Digitalisierung als Herausforderung für die Soziologische Theorie

Gründungstagung des Arbeitskreises „Digitalisierung als Herausforderung für die Soziologische Theorie“ in der DGS-Sektion Soziologische Theorie vom 6.–7. Dezember 2019 in Berlin

Ort: Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, Französische Straße 9, 10117 Berlin

Am 6. und 7. Dezember veranstaltet das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) die Gründungstagung eines Arbeitskreises in der Sektion Soziologische Theorie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Wenn Sie an der Veranstaltung teilnehmen wollen, melden Sie sich bitte bis zum 15. November 2019 über das Anmeldeformular am Ende der Seite an.

Die Adressierung und Perspektivierung von Sachverhalten, die dem Bereich der Digitalisierung zugeschrieben werden, geschieht auf vielfältige Weise. Neben den allgegenwärtigen digitalen „Informationen“, „Daten“ und „Algorithmen“, stehen ebenso das digitale Wissen, digitale Infrastrukturen, digitale Netzwerke, digitale Kommunikationen, die Materialität des Digitalen und natürlich das Phänomen der Digitalisierung als transformativer Prozess selbst im Fokus des deskriptiven Interesses. Zwar scheint es intuitiv einsichtig, dass diese verschiedenen Adressierungen im Grunde das gleiche Phänomen benennen sollen, nur ist diese Absicht bei Verwendung des gleichen terminus technicus eo ipso noch nicht erfüllt. Die theoretische Multiparadigmatizität der Soziologie ist zwar einerseits ein Gewinn, insofern sie garantiert soziale Phänomene facettenreich in den Blick zu nehmen etwa, wenn es um die Frage geht, wer oder was ein Akteur ist bzw. agency besitzt, ob die Bezüge zwischen den Akteuren interaktiv, netzwerkartig oder durch strukturelle Kopplungen vollzogen werden und der Fragen mehr. Andererseits kann der Theorienpluralismus gerade, wenn es darum geht, das gleiche Phänomen zu beschreiben, zu einer Unschärfe führen. Diese Unschärfe fordert die Soziologische Theorie auf mehreren Ebenen heraus, die Gegenstand der Tagung sein sollen:

Inwiefern kann das Phänomen der Digitalisierung überhaupt als ein Gegenstand der Soziologischen Theorie, d.h. im Rahmen von Sozialtheorien und/oder Gesellschaftstheorien, entfaltet werden?

Wird mit den vielfältigen in der Debatte verwendeten Termini das gleiche Phänomen adressiert? Wie viel muss schon von der Digitalisierung beschrieben, wie weit muss sie beschränkt, eingegrenzt oder einfach deutlich im Sinne von conceptual frameworks konturiert werden, damit alle Paradigmen miteinander über das gleiche Phänomen sprechen können?

Wie lässt sich Digitalisierung soziologisieren, ohne bereits normativ entschieden zu haben, ob digitale Prozesse eine „gute“ oder „schlechte“ Gesellschaftsentwicklung evozieren?

Auf welche Weise erfassen bestehende theoretischen Ansätze das, was als ein digitales Phänomen angesprochen wird, und thematisieren es als einen Gegenstand von Ordnung und Wandel? Inwiefern verändern die je spezifische Imaginationen von Akteuren, Zeit/Raum, Körper und Praxis sowie Materialitäten die Perspektive auf Phänomene, die als digitale identifiziert worden sind, und spricht man überhaupt noch von dem gleichen Phänomen, wenn die jeweilige zentral gestellte Aspektivität grundverschieden ist?

Welche „blinden Flecke“ bringen bestehende Ansätze des methodologischen Individualismus, Holismus und Relationalismus jeweils mit sich, wenn sie der transformativen Spur digitaler Prozesse folgen?

Mit der Tagung streben wir einen sachlichen Diskurs über das Phänomen der Digitalisierung als konzeptuelle Herausforderung für die Soziologische Theorie an, der perspektivisch in dem Arbeitskreis der Sektion Soziologische Theorie fortgeführt werden soll.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Katharina Block (katharina.block(at)uni-oldenburg(dot)de) und Jörg Pohle (joerg.pohle(at)hiig(dot)de).

