Digitalisierte Bewertung in Hochschule und Wissenschaft. Neue Formen der evaluativen Selbst- und Fremdbeobachtung in Forschung, Lehre und Administration

Workshop an der Humboldt-Universität zu Berlin am 14. und 15. November 2019

Forderungen nach Digitalisierung wie auch – in geringerem, aber beständig wachsendem Maße – Digitalisierungsprozesse selbst sind aktuell in allen Bereichen von Hochschule und Wissenschaft präsent. Damit gehen Veränderungen einher, die nicht nur Strukturen und Prozessabläufe in Lehre, Forschung und Administration betreffen, sondern auch das Wissen, das darüber generiert wird. Für die Lehre wird nicht nur der Einsatz neuer Lehr- und Lernformate diskutiert. Darüber hinaus zielt die Entwicklung von Technologien wie learning analytics darauf ab, Lernerfolge über Prozessdaten zu messen und Abbruchrisiken vorherzusagen. In der Forschung geht es nicht nur um digitales Forschungsdatenmanagement oder Open Access-Publikationen, sondern auch um neue Erfassungs- und Bewertungsmöglichkeiten durch bibliometrische Datenbanken und damit verbundene Tools. Die Hochschulverwaltung schließlich unterliegt der Digitalisierung nicht nur im Hinblick auf Arbeitsabläufe, sondern auch hinsichtlich von Steuerungsprozessen z.B. durch Forschungsinformationssystemen oder die Digitalisierung von Lehrevaluationen. Und außerhalb von wissenschaftlichen Einrichtungen sind auch Förderorganisationen, wissenschaftliche Publikationsorgane und politische Institutionen mit Forderungen nach Digitalisierung konfrontiert, die sowohl die eigenen Prozessabläufe z.B. in Form von Editorial Management Systemen oder der Abwicklung von Projektanträgen als auch die Bewertung der zur Publikation oder Förderung ausgewählten Projekte selbst betreffen.

Diese Entwicklungen werden durch weitreichende Erwartungen begleitet und angetrieben: eine Steigerung von Effizienz, Effektivität und – insbesondere – Objektivität von Bewertungsprozessen, die verbesserte Erfassung, Vermittlung und Vernetzung von evaluationsrelevanten Informationen oder auch die Erhöhung institutioneller und personeller Sichtbarkeit zählen dazu. Die erweiterten Möglichkeiten einer digitalisierten Erfassung und Bewertung von Prozessen und Prozessresultaten rufen aber auch kritische Stimmen auf den Plan. Im Fokus der Kritik stehen Probleme bei der Datenerfassung und -auswertung sowie der Festlegung und Operationalisierung von Bewertungskriterien, der Verlust von Informationssouveränität oder systemimmanente Verzerrungen von digitalisierter Evaluation in der Wissenschaft.

Wie lassen sich die verschiedenen Facetten einer digitalisierten Bewertung in Wissenschaft und Hochschule vor diesem Hintergrund beschreiben? Welche Folgen ergeben sich konkret für wissenschaftliche und wissenschaftsnahe Akteure und Organisationen? Auf welche Weise verändern sich Arbeits-prozesse, Stellen- und Karriereprofile, Interaktionsformen, Qualitätssicherungsprozeduren, Infrastrukturen oder die Verwendung von Arbeitsergebnissen? Und welche Auswirkung haben evaluative Digitalisierungsdynamiken sowohl auf die Governance von Hochschulen und Wissenschaft als auch auf das Verständnis von wissenschaftlicher Qualität in Wissensproduktion und -vermittlung?

Der Workshop soll dazu dienen auszuloten, in welchen Bereichen digitalisierte Bewertungsprozesse beobachtbar und worauf sie zurückzuführen sind, welche Veränderungen für Wissenschaftsorganisationen und die wissenschaftliche Wissensproduktion daraus resultieren und welche Fragen sich hierbei für die Hochschul- und Wissenschaftsforschung ergeben. Dazu soll nach Anknüpfungspunkten an aktuelle Forschung u.a. aus der Organisationssoziologie, den Science and Technology Studies, der Soziologie des Wertens und Bewertens oder den Critical Data Studies gesucht werden, um auf diese Weise soziologisch informierte Perspektiven auf den Zusammenhang von Digitalisierung und Bewertung in Hochschule und Wissenschaft zu entwickeln.

Der Workshop richtet sich an Hochschul- und Wissenschaftsforscherinnen und -forscher, die mit einer der oben aufgeführten Forschungsperspektiven arbeiten und sich aus theoretischer und/oder empirischer Perspektive mit einer der genannten Fragen der Digitalisierung im Hochschul- und Wissenschaftsbereich auseinandersetzen und dabei insbesondere auch die dadurch entstehenden neuen Möglichkeiten des Erfassens, Messens und Bewertens von Prozessen und deren Ergebnissen in den Blick nehmen.

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