Erkundungen des Ungewohnten. Empirisches Forschen in außergewöhnlichen Kontexten

Fachtagung zur Methodologie der Sozialwissenschaften am 5. und 6. Juni 2020 an der Universität Passau

Die Soziologie ist gekennzeichnet von der systematischen Selbstbeauftragung, das Unhinterfragte zu hinterfragen. Diese Irritations- und Befremdungsarbeit betrifft im besten, weil effektivsten Fall nicht nur Forschungsrezipienten, sondern auch die Forschenden selbst. Denn das Vertraute entpuppt sich am besten im Lichte einer artifiziellen Distanz als etwas, das überhaupt erst als ›vertraut‹ begriffen und thematisiert werden kann. Obwohl das 'Feld' vermeintlich mit der Beschreibung des Feldes zusammenfällt, besteht zwischen analytisch-systematischen bzw. berufsreflexiven Alltagsdeutungen und dem routinierten Durchleben von Alltäglichkeit bekanntlich eine große Diskrepanz.   

In methodologischer Hinsicht stellt sich (nicht nur) in der Soziologie immer schon die Frage nach der Bestimmung tatsächlicher Unvertrautheit – ganz zu schweigen von der Frage nach den Instrumenten, die diese Unvertrautheit herbeiführen können. Nicht alles, was unerforscht und auf den ersten Blick bemerkenswert erscheint, rechtfertigt umfangreiche Recherchearbeit; umgekehrt sind die Themenfelder zahlreich, die trotz bereits erfolgter akribischer Durchleuchtungen nach wie vor ertragreich sind. Wie lässt sich also der Grad an Unerforschtheit bestimmen, der fruchtbar, innovativ, aber auch anschlussfähig genug ist, um die Mühen sozialwissenschaftlicher Nachforschung zu rechtfertigen? Und wie lässt sich überhaupt bestimmen, wie sich dies bestimmen lässt?

Zu reflektieren ist außerdem, von welcher Beobachtungsposition aus sich das Etikett der Ungewohntheit zuweisen lässt und für welchen Adressatenkreis eine solche Zuschreibung Verbindlichkeit zu generieren vermag. Schließlich sind empirische Forschungen unter speziellen Populationen von dem Umstand geprägt, dass die Akteure des Feldes mit der Binnennormativität ihres Handlungsraums per se wesentlich vertrauter sind, als es neugierige Sozialforscherinnen und Sozialforscher auch nach einiger Gewöhnung sein können.

Anders verhält es sich bei der Anwendung autoethnografischer Forschungsstrategien. Hier wird das Vertraute gezielt unvertraut gemacht, mit der Folge, dass neue Figurationen von Ungewohnheit entstehen. Im Lichte der Ethnografie treten Aspekte aus dem Schatten der Nichtbeachtung, die schon zuvor präsent, in ihrer Erforschbarkeit aber schlichtweg nicht identifizierbar waren. Die Normativität der Grenzziehung zwischen gewöhnlich und ungewöhnlich obliegt in solchen Fällen nicht selten der Bestimmung durch das forschende Subjekt, sie muss jedoch trotzdem als intersubjektiv nachvollziehbarer Wissensbestand kommuniziert werden.

Angesichts dieser methodologischen Überlegungen soll im Rahmen der Tagung darüber nachgedacht werden, aufgrund welcher Zuschreibungen Forschungsgebiete sich als ungewöhnlich deklarieren lassen. Darüber hinaus ist zu diskutieren, welche methodologischen Herausforderungen das Erkunden des Ungewohnten impliziert.