Entkopplung von Wahrheit und Demokratie - Autoritärer Liberalismus im globalen Strukturwandel der Öffentlichkeit

Vortrag von Hauke Brunkhorst im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Instituts für Sozialforschung zu den Frankfurter Positionen 2019

Eine Gesellschaft ist demokratisch, wenn sie den Willen aller Adressat_innen ihrer Entscheidungen zum Ausdruck bringt (volonté générale). Der Wille aller ist die Wahrheit der Demokratie. Deshalb steht und fällt die Demokratie mit der Wahrheit. Das setzt die gleichmäßige Beteiligung aller sozialen Klassen, aller Nationalitäten (Ethnien, Hautfarben etc.) und aller Geschlechtszugehörigkeiten (Gender) am öffentlichen Streit und an politischen Entscheidungen voraus. Diese Bedingung ist infolge extremer sozialer Ungleichheit und der globalen Privatisierung der Verbreitungsmedien heute nicht mehr erfüllt. Wie sich der zerrissene Zusammenhang von Demokratie und Wahrheit wiederherstellen lässt, ist eine offene Frage.

HAUKE BRUNKHORST ist Professor für Soziologie an der Europa-Universität Flensburg. Er ist Autor unter anderem von: Das doppelte Gesicht Europas. Zwischen Kapitalismus und Demokratie (Frankfurt am Main: Suhrkamp 2014); Legitimationskrisen: Verfassungsprobleme der Weltgesellschaft. (Baden-Baden: Nomos 2012); Monografien zu Jürgen Habermas, Hannah Arendt und Theodor W. Adorno.