Erbe ’89. Politisierung der Erinnerung – Deutungsversuche und Erklärungsansätze

Auftakttagung des BMBF-Projekts "Das umstrittene Erbe von 1989. Aneignungen zwischen Politisierung, Popularisierung und historisch-politischer Geschichtsvermittlung"

Welche Bedeutung haben die Ereignisse von 1989 für gegenwärtige Deutungen von Gesellschaft und für politische Orientierungen? Bis in die Gegenwart wurde auf „’89“ immer wieder symbolhaft Bezug genommen: auf den „Montagsdemonstrationen“ gegen die HARTZ-IV Gesetzgebung, auf den „Montagsmahnwachen“ im Kontext des russisch-ukrainischen Krieges, zuletzt auf den Demonstrationen von PEGIDA (und Ablegern), die sich unter dem Ruf „Wir sind das Volk“ versammelten. Die Erinnerung und symbolische Bezugnahme auf die Straßenproteste von 1989 dienen hier v.a. als Selbstlegitimation für Protest und Widerstand gegen eine sogenannte „Meinungs- und Gesinnungsdiktatur“ in Deutschland.

Die irritierenden, teilweise rivalisierende Wiedergänger der Montagsdemonstrationen können als Hinweis auf tieferliegende Entwicklungen verstanden werden: Unterhalb der bekannten erinnerungskulturellen Differenzen existieren offenbar – so die These – weitere konkurrierende Vorstellungen von Demokratie, die sich einerseits auf die Erfahrungen in der DDR, aber auch wesentlich auf die Ereignisse von 1989 beziehen.

Mit Blick auf die Re-Aktualisierung und Politisierung der Erinnerung von „’89“ greift die Tagung ein aktuell viel diskutiertes, zugleich weithin unverstandenes Phänomen auf. Ausgehend von unterschiedlichen disziplinären Perspektiven werden sozialwissenschaftliche Deutungs- und Erklärungsansätze und erinnerungs- und geschichtskulturelle Kontextualisierungen sowie Perspektiven auf die Implikationen konkurrierender Demokratieverständnisse für die historische-politische Bildung diskutiert.

Am Vorabend der Tagung (Donnerstag, 28. November 2019, 19 Uhr) findet im Saal der Bibliotheca Albertina eine Filmvorführung statt. Gezeigt wird der Film „Letztes Jahr Titanic“ (1991) von Andreas Voigt, im Anschluss Gespräch mit dem Regisseur.

Die Teilnahme an Tagung und Abendveranstaltung ist kostenfrei.

Wir bitten um Anmeldung zur Tagung bis zum 31. Oktober 2019 unter info(at)erbe89(dot)de.

Programm

Freitag, 29. November 2019

9:00-10:30
ALEXANDER LEISTNER (Universität Leipzig)
Die Politisierung der Erinnerung – eine Einführung

ILKO-SASCHA KOWALCZUK (Historiker, Berlin)
Warum kämpfen wir um Geschichte? Das Beispiel der Revolution von 1989

10:30-11:00 –– Kaffeepause

11:00-12:30
DAVID BEGRICH (Miteinander e.V., Magdeburg)
Das 89-Narrativ im Spannungsfeld zwischen kollektiver Erinnerung und politischer Indienstnahme

TORALF STAUD (Journalist und Autor, Berlin)
Kommentar

12:30-14:00 –– Mittagspause

14:00-15:30
KARL-SIEGBERT REHBERG (Technische Universität Dresden)
Funktionsbezogene Entpolitisierung und empörungsgesteuerte Politisierung. Szenen aus einem Transformationsprozess

BARBARA THERIAULT (Université de Montréal/Max-Weber-Kolleg, Universität Erfurt)
Kommentar

15:30-16:00 –– Kaffeepause

16:00-18:00
UTE FREVERT (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin)
Das Narrativ der Demütigung

HEDWIG RICHTER (Hamburger Institut für Sozialforschung)
Langeweile und Euphorie. Die widersprüchlichen Wurzeln von Demokratie

ANGELIKA NGUYEN (Autorin und Journalistin, Berlin)
Kommentar

Samstag, 30. November 2019

9:00-12:30 Uhr finden drei parallele Panels statt;
im Anschluss (12:45-13:30 Uhr) gemeinsame Abschlussdiskussion

Panel I Politisierung

9:00-10:30
GRETA HARTMANN (Universität Leipzig)
Die Politisierung von ´89. Von Erinnerungspolitiken zu eigensinnigen Demokratievorstellungen

TILL HILMAR (Yale University, New Haven)
„Pionierzeit“ oder „Verrat“? Die Erinnerung an den ökonomischen Wandel in der Nachwendezeit

DOMINIK INTELMANN (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Leipzig)
„Unbesorgtes Eigentum“ – vom bemerkenswerten Vergessenwerden des Volkseigentums während der friedlichen Revolution

10:30-11:00 –– Kaffeepause

11:00-12:30
CARSTA LANGNER (Friedrich-Schiller-Universität Jena)
„...ungestört ‚break’ zu tanzen oder in der Disko ‚hard rock’ zu spielen.“ Demokratievorstellungen in der späten DDR aus dem Blick ihrer Gesellschaftswissenschaften

CLAUDIA PAWLOWITSCH/NICK WETSCHEL (Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, Dresden)
Was tun, wenn man nicht zum „Volk“ gehört? – ’89 und die An-/Abwesenheit von Vertragsarbeiter*innen

12:30-12:45 –– Kaffeepause

Panel II Historisch-politische Bildung

9:00-10:30
CHRISTINA SCHWARZ (Universität Leipzig)
Historisch-politische Bildung zu 1989. Spannungen in einem voraussetzungsvollen Feld

VERENA HAUG (Evangelische Akademien in Deutschland, Berlin)
Geschichte und Moral – Paradoxien pädagogischer Geschichtsvermittlung

10:30-11:00 –– Kaffeepause

11:00-12:30
MARTIN KRIEMANN (Freie Universität Berlin)
Lebenswirklichkeiten nach dem Mauerfall. Zur Rekonstruktion der DDR-Erinnerungskultur(en) der Nachwendegeneration

DANIEL SCHUCH (Friedrich-Schiller-Universität Jena)
Initiativkreis Riebeckstraße 63: Konzeptionelle Überlegungen zu einem Gedenk- und Lernort in Leipzig

12:30-12:45 –– Kaffeepause

III Populäre Geschichtskultur

9:00-10:30
JONAS BRÜCKNER (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)
Brüche, S-Bahn-Surfen, Neuanfänge. Populäre Repräsentationen von ’89/90

ANDREAS KÖTZING (Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, Dresden)
Unscharfe Kontraste. Filmische Repräsentationen der Leipziger Montagsdemonstrationen

10:30-11:00 –– Kaffeepause

11:00-12:30
ANNA LUX (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)
„Ich komm aus Karl-Marx-Stadt. Bin ein Verlierer Baby. Original Ostler“. Identitätsdiskurse und Referenzen auf ’89 in populärer Musik

ANNE RIETSCHEL (Universität Hamburg)
Ein Streifzug durch literarische Narrative der „Wendekinder“: Der politische Umbruch 1989/90 aus jugendlicher Sicht

12:30-12:45 –– Kaffeepause

12:45-13:30 Gemeinsame Abschlussdiskussion

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