 

Programm

 

Freitag, 06.12.2019

09:30 Uhr Registrierung & Kaffee

10:00 Uhr Begrüßung

Katharina Block & Jörg Pohle

10:15 Uhr Keynote: Armin Nassehi: Für welches Problem ist die Digitalisierung eine Lösung? Motive einer Theorie der digitalen Gesellschaft

11:00 Uhr Kaffeepause

11:15 Uhr Sascha Dickel: Flucht aus dem kybernetischen Gefängnis? Zum Unbehagen an der Systemtheorie

12:00 Uhr Martina Franzen: Digitalisierung als Herausforderung für die systemtheoretische Differenzierungstheorie

12:45 Uhr Mittagessen

14:00 Uhr Tanja Carstensen: Kontinuitäten statt Transformation? Alte und neue Fragen der Theoretisierung menschlicher Handlungsfähigkeit in der digitalisierten Gesellschaft

14:45 Uhr Andrea Maurer: Plattformökonomie: eine theoretische Problemkontur

15:30 Uhr Kaffeepause

16:00 Uhr Gerd Sebald: Zeitlichkeit und Digitalität

16:45 Uhr Gesa Lindemann: Die Zeit der Normativität der Technik

17:30 Uhr Kaffeepause

17:45 Uhr Gründungsakt des Arbeitskreises

18:30 Uhr Empfang und Get-together

 

Samstag, 07.12.2019

09:30 Uhr Registrierung & Kaffee

10:00 Uhr Robert Seyfert: Algorithmische Sozialität. Zu einer relationalen Soziologie des Digitalen

10:45 Uhr Cordula Kropp: Was zählt? Automatisierung als legitime Komplexitätsreduktion

11:30 Uhr Kaffeepause

12:00 Uhr Henning Mayer & Jasmin Siri: Die digitale Übersetzung der Gesellschaft

12:45 Uhr Mittagessen

14:00 Uhr Anna Henkel: Mensch und Welt im Zeichen der Digitalisierung. Zu den gesellschaftlichen und anthropologischen Voraussetzungen und Konsequenzen von Digitalisierung

14:45 Uhr Hilmar Schäfer: Digitale Praktiken

15:30 Uhr Abschluss und Ende

Zur Veranstaltung (Link)

Fußnoten

[1] Baecker, Dirk (2007): Studien zur nächsten Gesellschaft. Berlin: Suhrkamp.

Baecker, Dirk (2018): 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt. Leipzig: Merve.

von Berg, Malte et al. (1972): Schafft die Datenverarbeitung den modernen Leviathan? In: Öffentliche Verwaltung und Datenverarbeitung2(1), S. 3–7.

Bunz, Mercedes (2012): Die stille Revolution. Berlin: Suhrkamp.

Dickel, Sascha/Schrape, Jan-Felix (2015): Dezentralisierung, Demokratisierung, Emanzipation. Zur Architektur des digitalen Technikutopismus. In: Leviathan 43 (3), S. 442–463.

Esposito, Elena (2017): Artificial Communication? The Production of Contingency by Algorithms. In: Zeitschrift für Soziologie 46 (4), S. 249–265.

Fiedler, Herbert (1975): Datenschutz und Gesellschaft. In: D. Siefkes (Hg.), GI –4. Jahrestagung. Berlin: Springer. S. 68–84

Grimmer, Klaus (1974): Probleme der Institutionalisierung von Informationssystemen im Bereich der öffentlichen Verwaltung. In: P. Schmitz (Hg.), Internationale Fachtagung: Informationszentren in Wirtschaft und Verwaltung. Berlin: Springer S. 87–103.

Mason, Paul (2016): Postkapitalismus. Berlin: Suhrkamp.Mau, Steffen (2017): Das metrische Wir. Berlin: Suhrkamp.

Seyfert, Robert/Roberge, Jonathan (Hg.) (2017): Algorithmuskulturen. Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit. Bielefeld: transcript.

Star, Susan Leigh (1999): The Ethnography of Infrastructure. In: American Behavioral Scientist 43 (3), S. 377–391.

Steinmüller, Wilhelm (1979): Informationstechnologien und gesellschaftliche Macht: Zur Notwendigkeit einer informationspolitischen Gesamtkonzeption. In: WSI Mitteilungen(8), S. 426–436.

Steinmüller, Wilhelm (1981): Die Zweite industrielle Revolution hat eben begonnen –Über die Technisierung der geistigen Arbeit. In: Kursbuch 66: S. 152–188.

Welzer, Harald (2017): Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit, Frankfurt a.M.

Zuboff, Shoshana (2018): Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Frankfurt/New York: Campus.