Digitalisierung als Herausforderung für die Soziologische Theorie

Gründungstagung des Arbeitskreises „Digitalisierung als Herausforderung für die Soziologische Theorie“ in der DGS-Sektion Soziologische Theorie

Die gesellschaftliche Verhandlung der Digitalisierung hat bisher mindestens zwei Wenden erlebt. War sie zwischen Mitte der 1960er und Mitte der 1980er Jahren stark von Arbeitsplatzvernichtungserwartungen und Rationalisierungs- und Technokratiekritik geprägt (von Berg et al. 1972, Steinmüller 1979, 1981), dominierten in den ausgehenden 1990er und frühen 2000er Jahren Emanzipationsversprechen die Debatte, die nicht von einer Schwächung, sondern ganz im Gegenteil von einer Stärkung des individuellen Subjekts ausgingen (Dickel/Schrape 2015). Erst die sich (wieder) intensivierende Diskussion um die Kontrollfunktion von „Algorithmen“ lenkten den Blick auf die technischen Verfahren, die Information und Partizipation gleichermaßen kanalisieren und konditionieren (Grimmer 1974, Esposito 2017). Mittlerweile ist unübersehbar, dass digitale Technologien nicht mehr nur den Bereich betreffen, der klassischerweise als Welt der Medien bezeichnet wird, sie scheinen vielmehr zur allgegenwärtigen Infrastruktur der Gesellschaft selbst geworden zu sein (Fiedler 1975, Star 1999). „Algorithmen“formen mittlerweile vielfältige Prozesse und Praktiken unseres Alltagslebens und werden damit zu einer kulturformenden Wirkmacht (Seyfert/Roberge 2017). Auch und gerade in sozio-technischen Zukunftsvorstellungen, spielen digitale Technologien eine überragende Rolle (Baecker 2007; 2018; Mason 2016; Mau 2017; Welzer 2017). Bereits der gegenwärtige Einfluss der Digitalisierung auf Vergesellschaftungsformen liege kaum mehr im Bereich des Marginalen, im Gegenteil wird ihr ein epochales Transformationspotenzial in ähnlichem Maße wie der Industrialisierung bescheinigt (Bunz 2012; Zuboff 2018). Dementsprechend sind digitale Prozesse und Praktiken im Sinne von Akteur-Technik-Interaktionen sowie digitale Technologien in den Fokus verschiedener soziologischer Teilbereiche und Perspektiven gerückt. Während Techniksoziologie, Mediensoziologie und Kultursoziologie insbesondere die durch digitale Technologien generell sich wandelnden und möglich gewordenen neuen Weltzugänge erschließen, versuchen bspw. Arbeits- und Organisationssoziologie, Rechtssoziologie und Bildungssoziologie insbesondere die Folgen der Implementierung von digitalen Technologien für die von ihnen je spezifisch beobachteten gesellschaftlichen Bereiche zu analysieren.

Die Adressierung und Perspektivierung von Sachverhalten, die dem Bereich der Digitalisierung zugeschrieben werden, geschieht dabei auf vielfältige Weise. Neben den allgegenwärtigen digitalen „Informationen“, „Daten“ und „Algorithmen“, stehen ebenso das digitale Wissen, digitale Infrastrukturen, digitale Netzwerke, digitale Kommunikationen, die Materialität des Digitalen und natürlich das Phänomen der Digitalisierung als transformativer Prozess selbst im Fokus des deskriptiven Interesses. Zwar scheint es intuitiv einsichtig, dass diese verschiedenen Adressierungen im Grunde das gleiche Phänomen benennen sollen, nur ist diese Absicht bei Verwendung des gleichen terminus technicus eo ipso noch nicht erfüllt. Die theoretische Multiparadigmatizität der Soziologie, ist zwar einerseits ein Gewinn, insofern diese garantiert soziale Phänomene facettenreich in den Blick zu nehmen etwa, wenn es um die Frage geht, wer oder was ein Akteur ist bzw. agency besitzt, ob die Bezüge zwischen den Akteuren interaktiv, netzwerkartig oder durch strukturelle Kopplungen vollzogen werden und der Fragen mehr. Andererseits kann der Theorienpluralismus gerade, wenn es darum geht, das gleiche Phänomen zu beschreiben, zu einer Unschärfe führen. Diese Unschärfe fordert die Soziologische Theorie auf mehreren Ebenen heraus, die Gegenstand der Tagung sein sollen:

