der kollektiven Wahrnehmung und Diskussion allgemein relevanter und zu lösender Probleme (Forumsfunktion). Ohne Zweifel ist die öffentliche Sphäre als Folge der Digitalisierung jedoch einem weitreichenden Transformationsprozess ausgesetzt, sodass sich die Rede von einem neuerlichen «Strukturwandel» rechtfertigt. Es stellt sich die Frage nach der historischen Bewertung dieses Transformationsprozesses, aber auch danach, inwieweit bestehende Konzepte und Modelle von Öffentlichkeit überhaupt noch tragen bzw. adaptiert oder erweitert werden müssen.

Wichtige Eigenheiten dieses Transformationsprozesses der öffentlichen Sphäre lassen sich wie folgt umreissen: Die Digitalisierung hat die Publikationshürden (per Weblog, Facebook, Twitter etc.) bis auf null gesenkt und aus vielen bislang passiven Konsumenten aktive Produzenten öffentlich vernehmbarer Kommunikation gemacht. Es kommt zu einem entdifferenzierenden Entwicklungsschub öffentlicher Kommunikation. Die gestiegenen Teilhabemöglichkeiten werden erkauft zum Preis tendenziell sinkender Reichweite. Der «Long Tail» der öffentlichen Sphäre wächst in die Länge (Neuberger 2009), d. h. zu wenigen reichweitenstarken Medien sind eine Unmenge an reichweitenschwachen, vorwiegend semi- und nicht-professionellen Öffentlichkeitsanbietern hinzugekommen. Dem klassischen Informationsjournalismus entstehen in Prozessen der Disintermediation neue Konkurrenten, die das Publikum direkt ansprechen können, ohne auf ein journalistisches Nadelöhr angewiesen zu sein. Dabei scheint die von Tech-Intermediären getriebene «Plattformisierung» (Helmond 2015) die professionellen Informationsmedien als die bisherigen Hauptträger öffentlicher Kommunikation zu schwächen, unter anderem als Folge von Werbeabflüssen, aber auch alsFolge sinkender Bindung der Nutzerinnen und Nutzer an herkömmliche Medienmarken, wenn Content «entbündelt» auf den Plattformen von Google, Facebook, Twitter etc. konsumiert wird. Es zeigen sich mit anderen Worten Dynamiken der Deinstitutionalisierung herkömmlicher Träger öffentlicher Kommunikation bei gleichzeitig massenhafter Neuinstitutionalisierung neuer Öffentlichkeitsanbieter auch nicht- oder semi-pro-fessionellen Typs im digitalen Netz (Jarren 2016)

Als Folge der Digitalisierung verschmelzen nicht nur einstmals getrennte Mediengattungen technisch und in Bezug auf die Formate, es verschwimmen auch die Grenzen zwischen Individual- und Massenkommunikation, etwa wenn Postings von Privatpersonen virale Verbreitung erfahren oder wenn klassische Medienbeiträge kommentiert oder geteilt werden. «Datafizierung» und die damit verbundene «Algorithmisierung» machen vieles, was vorher privat oder interpersonal war, öffentlich oder potentiell öffentlich (Brosius 2016). Algorithmen und die in sie eingewobenen Annahmen über das Publikumsinteresse steuern in zunehmen-dem Mass, was zum Gegenstand öffentlicher Erwägung und Diskussion wird. Wie der Reuters Digital News Report festhält, beziehen international auch bereits mehr als die Hälfte der erwachsenen Nutzer ihre Informationen bevorzugt aus Quellen algorithmischer Selektion (Suchmaschinen, Soziale Netzwerke, Nachrich-tenaggregatoren). Datafizierung und Algorithmisierung leiten somit in wachsendem Ausmass die kommunikative Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit an (Hepp 2016). Dabei übernehmen auch nichtmensch-liche Akteure wie Social Bots oder Chat Bots die Rolle öffentlicher Kommunikatoren und beeinflussen öf-fentliche Thematisierungsprozesse wie Meinungsdynamiken und damit auch gesellschaftliche Prozesse der Reputationsbildung und der Machtallokation. Von den möglichen Folgen der von Algorithmen-gesteuerten digitalen Kommunikation werden im Fachdiskurs vier kontrovers diskutiert: Die Manipulation von Informationsflüssen durch mächtige Akteure z. B. im Kontext von Wahlen (Bias), die einseitig auf bisheriges Wissen und Nutzungsverhalten ausgerichtete Information (Filterblasen), der Zerfall der Gesellschaft in heterogene Teilpublika (Fragmentierung) sowie eine Zunahme radikalisierter, extremistischer Positionen bei abnehmender Zivilität des öffentlichen Austausches im digitalen Netz (Polarisierung, «hate speech»).

Nicht zuletzt werden als Folge der Digitalisierung auch die Grenzen herkömmlicher Medien zunehmend unscharf. Auf den Plattformen der globalen Tech-Intermediäre wird Content in Prozessen der Ent- und Neubündelung aus seinem Ursprungskontext gelöst und im persönlichen Feed neu arrangiert (Eisenegger 2017). Die Nutzerinnen und Nutzer erleben «Medien» dadurch immer stärker als emergente Gebilde, d. h. als hoch dynamische «Beitragscluster» aus unterschiedlichsten Quellen in ihren personalisierten Treffer- und Empfehlungslisten sowie in ihren Newsfeeds.

Aus diesem Problemaufriss leiten sich folgende Themenbereiche ab, denen sich das Mediensymposium zum «digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit» in Form von vier Roundtables annehmen will.

Hier geht's zur Beschreibung der Roundtables (PDF).

Organisatorische Hinweise

Die Tagung wird am Donnerstag, den 29. November 2018, um 16:00 Uhr mit einem Willkommens Apéro und anschliessendem Input-Referat beginnen und am Samstag, den 1. Dezember 2018, mit einem gemeinsamen Mittagessen enden. Die Tagung wie auch das Rahmenprogramm zur Tagung finden im Hotel Montana in Luzern statt (www.hotel-montana.ch/de).

Weitere Information zum Programm «Mediensymposium Luzern» finden Sie unter:
www.foeg.uzh.ch/de/Mediensymposium-Luzern.html
Zürich, im April 2018: Roger Blum, Mark Eisenegger, Patrik Ettinger und Marlis Prinzing.

Kontaktadresse:
Prof. Dr. Mark Eisenegger
IKMZ – Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, Universität Zürich
Andreasstrasse 15
CH-8050 Zürich
Tel.: +41 (0)44 635 21 23
Mail: m.eisenegger(at)ikmz.uzh(dot)ch

Hier geht's zur Tagungsankündigung (PDF).