Exil – Flucht – Verfolgung

Internationale Tagung in Verbindung mit der Jahrestagung der Sektion Biographieforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vom 28. bis 30. November 2019 in Göttingen

Universität Göttingen, 28.-30. November 2019

Organisationsteam: Prof. Dr. Maria Pohn-Lauggas, Prof. Dr. Gabriele Rosenthal, Dr. Nicole Witte, Arne Worm, MA und Myrna Sieden, MA

Flucht- und Migrationsbewegungen im Rahmen von Prozessen kollektiver Gewalt wie Kriegen, Bürgerkriegen oder Revolutionen, ethnischer, religiöser und politischer Verfolgung, Deportationen oder Zwangsumsiedlungen sowie von Natur- und Umweltkatastrophen sind keinesfalls neue soziale Phänomene, wie manche gegenwärtige öffentliche Diskurse nahelegen. Denken wir einmal nur die letzten hundert Jahre zurück, so wird sowohl für Europa aber auch für andere Kontinente, die Liste von kollektiven Großereignissen sehr lang, die dazu führten, dass größere Gruppierungen von Menschen ihre Heimatregion verlassen mussten, sich zu einem Leben im Exil entschlossen oder ohne weitere Planung schnellstens in eine andere Region flüchteten. Es gehört keineswegs aufwändige soziologische Forschung dazu, um davon ausgehen zu können, dass dies gegenwärtige Gesellschaften immer noch erheblich bestimmt. Umso erstaunlicher ist es, wie wenig davon – jedenfalls in den europäischen Ländern – thematisierter Bestandteil der kollektiven Erinnerungspraxis ist. Kollektive Erinnerungsdiskurse konzentrieren sich auf die Migration bestimmter Gruppierungen, andere werden hingegen nicht erinnert – je nachdem in welcher sozialen Position sich die MigrantInnen in den jeweiligen Aufnahmeländern befanden oder noch befinden. Auch in der soziologischen Forschung lässt sich ein eingeschränkter bzw. selektiver Fokus auf bestimmte Gruppierungen und auf gegenwärtig 'aktuelle' Migrationsbewegungen beobachten. Erstaunlich ist des Weiteren, wie wenig sehr unterschiedliche Migrationsverläufe in Vergangenheit und Gegenwart – nehmen wir bspw. die Flucht von ethnischen Deutschen aus Osteuropa im Zusammenhang der beiden Weltkriege, Flucht oder Exil von jüdischen Menschen oder die Flucht aus den Kriegsgebieten im ehemaligen Jugoslawien – in den Sozialwissenschaften im Hinblick auf ihre strukturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede untersucht werden.

Die gegenwärtigen öffentlichen Diskussionen über Migration, die in Europa, aber auch in Nordamerika geführt werden, zeichnen sich darüber hinaus durch eine sehr auffallende Homogenisierung von geflüchteten Menschen bzw. illegalisierten MigrantInnen aus. So werden deren individuelle oder kollektive Verfolgungserfahrungen und Fluchtverläufe nicht in den Blick genommen, stattdessen wird die Migration nicht selten als ausschließlich ökonomisch begründet klassifiziert, etikettiert und diskutiert.

Weiterhin fällt auf, dass von Exil – als ein Erfahrungszusammenhang von erzwungener Migration, politischer Emigration, Flucht, Vertreibung, Verfolgung oder Deportation – gegenwärtig nicht mehr die Rede ist. Auch in der soziologischen Forschung wird Exil wie ein randständiges Phänomen behandelt – im deutlichen Unterschied etwa zur auf NS-Opfer fokussierten geschichtlichen sowie literaturwissenschaftlichen Exilforschung.

Wir wollen mit unserer Tagung aus der Perspektive der soziologischen Biographieforschung und im Dialog mit KollegInnen aus anderen Forschungstraditionen und anderen Nationen (die zugesagten Plenarvorträge sind von KollegInnen aus Brasilien, Ghana und Österreich) den Blick auf die beschriebenen – in der Soziologie und den Nachbarwissenschaften lückenhaft beforschten - Phänomene richten. Es ist insbesondere die Biographieforschung, die die Heterogenität und Komplexität von Migrationsverläufen und ihre historische Kontextualisierung aufzeigen kann; doch auch hier mangelt es an komparativen empirischen Studien auf der Fallebene großer Gruppierungen und Wir-Gruppen. Dabei ist es uns auch ein Anliegen das Thema Exil in Verbindung mit gegenwärtigen Forschungen zu Fluchtverläufen und -ursachen aus einer historisch vergleichenden Perspektive zu diskutieren, und Kontinuitäten historischer und gegenwärtiger Macht- und Herrschaftsverhältnisse sowie historisch-gesellschaftliche Unterschiede und nicht zuletzt auch unterschiedliche Sprachregelungen bzw. Diskurse (in Gegenwart und Vergangenheit) als soziale Tatbestände in den Blick zu nehmen.

Die Tagung findet auch als Jahrestagung der Sektion Biographieforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und in Zusammenarbeit mit dem Research Committee 38 „Biography and Society“ der International Sociological Association statt. Die Tagung wird hauptsächlich in deutscher Sprache stattfinden, englische Beiträge sind jedoch herzlich willkommen.

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