  • Inwiefern kann das Phänomen der Digitalisierung überhaupt als ein Gegenstand der Soziologischen Theorie, d.h. im Rahmen von Sozialtheorien und/oder Gesellschaftstheorien, entfaltet werden?
  • Wird mit den vielfältigen in der Debatte verwendeten Termini das gleiche Phänomen adressiert? Wie viel muss schon von der Digitalisierung beschrieben, wie weit muss sie beschränkt, eingegrenzt oder einfach deutlich im Sinne von conceptual frameworks konturiert werden, damit alle Paradigmen miteinander über das gleiche Phänomen sprechen können?
  • Wie lässt sich Digitalisierung soziologisieren, ohne bereits normativ entschieden zu haben, ob digitale Prozesse eine „gute“ oder „schlechte“ Gesellschaftsentwicklung evozieren?
  • Auf welche Weise erfassen bestehende theoretische Ansätze das, was als ein digitales Phänomen angesprochen wird, und thematisieren es als einen Gegenstand von Ordnung und Wandel? Inwiefern verändern die je spezifische Imaginationen von Akteuren, Zeit/Raum, Körper und Praxis sowie Materialitäten die Perspektive auf Phänomene, die als digitale identifiziert worden sind, und spricht man überhaupt noch von dem gleichen Phänomen, wenn die jeweilige zentral gestellte Aspektivität grundverschieden ist?
  • Welche „blinden Flecke“ bringen bestehende Ansätze des methodologischen Individualismus, Holismus und Relationalismus jeweils mit sich, wenn sie der transformativen Spur digitaler Prozesse folgen?

Mit der Tagung streben wir einen sachlichen Diskurs über das Phänomen der Digitalisierung als konzeptuelle Herausforderung für die Soziologische Theorie an, der im Rahmen des Arbeitskreises der Sektion Soziologische Theorie fortgeführt werden soll. InteressentInnen reichen bitte bis 15.09.2019 einen Abstract mit aussagekräftigem Titel und einer Skizze von ca. 500 Wörtern ein. Beiträge sollten eine der oben aufgeführten Fragen adressieren.

Bitte schicken Sie die Abstracts an Katharina Block (katharina.block(at)uni-oldenburg(dot)de) und Jörg Pohle (joerg.pohle(at)hiig(dot)de). Die Tagung wird am 06./07.12.2019 am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG), Französische Straße 9, 10117 Berlin, stattfinden.

Literatur[1]

Zum Call for Papers (PDF)

Fußnoten

[1] Baecker, Dirk (2007): Studien zur nächsten Gesellschaft. Berlin: Suhrkamp.

Baecker, Dirk (2018): 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt. Leipzig: Merve.

von Berg, Malte et al. (1972): Schafft die Datenverarbeitung den modernen Leviathan? In: Öffentliche Verwaltung und Datenverarbeitung2(1), S. 3–7.

Bunz, Mercedes (2012): Die stille Revolution. Berlin: Suhrkamp.

Dickel, Sascha/Schrape, Jan-Felix (2015): Dezentralisierung, Demokratisierung, Emanzipation. Zur Architektur des digitalen Technikutopismus. In: Leviathan 43 (3), S. 442–463.

Esposito, Elena (2017): Artificial Communication? The Production of Contingency by Algorithms. In: Zeitschrift für Soziologie 46 (4), S. 249–265.

Fiedler, Herbert (1975): Datenschutz und Gesellschaft. In: D. Siefkes (Hg.), GI –4. Jahrestagung. Berlin: Springer. S. 68–84

Grimmer, Klaus (1974): Probleme der Institutionalisierung von Informationssystemen im Bereich der öffentlichen Verwaltung. In: P. Schmitz (Hg.), Internationale Fachtagung: Informationszentren in Wirtschaft und Verwaltung. Berlin: Springer S. 87–103.

Mason, Paul (2016): Postkapitalismus. Berlin: Suhrkamp.Mau, Steffen (2017): Das metrische Wir. Berlin: Suhrkamp.

Seyfert, Robert/Roberge, Jonathan (Hg.) (2017): Algorithmuskulturen. Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit. Bielefeld: transcript.

Star, Susan Leigh (1999): The Ethnography of Infrastructure. In: American Behavioral Scientist 43 (3), S. 377–391.

Steinmüller, Wilhelm (1979): Informationstechnologien und gesellschaftliche Macht: Zur Notwendigkeit einer informationspolitischen Gesamtkonzeption. In: WSI Mitteilungen(8), S. 426–436.

Steinmüller, Wilhelm (1981): Die Zweite industrielle Revolution hat eben begonnen –Über die Technisierung der geistigen Arbeit. In: Kursbuch 66: S. 152–188.

Welzer, Harald (2017): Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit, Frankfurt a.M.

Zuboff, Shoshana (2018): Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Frankfurt/New York: Campus.