Digitalisierung: Erzählen von einer Zäsur

Konferenz an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Die Digitalisierung gilt als größter mediengeschichtlicher Einschnitt seit der Erfindung des Buchdrucks. Während dieser aber mehrere Jahrhunderte benötigte, um die Gesellschaft vollständig zu durchdringen und nachhaltig zu verändern, geschieht das bei der Digitalisierung innerhalb von wenigen Jahrzehnten. Und während der Buchdruck zunächst auf eine verhältnismäßig kleine Gruppe beschränkt blieb, greift die Digitalisierung im globalen Maßstab durch und konfiguriert Kommunikations- und Sozialbeziehungen mit hoher Geschwindigkeit grundlegend neu. Gerade dieser lebensweltliche Aspekt ist es, der sie zu einer erfahrungsgeschichtlichen Zäsur werden lässt, die auf unterschiedlichen Ebenen zu beobachten ist. So werden Gruppenzugehörigkeiten und Generationenfolgen neu geordnet, etwa nach dem bekannten Muster „analogs“, „digital immigrants“ und „digital natives“. Sozialbeziehungen sind via Instant-Messaging-Diensten wie Whats App oder sozialen Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram im digitalen Raum symbolisiert und durch Nutzerprofile synchronisiert. Gleichzeitig wird eine Reihe von Erzählplots, die auf überraschende Kommunikationssituationen aufbauen, in Zeiten mobiler und standardisierter Kommunikation immer unwahrscheinlicher oder sie changieren ins Unheimliche, was sich beispielhaft an der Verlagerung von Erzählhandlungen in die Zeit einer erst beginnenden Digitalisierung zeigt (z. B. Stranger Things).

Darüber hinaus scheinen philosophische Ideen wie Jean Baudrillards Idee von der Herrschaft des Codes oder auch Jean-François Lyotards Verständnis der Informatisierung der Gesellschaft als neues Kontroll- und Regulierungsinstrument sowie frühere Visionen einer computerisierten Zukunft wie im Genre des Cyberpunk weitaus virulenter als zum Zeitpunkt ihres Entstehens.

Und nicht zuletzt bildet sich auf der Rückseite des Digitalen ein medienkritisches Narrativ von der analogen als der vermeintlich heilen Welt heraus, der aufgrund ihrer Alterität ein nicht unbeträchtliches utopisches Potential zugeschrieben wird, was sich auch im Fantasy-Boom der letzten Jahrzehnte in verschiedenen Medienformaten zeigt.

Die Tagung möchte diese und andere Einzelbeobachtungen erzähltheoretisch systematisieren sowie analysieren. Im Fokus steht dabei die Frage, mit welchen erzählerischen Mitteln die mediengeschichtliche Zäsur der Digitalisierung zur Darstellung gebracht und in welche kulturgeschichtlichen Narrative von Zäsur, Medienwandel oder gar Medien(r)evolutionen sie möglicherweise eingebettet bzw. in welches Verhältnis sie zu ihnen gesetzt wird. Dabei sollen sowohl ›klassische‹ motivgeschichtliche Ansätze (Digitalisierung und digitale Medien als Motiv) wie auch Analysen von Erzählstrukturen und textübergreifenden Narrativen und/oder Diskursen Berücksichtigung finden. Ein besonderes Interesse gilt zudem mediengeschichtlichen Reflexionen über die veränderten Rahmenbedingungen und Strukturen des Erzählens in der digitalen Moderne. Hier wären unter anderem Formen des digitalen Erzählens als performative Auseinandersetzung mit einer digitalen Umwelt zu untersuchen oder auch das Entstehen neuer Erzählformen. Und nicht zuletzt soll das Verhältnis einzelner Erzählungen zur ›Großerzählung‹ der Digitalisierung als neuer mediengeschichtlichen Zäsur thematisiert werden: Schreiben die Texte an diesem Narrativ ‚bloß‘ mit oder lässt sich aus ihnen ein differenzierteres, vielleicht auch widersprüchliches Bild der Digitalisierung sowohl als Phänomen als auch im Hinblick auf ihre Geltung als medienhistorisches Paradigma gewinnen?

Kontakt

Tobias Unterhuber
Institut für Germanistik
Innrain 52
6020 Innsbruck
Österreich

tobias.unterhuber(at)uibk.ac(dot)at